mini|Figur der Synagoge am Straßburger Münster, 13. Jahrhundert. Verbundene Augen, gebrochener Stab und entgleitende Gebotstafel symbolisieren Blindheit des Unglaubens und Bundesverlust.
Als Substitutionstheologie (von lateinisch substituere, „ersetzen“; auch Ablösungs-, Ersatz-, Ersetzungs-, Enterbungs- oder Enteignungstheologie) bezeichnet man eine überlieferte Lehre der christlichen Theologie: Gott habe das Volk Israel seit der Kreuzigung Jesu Christi verworfen und verflucht, seine Erwählung Israels, seinen Bund mit diesem Volk und die ihm geschenkten Verheißungen aufgehoben und sie stattdessen auf die Kirche als neues Volk Gottes übertragen. Ausgangspunkt und Hauptaussage dieser Lehre war laut der Historikerin Gabriele Kammerer: „Das Volk, aus dem Jesus kam, hat ihn nicht als Messias angenommen, also gehen seine Rechte als Volk Gottes an die Kirche über.“Gabriele Kammerer: Kinder Gottes im Land der Täter. Der christlich-jüdische Dialog in der Bundesrepublik Deutschland. In: Micha Brumlik und andere: Reisen durch das jüdische Deutschland. DuMont, Köln 2006, ISBN 3-8321-7932-1, S. 432
Diese Lehre zog sich seit etwa 130 n. Chr. in verschiedenen Varianten durch die Kirchengeschichte. Zusammen mit der These vom Gottesmord bildet sie den Kern des christlichen Antijudaismus und eine historische Wurzel des neuzeitlichen Antisemitismus, der zum Holocaust führte.
Seitdem rückte die christliche Theologie allmählich von dieser Lehre ab und entdeckte die in der ganzen Bibel bewahrte Grundaussage vom „ewigen“, „unkündbaren“ und „nie gekündigten“ Bund Gottes mit Israel und dem Judentum (etwa in und ) neu. Infolge des ab 1960 intensivierten jüdisch-christlichen Dialogs setzte sich dieses Verständnis in den Großkirchen durch. Als Meilensteine dieser Umkehr gelten die römisch-katholische Erklärung Nostra aetate (1965) und der evangelische Rheinische Synodalbeschluss Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden (1980). Drei Studien der EKD zum Thema „Christen und Juden“ spiegeln den Prozess.Christen und Juden I-III. Die Studien der Evangelischen Kirche in Deutschland 1975–2000. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002, ISBN 3-579-02374-8
Neues Testament Das Urchristentum verstand sich als Teil des Judentums und setzte Gottes bleibende Erwählung Israels als gültig voraus. Jesus von Nazaret, seine direkten Nachfolger und fast alle Autoren der im NT gesammelten Schriften waren Juden. Sie verstanden Jesu Botschaft vom Reich Gottes und seinen Tod am Kreuz aufgrund seiner Auferstehung als ultimative Bekräftigung der Verheißungen Gottes für Israel und als Versöhnung Gottes mit seinem Volk, das auch Gottes Versöhnung mit den nichtjüdischen Völkern begründe und sie in den Israelbund hinzuberufe.
