Midyat (syrisch-aramäisch: ܡܕܝܕ Mëḏyaḏ; kurdisch: Midyad; ) ist eine Stadtgemeinde (Belediye) im gleichnamigen Landkreis (Ilçe) der Provinz Mardin in der türkischen Region Südostanatolien. Sie bildet zugleich einen Stadtbezirk der 2012 geschaffenen Großstadtgemeinde Mardin (Büyükşehir Belediyesi). Seit der Verwaltungsreform von 2013 sind Landkreis und Gemeinde flächen- sowie einwohnermäßig identisch.
Die Stadt liegt im Gebiet des Tur Abdin, einem historischen Siedlungsraum der syrisch-orthodoxen Christen. Midyat war über Jahrhunderte ein wichtiges religiöses und kulturelles Zentrum der Suryoye (Aramäer/Assyrer), die verschiedenen syrisch-orthodoxen Kirchen angehören. Zahlreiche Kirchen, Klöster und traditionelle Steinhäuser im aramäischen Stil prägen noch heute das Stadtbild. Seit 1478 ist Midyat Sitz eines syrisch-orthodoxen Bischofs; seit 2009 befindet sich dessen Residenz im nahegelegenen Kloster Mor Gabriel, dem bedeutendsten Kloster des Tur Abdin.
Neben den syrisch-orthodoxen Christen lebten über viele Generationen auch Êzîden in den umliegenden Dörfern von Midyat. Sie stellten bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Bevölkerungsgruppe in der Region dar und sind in einigen Ortschaften noch immer vertreten.
Heute bilden überwiegend Kurden und Araber die Bevölkerung von Midyat. Die Stadt gilt aufgrund dieser Vielfalt an Sprachen, Religionen und Kulturen als ein traditioneller Treffpunkt unterschiedlicher ethnischer und religiöser Gruppen im Südosten der Türkei.
Geographie Midyat ist der Hauptort des Tur Abdin, eines Kalksteingebirges am Oberlauf des Tigris, das sich im Südosten der Türkei erstreckt. Das Gebiet bildet eine markante Hochebene mit zerklüfteten Felsformationen.
Der Landkreis grenzt im Westen an Savur, im Norden an Ömerli, im Süden an Nusaybin und im Osten an Dargeçit. Darüber hinaus bestehen externe Grenzen zur Provinz Batman im Norden und zur Provinz Şırnak im Osten.
Die Stadt liegt auf rund 1000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel. Die Umgebung ist durch eine hügelige Kulturlandschaft geprägt, in der Getreideanbau, Olivenhaine, Weinberge und Mandelbäume dominieren. Das Klima ist kontinental geprägt mit heißen, trockenen Sommern und kalten Wintern; die Vegetation reicht von steppenartigen Flächen bis hin zu kleineren bewaldeten Arealen.
Midyat befindet sich im östlichen Zentrum der Provinz Mardin und bildet eine Übergangszone zwischen der anatolischen Hochebene im Westen und den Ebenen Mesopotamiens im Süden und Osten. Diese Lage machte die Stadt seit der Antike zu einem wichtigen Verbindungsort zwischen Anatolien und Mesopotamien.
Verkehrstechnisch ist Midyat durch die Nationalstraße D380 erschlossen, die von der Provinzhauptstadt Mardin über Midyat bis nach Cizre führt. Hier beginnt zudem die D 995, die in nördlicher Richtung in die Provinz Batman führt. Der nächste größere Grenzübergang nach Syrien liegt rund 51 Kilometer entfernt, die Provinzhauptstadt Mardin etwa 81 Kilometerwestlich. Über Şırnak und Silopi ist zudem der internationale Habur-Grenzübergang zum Irak erreichbar, der für Handel und Personenverkehr von überregionaler Bedeutung ist.
Die Anbindung an den Fernverkehr wird ergänzt durch regionale Busverbindungen sowie kleinere Landstraßen, die die umliegenden Dörfer mit der Stadt verbinden.mini|600px|Blick über Neustadt und Altstadt
Etymologie Der Name Midyat wird in der Forschung überwiegend mit dem altassyrischen Begriff Matiate in Verbindung gebracht. Dieses Wort wird als „Stadt der Höhlen“ übersetzt und verweist auf die besonderen topographischen und siedlungsgeschichtlichen Gegebenheiten der Region.
Erste Hinweise finden sich in assyrischen Inschriften aus der Zeit des Königs Aššur-nâṣir-apli II. (883–859 v. Chr.), in denen Matiate erwähnt wird. Die Bezeichnung legt nahe, dass Midyat bereits in der frühen Eisenzeit ein Ort mit ausgedehnten unterirdischen Anlagen war, die als Rückzugs- oder Siedlungsräume genutzt wurden.
