mini|Der Bösewicht Gao Qiu erschleicht sich beim Cuju-Spiel Prinz Duans Vertrauen, des zukünftigen Kaisers Huizong (Kapitel 2) – Blockdruck aus der Textausgabe von Yu Xiangdou, 1594.Diese Drucke wurden seit der Ming- und frühen Qing- und bis in die heutige Zeit vielfach reproduziert; so beispielsweise in einem Druck um 1610–1640, heute im Metropolitan Museum of Art, New York (Nr. 712497, abgerufen am 5. Januar 2025). Gregory (2023) gibt im Impressum von Bandits in Print. „The Water Margin“ and the transformations of the Chinese novel die Edition von Yu Xiangdou, 1594, als Quelle.
Die Geschichte vom Ufer des Wassers (), in deutscher Sprache seit der ersten Übersetzung von Franz Kuhn auch unter dem Titel Die Räuber vom Liang-Schan-Moor bekannt, ist ein chinesisches Volksbuch aus dem 14. Jahrhundert. In Form eines spannenden Abenteuerromans erzählt der Roman die Geschichten einer Gruppe legendärer Geächteter.
Die Verfasserschaft wird Shi Nai’an () und Luo Guanzhong () zugeschrieben.
Neben dem Traum der roten Kammer, der Reise nach Westen und der Geschichte der Drei Reiche zählt dieses Buch zu den vier klassischen Romanen der chinesischen Literatur. „Die Räuber vom Liang-Schan-Moor“ ist der erste in chinesischer Umgangssprache, Baihua, geschriebene chinesische Roman.
Historischer Kontext Der Roman spielt zur Zeit der nördlichen Song-Dynastie (960–1126) unter Kaiser Huizong (1082–1135) in einer von inkompetenter Regierung, korrupten Eliten und verarmten Bauern geprägten Gesellschaft.
Historisches Vorbild ist eine Gruppe von Banditen um Song Jiang (), die am Anfang des 12. Jahrhunderts in den heutigen Provinzen Shandong, Henan und Jiangsu ihr Unwesen trieben. Chinesische Chroniken wie beispielsweise die offizielle Geschichte der Song () berichten von einem Aufstand, angeführt von Song Jiang, gegen den 1120 ein kaiserliches Edikt erlassen wurde,Geschichte der Song (Sòng Shǐ), 22: und der sich schließlich 1121 den kaiserlichen Truppen ergeben habe.Geschichte der Song (Song Shi), 353, 6: Biographie von Zhang Shuye. Auch andere Romanfiguren, wie beispielsweise der Erzbösewicht Gao Qiu () haben historische Vorbilder: Gao Qiu lebte von etwa 1076 bis 1126 und war ein hochrangiger Beamter am Hof des Kaisers Song Huizong.
Handlung mini|Großmarschall Hong Xin befreit die 108 Dämonen – Blockdruck aus der Textausgabe von Yu Xiangdou, 1594 mini|Liangshan () – im gleichnamigen Kreis – in Shandong
Das Werk handelt von den 108 berühmten Anführern einer Rebellenarmee, die gegen korrupte kaiserliche Beamte und Soldaten für die gute Sache kämpfen. Sie leben in einer Bergfeste mit ca. 30 000 weiteren Anhängern am Liang-Schan-Moor (, selten auch ), Shandong. Unter ihnen finden sich Verfolgte und Geächtete, Bauern, Fischer, Kaufleute, Beamte, ehemalige Offiziere, Landadelige und Mönche sowie auch einige Frauen und Räuber, die sich zu einer Schwurbrüderschaft zusammenschließen. In vielen einzelnen Episoden werden ihre Abenteuer erzählt.
Der Song-Kaiser Song Renzong (1010–1063) hatte seinen Großmarschall Hong Xin ausgesandt, um das Oberhaupt der daoistischen Religionsgemeinschaft, den Himmelsmeister Zhang, in die Hauptstadt Kaifeng einzuladen. Er sollte dort mit mächtigen Riten einer Seuche Einhalt gebieten. Im Kloster auf dem Drachen-und-Tigerberg in der Präfektur Xin-zhou (heute Guanxin), Provinz Jiangxi, lässt Hong Xin entgegen der Warnungen der Mönche aus der „Halle der niedergerungenen Dämonen“ 108 Sterne frei, von den Dao-Meistern einst gebändigte Dämonenkönige, nämlich 36 himmlische Geister und 72 irdische Dämonen.