Das NT bezeichnet die Jesusnachfolger bzw. die Christen nirgends als „neues Volk Gottes“.Franz Mußner: Traktat über die Juden. (1979) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-53100-6, S. 24 Auch das griechische Wort ekklesia („Versammlung“, „Gemeinde“) für die Urchristen übersetzt wie das parallele Wort synagoge nur hebräische Worte für die vor ihrem Gott versammelten Israeliten.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2021, ISBN 978-3-579-07176-3, S. 88f. Auch der Ausdruck „der neue Bund“ für den beim Herrenmahl empfangenen Wein () zitiert nur JHWHs Zusage in , seinen Bund mit Israel endgültig zu erneuern: Für die Urchristen erfüllte Jesus diese Zusage durch seine Lebenshingabe am Kreuz, schloss also eine Ersetzung des Gottesvolks endgültig aus.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand. Gütersloh 2021, S. 62–66
Die von Paulus von Tarsus vorangetriebene, von der Jerusalemer Urgemeinde beim Apostelkonzil anerkannte Völkermission veränderte die Mehrheitsverhältnisse: Nichtjüdische Christen gewannen gegenüber Judenchristen bald die Mehrheit. Der Brief des Paulus an die Römer (um 65) setzt diese Situation voraus und widerspricht besonders in ultimativ der Meinung seiner nichtjüdischen christlichen Adressaten, Gott habe sein erwähltes Volk Israel verworfen: Obwohl die meisten Juden Jesus nicht als ihren Messias anerkannten, bleibe Gottes Bund mit Israel in Kraft. Paulus erinnerte alle Christen an ihre bleibende Wurzel im Judentum und dessen Heilsprivilegien. In bestätigt und bekräftigt er den ungekündigten Israelbund:
Demnach könne die Kirche aus Juden und Heiden das erwählte Volk Gottes auf keinen Fall ersetzen und ablösen, sondern sei im Gegenteil ein aus reiner Gnade Gottes „eingepfropfter Zweig“ dieses Volkes, den die Wurzel (Israel) trage und den Gott auch wieder ausreißen könne. Paulus schloss mit der Verheißung, dass Gott bei der Wiederkunft Jesu Christi zuletzt ganz Israel, auch die derzeit nicht an Jesus Christus glaubenden Juden, erretten werde (). Demgemäß bezieht den Ausdruck „Volk Gottes“ weiter auf das Volk Israel, so dass die Christen durch Jesus Christus „Miterben der Verheißung“ geworden seien ().Bertold Klappert: Traktat für Israel (Römer 9-11). Die paulinische Verhältnisbestimmung von Israel und Kirche als Kriterium neutestamentlicher Sachaussagen über die Juden. In: Martin Stöhr (Hrsg.): Jüdische Existenz und die Erneuerung der christlichen Theologie. Christian Kaiser, München 1981, ISBN 3-459-01376-1, S. 58–137
Daraus folgern christliche Theologen heute: Die Kirche muss Israels bleibende Erwählung anerkennen. Nur so kann sie Anteil an Israels Verheißungsgeschichte erhalten. Christen, die das Judentum als überholte, abgelöste oder abzulösende Religion betrachten, haben aus dieser Sicht ihr eigenes Heil aufgegeben, ob sie es wissen oder nicht.Tobias Nicklas: Paulus und die Errettung Israels. Röm 11,25–36 in der exegetischen Diskussion und im jüdisch-christlichen Dialog. In: Early Christianity (EC) Jahrgang 2 / Heft 2, Mohr Siebeck, Tübingen 2011, S. 173–197, DOI:10.1628/186870311795777418
Alte Kirche Die Enterbungstheologie entstand im Trennungsprozess des Christentums vom Judentum, den politische Umstände begünstigten. Im Jahr 70 zerstörten die Römer den Jerusalemer Tempel; im Jahr 135 schlugen sie den jüdischen Bar-Kochba-Aufstand nieder und verbannten die überlebenden Juden aus ihrem angestammten Land. Daraufhin grenzten sich Juden und Christen auch in ihren Schriften wechselseitig voneinander ab.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand. Gütersloh 2021, S. 19f. und S. 184-201
Barnabas Der um 130–132 entstandene, nicht in das NT aufgenommene Barnabasbrief begründete die Lehre von der Enterbung Israels, die dann rasch Allgemeingut in der Alten Kirche wurde. Der Autor, ein antijüdischer Heidenchrist, widersprach Paulus ausdrücklich: Israel habe Gottes Bund mit ihm endgültig verspielt, so dass Gott dieses Volk verworfen habe. Die Kirche besitze nun allein die jüdische Heilige Schrift. Israel habe keine theologische Bedeutung mehr, darum sollten sich die Christen vollständig von den Juden trennen.Matthias Blum: Neues Testament. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin 2010, ISBN 3-598-24074-0, S. 235–243, hier S. 241 Gottes Bund gelte nicht „jenen und uns“ (den Juden und den Christen), sondern „ihr Bund wurde zertrümmert, damit der Bund des geliebten Jesus fest in unseren Herzen versiegelt würde durch den Glauben an ihn“ (Barn. 4,6–8). Nur die Christen seien das „neue Volk“ (Barn. 5,7; 7,5) oder das „Erbvolk“ Gottes (Barn. 14,4). So vollzog Barnabas die Trennung vom Judentum mit der Lehre von der Ersetzung und Enterbung Israels durch die Kirche. Damit beeinflusste er die christlichen Apologeten und Kirchenväter der Folgezeit stark.Wolfram Liebster: Holocaust und Tradition der Kirche. In: Ernst Ludwig Ehrlich, Bertolt Klappert, Ursula Ast: „Wie gut sind deine Zelte, Jaakow…“: Festschrift zum 60. Geburtstag von Reinhold Mayer. Bleicher, Gerlingen 1986, ISBN 3-88350-605-2, S. 175–184, hier S. 178 und Fn. 25
Justin In seinem Hauptwerk Dialog mit dem Juden Tryphon (ab ~155) erklärte Justin der Märtyrer die jüdische Tora für veraltet und bedeutungslos für Nichtjuden. Denn Jesus Christus sei der neue Gesetzgeber, der das frühere Gesetz überholt und aufgehoben habe. Er selbst sei als „das ewige und endgültige Gesetz … der verlässliche Bund, dem kein neues Gesetz, keine Verordnung und kein Gebot mehr folgt.“ Mit der Rede vom „neuen Gesetz Christi“ berief sich Justin implizit auf NT-Stellen wie und , widersprach aber Jesu Eigenaussage in . Zugleich bahnte er die analoge Rede vom „neuen Volk Gottes“ an.Gerhard Lohfink: Jesus von Nazareth – was er wollte, wer er war. Herder, Freiburg 2016, ISBN 3-451-33889-0, S. 273 f.
