mini|Rekonstruierter Nordeingang des Palastes von Knossos
mini|Karte von Kreta
Knossos ( , lateinisch Cnossus oder Cnosus, ägyptisch Kunuša, mykenisch in Linearschrift B) ist ein antiker Ort im mittleren Teil der Nordküste von Kreta, etwa fünf Kilometer südlich von Iraklio. Bekannt ist er vor allem durch den Palast von Knossos, der neben den Palästen von Malia, Phaistos und Kato Zakros der größte minoische Palast auf Kreta ist und von Griechenland mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet wurde. Knossos blieb auch nach Zerstörung des Palastes bis in die byzantinische Zeit besiedelt.
Geschichte Frühgriechische Zeit mini|Verfallene Teile des Tempels Knossos war schon während des akeramischen Neolithikums besiedelt. Älteste Spuren der bis zu acht Meter mächtigen Siedlungsschichten stammen aus dem 7. Jahrtausend v. Chr. (6900–6600 v. Chr.). Einwanderer, vielleicht aus Kleinasien, brachten erstmals Nutztiere und -pflanzen mit in die südliche Ägäis. Ihre Siedlung existierte wohl nur wenige Jahrhunderte (200–400 Jahre). Es schließt sich eine Fundlücke an, die bis etwa 5700–5500 v. Chr. reicht. Die nachfolgenden Neusiedler zeigen die typischen Kulturmerkmale des frühen Neolithikums.Katerina Douka et al.: Dating Knossos and the arrival of the earliest Neolithic in the southern Aegean. In: Antiquity, Volume 91, No. 356 (April 2017), S. 304–321, 317 Am Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. entwickelten sich kleinere Königreiche auf der Insel, wie man aus den größeren Palastanlagen in Phaistos, Malia, Knossos und Kato Zakros schließt. Der Palast von Knossos wurde zwischen 2100 und 1800 v. Chr. am Ort der neolithischen Besiedlung errichtet. Knossos war besonders groß, reich und prächtig.
Wie fast alle Paläste Kretas wurde Knossos zwischen 1750 und 1700 v. Chr. (nach traditioneller Chronologie, siehe unten) durch ein schweres Erdbeben zerstört, jedoch bald wieder aufgebaut. Dieses Ereignis markiert in Knossos und dem übrigen Kreta das Ende der älteren und den Beginn der jüngeren Palastzeit. Auf den Fundamenten der alten Paläste wurden neue, noch aufwendigere errichtet. Knossos erfuhr seine größte Blüte und entwickelte sich zum führenden kretischen Stadtstaat, vermutlich das religiöse und politische Zentrum der Insel. Knossos verfügte damals wahrscheinlich über die größte und kampfstärkste Flotte, deren Schiffe zu den phönizischen, ägyptischen und peloponnesischen Häfen ausliefen und die Kykladen, Athen sowie den Nahen Osten ansteuerten. Knossos hatte zwei Seehäfen, einen bei Amnisos, den anderen in Iraklio. Um 1650 v. Chr. folgen kleinere Zerstörungen durch ein erneutes Erdbeben.
Der gewaltige Vulkanausbruch der sogenannten Minoischen Eruption auf der Kykladeninsel Santorin, der nach naturwissenschaftlichen Datierungen womöglich schon im Jahre 1628 v. Chr. stattfand, fällt in Knossos ans Ende der frühen Phase der sogenannten Neupalastzeit (nach bisheriger traditioneller Chronologie wird die Neupalastzeit auf etwa 1700 bis 1430 v. Chr. datiert). Der Santorin-Katastrophe entsprechen in Knossos jedoch keine bisher archäologisch nachweisbare Zerstörungen. Je nach verwendetem Datum der Eruption müssen auch die Funde in Knossos rund 100 Jahre früher bzw. später datiert werden. Daher spielt es für die Suche nach sichtbaren Folgen für Knossos keine Rolle, ob das naturwissenschaftliche oder traditionelle Datum der Eruption angenommen wird. Um 1400 v. Chr. (nach traditioneller Chronologie) überstand die Stadt ein schweres Erdbeben dank der vertikal und horizontal in die Mauern eingebauten Zedernhölzer nahezu unbeschädigt. Der Palast wurde bis 1370 v. Chr. genutzt.
