mini|Das Titelblatt von Hans Dencks Schrift Vom Gsatz (Gesetz) Gottes in der Straßburger Ausgabe von 1526. Der Holzschnitt zeigt links das Lamm Gottes als Symbol Christi, rechts eine Schlange als Symbol Satans, in der Mitte einen Gelehrten mit Narrenschuhen, dessen Gesicht von einem aufgeschlagenen Buch verdeckt ist. Damit werden schriftgläubige Theologen als bornierte, verständnislose Buchgelehrte karikiert.
Hans Denck (auch Johann(es) Den(c)k, authentische Namensform Dengk,Siehe dazu Georg Baring (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 1, Gütersloh 1955, S. 16–18. latinisiert Johannes Dengkius; * vermutlich um 1500 in Habach, Oberbayern; † November 1527 in Basel) war ein deutscher Theologe, Humanist, Schriftsteller und Bibelübersetzer.
Er wandte sich von der katholischen Kirche ab und der Reformation zu. Später schloss er sich der Täuferbewegung an, die eine Gläubigentaufe anstelle der Kindertaufe praktizierte, und wurde einer ihrer namhaftesten Wortführer. Allerdings distanzierte er sich von dem Glauben an die Heilsbedeutung des Taufritus, denn er betrachtete Riten als bloße Äußerlichkeiten. Denck vertrat eine spiritualistische Lehre, die den Vorrang der Stimme Gottes im menschlichen Geist gegenüber dem Wortlaut der äußeren Offenbarung in der Bibel proklamierte.
Als Theoretiker der radikalreformatorischen Strömung formulierte Denck Kernthesen eines eigenverantwortlichen, von äußeren Autoritäten unabhängigen Christentums. Das Ziel der radikalreformatorischen Bestrebungen war eine Emanzipation des Individuums von religiöser Bevormundung, die weit über Martin Luthers Kampf gegen das Papsttum und die katholische Hierarchie hinausging. In der Täuferbewegung war der Einfluss von Dencks Gedankengut groß. Aus gegnerischer Sicht wurde er als „Papst“ der Täufer wahrgenommen, obwohl er kein Amt bekleidete. Sein Konzept erregte in der Öffentlichkeit Aufsehen und wurde von spiritualistischen Denkern außerhalb der institutionellen Glaubensgemeinschaften aufgegriffen.
Bei seinen Zeitgenossen war Denck stark umstritten. Immer wieder geriet er in Konflikte mit lutherischen Predigern, die wiederholt zu seiner Vertreibung führten und ihn zu einem Wanderleben zwangen. In der modernen Forschung wird seine Pionierrolle als eigenständiger Denker in einer von konfessionellem Zwang geprägten Epoche gewürdigt.
Leben Jugend und Begegnung mit dem Humanismus und der Reformation Hans Denck wurde wohl um 1500 in der oberbayerischen Ortschaft Habach geboren.Zur Datierung siehe Walter Fellmann (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 2, Gütersloh 1956, S. 8 und Anm. 1. Seine Herkunft ist unbekannt. Anscheinend bestimmten ihn seine Eltern für den Beruf eines Gelehrten. Nach dem Besuch der Lateinschule wurde er am 29. Oktober 1517 an der Universität Ingolstadt als Hörer der Artistenfakultät immatrikuliert. Dort schloss er das Studium der artes liberales mit dem Erwerb des Grades eines Baccalaureus ab. Wohl schon in der Studienzeit erwarb er eine ausgezeichnete Kenntnis des Griechischen und des Hebräischen. Damit wurde er ein homo trilinguis, ein „Dreisprachiger“, der durch Beherrschung der drei klassischen Bildungssprachen Latein, Griechisch und Hebräisch ein humanistisches Bildungsideal verwirklichte. Bei einem Aufenthalt in Augsburg gewann er Zugang zum dortigen Humanistenmilieu und schloss Freundschaft mit dem Gelehrten Veit Bild. Dank seiner Verbindung zu dieser Bildungsschicht erhielt er 1520 eine Hauslehrerstelle in dem schwäbischen Dorf Niederstotzingen in der Familie des Augsburger Dompropstes Marquard vom Stain, der dem Adelsgeschlecht der Herren vom Stain angehörte. Damals verfasste Denck drei Epigramme, zwei lateinische und ein griechisches, für Veit Bild. Schon im Juni 1520 verließ er jedoch den wenig anziehenden Ort und kehrte nach Augsburg zurück oder ging sogleich nach Donauwörth, wo er einige Zeit als Kantor und vielleicht als Lehrer tätig war.Walter Fellmann (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 2, Gütersloh 1956, S. 8 f.; Gottfried Seebaß: Hans Denck. In: Gerhard Pfeiffer, Alfred Wendehorst (Hrsg.): Fränkische Lebensbilder, Bd. 6, Würzburg 1975, S. 107–129, hier: 109–111; Jan J. Kiwiet: The Life of Hans Denck. In: The Mennonite Quarterly Review 31, 1957, S. 227–259, hier: 230–233.
