Der Codex Alexandrinus (von Rahlfs bezeichnet als A, von Gregory-Aland bezeichnet als A oder 02) ist eine koine-griechische Vollbibel aus dem 5. Jahrhundert. Benannt ist der Codex nach seinem früheren Aufbewahrungsort, der Bibliothek des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Alexandria. Der Ökumenische Patriarch Kyrillos Loukaris schenkte diese spätantike Bibel 1627 dem englischen König Karl I. Heute befindet sich das neuzeitlich in vier Volumen gebundene Manuskript in der British Library (MS Royal 1 D V–VIII).
Vom Alten Testament im Umfang der Septuaginta fehlen im Codex Alexandrinus nur wenige Blätter. Am Anfang des Neuen Testaments fehlt jedoch der größte Teil des Matthäusevangeliums; kleinere Textlücken gibt es im Johannesevangelium und im Zweiten Korintherbrief. Außerdem enthält der Codex Alexandrinus zwei frühchristliche Schriften: den ersten und zweiten Clemensbrief. Laut Inhaltsverzeichnis standen am Ende des Manuskripts als eine Art Anhang zur Bibel die Psalmen Salomos. Ihr Text blieb im Alexandrinus nicht erhalten.
Verglichen mit dem Codex Sinaiticus, dessen Hauptteil ebenfalls in der British Library verwahrt wird, ist der Erhaltungszustand des Alexandrinus schlecht. Durch Tintenfraß sind viele Seiten fragil geworden. Im 18. und 19. Jahrhundert zog der Alexandrinus großes Interesse auf sich, das seitdem geschwunden ist.
Codex Alexandrinus im Kontext des 5. Jahrhunderts Die Datierung des Manuskripts ins 5. Jahrhundert ist Konsens. Ein Terminus post quem ist der als Leseanweisung dem Psalter vorangestellte Brief an Marcellinus, denn Athanasius, sein Verfasser, starb im Jahr 373. Anfang des 5. Jahrhunderts kann ein Text von seiner Hand bereits den autoritativen Status erlangt haben, der Voraussetzung ist für eine Verwendung als biblisches Vorwort.Juan Hernández Jr.: Scribal Habits and Theological Influences in the Apocalypse: The Singular Readings of Sinaiticus, Alexandrinus, and Ephraemi, Tübingen 2006, S. 100. Indizien für eine Herstellung im 5. Jahrhundert sind das Seitenlayout mit zwei Kolumnen (statt drei oder vier) und herausgerückten großen Anfangsbuchstaben (Ekthesis).Douglas C. Mohrmann: Deuteronomion: A Commentary Based on the Text of Codex Alexandrinus, Leiden 2023, S. 5.
Die ältere Forschung nahm an, dass der Codex Alexandrinus in Alexandria oder allgemein in Ägypten geschrieben worden sei.Vgl. Frederic G. Kenyon: Der Text der griechischen Bibel, Göttingen 196, S. 65: „Was den Entstehungsort betrifft, so weist alles auf Ägypten hin.“ Kyrillos Loukaris war als ehemaliger Besitzer dieser Meinung und schrieb auf einem losen Blatt am Anfang des Codex, dass das Manuskript von Thekla, einer vornehmen Ägypterin, geschrieben worden sei, die kurz nach dem Ersten Konzil von Nicäa (325) lebte. Ein entsprechender Eintrag habe sich früher am Ende des Codex befunden. Zwar war bald unstrittig, dass der Codex nicht im 4. Jahrhundert geschrieben worden sein konnte, aber eine Herstellung in Ägypten wurde lange befürwortet, zumal einige Formen der griechischen Buchstaben in Überschriften und Kolophonen als typisch für ein ägyptisches Skriptorium galten.Susan Brayford: Genesis: A Commentary Based on the Text of Codex Alexandrinus, Leiden 2007, S. 8; vgl. Frederic G. Kenyon: Der Text der griechischen Bibel, Göttingen 196, S. 65: „Die koptischen Formen von α und μ kommen in den Überschriften vor, und im A. T. scheint der Text durchweg den alexandrinischen Typus darzustellen.“
Theodore C. Skeat argumentierte 1955, dass Konstantinopel als Herstellungsort genauso gut möglich sei. Scot McKendrik vermutet vorsichtig, dass der Codex in Ephesus geschrieben worden sein könnte, einem wohlhabenden christlichen Zentrum des 5. Jahrhunderts, und später von Christen, die aus Ephesus geflohen waren, nach Konstantinopel gebracht wurde, wo Athanasios III. ihn dann für seine Bibliothek erwarb.Hier referiert nach: Michael Dormandy: Building a Book of Books. Textual Characteristics of the Early Greek Majuscule Pandects, Berlin/Boston 2024, S. 43 f.
