Luna war eine römische Kolonie, die 177 v. Chr. errichtet wurde und heute nahe dem Ort Luni Mare, einem Ortsteil der Gemeinde Luni in der Provinz La Spezia, Italien, liegt. Durch die nahen Steinbrüche von Carrara, in denen der berühmte Carrara-Marmor gewonnen wird, erlangte die Stadt große wirtschaftliche Bedeutung und machte die römische Monumentalarchitektur erst möglich. Nach der endgültigen Verlandung des Hafens, kriegerischen Übergriffen und der sich ausbreitenden Malaria wurde das zum Bischofssitz gewordene Luna im 11. Jahrhundert weitgehend verlassen.
Lage und Forschungsgeschichte mini|links|Luna und die angrenzenden Städte auf der Tabula Peutingeriana, der mittelalterlichen Kopie einer römischen Straßenkarte mini|Ausgrabungsstätte Luni, im Hintergrund das Museum Die Region um Luna ist altes Siedlungsgebiet, das Fundmaterial lässt sich bis ins Paläolithikum zurückverfolgen. Die von Anfang an durchgeplante Stadt mit ihrem für römische Kolonien typischen, fast rechteckigen Grundriss wurde auf einer sich zwischen dem Ligurischen Meer und den Apuanischen Alpen ausbreitenden, fast auf Meereshöhe liegenden Ebene gegründet. Nordöstlich befindet sich die heutige Stadt Carrara mit den seit der Antike weltberühmten Steinbrüchen, südwestlich liegt das Mittelmeer, an dessen Küste Luna ursprünglich gegründet wurde. Ebenfalls im Südwesten fließt der größte Fluss Liguriens, die Magra, zum Meer hin ab. Das antike Flussbett lag nahe der Stadt und hatte an dieser Stelle mit einer Landschaftsterrasse einen natürlichen Hafen gebildet, der im Laufe von Jahrhunderten schrittweise verlandete und seinen Lauf änderte. Heute liegt auch das Meer gut zwei Kilometer entfernt. Luna gab der nach ihr benannten Landschaft Lunigiana den Namen.
Die einzigen Ruinen, von denen im beginnenden 19. Jahrhundert noch Reste aufrecht standen, waren das Amphitheater sowie der Unterbau des Großen Tempels. 1837 wurde das Forum entdeckt und 1964 an dieser Stelle das archäologische Museum Museo Archeologico Nazionale di Luni errichtet. 1981 wurde die Sammlung des Museums neu organisiert. Das weitgehend unüberbaute Stadtgebiet ist bis heute nur in kleinen Teilen erforscht und seit Anfang der 1990er Jahre haben auch keine größeren Grabungen im Archäologischen Park mehr stattgefunden.
Geschichte Antike mini|Luna und seine Verkehrsanbindungen in der Antike mini|Lagerräume im Bereich des „Hauses der Fresken“, östlich des Forums Luna (lateinisch für Mond, Mondgöttin) wurde 177 v. Chr.Hermann Bengtson: Römische Geschichte: Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr. 4. Auflage. Verlag C.H. Beck, München 1982. ISBN 3-406-02505-6. S. 108. als römischer Militärstützpunkt am nördlichen Rand von Etruria auf dem Boden der Apuani, eines der bedeutendsten und militärisch stärksten ligurischen Stämme, errichtet, die der römische Historiker Titus Livius mehrfach erwähnt. Seit 187 v. Chr., als der Konsul C. Flaminius die Apuaner erstmals besiegt hatte, expandierte das aufstrebende Rom in diesen letzten, nicht besetzten Teil Oberitaliens. Die Apuani, welche aus der Sicherheit der Apuanischen Alpen heraus immer wieder gegen die Römer vorstießen, konnten nur in langfristigen militärischen Kampagnen niedergeworfen werden. Die bedeutendsten südlichen römischen Aufmarschplätze in dieser Phase der Eroberung wurden die 180 v. Chr. gegründeten Kolonien Pisa und Luca (heute Lucca). Noch im gleichen Jahr deportierten die Besatzer rund 40.000 ligurische Apuaner, zumeist ganze Familien, ins mittelitalienische Samnium, wo sie neu angesiedelt wurden und eine später florierende Gemeinde bildeten. Ein Jahr später folgten nochmals 7000 Vertriebene.Livius 39, 2, 20; 39, 2, 32; 40, 1, 38, 41; Plinius der Ältere, Naturalis historia 3, 11 S. 16; Lib. Colon. S. 235; Henzen. Tab. Alim. S. 57. Zeitnah mit den beiden südlicheren Gründungen entstand Luna, um die römische Herrschaft in Ligurien weiter zu festigen. 170 und 175 v. Chr. gelang es den ligurischen Apuanern, die Stadt Luna und das Gebiet der Kolonie zu verwüsten. Erst 155 v. Chr. konnte sie der Konsul Marcus Claudius Marcellus endgültig niederwerfen und Sicherheit für die Bewohner von Luna herstellen. Als Dank wurde von diesen ein Denkmal aus lunensischem Marmor errichtet. Von ihm wurde 1851 lediglich ein Säulenkapitell, in dem der Name des Claudius Marcellus eingemeißelt ist, ausgegraben. Sollte es sich tatsächlich um eine zeitgenössische Darstellung handeln, gilt es als das erste Werkstück aus Carrara-Marmor, das architektonisch verwendet worden ist.Luciana und Tiziano Mannoni: Marmor, Material und Kultur, Callwey, München 1980, ISBN 3-7667-0505-9, S. 184.