Die verbotene Tat des Großmarschalls bezeichnet den Anfang der Abenteuer von 108 Helden, die sich nun auf den Weg machen, mittels gerechter Taten Verdienste zu sammeln. Sie führen ein Banner mit der Inschrift „Dem Himmel Gerechtigkeit erweisen, das Volk retten.“ Erst gegen Ende der Geschichte (Kapitel 71 der Jin-Shengtan-Ausgabe) wird das wahre Wesen der Helden offenbar: Während eines Festmahls erscheint eine zweite Steinplatte, auf der die geheimen Namen aller 108 Geister „in Drachenschrift und Phönixsiegeln, talismanischen Listen in Himmlischer Schrift“ verzeichnet sind, nur ein eingeweihter Daoist kann sie lesen. Die 108 Dämonenseelen bilden als Sternbild eine mächtige Verkörperung des Himmlischen Gesetzes. Jeder einzelne Stern verkörpert einen bestimmten Sternengott und kann angerufen werden, um Falsches wieder richtig zu machen.
Einzeln und in Gruppen bewegen sich die Charaktere durch ihre Abenteuer, begegnen und trennen sich wieder, bis sie schließlich in der „Halle der Treue und Rechtschaffenheit“ der Festung im Liang-Shan-Moor zusammenfinden. Song Jiang ist der unter dem Leitstern Wiedergeborene der Helden und eine der Hauptpersonen des Romans. Mit seiner Ernennung zum Anführer im 60. Kapitel des Romans sind die Hundertacht vollzählig.
Wie die Handlung weitergeht, hängt von der jeweiligen Textausgabe ab: In der weit verbreiteten Ausgabe von Jin Shengtan endet der Roman nach dem Treffen in der Festung mit dem Traum eines Helden, Lu Junyi () von der Hinrichtung aller Rebellen durch Regierungstruppen, woraufhin ein Banner mit der Aufschrift „Frieden und Wohlstand“ am Himmel erscheint. In anderen Editionen nimmt die Bande eine kaiserliche Amnestie an und kämpft für die Song-Dynastie weiter. Alle Editionen enden gleichermaßen mit der Auflösung der Bande, indem die Helden einzeln ihrer Wege ziehen, krank werden oder in der Schlacht sterben.
Sprach- und Textentwicklung Bevor der Roman überhaupt erstmals zu Papier gebracht wurde, ist nach Ansicht des französischen Gelehrten Jacques Dars von einer langen mündlichen Überlieferung auszugehen. Die Kapitellänge und stilistische Eigenschaften, die aus dem mündlichen Vortrag stammen, weisen auf die Tradition der Geschichtenerzähler. Die meisten Episoden beginnen mit der Formel: , ähnlich der deutschen Phrase Es war einmal, und schließen nach einem Ausblick auf die Geschehnisse des nächsten Kapitels mit .
Das Shuihu Zhuan ist aus einer gänzlich anderen Tradition heraus entstanden als die epische chinesische Geschichtsschreibung, wie beispielsweise die Frühlings- und Herbstannalen. Die klassischen Werke beschreiben meist Ereignisse aus ferner Vergangenheit. Ihre Personen scheinen eher auf einer Bühne zu agieren, als dass sie sprechen. Sie handeln, wie es ihrem jeweiligen Rollenmodell entspricht, es finden sich kaum individuelle Züge. Das klassische Chinesisch (Wenyan), in dem diese schriftlich tradierten Werke geschrieben sind, ist bestenfalls noch einer literarischen Elite verständlich.
Im Gegensatz zum klassischen Chinesisch entwickelte sich die chinesische Volkssprache (Baihua) ständig weiter. Dialekte und Sprachgewohnheiten aus allen Volksgruppen und gesellschaftlichen Schichten flossen wie selbstverständlich in die Umgangssprache ein und somit auch in die darstellende und erzählende Kunst, vor allem der Geschichtenerzähler. Das Publikum schätzte bei dieser dem traditionellen chinesischen Drama eng verwandten Kunst neben dem epischen und lyrischen Gehalt vor allem die Fähigkeit des Erzählers, den verschiedenen Charakteren überzeugend und lebhaft Stimme und Ausdruck zu verleihen – wie man es heute noch erleben kann. Diese Qualität behielten die schriftlich festgehaltenen umgangssprachlichen Geschichten bei.
Spätestens seit der Mingzeit sind Kommentare zum Shuihu Zhuan überliefert. Jin Shengtan (gest. 1661) schreibt lobend (nach Ge, 2001), dass jede einzelne Romanfigur nicht nur dadurch gekennzeichnet sei, was sie sage, sondern auch wie sie etwas sage. Die hundertacht Helden würden als genau so viele Individuen beschrieben, die auf unterschiedlichen Ebenen miteinander in lebhaftem Dialog und Austausch stünden. In ihrer Individualität verkörpern die Romanfiguren unterschiedliche Formen gesellschaftlichen Bewusstseins und verschiedene soziologische, ideologische und geografische Beiklänge.
