Schamfamilie VerlegenheitBefangenheitSchüchternheitPeinlichkeitKränkungSchmachMinderwertigkeitsgefühl
Das Schamgefühl gehört zu den bei allen Menschen auftretenden Affekten. Auslöser für Schamgefühle können innerseelische Vorgänge sein, wie zum Beispiel der Eindruck von Peinlichkeit oder Verlegenheit, aber auch die Bloßstellung oder Beschämung durch andere Menschen in Form von Demütigungen oder Kränkungen. In Verbindung mit vegetativen Begleiterscheinungen, wie beispielsweise dem Erröten, sind Schamgefühle auch für Außenstehende wahrnehmbar.
Die Fähigkeit, Scham zu empfinden, gilt als angeboren. Im zwischenmenschlichen Kontakt kommt es zu einer Ausdifferenzierung. Die Anlässe für ein Schamgefühl variieren zwischen sozialisations- und kulturbedingten sowie entsprechend der individuellen Veranlagung und der aktuellen Befindlichkeit. Die Intensität der Empfindung kann sich redensartlich vom „peinlichen Berührtsein“ bis zum „Im-Boden-Versinken“ erstrecken.
Beschämungen und Schamgefühle sind nicht allein individuelle Phänomene, sondern werden auch in mehr oder minder großen sozialen Gruppierungen verursacht und erlitten. Die damit verbundenen Kränkungen des Selbstwertgefühls erzeugen ein breites Spektrum unterschiedlicher Reaktions- und Verarbeitungsweisen. Der Erforschung und Deutung, teils auch der Behandlung von Schamgefühlen, widmen sich eine Reihe sozial-, geistes- und naturwissenschaftlicher Disziplinen.
Begriff Aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit des Schamgefühls werden Analysen häufig an binären Unterscheidungen festgemacht, um bestimmte Aspekte herauszuarbeiten. So wird zwischen moralischer und imagebezogener Scham, zwischen internalisierter und externalisierter Scham, zwischen gesunder und pathologischer Scham oder zwischen destruktiver und konstruktiver Scham unterschieden. Als Gegenpol zur Scham kann das Gefühl des Stolzes betrachtet werden, das mit Situationen einhergeht, die das Selbstwertgefühl aufwerten.
Der Sozialpsychologe Jonas Rees definiert Scham als „aversive Emotion, die häufig mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit einhergeht“. Sie wird empfunden, wenn das Selbstbild einer Person nicht mit dem Bild übereinstimmt, das andere Personen von ihr haben, oder das die Person selbst aufgrund bestimmter Umstände von sich gewinnt. Für Brené Brown ist Scham die Empfindung persönlicher Fehlerhaftigkeit und hat mit der Angst vor Zugehörigkeitsverlust zu tun. Im Extremfall ist Scham „das Gefühl, dass nichts mehr zu retten sei, wenn die anderen einem auf die Schliche kommen.“
Sowohl individuell als auch kulturell wird Scham häufig im Verhältnis zu Schuld betrachtet. Da ebenfalls in sozialen Normen verankert, ist das Schuldgefühl mit dem Schamgefühl verwandt, so Michael Raub. „Man lädt Schuld auf sich, wenn man gegen eine Norm verstoßen hat, ohne daß aber die eigene Person sich davon in ihrem Innersten durch Bloßstellung vor anderen entwertet fühlen muß.“Michael Raub: Scham – ein obsoletes Gefühl? Einleitende Bemerkungen zur Aktualität eines Begriffs. In: Kühn, Raub, Titze (Hrsg.) 1997, S. 31. In Mustern der Schamkultur bewegt sich im Sinne einer solchen Unterscheidung, „wer ein unerwünschtes, unerlaubtes Verhalten aus Furcht vor Liebesentzug oder Strafe unterlässt“, so Ulrich Greiner. Einer Schuldkultur hingegen folge, wer durch sein Gewissen bestimmt wird, etwas zu unterlassen. Das Ineinandergreifen von Scham und Schuld kommt im Begriff der Gewissensscham zum Ausdruck. Sie fußt auf dem Grundbedürfnis nach Integrität und signalisiert Verletzungen der eigenen moralischen und ethischen Wertvorstellungen. Nach Wurmser ist Scham „die Wächterin der inneren Realität“. Schambesetzte Schuldgefühle resultieren demnach aus Gewissenskonflikten. Diese gründen in anerzogenen und übernommenen Moralvorstellungen, die im Laufe des Lebens modifiziert oder ersetzt werden können.