Eine eindrucksvolle Bestätigung dieser Namensherleitung ergab sich 2020 durch archäologische Funde: Bei Restaurierungsarbeiten im historischen Stadtkern von Midyat stießen Forscher auf den Eingang zu einer weitläufigen unterirdischen Anlage. Diese wird von Archäologen ebenfalls als Matiate bezeichnet. Nach bisherigen Grabungen konnten mehrere Dutzend Räume, Gänge und Schächte freigelegt werden, darunter Lagerräume, Zisternen, ein unterirdischer Versammlungs- oder Andachtsraum sowie Wohnbereiche.
Schätzungen zufolge könnte das gesamte Höhlensystem Platz für 60.000 bis 70.000 Menschen geboten haben. Damit zählt Matiate zu den größten bislang bekannten unterirdischen Städten Anatoliens. Archäologen gehen davon aus, dass die Anlage über viele Jahrhunderte hinweg genutzt wurde – sowohl in der Antike als auch in späteren Zeiten, etwa als Zufluchtsort in Phasen religiöser oder politischer Verfolgung.
Durch diese Entdeckung hat die Herleitung des Namens Midyat von Matiate neue Plausibilität gewonnen. Sie verbindet die sprachliche Tradition der altassyrischen Inschriften mit den materiellen Zeugnissen einer einzigartigen unterirdischen Siedlungskultur im Tur Abdin.
Gliederung Die heutige Stadt Midyat besteht im Kern aus zwei historisch gewachsenen Teilen. Das eigentliche Midyat liegt im Osten und beherbergt den historischen Stadtkern mit zahlreichen Kirchen, Klöstern und traditionellen Steinhäusern. Dieser Teil war über Jahrhunderte das Wohngebiet der christlichen Bevölkerung. Im Westen entwickelte sich im 19. Jahrhundert die jüngere Ortschaft Estel, in der sich vor allem muslimische Familien, überwiegend Kurden, niederließen. Diese Zweiteilung ist bis heute im Stadtbild deutlich erkennbar.
Der Landkreis Midyat existierte bereits in der osmanischen Zeit als Teil des Vilâyet Mardin. Bei der ersten Volkszählung der Türkischen Republik im Jahr 1927 wurden im Landkreis 31.945 Einwohner in 133 Dörfern auf einer Fläche von 2.610 km² gezählt, davon 3.918 Personen in der Kreisstadt selbst.
Bis Ende 2012 bestand der Landkreis neben der Kreisstadt aus sechs Stadtgemeinden (Belediye): Acırlı, Çavuşlu, Gelinkaya, Şenköy, Söğütlü und Yolbaşı sowie 54 Dörfern (Köy). Im Zuge der landesweiten Verwaltungsreform von 2013/2014 wurden diese Gemeinden und Dörfer in Mahalle (Stadtviertel/Ortsteile) umgewandelt. Die zwölf bestehenden Mahalle der Kreisstadt blieben bestehen, während die 21 Mahalle der sechs ehemaligen Gemeinden jeweils zu einem Mahalle zusammengeführt wurden. Damit erhöhte sich die Gesamtzahl auf 72 Mahalle, denen jeweils ein Muhtar (Ortsvorsteher) vorsteht.
Ende 2020 lebten im Durchschnitt rund 1.630 Personen in jedem Mahalle. Das bevölkerungsreichste war Bahçelievler Mahallesi mit 11.161 Einwohnern, gefolgt von Bağlar Mahallesi mit 10.474 Einwohnern.
Bevölkerung Midyat war über viele Jahrhunderte ein bedeutendes Zentrum der syrisch-orthoxen Christen im Südosten der Türkei. Bis 1915 stellten sie die Bevölkerungsmehrheit. Der Völkermord an den Aramäern (Sayfo) führte zu massiven Verlusten und markierte einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Region. Schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Zahl der Christen infolge von Diskriminierungen, wirtschaftlicher Benachteiligung und Auswanderung zurückgegangen.
Neben den Christen bildeten die Êzîden über viele Jahrhunderte eine zweite prägende Minderheit in den umliegenden Dörfern Midyats. Sie lebten überwiegend in ländlichen Siedlungen und betrieben Ackerbau und Viehzucht. Historische Quellen berichten jedoch, dass Êzîden wiederholt Ziel von Gewalt und Verfolgung waren: Dörfer wurden gewaltsam übernommen, Frauen verschleppt, ihre Anführer ermordet und ganze Gemeinden zu Zwangskonversionen zum Islam gedrängt. Diese Übergriffe führten zu einer erheblichen Dezimierung der Gemeinschaft im Tur Abdin.
