Attila ist die neunte Oper (Originalbezeichnung: „Dramma lirico“)Lyrisches Drama in einem Prolog und drei Akten, Beiheft CD, Philips 1972, S. 1 und S. 77. von Giuseppe Verdi. Sie besteht aus einem Prolog und drei Akten. Das Libretto von Temistocle Solera, vollendet von Francesco Maria Piave, basiert auf der romantischen Tragödie Attila, König der Hunnen von Zacharias Werner. Die Uraufführung fand am 17. März 1846 im Teatro La Fenice in Venedig statt und erhöhte Verdis Popularität. Verdi selbst sprach in einem Schreiben an die Gräfin Maffei, Ehefrau des Dichters Andrea Maffei, des Librettisten von Macbeth und I masnadieri, am Tag nach der Premiere von einem „anständigen Erfolg“.
Handlung Die Oper spielt in Aquileia, in den adriatischen Lagunen und in Rom in der Mitte des 5. Jahrhunderts. Der heidnische Hunnenkönig Attila, der schon in der literarischen Vorlage im Gegensatz zur historischen Überlieferung an die germanischen Götter wie Wodan glaubt, erobert Aquileia, lässt dessen Herrscher töten und will von hier aus Rom angreifen. Odabella, die Tochter des Herrschers von Aquileia, beeindruckt Attila mit ihrem Mut und ihrer Schönheit, so dass er um sie wirbt. Doch die stolze junge Frau will den Tod ihres Vaters rächen. Sowohl der römische Feldherr Ezio als auch Odabellas Geliebter Foresto und Odabella selbst wollen aus unterschiedlichen Beweggründen das Vaterland vom hunnischen Eroberer befreien. Wie die biblische Judith ersticht sie schließlich Attila.
Historischer Hintergrund Der Hunnenkönig Attila war der erfolgreichste Eroberer zur Zeit der Völkerwanderung. 452 fiel er mit seinem Heer in Italien ein und zerstörte die Stadt Aquileia. Die Bewohner Aquileias flohen in die venezianischen Lagunen und legten damit die Keimzelle Venedigs. Noch im selben Jahr konnte Papst Leo der Große Attila zum Abzug bewegen. Attila starb 453 in der Hochzeitsnacht mit seiner letzten Frau, der Gotin Ildikó (Hildico), an einem Blutsturz. Nach einer anderen, späteren Überlieferung wurde er von Hildico ermordet. (In der Oper tritt Odabella an die Stelle der Gotin.) Der ehrgeizige weströmische Feldherr Flavius Aëtius, in der Oper Ezio genannt, ist in der Oper zunächst der Unterhändler des weströmischen Kaisers Valentinian III. Nachdem Aëtius zu mächtig zu werden drohte, wurde er im Jahre 454 von Valentinian eigenhändig ermordet.
Prolog Erstes Bild: Hauptplatz von Aquileia
Attila feiert mit seiner Soldateska die Eroberung von Aquileia. Unter den gefangenen Kriegerinnen beeindruckt ihn deren Anführerin Odabella, die Tochter des getöteten Herrschers von Aquileia. Ezio, der Feldherr und Gesandte des weströmischen Kaisers Valentinian III., wird bei Attila vorstellig. Doch dessen Vorschlag, Attila möge das römische Weltreich regieren und Italien ihm überlassen, weist der Hunne zurück.
Zweites Bild: Der Rio Alto in den adriatischen Lagunen
Flüchtlinge aus Aquileia siedeln sich in den Lagunen an. Ihr Anführer Foresto macht sich Sorgen um die geliebte Odabella, die in Attilas Gewalt ist.
Erster Akt Erstes Bild: Wald bei Attilas Lager in der Nähe Roms. Nacht
Odabella hat sich Attilas Heer angeschlossen, um ihren Vater und den vermeintlich toten Geliebten zu rächen. Beim nächtlichen Umherstreifen trifft sie auf Foresto, der ihr Verrat vorwirft. Sie kann ihn aber davon überzeugen, dass sie nach dem Vorbild der biblischen Judith ihr Volk befreien will.
Zweites Bild: Attilas Zelt
Attila wird durch ein Traumgesicht vor dem Feldzug gegen Rom gewarnt.
Drittes Bild: Attilas Lager
Der Hunne will sich nicht schrecken lassen und ruft seine Truppen zum Aufbruch zusammen. Da stellt sich ihm eine Prozession entgegen, in deren Anführer (Papst Leone) er die nächtliche Traumgestalt wiedererkennt. Gleichzeitig erscheinen zwei Gestalten mit drohenden, flammenden Schwertern am Himmel. Attila ist entsetzt.
Zweiter Akt Erstes Bild: Ezios Lager, unweit von Rom
Kaiser Valentinian hat mit Attila einen Waffenstillstand geschlossen und beordert seinen Feldherrn Ezio zurück. Dieser gehorcht nicht, sondern setzt auf Roms ehemalige Größe und schließt sich Foresto an, der Attila zu ermorden plant.