Im Zusammenhang mit den Funktionen der Scham behandelt Wolfgang Blankenburg eine „behütende Scham“ am Beispiel von Künstlern, die sich etwa scheuen, ein Bild zu zeigen, das ihnen noch nicht ausgereift oder gut genug erscheint, an das sie aber vielleicht große Erwartungen knüpfen: ein Verhüllen aus Scheu vor einer voreiligen Kritik, die die im Werk angelegten Potenziale verkennt.Wolfgang Blankenburg: Funktionen der Scham. In: Kühn, Raub, Titze (Hrsg.) 1997, S. 179. Zudem reflektiert Blankenburg eine Scham des Erkennenden, die die Schutzbedürftigkeit des Gegenübers achtet: „Es gibt einen ‚Takt‘, der gegenüber dem Begegnenden fragt, wie er/sie/es verstanden sein möchte, welche Herangehensweise ihm adäquat wäre.“Wolfgang Blankenburg: Funktionen der Scham. In: Kühn, Raub, Titze (Hrsg.) 1997, S. 186.
Etymologisch leitet sich das deutsche Wort Scham von bzw. altsächsisch ab, das auf urgermanisch mit der Bedeutung „Schamgefühl, Beschämung, Schande“ zurückgeht. Die indogermanische Wurzel kam/kem kann mit „zudecken, verschleiern oder verbergen“ übersetzt werden und zeigt, „wie eng das Gefühl der Scham mit der Vorstellung des Sichverbergens verbunden ist“. Die meisten europäischen Sprachen unterscheiden zwischen einem Gefühl für Scham und dem Beschämt-sein (z. B. „Scham“ und „Schande“ im Deutschen oder und im Französischen).
Erscheinungsbild mini|hochkant|Eva nach dem Sündenfall, Auguste Rodin
Nach Léon Wurmser ist Scham „in ihren typischen Grundzügen komplex und variabel, viel eher eine Palette von eng verwandten Affekten als ein simpler, klar abgegrenzter Affekt“.
Körperliche Begleiterscheinungen Eine typische Begleiterscheinung des Schamgefühls ist die Schamröte, eine Reaktion des vegetativen Nervensystems, die eine verstärkte Blutzufuhr im Gesicht verursacht und es erröten lässt. Als innerlich wahrnehmbare und nach außen sichtbare Reaktion kann das Bewusstsein, rot geworden zu sein, die Schamempfindung noch verstärken. Im Allgemeinen scheinen Kinder und Jugendliche schneller rot zu werden als Erwachsene, doch nicht alle Menschen erröten, wenn sie Scham empfinden. Auch ein besonders breites Grinsen oder verlegenes Lachen gelten als mögliche Anzeichen der Scham. Weitere Körperreaktionen akuter Schamgefühle können Stressreaktionen wie ein erhöhter Puls, Schweißausbrüche, Schwindel und Herzklopfen sein.
Wird im Bereich der Körpersprache der Blickkontakt unterbrochen, kann das Schamgefühle signalisieren. Sie können von Gesten begleitet werden, wie das Senken des Kopfes oder das Verbergen der Augen mit den Händen. Im Internetjargon ist diese Geste als Facepalm bekannt und wird in Memes und als Emoticon genutzt, um Fremdscham auszudrücken. Die Körperhaltung tendiert dazu, sich zusammenzurollen und den Körper kleiner erscheinen zu lassen. Gestik und Gang sind oft gehemmt und können durch drehende, ausweichende Bewegungen einem Davonschleichen und Hinauswinden gleichen. Die Intensität, mit der das Erleben von Scham beginnt, kann zu einem Verlust der Geistesgegenwart führen, sodass die Sprache stockt oder es zum Stottern kommt.
Varianten Abhängig von Alter, Geschlecht, Charakter und aktueller Lebenssituation werden Schamgefühle unterschiedlich erlebt und verarbeitet. So hat jeder Mensch eine persönliche „Schambiografie“.