Eine Invasion der mykenischen Griechen vom Festland zu Beginn des 14. Jahrhunderts v. Chr. führte nach Ansicht mancher Archäologen – möglicherweise in Verbindung mit einem Aufstand der bereits auf der Insel ansässigen Mykener – zum vollständigen Untergang der minoischen Kultur. Einer Theorie nach hatte die Macht der Minoer durch die Zerstörung der Flotte und aller nordkretischen Häfen einen empfindlichen Schlag erlitten.Carl Knappelt, Ray Rivers, Tim Evans: The Theran eruption and Minoan palatian collaps – new interpretations gained from modelling the maritime network. In: Antiquity, 85, 329, S. 1008–1023. Zusätzlich hätten demnach Missernten, durch Ascheablagerungen sowie eine (von der Eruption ausgelöste) mehrjährige Klimaverschlechterung bedingt, sowohl die minoische Kultur weiter geschwächt als auch die Autorität der herrschenden Schichten untergraben, was zu wachsender Instabilität und möglicherweise auch Zuwanderung mykenischer Griechen geführt habe.
Die mykenischen Eroberer zerstörten in Knossos alles, was das Erdbeben von etwa 1400 v. Chr. verschont hatte. Ein Feuer, das mehrere Tage gewütet haben muss und dem Holz und Öl zusätzliche Nahrung gaben, zerstörte um 1370 v. Chr. die obersten Etagen und viele der aus Kalkstein und Gipsstein (häufig als Alabaster bezeichnet, zum Teil sehr grobkristallin) hergestellten Wände des Palastes. Daraufhin wurde der Palast aufgegeben. In der protogeometrischen Zeit wurde Knossos wiederbesiedelt.
Klassische griechische, hellenistische und römische Zeit Vor 472 v. Chr. wurde der in Knossos geborene Olympionike Ergoteles durch einen bürgerlichen Zwist aus der Stadt vertrieben und siedelte nach Himera auf Sizilien über.Pausanias, Beschreibung Griechenlands 7, 4, 11; Pindar, Olympische Oden 12, 19. Um 343 v. Chr. rekrutierten knossische Werber die Söldner des phokischen Feldherrn Phalaikos, um Lyktos zu erobern. Dieses Unternehmen gelang, doch der spartanische König Archidamos III. nahm sich der Einwohner von Lyktos an und verjagte mit einem Heer Phalaikos wieder.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 16, 62. Im Kampf gegen den Diadochen Demetrios I. Poliorketes fanden 305 v. Chr. die Rhodier beim ägyptischen König Ptolemaios I. und bei Knossos, das ihnen 150 Mann Hilfstruppen sandte, Unterstützung.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 20, 88, 9. Im 3. Jahrhundert v. Chr. wurde Knossos die mächtigste Stadt Kretas und beherrschte mit dem verbündeten Gortyn die ganze Insel mit Ausnahme von Lyktos. Gegen die letztgenannte Stadt begann es mit seinen Alliierten den von etwa 221–219 v. Chr. währenden sog. Lyktischen Krieg. Dieser hatte indessen den Abfall verschiedener kretischer Gemeinden und Parteien in Gortyn zur Folge. Aber Knossos gewann mit Hilfe von 1000 Aitolern. Gortyn ergab sich den Knossiern, die auch Lyktos einnahmen und zerstörten. Eine vom Achaiischen Bund und dem makedonischen König Philipp V. den Gegnern von Knossos gesandte Söldnertruppe, unter anderem 400 Illyrer unter dem Kommando von Plator, verlängerte die Kämpfe auf der Insel.Polybios, Historíai 4, 53 ff.
Der römische Prätor Quintus Fabius Labeo kam 189 v. Chr. nach Kreta und verlangte u. a. auch von Knossos die Herausgabe römischer Gefangener, was die Knossier aber verweigerten.Titus Livius, Ab urbe condita 37, 60, 2 ff. (nach Polybios). Gebietsstreitigkeiten zwischen Knossos und Gortyn entschied der römische Gesandte Appius Claudius 184 v. Chr. im Sinn von Knossos.Polybios, Historíai 22, 19. Um 165 v. Chr. verbündeten sich die beiden rivalisierenden Städte, um die zwischen ihnen gelegene Stadt Rhaukos zu erobern.Polybios, Historíai 31, 1. Für das Jahr 144 v. Chr. wird wieder Knossos’ Streben nach der Hegemonie über Kreta erwähnt.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 33, 10. In einem neuen Krieg siegte um 110 v. Chr. der ältere Dorylaos, ein Freund des pontischen Königs Mithridates V., als Feldherr von Knossos über Gortyn.Strabon, Geographika 10, 4, 10, p. 477. Ab 69 v. Chr. bekämpfte der Konsul Quintus Caecilius Metellus die Kreter wegen deren Begünstigung der kilikischen Piraten und ihres Sieges über Marcus Antonius Creticus. Dabei belagerte und eroberte er auch Knossos.Appian, Sikelike 6; Livius, Ab urbe condita, periocha 99. 67 v. Chr. machten die Römer Gortyn zur Hauptstadt der neuen Provinz Creta et Cyrene, zu der neben Kreta auch die libysche Mittelmeerküste gehörte. 36 v. Chr. siedelte Octavian seine Veteranen von Capua als Kolonisten auf dem Gebiet von Knossos an.Cassius Dio, Römische Geschichte 49, 14, 5; Strabon, Geographika 10, 4, 9, p. 477. Seither war die Stadt eine römische Kolonie unter dem Namen Colonia Iulia Nobilis. Sie bestand bis zum Ende des Altertums. Die griechische und römische Stadt lag in unmittelbarer Nähe des Palastes, doch ist sie nur zu einem kleinen Teil ausgegraben worden.
