mini|Der Bergfried im Zentrum der Anlage beherrscht die Silhouette der Burg Hocheppan in Südtirol mini|hochkant|Bergfried in Tornähe auf der Genovevaburg (Mayen) mini|hochkant=0.6|Schema eines Bergfrieds nach Otto Piper mini|hochkant=0.6|Schnitt und Grundriss des Bergfrieds auf der Festung Marienberg (Würzburg) Der Ausdruck Bergfried (auch Berchfrit, volkstümlich auch Burgfried; , , ) bezeichnet in der deutschsprachigen Burgenliteratur den unbewohnten Hauptturm (Wehrturm) einer mittelalterlichen Burg, der seit dem 12. Jahrhundert in Mitteleuropa weite Verbreitung fand. Ist er für eine dauerhafte Wohnnutzung eingerichtet, wird er hingegen als Wohnturm bezeichnet (siehe auch: Donjon). Oftmals steht der Bergfried in der Mitte der Burg und ist der höchste aller Türme.
Begriffserklärung Der Begriff kommt als perfrit, berchfrit, berfrideOtto Piper: Burgendkunde. Bauwesen und Geschichte der Burgen. Würzburg 1912, S. 174. und zahlreichen ähnlichen Abwandlungen in mittelalterlichen Schriftquellen vor, bezeichnet dort aber nicht nur den Burgturm, sondern überwiegend andere Turmarten wie Belagerungstürme, Glockentürme (vgl. Belfried) oder Speicherbauten. Der Hauptturm einer Burg wird häufig schlicht als „Turm“ oder „großer Turm“ bezeichnet. In spätmittelalterlichen niederdeutschen Schriftquellen taucht allerdings die Bezeichnung berchfrit, berchvrede und ähnliche Varianten oft im Zusammenhang mit kleineren Burgen auf.Hermann Hinz: Motte und Donjon. Zur Frühgeschichte der mittelalterlichen Adelsburg. Köln 1981, S. 53–58.
Die Burgenkunde des 19. Jahrhunderts führte Bergfried oder Berchfrit als allgemeine Benennung für den unbewohnten Hauptturm ein, die sich ab dann in der deutschsprachigen Literatur einbürgerte.Burgen in Mitteleuropa. Hrsg. von der Deutschen Burgenvereinigung e.V. Stuttgart 1999, S. 237.
Die etymologische Herkunft des Wortes ist unklar. Es gibt Thesen über eine mittelhochdeutsche, eine lateinische und eine über die Kreuzzüge vermittelte griechische Wortherkunft.Hans-Klaus Pehla: Wehrturm und Bergfried im Mittelalter. Aachen 1974, S. 203–242. Die in der älteren Literatur oft vertretene Meinung, der Bergfried habe seinen Namen daher, weil er „den Frieden berge“ (das heißt, die Sicherheit der Burg bewahre), konnte hingegen nicht bestätigt werden.Hans-Klaus Pehla: Wehrturm und Bergfried im Mittelalter. Aachen 1974, S. 206 f.
Entwicklung und Formen (Zahlreiche beschriebene Bildbeispiele zu den folgenden Texten finden sich im separaten Bildteil.)