Die Philosophin Inga Claudia Römer bezeichnet die Scham als eine affektive Erfahrung eines Mangels, „in der eine dreigliedrige Grundstruktur zu erkennen ist: ‚Jemand (1) schämt sich für etwas (2) vor jemandem (3)‘“. Auf Basis dieser allgemein definierten Grundstruktur der Scham lassen sich verschiedene Erscheinungsformen beschreiben, die sich in ihren Zusammenhängen, Auslösern, Beweggründen, Reaktionen und Bewertungen unterscheiden:
Körperscham mini|Eglon van der Neer: Die Frau des Kandaules entdeckt den versteckten Gyges.
Ein typisches Beispiel der Körperscham ist die empfundene Nacktheit bei der Unterschreitung einer Mindestgrenze an körperlicher Bedeckung. Die Varianz dieser Grenze kann von einer Hüftschnur zur Bedeckung der Geschlechtsorgane bis zur völligen Verhüllung des Körpers bei einer Ganzkörperverschleierung reichen. Für den Ethnologen Hans Peter Duerr scheint die Körperscham des Menschen nicht kulturspezifisch, sondern charakteristisch für die menschliche Lebensform überhaupt zu sein. So pflegen Naturvölker, die kaum oder gar keine Kleidung tragen, wie die Kwoma in Neuguinea, strenge Blick-Tabus: „Männer dürfen Frauen nicht auf den Genitalbereich oder die Brüste schauen. Begegnen sich Mann und Frau, etwa auf einem Pfad, unterhalten sie sich Rücken an Rücken.“ Dabei lösen die unterschiedlichen Körperteile in ungleichem Maße Scham aus. Für die am meisten schambehafteten Zonen des Körpers, die entblößten Genitalien, werden bezeichnenderweise Begriffe wie Schamgegend oder die weibliche Scham synonym verwendet. Auch die Beschaffenheit und das Aussehen des eigenen Körpers können Anlass zur Scham sein. Auffallende Makel, körperliche Entstellungen, Normabweichungen oder das Empfinden, nicht attraktiv zu sein, lösen bisweilen Schamgefühle aus. Das Beschämen anderer Personen aufgrund körperlicher Merkmale fällt unter den Begriff des Bodyshaming. Die Historikerin Ute Frevert weist darauf hin, dass sich Beschämung und Scham im direkten und übertragenen Sinn an den Körper heften und an ihm haften bleiben. Seit dem 19. Jahrhundert stünde vor allem der weibliche Körper im Mittelpunkt vielfältiger Beschämungspraktiken: „In einer Zeit, die Sexualität ebenso unterdrückte wie obsessiv zum Thema machte, wurden junge Mädchen dazu erzogen, sich für und durch ihren Körper zu schämen, ihn zu verhüllen und vor männlichen Blicken zu verbergen. ‹Schamhaftigkeit› war für Frauen eine conditio sine qua non; als schamlos galten jene, die ihren Körper verkauften oder verschenkten.“
Geschlechtsspezifische Scham „Ein Mann darf nicht weinen, eine Frau nicht fluchen.“ Es zeigt sich, dass die Ausprägungen und Anlässe des Schamgefühls nicht nur einem historischen Wandel unterliegen, sondern auch geschlechtsspezifisch sind. Brené Brown führt das Gefühl der Scham auf Rollenklischees zurück, denen man nicht zu genügen glaubt: „Scham fühlt sich für Männer und Frauen gleich an, aber sie ist nach Geschlecht organisiert.“ Während die Gefühlsscham zumeist dem Mann zugerechnet wird, für den es sich lange Zeit nicht schickte, in der Öffentlichkeit zu weinen, zu erröten oder Furcht zu zeigen, wurde die Körperscham als typisch weibliche Eigenschaft verstanden. Diese Vorstellung einer naturgegebenen Schamhaftigkeit der Frau wird mit ihrer Keuschheit in Verbindung gebracht und reicht bis in die Antike zurück, wo sie vor allem in der bildenden Kunst ihren Ausdruck fand. Sie wurde laut Jean-Claude Bologne mit dem Urchristentum beginnend von einer obsessiven Angst vor der weiblichen Sexualität begleitet. Heute steht der Begriff Slutshaming – das diskriminierende Bezeichnen als Schlampe – für die Abwertung zumeist weiblicher Personen aufgrund ihres sexuellen Verhaltens mit dem Ziel, Schamgefühle auszulösen. Auch die weibliche Menstruation ist in vielen Kulturen schambesetzt (siehe Menstruationsshaming).
Gruppenbasierte Scham