Der Codex Ephraemi (Syri) Rescriptus („von neuem beschriebener Codex Ephraems [des Syrers]“, von Rahlfs bezeichnet als C, von Gregory-Aland bezeichnet als C oder 04) ist ein Palimpsest, der in der Bibliothèque nationale in Paris verwahrt wird (Ms. Grec 9). Überschrieben wurden 209 Blätter einer koine-griechischen Vollbibel aus dem frühen 5. Jahrhundert: 64 Blätter aus den Weisheitsschriften des Alten Testaments sind enthalten, vom Neuen Testament sind es 145 Blätter.Kurt und Barbara Aland: Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 118. ISBN 3-438-06011-6 Der obere, im 12./13. Jahrhundert in Minuskelschrift geschriebene Text enthält asketische Traktate Ephraems des Syrers in griechischer Übersetzung.
Obwohl der Codex Ephraemi Rescriptus zusammen mit den Codices Sinaiticus, Alexandrinus und Vaticanus zu den vier großen spätantiken biblischen Majuskelhandschriften gehört, wurde er wenig erforscht. Die Blätter des Palimpsests wurden in den 1830er/1840er Jahren mit der Giobertis Tinktur bestrichen, um die untere Schrift besser lesbar zu machen. Sie färbten sich im Lauf der Zeit tiefblau. Die Entzifferung der unterliegenden Schrift des Codex C gelang Konstantin Tischendorf. Seine Transkription erschien in zwei Bänden 1843 und 1845 und begründete Tischendorfs Ruf als Textkritiker. Eine Foto-Faksimile-Edition erschien nicht; Tischendorfs Transkriptionen ersetzten weitgehend das Manuskript. Im 21. Jahrhundert fertigte die Bibliothèque nationale hochauflösende Digitalaufnahmen des Codex an, die im Internet zur Verfügung stehen.
Kodikologie Beschreibmaterial mini|Faksimile von fol. 138 r., eine leichte Blaufärbung ist erkennbar(Konstantin Tischendorf: Codex Ephraemi Syri rescriptus, sive fragmenta Veteris Testamenti. Tauchnitz, Leipzig 1845, S. 179) Vom spätantiken Bibelcodex blieben 208 Pergamentblätter mit den Abmessungen 33 × 27 cm erhalten. Als Konstantin Tischendorf 1840–1842 seine Transkription anfertigte, waren es noch 209 Blätter. Der Verlust von fol. 138 wurde im Jahr 1883 festgestellt.Robert W. Lyon: A Re-examination of Codex Ephraemi Rescriptus. University of St Andrews, 1959, S. 6. Die Vorderseite dieses Blattes, das Text aus dem Buch Kohelet enthielt, hatte Tischendorf als Faksimile am Ende seiner Transkription abdrucken lassen.Felix Albrecht: Codex Ephraemi Syri rescriptus: Neue Lesarten zum Septuagintatext des Koheletbuches, 2010, S. 276: „Merkwürdigerweise, honi soit qui mal y pense, verschwand aber mittlerweile auch jenes cap. 5,5b – 6,10b enthaltende Blatt f. 138, dessen faksimilierte Vorderseite Tischendorf … seiner Ausgabe von 1845 beigab.“
Verglichen mit den drei anderen biblischen Majuskelcodices der Spätantike hat das Pergament des Codex Ephraemi eine etwas geringere Qualität. Der Erhaltungszustand der einzelnen Blätter ist unterschiedlich gut. Einige Blätter sind gut erhalten, einige wenige weisen Löcher im Pergament auf. Diese Schäden gehen meist auf die Rasuren eines Korrektors zurück und nicht auf das Palimpsestieren. Der Schreiber der Traktate Ephraems war nämlich nicht besonders daran interessiert, die untere Schrift zu löschen. Er verließ sich offenbar darauf, dass die eigene dunklere Tinte sich deutlich vom Untergrund abheben würde.Robert W. Lyon: A Re-examination of Codex Ephraemi Rescriptus. University of St Andrews, 1959, S. 5 f.