Der Bergfried etablierte sich als ein neuer Bautyp im Verlauf des 12. Jahrhunderts und prägte von ungefähr 1180 bis in das 14. Jahrhundert hinein das Bild der mitteleuropäischen Burgenlandschaft.Burgen in Mitteleuropa. Hrsg. von der Deutschen Burgenvereinigung e.V. Stuttgart 1999, S. 74: „Bergfriede als reine Wehrbauten ohne nennenswerte Wohnfunktion sind bei Burgen des 11. Jhs. noch nicht anzutreffen (…)“. Siehe auch: Thomas Biller: Die Adelsburg in Deutschland. Entstehung, Form und Bedeutung. München 1993, S. 135. Aus dieser Zeit sind zahlreiche Exemplare in nahezu vollständiger Höhe erhalten. Die Entstehung der Bauform ist jedoch noch nicht völlig geklärt, da Türme aus der Zeit vor dem 12. Jahrhundert fast ausschließlich archäologisch ergraben und lediglich die untersten Partien erhalten sind. Einzelne Beispiele (wie der Bergfried der Habsburg) finden sich auch schon in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts.Thomas Biller: Die Adelsburg in Deutschland. München 1993, S. 145. Als weiteres Beispiel nennt Biller die Große Harzburg, S. 143 f. Der Vorläufer des Bergfrieds ist der wehrhafte Wohnturm, der in seiner westeuropäischen, repräsentativen Ausprägung auch als Donjon bezeichnet wird. Wohntürme waren vor dem Aufkommen des Bergfrieds auch im deutschsprachigen Raum üblich, ein Vorläufer findet sich beispielsweise im hölzernen Turm der Motte. Donjons verbinden die beiden entgegengesetzten Bereiche des herrschaftlichen, komfortablen Wohnens und des Wehrbaus miteinander. Beim Bautyp des Bergfrieds wurde nun auf die Wohnnutzung zugunsten der Wehrhaftigkeit verzichtet. Gleichzeitig fanden neue Typen unbefestigter Wohnbauten Verbreitung, so wurde beispielsweise der Palas in den Burgenbau übernommen. Die Entstehung des Bergfrieds steht also offenbar im Zusammenhang mit der Differenzierung von Wohn- und Wehrbau innerhalb der Burganlage.Thomas Biller: Die Adelsburg in Deutschland. Entstehung, Form und Bedeutung. München 1993, S. 134. In Westeuropa blieb hingegen auch im weiteren Verlauf des Mittelalters der Donjon mit seiner Verbindung von Wehr- und Wohnfunktionen der vorherrschende Bautyp.
Häufig befindet sich der Bergfried als Hauptturm im Mittelpunkt der Burganlage oder in der Position eines Mauerturms an der Hauptangriffsseite der Burg (Letzteres insbesondere bei Spornburgen). Er kann als solitärer Baukörper neben den übrigen Gebäuden der Burg stehen oder mit diesen zu einem baulichen Gefüge verbunden sein. Dabei ist es jedoch charakteristisch, dass der Bergfried einen in sich abgeschlossenen Bauteil darstellt, der im Innern nicht mit den übrigen Gebäuden verbunden ist und über einen eigenen Zugang verfügt. In aller Regel ist dies ein so genannter Hocheingang, d. h. der Eingang liegt in einem Obergeschoss des Turmes und ist über eine eigene Brücke, Treppe oder Leiter erreichbar.
mini|Grundrissansicht: umgestürzter Bergfried der Burgruine Neufels. Im Grundriss sind quadratische und runde Bergfriede am häufigsten, daneben sind auch oft fünfeckige und seltener achteckige Türme wie im Fall der Reichsburg Cochem anzutreffen. Auch für unregelmäßig polygonale Grundrisse gibt es einige Beispiele. So hat beispielsweise der Bergfried in der östlichen Oberburg der Ruine Brandenburg einen sechseckigen Querschnitt mit Buckelquadermauerwerk und einen runden Aufbau mit glatten Steinen. Weitere sechseckige Bergfriede finden sich auf Burg Lichtenberg (Oberfranken) und Burg Lichtenberg (Salzgitter). Ungewöhnlich ist auch der erhaltene runde Bergfried der geschleiften Burg Tannroda mit einem quadratischen Sockel und abgeschrägten Ecken. Der Grund für diese Bauweise ist unklar. Eine statische Verstärkung ist hier anzunehmen.
Eine seltene Form ist der dreieckige Bergfried der Burg Grenzau bei Höhr-Grenzhausen oder der der Burg Rauheneck nahe Baden bei Wien. Türme mit dreieckigen und fünfeckigen Grundrissen waren mit einer Ecke der Hauptangriffsseite der Burg zugewandt.
Bergfriede sind durchschnittlich 20 bis 30 m hoch, sowohl der der Burg Forchtenstein im Burgenland als auch der des Schlosses Freistadt erreichen aber 50 m. Im Vergleich zum Donjon bzw. dem englischen keep, die wegen ihres aufwändigen Innenausbaus (Wohnräume, Saal, Küche usw.) relativ große Grundflächen in Anspruch nehmen, verfügt der Bergfried meist über eine wesentlich kleinere Grundfläche, was bei ähnlicher Höhe zu einer schlankeren Form des Turmes führt.
Als Baumaterial diente meist der anstehende Fels, der in unmittelbarer Nähe des Bauplatzes gebrochen wurde. In steinarmen Gebieten wurden Ziegel- oder Feldsteine verwendet. Das Mauerwerk ist oft sehr sorgfältig ausgeführt, Kanten können durch Buckelquader akzentuiert werden. Der Bergfried konnte verputzt sein oder auch Sichtmauerwerk zeigen. Letzteres war beispielsweise bei den vollständig aus Buckelquadern gemauerten stauferzeitlichen Türmen der Fall.
