Marco Casolo, auch Casulo († Ende Mai/Anfang Juni oder Ende September 1172 in Venedig), war ein venezianischer Attentäter, dessen Name in den Quellen erst beinahe ein halbes Jahrtausend nach dem Mord auftaucht. Als gesichert kann gelten, dass am 28. Mai 1172 der Doge Vitale II. Michiel außerhalb des Dogenpalasts beim nahe gelegenen Kloster San Zaccaria auf der Flucht vor einer aufgebrachten Menge mit einer Waffe so schwer verletzt wurde, dass er vor oder in dem Kloster starb. Dabei schildern die Quellen den Vorgang höchst widersprüchlich. Auch die Umstände und der Zeitpunkt der Hinrichtung Casolos werden widersprüchlich dargestellt. Über Casolo, auch Marcus Casuol genannt, ist erst durch jüngere Forschung bekannt geworden, dass er wahrscheinlich aus einer der führenden Familien Venedigs stammte. Er wurde zum ersten namentlich genannten Dogenmörder Venedigs, das in seiner frühen Geschichte eine ganze Reihe solcher Morde aufweist.
Hintergrund Im März 1171 hatte der byzantinische Kaiser Manuel I. Komnenos sämtliche Händler Venedigs, die zu Tausenden in Konstantinopel ansässig waren, verhaften lassen, worauf die venezianischen Räte den Dogen womöglich in einen Krieg trieben. Die Strafexpedition wurde jedoch zum Debakel. Während es zu schweren Plünderungen und langwierigen Verhandlungen gekommen war, brach unter den Mannschaften eine Epidemie aus – um welche Krankheit es sich dabei handelte, ist unbekannt –, der mehrere Tausend Mann auf den Schiffen zum Opfer fielen. Weitere Tausende fielen der tödlichen Krankheit, die die zurückkehrende Flotte einschleppte, in Venedig zum Opfer.
Die Räte wiesen nun alle Schuld dem Dogen persönlich zu und wiegelten möglicherweise das Volk gegen ihn auf. Bei der Volksversammlung (Concio) im Dogenpalast, in der sich Vitale Michiel rechtfertigen wollte, kam es am 28. Mai 1172 bei San Zaccaria auf offener Straße zum Mord an dem auf der Flucht befindlichen Dogen. Je nach Quelle wurde Casolo unmittelbar nach seiner Tat festgenommen und vor Gericht gestellt, oder aber erst Monate später, als der neue Doge Sebastiano Ziani im Amt war. Er wurde dementsprechend entweder Ende Mai/Anfang Juni oder Ende September 1172 zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Der gesamte Vorgang war Teil eines gesellschaftlichen Umbruchs, in dessen Verlauf die Volksversammlung das Recht einbüßte, den Dogen zu wählen. Die sozialen und machtpolitischen Veränderungen innerhalb der Führungsgruppen Venedigs lassen sich dabei nur partiell erkennen, zumal die venezianische Historiographie diese Binnenkonflikte schon seit dem Spätmittelalter zugunsten eines Bildes zunehmend vervollkommneten gesellschaftlichen Ausgleichs herunterspielte.
Casolos Tat führte dazu, dass das System der Dogenwahl, das bis dahin auf einer Volksversammlung basiert hatte, durch ein kompliziertes Wahlsystem ersetzt wurde, das nach und nach Zufallselemente hinzufügte, um die Dominanz einzelner Familien zu unterbinden. Außerdem vermied man so Tumulte, die bei den Volksversammlungen, in denen die Parteien versuchten, ihren Kandidaten durchzusetzen, immer wieder aufgetreten waren.
