Unter Formschnitt versteht man die Kunst, Pflanzen durch besondere Schnitttechniken in eine meist geometrische Form zu bringen und ihnen ein architektonisches, ornamentales oder figürliches Aussehen zu verleihen.

mini|300px|Botanischer Garten in Funchal, Madeira mini|300px|Jardins du Manoir d'Eyrignac

Begriff Gelegentlich wird im Deutschen auch der Begriff Topiari verwendet. Er ist verwandt mit , wobei hierunter nur Formbäumchen unter Ausschluss der Broderie verstanden werden. Topiary kommt indirekt vom griechischen Wort tópos „Ort, Landschaft“: Davon wurden im Lateinischen die Bezeichnungen für „Kunstgärtner“ und für „Gartenkunst“ abgeleitet. Letzterer Ausdruck wurde ab der Renaissance für den kunstvollen Pflanzenschnitt gebraucht. Auf Französisch heißt Formschnitt .

Geschichte Antike Die Kunst des Formschnitts hat eine jahrtausendelange Tradition. Ägyptische Grabmalereien, persische Miniaturen und römische Fresken zeigen geformte Pflanzen. Man weiß von Gartensklaven griechischer Herkunft, den topiarii, die für Kaiser und wohlhabende Familien im römischen Reich arbeiteten. Plinius der Ältere besaß Weingärten, die er mit Zypressen einfassen ließ. In seinem Werk Naturalis historia aus dem Jahr 70 nach Christus bemerkte er: … doch heutzutage werden sie gestutzt, um ihnen eine schlanke Gestalt zu geben. Manche werden auch kunstvoll zu Jagdszenen, Schiffsflotten und Nachbildungen anderer Gegenstände geschnitten.Gaylor/Cooper, S. 12 Sein Neffe Plinius der Jüngere beschrieb im Garten seiner Villa Laurentium eine Terrasse, umgrenzt von einer Hecke aus Buchs, die mit verschiedenen Formen verziert ist. Von dort führt ein Hang bergab, gesäumt voneinander gegenüber stehenden Tierpaaren aus geschnittenem Buchs.

Mittelalter miniatur|Sankt Galler Klosterplan

Als das römische Weltreich im 5. Jahrhundert zerbrach, wurden vor allem in Klostergärten niedrige Hecken um die Gemüse- und Kräuterbeete gezogen. Beispielhaft dafür ist der St. Galler Klosterplan aus dem frühen 9. Jahrhundert. Eine Sonder-Form des Pflanzenschnitts waren Tanz- und Gerichtslinden. Über großen Holzreifen wurden starke Äste flach gelegt, sodass eine begehbare Fläche entstand, die man mit Dielen belegte. Tanzlinden stehen heute noch z. B. in Peesten, Grettstadt oder Sachsenbrunn.

Renaissance In der Renaissance wurde der Formschnitt wiederbelebt. Die Architekten von Schlössern und Landsitzen legten formale Gärten mit Terrassen und Irrgärten an. Im streng geometrischen Schema dienten die geschnittenen Gehölze als Strukturelemente. An den Höfen wurde Französisch gesprochen und auch die Gärtner bedienten sich dieser Sprache. Sie schufen kunstvolle, mit niedrigen Hecken umgebene Beete, parterres genannt. Im Inneren der Einfassungen wuchsen im potager die Küchenkräuter, im médicinal die Arzneipflanzen und im bouquetier farbenprächtige Blumen. Der französische Schriftsteller Olivier de Serres (1539–1619) verglich den Entwurf eines Parterres mit der Tätigkeit eines Malers. Die Beete sollte wie ein Gemälde in einem kostbaren Rahmen wirken.Gerda Torniepoth: Buchs im Garten. BLV Verlagsgesellschaft, München 2001, S. 13 Dieser Rahmen bestand vor allem aus Buchsbaum, aber auch aus Lavendel, Wermut, Heiligenkraut und Ysop.

miniatur|Garten der Liebe am Schloss Villandry

Parterres mit geschwungenen und ineinander verschlungenen Mustern symbolisieren etwa Formen der Liebe, wie beim Garten der Liebe im Park von Schloss Villandry (Frankreich), wo Buchshecken zu Herzen, Schmetterlingen, Flammen, Masken, Fächern oder Schwertern gestaltet sind. Vorlage für den dortigen Gemüsegarten waren Stiche von Jacques I. Androuet du Cerceau von 1576.