Zweites Bild: Feldlager Attilas
Der Hunnenkönig gibt ein Festmahl zur Feier des Waffenstillstandes. Odabella verhindert den von Foresto geplanten Mord, weil sie sich um die eigene Tat betrogen fühlt. Sie warnt Attila vor Gift im Trinkbecher und behauptet, den schuldigen Foresto selbst zu bestrafen, um ihn damit Attilas Justiz zu entziehen. Der gerührte und dankbare Hunnenkönig gibt seine Vermählung mit Odabella bekannt.
Dritter Akt Wald bei Attilas Lager
Foresto und Ezio stehen zum Überfall auf Attila bereit. Foresto ist voller Empörung und Eifersucht und glaubt sich durch Odabella verraten. Diese ist aus Attilas Lager geflohen und beteuert Foresto gegenüber ihre Unschuld und Treue. Auf der Suche nach Odabella fällt Attila in einen Hinterhalt. Foresto will ihn durchbohren, doch Odabella kommt ihm zuvor und ersticht Attila, um ihren Vater zu rächen: Padre! … ah padre, il sacrificio a te (Vater! ... Ah Vater, ich opfere ihn dir).Deutsche Übersetzung des Librettos, Beiheft CD Philips 1972, S. 147.
Gestaltung Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Peter Ross: Attila. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 6: Werke. Spontini – Zumsteeg. Piper, München / Zürich 1997, ISBN 3-492-02421-1, S. 408.
Holzbläser: zwei Flöten (2. auch Piccolo), zwei Oboen, Englischhorn, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Cimbasso Pauken, Schlagzeug: Große Trommel, Becken, Kleine Trommel Harfe Streicher Bühnenmusik: drei Trompeten, Glocke
Musiknummern mini|300px|Verdi: Attila. Teatro Massimo, Palermo 2016
Prolog
Nr. 1. Preludio Nr. 2. Introduktion Chor: Urli, rapine, gemiti, sangue (Chor) Szene I Szene: Eroi, levatevi! (Attila) Szene II Chor: Viva il re delle mille foreste (Chor) Szene II Nr. 3. Szene und Cavatine Szene: Di vergini straniere (Attila, Uldino, Odabella) Szene III Cavatina: Allor che i forti corrono (Odabella) Szene III Tempo di mezzo: Bella è quell’ira, o vergine (Attila, Odabella) Szene III Cabaletta con coro: Da te questo or m’è concesso (Odabella, Attila, Chor) Szene III Nr. 4. Szene und Duett Szene: Uldino, a me dinanzi (Attila) Szene III-IV-V Duett: Tardo per gli anni, e tremulo (Ezio, Attila) Szene V Tempo di mezzo: Ma se fratern* vincolo (Ezio, Attila) Szene V Cabaletta: Vanitosi!… Che abbietti e dormenti (Attila, Ezio) Szene V Nr. 5. Szene und Cavatine des Foresto Szene: Qual notte!… – Quai voci!… (Eremiti, Aquileiesi, Foresto) Szene VI-VII Cavatina mit Chor: Ella in poter del barbaro! (Foresto, Chor) Szene VII Tempo di mezzo: Cessato alfine il turbine (Eremiti, Foresto) Szene VII Cabaletta mit Chor: Cara patria, già madre e reina (Foresto, Chor) Szene VII
Erster Akt
Nr. 6. Szene und Romanze Szene: Liberamente or piangi… (Odabella) Szene I Romanze: Oh! nel fuggente nuvolo (Odabella) Szene I Nr. 7. Szene und Duett Szene: Qual suon di passi! – Donna! – Gran Dio!!… (Odabella, Foresto) Szene I-II Duett: Sì, quell’io son, ravvisami (Foresto, Odabella) Szene II Tempo di mezzo: Va’. – Racconta al sacrilego infame (Foresto, Odabella) Szene II Cabaletta: Oh t’inebria nell’amplesso (Foresto, Odabella) Szene II Nr. 8. Szene und Arie Szene: Uldino! Uldin! (Attila, Uldino) Szene III Arie: Mentre gonfiarsi l’anima (Attila) Szene III Tempo di mezzo: Raccapriccio! Che far pensi? (Uldino, Attila) Szene III Cabaletta: Oltre quel limite (Attila) Szene IV Nr. 9. Finale I Szene: Parla, imponi – Chi vien? (Chor, Attila, Leone) Szene V-VI Finale: No!… non è sogno (Attila, Uldino, Leone, Odabella, Foresto, Chor) Szene VI
Zweiter Akt