Rezeption Wohl unmittelbar nach dem Mord tauchten unterschiedliche Versionen der Handlungsabfolgen auf, doch verschweigen die frühesten Quellen den Namen des Täters. Zahlreiche Widersprüche steigern sich noch im Verlauf der Rezeptionsgeschichte bis in die jüngste Zeit. Die Widersprüche reichen von der Frage, ob es sich um einen Einzeltäter oder eine Gruppe handelte, ob der Täter aus dieser Gruppe heraus oder als Anführer der Gruppe handelte, dann heißt es wieder, er habe den Mord aus dem Schatten eines Hauses hervortretend begangen. Unklar bleibt, ob der Doge zu Fuß oder per Boot oder gar Gondel auf der Flucht aus dem Dogenpalast war, ob er das Kloster San Zaccaria noch erreichte oder nicht, ob er auf dem Weg dorthin starb, oder aber erst Stunden später im Kloster. Auch die Tatwaffe – Schwert oder Messer – wechselt, manche nennen die Waffe gar nicht, sondern nennen nur die schwere oder tödliche Verletzung. Eine Arbeit von Irmgard Fees legt nahe, dass es sich keineswegs um einen zufälligen Täter, der den Dogen aus Empörung getötet hat, handelte, sondern um einen Verwandten der Äbtissin von San Zaccaria. Dort aber waren ausschließlich Nonnen aus der Gruppe der führenden Familien Venedigs untergebracht.
Der Doge Andrea Dandolo berichtet in seiner Chronica brevis,Digitalisat der Muratori-Edition, Mailand 1728 (= Rerum Italicarum Scriptores, 12), S. 296. dass nach der ‚Zertrümmerung‘ die Venezianer eine Volksversammlung einberiefen („concionem publicam convocarunt“) „pro sua reformatione“. Der Doge konnte dabei „tanto furori“ nicht standhalten, so dass er den Palast verließ („descendit“) und über See („per viam maris“) zum Kloster San Zaccaria wollte. Auf dem Weg dorthin wurde er „a quodam lethaliter vulneratus“, er wurde also ‚von jemandem tödlich verwundet‘. Er konnte sich nicht mehr fortbewegen „imminente sibi morte“, doch nahm ihm ein aus dem Kloster zu ihm gehender Priester die Beichte ab („sua peccata confessus est“). Dann starb der Doge („ad Deum transvolavit“). Daraufhin setzte das bestürzte Volk („Quod cum divulgatum foret, afflictis afflictio addita est“) und der Klerus den Toten würdig bei.
Die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, die älteste volkssprachliche Chronik Venedigs, beschreibt zwar, wie der Doge „Vidal Michiel“ an einem Ostertag nach „Sen Zacharia“ ging, „secondo usança d’i suoi precessori“, wie es also schon unter seinen Vorgängern Brauch war, doch nennt der Verfasser nicht einmal den Namen des Attentäters. Er meint nur, der Doge sei „d’alguni suo’ citadini et iniqui homeni fu morto“. Demnach handelte es sich um mehrere ‚widerwärtige‘ oder ‚boshafte‘ Männer. Die nachfolgenden Tumulte, die monatelang eine Wahl verhinderten, umschreibt er nur metapaphorisch mit „unde la Terra fo in grande scomesseda“, was der Herausgeber mit ‚sconquassamento‘ in modernes Italienisch übersetzt, ‚Erschütterung‘ oder eher noch ‚Zertrümmerung‘ also – ähnlich wie schon Andrea Dandolo in Bezug auf die völlige Niederlage im Kampf gegen Byzanz.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 66 und S. 66, Anm. 287.
Pietro Marcello meinte 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de’prencipi di Vinegia übersetzten Werk, mit der Rückkehr der Flotte seien Tausende an einer Epidemie gestorben.Pietro Marcello: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 75 f. (Digitalisat). Als das Volk zur Beratung zusammengerufen wurde, gab man dem Dogen die Schuld und nannte ihn einen „traditore dela Republica“, einen ‚Verräter der Republik‘. Der Doge, der sein Leben bedroht gesehen habe, habe „segretamente“ die Versammlung verlassen und sei Richtung San Zaccaria aufgebrochen. Dort traf er, „non sò chi“, ‚ich weiß nicht wen‘, der dem Dogen eine riesige Wunde zufügte („gli diede una grandissima ferita“). ‚Einige sagen‘, so Marcello, dass dem eingesetzten Rat der Zehn die Aufgabe übertragen worden sei, den ‚Vatermord‘ („parricidio“) zu rächen, und mit grausamer Folterqual („crudel supplicio“) zu verfolgen, „se alcuno havesse manomesso il supremo Magistrato“, wenn also jemand den Dogen angreifen würde.