Schließlich erlangte der junge Humanist 1521 oder 1522 eine Anstellung als Schulmeister in Regensburg. Der Historiker Johannes Aventinus machte ihn mit dem Kartografen Peter Apian bekannt, und als Apian 1521 eine Erläuterung zu einer Weltkarte herausbrachte, steuerte Denck dazu ein lateinisches Gedicht bei. Spätestens um diese Zeit, vielleicht schon in Augsburg kam Denck mit der beginnenden reformatorischen Bewegung in Kontakt und schloss sich ihr an. Er wurde Lutheraner und übersiedelte nach Basel, wo damals der Reformator Johannes Oekolampad wirkte und der berühmte Humanist Erasmus seinen Wohnsitz hatte. Basel war als vom Humanismus geprägte Stadt für einen Gelehrten wie Denck sehr attraktiv.Walter Fellmann (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 2, Gütersloh 1956, S. 9; Gottfried Seebaß: Hans Denck. In: Gerhard Pfeiffer, Alfred Wendehorst (Hrsg.): Fränkische Lebensbilder, Bd. 6, Würzburg 1975, S. 107–129, hier: 110 f.; Georg Baring (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 1, Gütersloh 1955, S. 61.
In Basel unterstützte Denck wohl Oekolampad, der bei dem Drucker Andreas Cratander Korrektor war, und wurde dann selbst Korrektor bei Valentin Curio. In Curios Druckerei war er insbesondere an der Herausgabe der vierbändigen griechischen Grammatik des Theodorus Gaza beteiligt.Walter Fellmann (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 2, Gütersloh 1956, S. 9; Gottfried Seebaß: Hans Denck. In: Gerhard Pfeiffer, Alfred Wendehorst (Hrsg.): Fränkische Lebensbilder, Bd. 6, Würzburg 1975, S. 107–129, hier: 111 f.; Georg Baring (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 1, Gütersloh 1955, S. 65 f.
mini|Der Pfarrhof von St. Sebald, Dencks zeitweiliger Wohnsitz in Nürnberg Als in der Reichsstadt Nürnberg die Stelle des Rektors der Lateinschule, der „Sebaldusschule“, frei wurde, wollte man sie mit einem humanistisch gebildeten Gelehrten besetzen, weil der Unterricht seit 1509 humanistische Bildung umfasste. Oekolampad empfahl dem einflussreichen Nürnberger Ratsherren und Humanisten Willibald Pirckheimer Denck als geeignete Persönlichkeit. Der Vorschlag wurde angenommen, und im September 1523 traf Denck in Nürnberg ein und trat die Stellung an. Er erhielt neben seiner Besoldung freie Wohnung und Kost im Pfarrhof von St. Sebald und verkehrte in Pirckheimers Haus.Georg Baring: Hans Denck und Thomas Müntzer in Nürnberg 1524. In: Archiv für Reformationsgeschichte 50, 1959, S. 145–181, hier: 147 f. Aus einem Protokoll des Stadtrats vom 10. Februar 1524 geht hervor, dass er verheiratet war. Als eifriger Anhänger der Reformation verbot er seinen Schülern, bei der Messe den Ministrantendienst zu verrichten. Das ging aber dem vorsichtigen Stadtrat zu weit: Das Verbot wurde im Juni 1524 aufgehoben, obwohl sich Nürnberg schon im Vorjahr für die Reformation entschieden hatte.Georg Baring: Hans Denck und Thomas Müntzer in Nürnberg 1524. In: Archiv für Reformationsgeschichte 50, 1959, S. 145–181, hier: 148 f.; Walter Fellmann (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 2, Gütersloh 1956, S. 9 f.; Gottfried Seebaß: Hans Denck. In: Gerhard Pfeiffer, Alfred Wendehorst (Hrsg.): Fränkische Lebensbilder, Bd. 6, Würzburg 1975, S. 107–129, hier: 113 f.; Werner O. Packull: Mysticism and the Early South German-Austrian Anabaptist Movement 1525–1531, Scottdale 1977, S. 37.