Eine seltene Bauweise zeigen die beiden erhaltenen Bergfriede (letztes Drittel 12. Jahrhundert und erste Hälfte 13. Jahrhundert) der Burg Mildenstein, deren Unterteile aus Feldsteinen/Buckelquadern bestehen, deren Oberteile jedoch aus gebrannten Ziegeln errichtet wurden. Der Turmschaft (also der Hauptteil des Turmes zwischen Sockel und dem abschließenden Obergeschoss) verfügte in der Regel über keine oder nur sehr wenige Fenster, meist waren es nur einige schmale senkrechte Lichtschlitze.
Die teilweise enormen Mauerstärken der Untergeschosse nehmen im Innern des Turms in den Obergeschossen meist deutlich ab. Auf den dadurch entstehenden Mauerabsätzen liegen Holzdecken, die der Geschossaufteilung dienen. Das unterste Geschoss sowie das Obergeschoss werden häufig von einem Steingewölbe abgeschlossen. Gelegentlich sind schmale Treppenaufgänge ins Mauerwerk eingearbeitet, die einer einzelnen Person den Aufstieg ermöglichen. Häufiger sind die Geschosse jedoch durch hölzerne Treppen oder Leitern miteinander verbunden. Einige Bergfriede waren eingeschränkt bewohnbar, es finden sich sogar kleine Kaminanlagen in den Obergeschossen. Diese beheizbaren Stuben dienten in der Regel dem Aufenthalt des Türmers.
Die ursprüngliche Gestaltung des Turmabschlusses lässt sich bei vielen Bergfrieden nicht mehr genau rekonstruieren, einerseits weil bei Burgruinen die obersten Mauerschichten verfallen und hölzerne Bauteile verrottet sind, andererseits weil Bergfriede bei in der Neuzeit weiter bewohnten Burgen oft mit einem neuen Turmabschluss ausgestattet wurden (Beispiele: Burg Stein, Schloss Rochsburg). Zudem sind manche Türme, die auf den ersten Blick vielleicht mittelalterlich erscheinen, in Wirklichkeit historistische Neuschöpfungen des 19. Jahrhunderts (z. B. bei der Wartburg, 1850er Jahre), manchmal auch freie Rekonstruktionen nach den damaligen Vorstellungen über mittelalterliche Burgarchitektur (Hohkönigsburg, 1909). Spätmittelalterliche Turmabschlüsse (die oft selbst bereits aus einer Umgestaltung des ursprünglichen Bauzustands hervorgegangen sind) haben sich vergleichsweise öfter erhalten beziehungsweise lassen sich manchmal anhand von Zeichnungen (vor allem aus dem 16. und 17. Jahrhundert) rekonstruieren.
Die den Bergfried abschließende Wehrplattform war ursprünglich wohl oft mit einem Zinnenkranz umgeben. Gelegentlich haben sich Zinnen im Original erhalten, besonders wenn sie durch spätere Überbauungen geschützt werden (Burg Wellheim). Die Wehrplattform konnte entweder offen sein oder wurde von einem Dach beziehungsweise einem Turmhelm überdeckt. Entsprechend den Grundrissformen der Türme waren Zeltdächer und Kegeldächer am häufigsten. Das Dach konnte aus einem hölzernen Dachstuhl mit Ziegel- oder Schieferdeckung bestehen oder auch massiv gemauert sein. Es überdeckte oft die gesamte Wehrplattform, so dass das Dach auf dem Zinnenkranz aufsetzte, war in anderen Fällen aber auch zurückspringend konstruiert, so dass ein offener Umgang zwischen Dach und Zinnen frei blieb (Beispiele: Rudelsburg, Osterburg). Bei überdachten Wehrplattformen konnten an Stelle der Zinnenlücken auch ähnlich angeordnete Fensteröffnungen den Rundblick auf die Umgebung und den Gebrauch von Fernwaffen ermöglichen (Burg Idstein, Burg Sayn). Teilweise erhaltene Konsolen oder Balkenlöcher am Turmabschluss weisen in einigen Fällen auf hölzerne Aufbauten hin. Im Spätmittelalter wurden die Turmdächer gerne mit kleinen Ecktürmchen und ähnlichen Aufbauten ausgestattet.
Größere Wurfmaschinen oder Katapulte haben sicherlich nur selten auf den Wehrplatten gestanden.