Aus dieser Zeit stammen viele Topiari-Gärten in England. Während der Regierungszeit Heinrichs VII. entstanden um 1500 Knotengärten aus geschnittenem Buchs oder Lavendel. Der Garten Heinrichs VIII. im Hampton Court Palace war mit Figuren wie rennenden Windhunden, Hirschen, Bären, Urnen und Booten bestückt. Sir George Sitwell schrieb 1909 in „On the Making of Gardens“: Selbst die Formschnittfiguren der Renaissance, die grünen Schiffe und Helme, Riesen, Drachen und Zentauren, hatten ihren Sinn. Weil sie so ungewöhnlich waren, erregten sie Aufmerksamkeit, förderten die Fantasie und stärkten die Erinnerung.Gaylor/Cooper, S. 10.

miniatur|Garten der Villa Lante

Berühmte Gärten in Italien sind zum Beispiel die Gärten der Villa Medici (Poggio a Caiano), der Villa d’Este, der Villa Lante, der Villa La Petraia oder auch der Giardino Giusti bei Verona. Der Architekt Leon Battista Alberti entwarf 1459 die Villa Quaracchi bei Florenz für Giovanni Ruccellai. Dieser notierte in seinem Tagebuch Albertis Entwürfe für Formschnittfiguren, nämlich Kugeln, Säulen, Tempel, Vasen, Urnen, Affen, Esel, Ochsen, ein Bär, Riesen, Männer und Frauen, Krieger, eine Hexe, Philosophen, Päpste und Kardinäle.

Um 1613 wurde der Hortus Eystettensis in Eichstätt angelegt. Basilius Besler verfasste gleichnamiges Buch über 1084 Pflanzen mit 367 Kupferstichen, nach dem 1998 der Bastionsgarten mit thematisch bepflanzten Beeten neu gestaltet wurde.Bastionsgarten mit Pflanzen aus dem Hortus Eystettensis. Informationsportal der Stadt Eichstätt.

miniatur|Hortus Palatinus und Heidelberger Schloss, Gemälde von Jacques Fouquiere; Kurpfälzisches Museum Heidelberg

Von 1614 bis 1619 entstand der erste deutsche Renaissance-Garten, der Hortus Palatinus im Schlossgarten Heidelberg. Salomon de Caus entwarf ihn für Friedrich V. mit vier Knotenbeeten aus unterschiedlich hohen und daher plastisch wirkenden Pflanzenbändern, die meist unterschiedliche Gehölz- und Staudensorten in mehreren Farbschattierungen enthielten.

1632 empfahl Peter Lauremberg in seinem Gartenbaulehrbuch Horticultura Liguster, Rosmarin, Blasenstrauch, Weißdorn, Wacholder, Berberitze, Lorbeer und Flieder für den Formschnitt und gab detaillierte Anleitungen für die Gestaltung von Hecken. Gerüste für allerlei Figuren aus entrindeten Haselnussruten wurden demnach in den Wintermonaten hergestellt und im Frühjahr bepflanzt.

Barock miniatur|Ornamentgarten von Schloss Frederiksborg, Dänemark

Ab dem Beginn des 17. Jahrhunderts entwickelten die höfischen Architekten den Barockpark als Teil des Gesamtkonzepts eines Schlosses. Der neue Gartenstil verbreitete sich bald über ganz Europa. Vorbild für viele Gärten wurde der Garten von Versailles. Der Hofgärtner Ludwigs XIV., André Le Nôtre, perfektionierte darin die Geometrie. In seinem von ‚beglückender Mathematik‘ bestimmten Gartenstil ordnen sich die Pflanzen mit ihren Eigenarten und Wirkungen der Architektur und Ornamentik des Gartens unter. Hainbuche und Buchsbaum sind – neben Stein, Holz und Wasser – die lebendigen Werkstoffe, mit deren Hilfe Linie und Quadrat, Arabeske und Palmette, Perspektive und Harmonie geschaffen werden.Gerda Torniepoth: Das große Buch vom Buchs. BLV Buchverlag, München 2005, S. 11 Die strengen Formen entsprachen der absolutistischen Regierung der französischen Könige. Der Mensch zwang die Natur in eine von ihm geschaffene Ordnung und steigerte dadurch die Wirkung der prachtvollen Architektur eines Schlosses. Der Nutzgarten wurde ausgegliedert, Lustgärten entstanden. Die Umfassungen wurden zu verschlungenen Arabesken und Voluten zwischen farblich abgesetztem Kies oder Sand. Man nannte sie Broderien, da sie zierlichen Stickereien glichen. Bei mit hoher Kunstfertigkeit etagenförmig geschnittenen Eiben standen bis zu sieben tellerförmige Astreihen in gleichem Abstand übereinander.

miniatur|Garten von Het Loo

Nicht alle Zeitgenossen konnten sich für diesen Gartenstil begeistern. 1625 beschrieb Francis Bacon in seinem Essay on Gardens solche Baumfiguren als kindisch.Dorothée Waechter: Formschnitt.BLV Buchverlag, München 2005, S. 10 Auch Louis de Rouvroy, duc de Saint-Simon, beurteilte den Garten von Versailles skeptisch: Die Gärten sind gewiss wunderbar, aber unerfreulich zu benutzen, und sie zeugen von schlechtem Geschmack. Man kann den kühlen Schatten nicht erreichen, ohne durch trockene Hitze zu gehen … Das Steinpflaster der Wege verbrennt die Füße, doch wäre es nicht da, würde man im Sand oder schwarzen Schlamm versinken. Die Gewalt, die der Natur angetan wird, ist abstoßend.Gaylor/Cooper, S. 172 Bekannt sind auch die Gärten von Schloss Vaux-le-Vicomte, Maincy, Ile-de-France und Het Loo in Belgien.