In Nürnberg kam Denck mit radikalreformatorischen Kreisen in Kontakt, die mit der lutherischen Reformation unzufrieden waren. Sie forderten eine weitergehende Reform der kirchlichen und teils auch der politischen und sozialen Verhältnisse. Thomas Müntzer, ein führender Vertreter des sozialrevolutionären Flügels dieser Richtung, und der Reformator Hans Hut, der damals Müntzer nahestand, hielten sich zeitweilig in Nürnberg auf. Ob Denck mit Müntzer zusammentraf, ist unklar. Jedenfalls begegnete er Hut, den er auch beherbergte. Aus Enttäuschung über die konkreten Ergebnisse der lutherischen Reformation schloss er sich der radikalreformatorischen Strömung an. Damit geriet er in einen scharfen Gegensatz zum herrschenden Lutheranismus.Siehe dazu Georg Baring: Hans Denck und Thomas Müntzer in Nürnberg 1524. In: Archiv für Reformationsgeschichte 50, 1959, S. 145–181, hier: 148–155; Walter Fellmann (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 2, Gütersloh 1956, S. 10.
mini|Die erste Seite des von Hans Denck im Januar 1525 verfassten Bekenntnisses. Staatsarchiv Nürnberg, S I, L 78, Nr. 14 Den Anlass zum Ausbruch von Dencks Konflikt mit den Lutheranern bot seine Beziehung zu zwei Schülern Albrecht Dürers, den Malern und Kupferstechern Barthel Beham und Sebald Beham. Insbesondere durch sie war er mit dem Nürnberger Humanismus verbunden, doch die Behams waren in der Stadt suspekte Außenseiter; sie wurden als „gottlose Maler“ gescholten, denn sie standen im Verdacht, die Autorität der Heiligen Schrift gänzlich zu missachten. Wegen ihrer religionskritischen Äußerungen wurden sie denunziert und zur Verantwortung gezogen. Im Verhör nannte Sebald Beham den Namen Dencks, worauf dieser vom Stadtrat zwecks Untersuchung seiner Rechtgläubigkeit vorgeladen und am 10. Januar 1525 befragt wurde. Unter den lutherischen Predigern, die ihn der Glaubensprüfung unterzogen, war der Reformator Andreas Osiander. Sie versuchten ihn in die Enge zu treiben, doch es gelang ihnen nicht, ihm kompromittierende Äußerungen zu entlocken. Nach den Angaben der Prediger verteidigte er sich so geschickt, dass sie ihn anhand seiner mündlichen Antworten nicht zu fassen bekamen. Daher erhielt er die Auflage, sich zu sieben kontroversen theologischen Fragen schriftlich zu äußern. Dieser Aufforderung kam er mit der Einreichung eines Bekenntnisses nach, das er zugleich abschriftlich zirkulieren ließ. Es ist das erste überlieferte Zeugnis seiner theologischen Gedankenwelt und zeigt beträchtliche Übereinstimmungen mit Schriften Müntzers.Georg Baring: Hans Denck und Thomas Müntzer in Nürnberg 1524. In: Archiv für Reformationsgeschichte 50, 1959, S. 145–181, hier: 155 ff., 175; Gottfried Seebaß: Müntzers Erbe, Gütersloh 2002, S. 178–180. Offen und drastisch schilderte er hier auch seine Unsicherheit und seinen quälenden Glaubenszweifel. Der Rat legte das Bekenntnis den lutherischen Predigern zur Prüfung vor. Deren Gutachten, bei dem Osiander federführend war, fiel vernichtend aus:Das Gutachten ist ediert von Gerhard Müller (Hrsg.): Andreas Osiander d. Ä.: Schriften und Briefe 1522 bis März 1525, Gütersloh 1975, S. 411–417. Denck wurde beschuldigt, zusammen mit seinen Freunden einen giftigen Irrtum zu verbreiten. Er sei unbelehrbar. Verübelt wurde ihm insbesondere die Veröffentlichung seiner Stellungnahme, die seine Starrköpfigkeit zeige. Am 21. Januar 1525 beschloss der Stadtrat seine Ausweisung. Noch am selben Tag musste er die Stadt verlassen, nachdem er sich eidlich verpflichtet hatte, niemals zurückzukehren. Seine Frau blieb in Nürnberg zurück. Die Kunde von diesen Vorgängen verbreitete sich in Deutschland und erregte die Gemüter.Walter Fellmann (Hrsg.): Hans Denck: Schriften, Teil 2, Gütersloh 1956, S. 10 f.; Clarence Bauman: The Spiritual Legacy of Hans Denck, Leiden 1991, S. 8 f.; Georg Baring: Hans Denck und Thomas Müntzer in Nürnberg 1524. In: Archiv für Reformationsgeschichte 50, 1959, S. 145–181, hier: 176 f.
Radikalreformatorische und wissenschaftliche Betätigung