Bereits im Jahre 200 v. Chr. hatte der damalige Konsul Gaius Aurelius Cotta veranlasst, die Via Aurelia Nova, eine Fernverbindung von Rom die Westküste hinauf nach Norden, in Angriff zu nehmen, an die auch Pisa angeschlossen wurde. Im Jahr 109 v. Chr. ordnete der Zensor Marcus Aemilius Scaurus der Ältere den Bau der Via Aemilia Scaura an, die Luna nun unter anderem mit Placentia (heute Piacenza) zusammenschloss. 106 v. Chr. folgte die Verbindung nach Pisa zur Via Aurelia Nova. Als weitere wichtige Verkehrsanbindung kam unter Gaius Iulius Caesar die Straße nach Luca hinzu. Neben diesen Fernstraßen hatte die Stadt mit ihrem Meereshafen Lunae portusLunae portus nennen den Hafen z. B. Livius (Ab urbe condita 34.8.4 und 39.21.4) sowie Ennius (in Satire 6.9 des Persius). Nino Scivoletto erklärt in der von ihm kommentierten kritischen Ausgabe des Persius (Firenze 1968, Seite 147) den Namen Lunae portus mit der mondsichelartig gekrümmten Hafenbucht („il golfo … incurvato come una luna“). bereits um Christi Geburt die besten Voraussetzungen, den Handel und Verkauf des Rohprodukts Lunense marmor zu organisieren, den schon Plinius der Ältere zu schätzen wusste.Plinius der Ältere, Naturalis historia 3, 50. Siehe Roderich König, Gerhard Winkler (Hrsg.): C. Plinius Secundus d. Ä., Naturkunde. Lateinisch–Deutsch. Bücher III/IV: Geographie: Europa (Sammlung Tusculum). 2. Auflage, Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2002, ISBN 3-7608-1616-9, S. 235. In der Zeit CaesarsAnita Rieche: Das antike Italien aus der Luft. 2. Auflage. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1987. ISBN 3-7857-0223-X. S. 140. wurden lunensische Marmore zum wichtigen Bestandteil für das römische Bauhandwerk. Die klassisch-römische Ausgestaltung der Architektur wurde erst nach der Erschließung von Lunas Marmorbrüchen möglich. John Boardman, Iorwerth Eiddon Stephen Edwards u. a.: The Cambridge Ancient History XII – The crisis of the empire, A.D. 193–337, 2005, S. 406; Wissenseinstieg römische Archäologie Archäologisches Institut der Universität Köln Doch auch der lunenser Käse gewann in Rom große Beliebtheit.Plinius, Naturalis historia 11, 97; Martial 13, 30.
Nach der Schlacht bei Actium, 31 v. Chr., welche die Vormachtstellung von Gaius Octavius im römischen Reich endgültig sicherte, wurden 2000 nun nicht mehr benötigte Soldaten als Veteranen und Kolonisten in die Region von Luna geschickt. Während der folgenden Regierungszeit des Kaisers Augustus (31 v. Chr. bis 14 n. Chr.) wurde Luna unter architektonischen und städtebaulichen Gesichtspunkten umgestaltet. Im 2. Jahrhundert veranlasste die Lunaer Familie der Monetii (auch: Munatii) den Bau des Dorfes Moneta, das nahe an den lunensischen Marmorsteinbrüchen entstand. Im gleichen Jahrhundert entstand unter den antoninischen Kaisern südlich vor den Toren der Stadt das Amphitheater. Am 4. Januar 275 wurde der aus Luna stammende Eutychianus zum Papst gewählt und starb am 7. Dezember 283 den Märtyrertod. Die Grabplatte des Heiligen wurde in der Calixtus-Katakombe bei Rom aufgefunden.Joseph Wilpert: Die Papstgräber und die Cäciliengruft in der Katakombe des hl. Kallistus. Herder, Freiburg 1909, 19 f. 35. Die außerordentliche Bedeutung Lunas noch im ausgehenden 4. Jahrhundert unterstreicht die Einrichtung eines Bischofssitzes. Einer dieser frühen Bischöfe, Felix von Luna, ist als Mitglied der 465 unter Papst Hilarius abgehaltenen Synode bekannt, die in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom stattfand. 409 wurde Ligurien von den Westgoten heimgesucht.Bernhard Abend: Italienische Riviera, Ligurien. Baedeker, Stuttgart 2007. S. 37. Dennoch florierte die reiche Marmorstadt auch im 5. Jahrhundert. Rutilius Claudius Namatianus, Politiker und Dichter, beschreibt Luna 416 als von weißen Mauern umgeben.
Byzantinische Zeit 552 wird Luna bei der Rückeroberung Italiens durch das Oströmische Reich unter dessen Feldherren Narses von der ostgotischen Vorherrschaft befreit. Nach der für Narses siegreichen Schlacht am Casilinus 554 wurden die sicheren Lebensverhältnisse wiederhergestellt. Die Stadt gelangte besonders durch ihren Hafen erneut zu wirtschaftlicher Bedeutung. Die Oberflächen der aus den Apuanischen Alpen herangeschafften Marmorblöcke wurden in Luna von Arbeitern und Sklaven nur grob bearbeitet, um sie für die Verschiffung vorzubereiten. Der Marmorexport blühte wieder auf. Die Phokas-Säule auf dem Forum Romanum aus dem Jahre 608 n. Chr. ist das letzte archäologisch gesicherte römische Werk aus lunensischem Marmor. Auch aus der Stadtgeschichte selber wird der Reichtum in byzantinischer Zeit deutlich. So schenkte Bischof Venantius (593 – um 603) dem Kloster von Luna 597 eine zwei Pfund schwere, besonders große Schüssel aus Silber.
Früh- und Hochmittelalter mini|Säulenfragment mit 1,20 Meter Durchmesser auf dem Weg zur Ausgrabungsstätte