miniatur|Großer Garten in Herrenhausen, Plan von Nathaniel Parr, um 1745

Der 1666 als Sommerresidenz für Sophie, Ehefrau von Fürst Ernst August angelegte Große Garten in Hannover-Herrenhausen ist der einzige Barockgarten in Deutschland, der in ursprünglicher Größe und Gestalt erhalten ist. Im 31000 Quadratmeter großen Barockparterre gibt es prächtige und reich gestaltete Buchsbroderien mit Rasenstücken, Kiesbändern und Blumen. Der Monarch imitierte die französische Gartenkunst und die luxuriöse Hofhaltung nach dem Vorbild Ludwig XIV. Sein Gartenbaumeister Martin Charbonnier war Schüler von André Le Nôtre wie auch Dominique Girard, der die Gärten von Schloss Augustusburg in Brühl, Schloss Nymphenburg in München, Schloss Schleißheim und Schloss Belvedere in Wien entwarf. Von 1744 bis 1764 wurde der Rokoko-Lustgarten Sanssouci für Friedrich den Großen erbaut mit einem terrassierten Weinberg, Marmorkolonnaden und einem chinesischen Teehaus. Weitere bekannte Barockgärten in Deutschland befinden sich in Großsedlitz bei Dresden, Würzburg, Bayreuth und Schwetzingen.

Romantik Im 18. Jahrhundert kam der streng gezirkelte Garten aus der Mode und damit auch der Formschnitt. Der englische Landschaftsgarten mit natürlich gewachsenen Gehölzen und Sträuchern wurde bevorzugt. Gartenarchitekten gestalteten ehemals barocke Gärten und Parks um. In der Romantik erreichte die Gestaltung von Pflanzen einen Tiefpunkt. Viele formale Gärten wurden zerstört oder verwilderten entsprechend den romantischen Ideen ihrer Besitzer. In England warnte man, daß bei dem schnellen Umgreifen dieser Methode bald keine drei Bäume mehr in einer Reihe stehen würden.Blancke, S. 15

19. Jahrhundert Im 19. Jahrhundert kehrten formale Gartenideen zurück und mischten sich mit anderen Stilelementen. Neue Formen wie Spiralen kamen auf, Pflanzenarten wie Rhododendren oder Ilex wurden zum Formschnitt verwendet. Zu Wohlstand gekommene Industrielle ließen repräsentative Landhäuser mit großen Gärten erbauen, vor allem in England.

miniatur|Topiarigarten in Beckley Park manor, Oxfordshire

Der Earl of Barrington ließ von 1840 bis 1850 in Elvaston Castle, Derbyshire, einen großen viktorianischen Garten mit einer zehn Meter hohen Hecke aus alten Eiben, riesigen Topiary-Vögeln und anderen Figuren errichten. Manche davon wurden in der Baumschule Elvaston Nurseries schon fertig geformt, bevor sie in den Schlossgarten gebracht wurden. John Loudon berichtete: Viele große Pflanzen … mussten auf ihrer Reise … durch die Stadt Derby gebracht werden. Manche waren so riesig, dass die Fenster rechts und links der Straße zu Bruch gingen. Dieser Garten wurde zum Vorbild für andere englische Gärten. Der englische Adel ließ große und aufwändige Gärten anlegen, die Kosten für die Erhaltung und Pflege fielen damals nicht ins Gewicht. Die Gräfin von Westminster konnte daher 85 Gärtner beschäftigen, 55 im Freien und 30 in den Gewächshäusern.

In Portugal wurden oft Kamelien für den Formschnitt verwendet. Die chinesische Pflanze wurde zwischen 1800 und 1810 aus England eingeführt und gedieh prächtig in dem warmen und feuchten Klima Nordportugals.Attlee, S. 23. Die Pflanzen sind oft übermannshoch und sind entweder in geometrische Formen wie Zylinder, Obelisken oder Pyramiden geschnitten oder bilden Lauben über einem Holzgerüst (casa do fresco). Die Pflanzen blühen zwischen Januar und März und werden ab Juni beschnitten. Gute Beispiele sind in den Gärten von Casa do Campo, Douro,Attlee, S. 65. Casa des Condes de Campo Belo in Vila Nova de Gaia,Attlee, S. 26. Quinta do Alao, PortoAttlee, S. 33. und Casa dos Biscainhos in BragaAttlee, S. 45. zu finden.

20. Jahrhundert