Trotz dieser Bedrohungen entwickelten sich enge Beziehungen zwischen Êzîden und den Christen. Beide Gruppen waren religiöse Minderheiten, die immer wieder Verfolgung erlebten, und hielten daher oft eng zusammen. Es ist vielfach dokumentiert, dass sie sich in Krisenzeiten gegenseitig unterstützten und verteidigten, sei es beim Schutz ihrer Dörfer, bei Angriffen oder in alltäglicher Solidarität.
Noch in den 1960er Jahren lebten mehrere tausend Êzîden im Landkreis Midyat. Der Qantara-Artikel „Yazidis in Turkey: Old homeland, new homeland“ nennt für diese Zeit etwa 6.000 Êzîden in acht Dörfern rund um Midyat. Andere Schätzungen gehen für die 1970er/80er Jahre von bis zu 10.000–15.000 Êzîden allein im Kreis Midyat aus. Seit den 1980er Jahren setzte eine massive Auswanderung ein, vor allem nach Deutschland. Heute existieren nur noch wenige êzîdische Familien in einzelnen Dörfern, während die Mehrheit in der europäischen Diaspora lebt.
Bis in die 1970er Jahre galt Midyat gemeinsam mit dem Tur Abdin zudem als das größte christliche Siedlungsgebiet in der Türkei außerhalb Istanbuls. 1979 wurde der assyrische Bürgermeister von Dargeçit, Andreas Demir Lahdik, ermordet. Dieses Ereignis führte zu politischen Spannungen und beschleunigte die Auswanderung der christlichen Bevölkerung. Zugleich wanderten zahlreiche kurdische Familien aus nördlichen Regionen in den Landkreis ein, wodurch sich die Bevölkerungsstruktur weiter verschob.
In den 1980er und 1990er Jahren verschärfte der Konflikt zwischen der PKK und dem türkischen Staat die Lage. Die christliche Bevölkerung geriet zwischen die Fronten: Einerseits wurde sie vom Staat der Illoyalität verdächtigt, andererseits von der PKK beschuldigt, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Auch die verbliebenen Êzîden waren betroffen und verließen in dieser Zeit in großer Zahl ihre Siedlungen. Diesem Konflikt unterlagen auch die muslimischen Kurden, die sowohl vom türkischen Staat als auch der PKK der Illoyalität bezichtigt wurden.
Von rund 50.000 Einwohnern im Jahr 1975 lebten nach Ende des bewaffneten Konflikts 1999 nur noch etwa 2.000 Christen in Midyat. Historischen Schätzungen zufolge bestand die Stadt bis in die frühen 1960er Jahre aus über 500 christlichen Familien, die mehr als 90 % der Bevölkerung stellten. Heute leben in Midyat nur noch etwa 120 christliche Familien, während die große Mehrheit der Bevölkerung Kurden sind (ca. 60.000, überwiegend zugezogen). Seit 2011 sind zusätzlich zwischen 100 und 300 christliche Flüchtlinge aus Syrien nach Midyat gekommen, die vor dem dortigen Bürgerkrieg flohen.
Der Anteil der syrisch-orthodoxen Christen an der Bevölkerung Midyats liegt heute bei rund 1 %. Die Zahl der Êzîden ist durch Verfolgung und Abwanderung seit den 1980er Jahren stark zurückgegangen. Dennoch gilt die Region bis heute sowohl für die syrisch-orthodoxe als auch für die êzîdische Diaspora in Europa als historisches Kerngebiet und identitätsstiftender Bezugspunkt.
Politik Bürgermeister von Midyat ist seit 2012 Veysi Şahin von der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung); er wurde 2019 mit 57,93 % wiedergewählt. Im Kreis Midyat erzielte die AKP 52,59 %, die HDP (Demokratische Partei der Völker) 34,02 %, die Sertaç Alğaç 6,53 %, die Iyi Parti (Gute Partei) 1,7 %, die CHP (Republikanische Volkspartei) 1,4 % und die SAADET (Partei der Glückseligkeit) 1,39 %.hurriyet vom 31. März 2019; https://www.hurriyetdailynews.com/secim/31-mart-2019-yerel-secimleri/midyat-mardin-secim-sonuclari
Sehenswürdigkeiten mini|links|Die syrisch-orthodoxe Mor-Scharbel-Kirche mini|In der Altstadt
Im Jahr 2020 wurde bei Restaurierungsarbeiten in Midyat der Eingang zu einer bislang unbekannten unterirdischen Stadt entdeckt, die den Namen Matiate trägt. Archäologische Untersuchungen zeigen, dass sie vermutlich über einen Zeitraum von mindestens 1.900 Jahren durchgehend bewohnt war. Nach bisherigen Schätzungen könnte die Anlage bis zu 70.000 Menschen Platz geboten haben und zählt damit zu den größten bislang bekannten unterirdischen Städten Anatoliens.