Justins Dialog kennzeichnete das Judentum als Gesetzesreligion und die jüdische Beschneidung und den Schabbat gegen das biblische Zeugnis ausschließlich negativ als Zeichen des göttlichen Gerichts an Israel (Kapitel XVIII). Er sprach der Kirche aus allen Völkern die Erwählung zu, die ursprünglich Adam als Stammvater aller Menschen galt. Weil die Kirche an der allgemeinen Sündenvergebung teilhabe, sei sie das erwählte Gottesvolk geworden: „Das wahre, das geistliche Israel nämlich, das sind wir.“ Die Kirche der Heidenchristen repräsentierte für ihn die allgemeine Erwählung der Menschheit und verwirklichte sie (XIX). Sie besitze mit der Taufe das eigentliche geistliche Bundeszeichen, die Beschneidung der Herzen. Die körperliche Beschneidung im Judentum verweise als Gerichtszeichen nur auf die Taufe voraus. So erschien das Judentum als partikulare Episode und negative Gerichtsfolie. Dazu deutete Justin die Gerichtsaussage in als endgültige Verwerfung Israels, obwohl der Kontext (Ez 20, 13.21.37) das Gegenteil festhält. Er verstand die Tora als Mittel Gottes, die Juden insgesamt und dauerhaft als „Brut der Ehebrecher und Hurenkinder“ zu geißeln (XXI). Jesus Christus sei nicht der nationale Messias der Juden, sondern der universale Sohn Gottes, ausgewiesen durch die Jungfrauengeburt und die Inkarnation. Israels Messiaserwartung und die universale Christuserwartung schlossen sich also für ihn gegenseitig aus. Der Glaube von Nichtjuden an den zur universalen Sündenvergebung gekreuzigten Jesus Christus beweise, dass er der in angekündigte neue Bund und das neue Gesetz sei (XI).Bertold Klappert: Erwählung und Rechtfertigung. In: Bertold Klappert: Miterben der Verheißung. Beiträge zum jüdisch-christlichen Dialog. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2000, ISBN 3-7887-1760-2, S. 105–147, hier S. 116–118
Tertullian In seiner Schrift Adversus Iudaeos („Gegen die Juden“, um 197) begründete Tertullian Israels Enterbung mit seiner Erwählungslehre: Nach müsse der ältere Esau seinem jüngeren Bruder Jakob dienen. Israel sei wegen seines Götzendienstes Esau gleich geworden, die Kirche dagegen habe wie Jakob Gottes Gnade erlangt. Darum seien die Juden den Christen unterworfen. Tertullian begründete auch die Abwertung der Tora, indem er gegen deren Eigenaussagen in ihr ein bleibendes Moralgesetz von einem überholten Zeremonialgesetz unterschied.Matthias Blum: Altes Testament. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. Berlin 2010, S. 7 f.
Origenes Origenes begründete die Enterbungslehre nach 240 mit der seither üblichen geschichtstheologischen These, die Leidensgeschichte des Judentums, besonders die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 und die Vertreibung der Juden aus Palästina im Jahr 135, sei Gottes Strafe für das von Juden bewirkte Leiden Jesu Christi und beweise indirekt seine Göttlichkeit:Julia Spichal: Vorurteile gegen Juden im christlichen Religionsunterricht. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8471-0421-6, S. 43 f. und Fn. 190
Augustin