Lagen und Linierung Beim Palimpsestieren blieben die Bögen (Bifolia) der ursprünglichen Lagen meist erhalten, so dass Rückschlüsse auf deren Aufbau (und damit das Arrangement der biblischen Schriften) möglich sind. Eine Nummerierung der Lagen gibt es aber nicht, und damit fehlt die Grundlage, um den Umfang der gesamten Vollbibel schätzen zu können.Vgl. Patrick Andrist: Au croisement des contenus et de la matière: les structures des sept pandectes bibliques grecques du premier millénaire. Étude comparative sur les structures des contenus et de la matérialité des codex Vaticanus, Sinaiticus, Alexandrinus, Ephrem rescriptus, Basilianus, «Pariathoniensis» et de la Biblia Leonis, 2020, S. 40 f.
Der Text ist auf jeder Seite in einer breiten, beiderseits mit senkrechten Linien abgegrenzten Kolumne angeordnet. Meist weist sie 41, gelegentlich 42 Zeilen auf. Die vier Seiten des 1. Petrusbriefs haben abweichend jeweils 46 Zeilen.Robert W. Lyon: A Re-examination of Codex Ephraemi Rescriptus. University of St Andrews, 1959, S. 6 f.
Tinte Der Haupttext wurde mit der in der Antike üblichen sepia-braunen Eisengallustinte geschrieben. Durch Anwendung der Giobertschen Tinktur bei der Entzifferung des Codex in den 1830er/1840er Jahren (siehe unten) hat sich diese Tinte dunkelblau, blaugrün oder schwarz verfärbt. Die zum Rubrizieren verwendete rote Tinte ist spurlos verblichen. Dies führte unter anderem zum Verlust des Textes der jeweils ersten Zeilen jedes biblischen Buchs, denn diese waren durch rote Schrift hervorgehoben.Robert W. Lyon: A Re-examination of Codex Ephraemi Rescriptus. University of St Andrews, 1959, S. 5.
Bindung Vom spätantiken Bibelcodex lassen sich 44 Lagen zu je acht Blättern (Quaternionen) rekonstruieren, von denen 15 zum Alten und 29 zum Neuen Testament gehörten. Außerdem blieben sechs einzelne Blätter erhalten. Nach seiner Aufnahme in die Pariser Königliche Bibliothek im Jahr 1610 wurde der Codex neu gebunden.
Schreiber und Korrektoren Der Bibeltext wurde in Majuskelschrift und in Scriptio continua, also ohne Worttrennung geschrieben. Die Form der Buchstaben ähnelt der Bibelunziale des Codex Alexandrinus; die Buchstaben sind etwas größer als in den drei anderen spätantiken Bibelcodices. Der Anfangsbuchstabe eines Abschnitts steht in größerer Schrift herausgerückt am linken Kolumnenrand. Die üblichen Nomina sacra werden verwendet. Als Interpunktionszeichen ist der Hochpunkt üblich.Robert W. Lyon: A Re-examination of Codex Ephraemi Rescriptus. University of St Andrews, 1959, S. 8 und 15.
Wie bereits Tischendorf feststellte, wurden Altes und Neues Testament im Codex Ephraemi Rescriptus von verschiedenen Schreibern kopiert. Unklar ist aber, ob am Neuen Testament mehrere Hände beteiligt waren. Robert W. Lyon sah Indizien für einen Schreiberwechsel im Johannesevangelium (abweichende Orthographie) und in der Apostelgeschichte. Der Schreiber der Apostelgeschichte fällt durch seine Nachlässigkeit auf, die griechische Sprache war ihm nicht gut vertraut.Robert W. Lyon: A Re-examination of Codex Ephraemi Rescriptus. University of St Andrews, 1959, S. 16–18.