Auch die Chronik des Gian Giacomo CaroldoȘerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 147. (online). nennt nicht den Namen des Täters. Doch auch bei Caroldo handelt es sich um einen einzelnen Mann, genauer gesagt einen Cittadino, wie der Autor weiß. Demnach wurde er von einem „Cittadino assalito con l’arma nuda et ferito a morte“. Kaum konnte noch ein anwesender Priester, der sich dort befand, ihm das „segno di penitenza“, das ‚Zeichen der Buße‘ zeigen und die Absolution erteilen. Nach Caroldo starb der Doge am „XXVIJ di Maggio“, am 27. Mai.
Der Frankfurter Jurist Heinrich Kellner (1536–1589), der in Padua studiert hatte, beschreibt zunächst die katastrophale Niederlage der Flotte unter Führung des Dogen oder „Hertzogs“, und er setzt fort: In der Versammlung „Rieffen derwegen alle/man solt in todt schlagen. Dieweil nun der gut Hertzog sich nicht entschuldigen kondte/und sahe/wie er in Leibs und Lebens gefahr stunde/verlur er sich heimlich auß der Versamlung/verkroch sich in S. Zacharie Kirchen / Allda begegnete im einer/der gabe im einn solchen streich/daß er darvon starb“.Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 30v (Digitalisat, S. 30v). Auch berichtet Kellner, einige seien der Ansicht, dass der Rat der Zehn aus genannten Gründen geschaffen worden sei (eine unzutreffende Annahme, denn dieser wurde erst 1310 gegründet).
In wesentlichen Punkten abweichend beschreibt Alessandro Maria Vianoli in seiner Historia Veneta, die 1686 in Nürnberg in Übersetzung unter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani erschien,Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, S. 228 f. (Digitalisat). den Dogenmord, nennt auch den Tatort genauer. Doch auch er nennt zunächst keinen Namen. So war der Doge bei ihm „in die Strasse la Rasse genannt“ gegangen, denn er habe „nach S. Zachariæ Kirchen in die Vesper gehen wollen“. Er sei dort „mit einem dermassen geschwinden Stoß (so von einem verwegenen Böswicht verrichtet worden) aus dem Mittel geraumet / daß auch diejenigen / die ihn begleitet / dessen nicht gewahr worden seynd / indem er noch biß an die Thür der Kirchen gekommen / von den Geistlichen daselbst in das Closter geführet / in welchem er etliche Stunden hernach das Elend seines Lebens / nach 16jähriger Regierung/geendet hatte.“ Sein Nachfolger bemühte sich, den Mord zu rächen, „welches er auch gar balden werckstellig gemacht / indem durch seinen gethanen Fleiß der Böswicht / der dem Hertzogen den Stich gegeben / und einer mit Namen Marcus Casuol gewesen/entdeckt und aufgehangen worden ist.“ (S. 232).
1687 genügte Jacob von Sandrart in seinem Opus Kurtze und vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung/Aufnehmen/Gebiete/und Regierung der Weltberühmten Republick Venedig die Aussage, der Doge sei „durch das in Aufruhr gerathene Volck als ein Verräther umbs Leben gebracht“ worden.Jacob von Sandrart: Kurtze und vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung / Aufnehmen / Gebiete / und Regierung der Weltberühmten Republick Venedig, Nürnberg 1687, S. 36 (Digitalisat, S. 36).