Nr. 10. Szene und Arie Szene: Tregua è cogli Unni (Ezio) Szene I Arie: Dagli immortali vertici (Ezio) Szene I Tempo di mezzo: Chi vien? – Salute ad Ezio – Che brami tu? (Ezio, Chor, Foresto) Szene I-II-III Cabaletta: È gettata la mia sorte (Ezio) Szene IV Nr. 11. Finale II Chor: Del ciel l’immensa volta (Chor) Szene V Szene: Ezio, ben vieni! (Attila, Ezio, Druidi) Szene VI Chor: Chi dona luce al cor?… (Sacerdotesse) Szene VI Seguito del Finale: L’ spirto de’ monti (Chor, Foresto, Odabella, Ezio, Attila, Uldino) Szene VI Szene: Si riaccendan le quercie d’intorno (Attila, Foresto, Odabella) Szene VI Stretta: Oh, miei prodi! un sol* giorno (Attila, Odabella, Foresto, Ezio, Uldino, Chor) Szene VI
Dritter Akt
Nr. 12. Szene und Romanze Szene: Qui del convegno è il loco… (Foresto, Uldino) Szene I-II Romanze: Che non avrebbe il misero (Foresto) Szene II Nr. 13. Terzett Terzetto: Che più s’indugia?… (Ezio, Foresto, Odabella, Chor) Szene III-IV Nr. 14. Quartett-Finale Quartett: Non involarti, seguimi (Foresto, Odabella, Attila, Ezio, Chor) Szene V-VI
Werkgeschichte Entstehung Bereits die literarische Vorlage von Zacharias Werner arbeitete wie die griechische Tragödie mit kommentierenden Chören. Als Verdi das Stück im Jahre 1844 kennengelernt hatte, sah er darin einen geeigneten Opernstoff. In einem Brief an den Librettisten Francesco Maria Piave, mit dem er schon bei Ernani zusammengearbeitet hatte, legte Verdi das Exposé einer Oper mit Prolog und drei Akten vor, wobei er auch Änderungen der Handlung vorschlug.Brief Verdi, vgl. Budden: Attila. 1972, S. 31 f.
Nach dem Misserfolg mit Alzira wandte sich Verdi jedoch an den Librettisten Solera, der bereits die Texte zu Verdis frühen Erfolgen wie Nabucco, I Lombardi alla prima crociata und Giovanna d’Arco geschrieben hatte. Solera verarbeitete im Libretto die patriotischen Gefühle der italienischen Einigungsbewegung (Risorgimento) und machte in der Oper viele politische Anspielungen.Budden: Attila. 1972, S. 34.
Verdi begann sofort mit der Komposition, nachdem ihm ein Großteil des Librettos vorlag. Nachdem jedoch Soleras Frau, die Sängerin Teresa Rosmina, an der Mailänder Scala kontraktbrüchig geworden war, zog Solera mit ihr nach Madrid und ließ den letzten Akt unvollendet. Schließlich wandte sich Verdi an den Librettisten Francesco Maria Piave, dem er weitere dramaturgische Anweisungen gab. Nach Vollendung des Librettos übersandte es Verdi an Solera, um dessen Zustimmung zu erlangen. Solera war entsetzt und nannte den Schluss der Oper eine „Parodie“, gab aber schließlich seine Zustimmung. Das Zerwürfnis zwischen Verdi und Solera blieb bestehen, und es kam nie wieder zu einer Zusammenarbeit.Angaben nach Budden: Attila. 1972, S. 35–37.
Rezeption mini|Aufführung im Her Majesty’s Theatre London, 1848
Verdi hatte mit dem Nabucco und den Lombarden (I Lombardi alla prima Crociata) bereits zwei Choropern komponiert, die von der italienischen Einigungsbewegung begeistert aufgenommen worden waren. Nach dem Misserfolg mit Alzira knüpfte Verdis Attila thematisch erneut an die Einigungsbestrebungen (Risorgimento) im zerrissenen Italien an. So gibt es im Attila viele patriotische Anspielungen.
Auch aus diesem Grund eroberte das Werk schnell die Opernbühnen Italiens. Schon bei der zweiten Vorstellung im Teatro La Fenice kannte die Begeisterung nach dem Duett Ezio – Attila im Prolog keine Grenzen. In einer Textzeile, während der Verhandlungen mit Attila, singt Ezio:
Der Satz fällt in die Schlusszeile der Gesangsstrophe und wird in der letzten Minute des Duetts vierzehn Mal wiederholt. Das Publikum des von den Habsburgern regierten Venedig verstand den Sinn dieser Worte.
Die Oper wurde von vielen italienischen Bühnen nachgespielt. Noch 1864 schrieb der Londoner Impresario Benjamin Lumley, der 1846 Verdis Oper I masnadieri an seinem Theater zur Uraufführung gebracht hatte, dass vielleicht keines von Verdis Werken mehr Begeisterung in Italien ausgelöst habe.Budden: Attila. 1972, S. 38.