Manuskripte von Teilen des Werks sind aus dem späten 14. Jahrhundert erhalten. Die ältesten bekannten gedruckten Exemplare stammen aus der Zeit des Ming-Kaisers Jiajing (1507–1567). Sie wurden eher für den Hofstaat als für die breite Öffentlichkeit hergestellt; bekannt, aber nicht erhalten, sind offiziell genehmigte Ausgaben des Zensuramts und des Marquis von Wuding, Guo Xun. Die erste inhaltlich vollständige Ausgabe mit 100 Kapiteln wurde 1589 gedruckt. Während der Qing-Dynastie (1644–1911) war die am weitesten verbreitete Ausgabe die von Jin Shengtan, erstmals erschienen 1641 oder 1644.
Gregory (2023) gibt einen Überblick über die bekannten frühesten Druckversionen des Werkes. Er hält es nicht für möglich, eine ursprüngliche Textstufe zu rekonstruieren. Als gegen Ende des 16. Jahrhunderts das Interesse an gedruckten Romanen aufkam, habe jeder Herausgeber/Drucker eine Version des Textes erstellt und veröffentlicht, von der er sich den größten kommerziellen Erfolg versprochen habe. Begriffe wie Autor eines Buches oder Urheberrechte seien – wie auch in Europa – damals unbekannt gewesen. Die Herausgeber hätten sich dabei aus einem Schatz ursprünglich mündlich überlieferter, später als einzelne Geschichten oder Erzählungen um eine bestimmte Heldenfigur im Druck erschienener Geschichten bedienen können.
Zu Beginn der Qing-Dynastie, im Jahr 1644, wurde die Geschichte verboten, weil sie den Autoritäten als umstürzlerisch galt. Das Verbot hatte nicht lange Bestand, denn spätestens im gleichen Jahr erschien die Ausgabe von Jin Shengtan, die über mehr als 150 Jahre weit verbreitet blieb.
Übersetzungen
mini|Mu Chun (japanisch Byotaichu Setsuei), kämpft mit Xue Yong (japanisch Shôsharan Bokushun). Holzschnitt von Utagawa Kuniyoshi, 1827–30 Japanisch Das Shuihu Zhuan, die japanische Lesart ist Suikoden, wurde in Japan früh populär. Die älteste bekannte Übersetzung entstand 1757. 1773 veröffentlichte Takebe Ayatari Honcho suikoden (Japanisches Suikoden). 1783 erschien Onna suikoden (Suikoden der Frauen). 1801 veröffentlichte Santō Kyōden Chushingura suikoden (Geschichtenschatz des Suikoden). 1805 erschien Shinpen Suikoden (Das neu illustrierte Suikoden) von Kyokutei Bakin mit Illustrationen von Katsushika Hokusai, das so erfolgreich war, dass auch andere berühmte Künstler des Ukiyo-e Illustrationen zum Roman schufen. Der Verleger Kagaya Kichibei veröffentlichte 1827–1830 die Serie Tsuzoku Suikoden goketsu hyakuhachinin no hitori (108 Helden des Suikoden), die den Ruhm Utagawa Kuniyoshis begründete. 1866–1867 veröffentlichte Tsukioka Yoshitoshi eine Serie von 50 Holzschnitten. Kōjirō Yoshikawa – , Shigeru Shimizu – (Übersetzer): Suikoden: Kanyaku – (Water Margin: Complete Translation), Iwanami Shoten – , Tokio 1998, ISBN 4-00-320161-2 (japanisch, ).
Englisch All Men Are Brothers. Übersetzung ins Englische von Pearl S. Buck. 1933 (englisch).
The Marshes of Mount Liang. Fünfbändige Übersetzung ins Englische von Alex und John Dent-Young. Chinese University Press, Hongkong 1994–2002 (englisch). The Broken Seals. Band 1, 1994, ISBN 962-201-602-2 (). The Tiger Killers. Band 2, 1997, ISBN 962-201-751-7 (). The Gathering Company. Band 3, 2001, ISBN 962-201-847-5 (). Iron Ox. Band 4, 2002, ISBN 962-201-989-7 (). The Scattered Flock. Band 5, 2002, ISBN 962-201-990-0 ().
Französisch
Deutsch Die Räuber vom Liang-Schan-Moor. Übersetzung ins Deutsche von Franz Kuhn. Leipzig 1934, Nachdruck 2003, ISBN 3-458-31891-7. Die Räuber vom Liangschan. 2 Bände. Aus dem Chinesischen übertragen und herausgegeben von Johanna Herzfeldt. Mit 96 Holzschnitten nach alten chinesischen Ausgaben. Insel Verlag, Leipzig 1968. Die Rebellen vom Liangshan-Moor. Übersetzt von Shi Xinyue, 3 Bände mit Anmerkungen. Kindle Direct Publishing, 2022. ISBN 979-8-35234520-7 (1. Band), ISBN 979-8-35234521-4 (2. Band), ISBN 979-8-35234522-1 (3. Band). Vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse. Aus dem Chinesischen übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Rainald Simon. Insel Verlag, Berlin 2024, ISBN 3-458-64384-2.
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