Das Titularbistum Cnossus geht auf Knossos zurück.
Archäologische Fundstätte mini|links|Rekonstruktion in Knossos Der jüngste Palast von Knossos entstand als Gebäudeensemble mit bis zu fünf Stockwerken mit einer umbauten Fläche von 21.000 m² auf einer lichten Fläche von 2,2 ha. 800 Räume sind nachweisbar, doch dürfte der Palast insgesamt bis zu 1300 besessen haben. Der Palast war zu keinem Zeitpunkt befestigt. Er ist, wie alle Palastanlagen der Minoer, um einen rechteckigen Zentralhof von 53 × 28 m errichtet. Aus vier Richtungen kommen verwinkelte, vergleichsweise schmale Gänge, reich dekorierte Korridore, bemalte Säle, aufwendig gestaltete Treppenhäuser und säulenumstandene Galerien auf diesen Hof zu. Die Anlage war Verwaltungszentrum und enthielt zahlreiche Werkstätten.
mini|Magazin mit Pithoi in Knossos Diese Räume und Korridore sind in einer verwirrenden Anordnung aneinandergefügt. Es gibt Türen und Durchgänge, Treppen und Rampen. Einige Räume sind durch Polythyra verbunden, Innenwände, die als Reihen deckenhoher, doppelflügeliger Türen zwischen Pfeilern ausgeführt waren. Waren sie geschlossen, waren die Räume abgetrennt, wurde eine Tür geöffnet, ergab sich ein Durchgang, wurden alle Türen geöffnet, waren die Räume verbunden. Es gab auch Werkstätten und Magazine, bis zu 400 teilweise mannshohe Pithoi voll Wein, Olivenöl, Getreide oder Honig mit einem Fassungsvermögen von etwa 78.000 Litern.
mini|„Thronsaal“ von Knossos Der bekannteste Raum des Palastes ist der sogenannte Thronsaal, der aufgrund eines dort gefundenen Alabasterthrons so genannt wurde. An den Seitenwänden des Vorraums sind steinerne Bänke aufgestellt. Eine kostbare Porphyrschale steht im Zentrum des Vorraums. Sie diente wahrscheinlich rituellen Waschungen. Andere Interpretationen deuten dies als Aquarium.
Am nordwestlichen Rand der Palastanlage befindet sich eine im rechten Winkel aufeinanderstoßende Treppenanlage, wie sie auch in Phaistos zu finden ist. Sie schließt einen von Westen herankommenden Prozessionsweg ab und wird als Theater für etwa 500 Menschen gedeutet.
Seit 2025 ist Knossos zusammen mit den anderen minoischen Palästen auf Kreta als UNESCO-Welterbe anerkannt.
Infrastruktur Nach Ansicht von Archäologen hatte die Stadt im 16. Jahrhundert v. Chr. zwischen 10.000 und 100.000 Einwohner. Ausgegraben wurden Wohnräume mit Warmwasserheizung, Badezimmer mit Sitzbadewannen und Klosetts mit Wasserspülung. Der Regen wurde auf dem Palastgelände durch sorgfältig verlegte, konisch geformte Röhren aus Terrakotta und abgedeckelte, steinerne Rinnen aufgefangen, die Zisternen waren vergleichsweise klein.
Der nahegelegene Bach Kairatos (heute Katsambas), von dem einige Archäologen annahmen, er sei mit großen Booten schiffbar gewesen, kommt als Trinkwasserversorgung ebenfalls in Frage. Auf dem Palastgelände hat man nur wenige Brunnen gefunden. Kairatos soll nach Strabon (Geographika 10.4.8) neben der Benennung des Baches ein Alternativname für die Stadt Knossos gewesen sein. An der Mündung des Baches, am heutigen Hafen von Iraklio, befand sich der Hafen von Knossos. Ein weiterer Hafen der Stadt soll das östliche Amnisos gewesen sein.
Fresken mini|hochkant|Die „Pariserin“, Wandmalerei aus Knossos (ca. 1500 v. Chr.)