Im textkritischen Apparat des Novum Testamentum Graece wird der Codex Ephraemi Rescriptus mit dem von Paul de Lagarde eingeführten Sigel C bezeichnet; falls der Text korrigiert wurde, ist C* der Text erster Hand, und die Korrektoren werden in der 28. Auflage (2012) mit Exponenten in folgender Weise gekennzeichnet:Novum Testamentum Graece, 28. Auflage, Stuttgart 2012, S. 15* C1: etwa zeitgleich mit C (Skriptoriumskorrekturen). Jeder Schreiber korrigierte seine eigene Arbeit; dabei geht es meist um Schreiberversehen, die für die Textkritik wenig Bedeutung haben. Für einen Prachtcodex irritierend ist, wie wenig Mühe sich die Schreiber hierbei gaben. Text wurde gelöscht, um anschließend überschrieben zu werden; aber der gelöschte Text blieb weiter sichtbar. Gelegentlich wurden ausgelassene Buchstaben in kleinerer Schrift über das zu korrigierende Wort gesetzt.Robert W. Lyon: A Re-examination of Codex Ephraemi Rescriptus. University of St Andrews, 1959, S. 20. C2: erster Korrektor, etwa 6. Jahrhundert. Üblicherweise löschte dieser Korrektor Text und überschrieb ihn in seiner kleinen Handschrift, nur wo es anders nicht ging, wich er auf den Seitenrand aus. Er bearbeitete das ganze Manuskript mit einem Schwerpunkt im Markus- und Johannesevangelium sowie den Katholischen Briefen. Obwohl ihm der Text der Apostelgeschichte reichlich Anlass zum Korrigieren geboten hätte, zeigte er in diesem Buch wenig Initiative. Tischendorf lokalisierte diesen Korrektor in Palästina, offenbar weil er annahm, der Codex sei in Ägypten geschrieben worden und habe sich später in Konstantinopel befunden – da liegt Palästina auf dem Wege. Tatsächlich gibt es keine belastbaren Argumente zur Lokalisierung des ersten Korrektors.Robert W. Lyon: A Re-examination of Codex Ephraemi Rescriptus. University of St Andrews, 1959, S. 20–24. C3: zweiter Korrektor, etwa 9. Jahrhundert. Ohne Rücksicht auf das Erscheinungsbild der Seite füllte er die Ränder mit seinen Einträgen meist liturgischer Art. Er präparierte den Codex dafür, bei der Lesung im Gottesdienst genutzt zu werden. Tischendorf lokalisierte den zweiten Korrektor in Konstantinopel.Robert W. Lyon: A Re-examination of Codex Ephraemi Rescriptus. University of St Andrews, 1959, S. 24–26.
Inhalt Altes Testament Der Codex Ephraemi Rescriptus ist, so Felix Albrecht, „ein bedeutender, aber aufgrund seines desolaten Zustandes vernachlässigter Textzeuge der Septuaginta.“Felix Albrecht: Codex Ephraemi Syri rescriptus: Neue Lesarten zum Septuagintatext des Koheletbuches, 2010, S. 279. Die Fragmente gehören zur Gruppe der sechs Weisheitsbücher (Hexasophon): Job (Ijob): 19 Blätter Paroimiai (Buch der Sprichwörter): 6 Blätter Ekklesiastes (Kohelet): 8 (heute nur noch 7) Blätter Asma (Hohes Lied): 1 Blatt Sophia Salomonos (Buch der Weisheit): 7 Blätter Sophia Sirach (Jesus Sirach): 23 Blätter Das Arrangement dieser Weisheitsbücher ist das gleiche wie im Codex Alexandrinus. Der Umfang des gesamten Alten Testaments lässt sich nicht abschätzen. Aufgrund des gleichen Seitenlayouts nimmt Patrick Andrist an, dass die sechs Weisheitsbücher (trotz unterschiedlicher Schreiber) mit dem Neuen Testament zusammengehören. Auffällig ist, dass beim Palimpsestieren kein Blatt vom übrigen Alten Testament verwendet wurde. Andrist schlägt vor, dass es sich um eine Vollbibel in zwei Bänden handelte, von der nur der zweite Band mit den Weisheitsschriften und dem Neuen Testament im 12./13. Jahrhundert wiederverwendet wurde und dadurch erhalten blieb.Patrick Andrist: Au croisement des contenus et de la matière: les structures des sept pandectes bibliques grecques du premier millénaire. Étude comparative sur les structures des contenus et de la matérialité des codex Vaticanus, Sinaiticus, Alexandrinus, Ephrem rescriptus, Basilianus, «Pariathoniensis» et de la Biblia Leonis, 2020, S. 45.
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