Der Codex Alexandrinus war eine Luxusausgabe der Bibel. Nicht nur enthielt er alle Bücher des Alten und Neuen Testaments, er war auch mit verschiedenen Beigaben ausgestattet. Nach antiken Maßstäben war dieser Codex relativ leicht zu lesen, da die großen Initialen die Orientierung erleichterten. Damit war er auch für die Bibellesung im Gottesdienst geeignet.William Andrew Smith: A Study of the Gospels in Codex Alexandrinus: Codicology, Palaeography and Scribal Hands, Leiden 2014, S. 250 f.
Kodikologie Beschreibmaterial Den ursprünglichen Umfang des Codex Alexandrinus schätzte Frederic G. Kenyon auf 820 Pergamentblätter.Frederic G. Kenyon: Der Text der griechischen Bibel, Göttingen 196, S. 64. 773 Blätter sind erhalten (630 im alttestamentlichen und 143 im neutestamentlichen Teil).William Andrew Smith: A Study of the Gospels in Codex Alexandrinus: Codicology, Palaeography and Scribal Hands, Leiden 2014, S. 38. Sie sind etwa 32 cm hoch und 26 bis 26,4 cm breit. Es gibt Hinweise auf Mängel bei der Pergamentherstellung, die teilweise für den schlechten Erhaltungszustand des Codex verantwortlich sind. So beklagte Frederick H. A. Scrivener 1875, dass sich die Tinte leicht vom Beschreibmaterial löse und der Codex deshalb mit großer Vorsicht angefasst werden müsse.Frederick H. A. Scrivener: Six lectures on the text of the New Testament and the ancient manuscripts which contain it: chiefly addressed to those who do not read Greek. Deighton, Bell & Co., Cambridge 1875, S. 52. (Online) Das ist bemerkenswert, weil Eisengallustinte (siehe unten) eigentlich gut auf dem Pergament haftet.
Tintenfraß hat massive Schäden verursacht. Carl Gottfried Woide stellte 1788 stichprobenartig fest, dass es zwei Pergamentsorten im Neuen Testament des Alexandrinus gab, ein durch Tintenfraß stark geschädigtes dünnes Pergament und ein festeres Pergament von besserer Qualität, das weniger Schäden aufwies.William Andrew Smith: A Study of the Gospels in Codex Alexandrinus: Codicology, Palaeography and Scribal Hands, Leiden 2014, S. 39 f.
Lagen, Paginierung und Linierung Im ursprünglichen Codex bildeten im Regelfall vier Bögen (= 8 Blätter = 16 Seiten) eine Lage. Der Aufbau einer solchen Quaternione war stets gleich: Ein Mitarbeiter des Skriptoriums nahm einen Bogen und legte ihn mit der Haarseite nach unten auf den Tisch, darauf den nächsten, mit der Fleischseite nach unten, dann den dritten, die Haarseite nach unten, und den vierten, die Fleischseite nach unten. Er faltete sie in der Mitte und verband sie provisorisch mit einem Faden. Da die Haarseite dunkler und rauer ist als die Fleischseite des Pergaments, hat eine solche Anordnung der Pergamentbögen den Vorteil, dass zwei gegenüberliegende Seiten sich in Farbe, Oberfläche und Lineatur gleichen, wo immer man das Buch öffnet.Vgl. Caspar René Gregory: The Quires in Greek Manuscripts. In: American Journal of Philology, Band 7 (1886), S. 27–32, hier S. 29 f. (Open Access) Dass der erste Bogen der Lage mit der Haarseite nach außen angeordnet ist, gilt als Merkmal von Codices aus dem Weströmischen Reich und lateinischen Codices generell, während Codices aus dem Oströmischen Reich, beispielsweise der Codex Sinaiticus, im Regelfall die Fleischseite des Pergaments auf der ersten und letzten Seite jeder Lage zeigen.William Andrew Smith: A Study of the Gospels in Codex Alexandrinus: Codicology, Palaeography and Scribal Hands, Leiden 2014, S. 75. Abweichungen von der Norm, dass eine Lage acht Pergamentblätter hatte, sind meist damit zu erklären, dass ein biblisches Buch endete und das nachfolgende auf der ersten Seite der neuen Lage begonnen wurde. Beispielsweise hat Lage 16 mit dem Ende des Buchs Deuteronomium nur vier Blätter, ebenso Lage 21 mit dem Ende des Buchs Rut. Lage 26 mit dem Ende des 1. Buchs der Königtümer (= 1. Buch Samuel) hat sechs Blätter, Lage 32 mit dem Ende des 4. Buchs der Königtümer (= 2. Buch der Könige) wurde auf zwei Blätter reduziert.William Andrew Smith: A Study of the Gospels in Codex Alexandrinus: Codicology, Palaeography and Scribal Hands, Leiden 2014, S. 91. Bei der neuzeitlichen Bindung des Codex wurden die Lagen aufgelöst, die Bögen geteilt und die einzelnen Blätter neu in Sechsergruppen (Ternionen) angeordnet.Patrick Andrist: La structure des codex Vaticanus, Alexandrinus et Sinaiticus. Questions ouvertes sur le canon, la fabrication et la circulation de ces Bibles, Turnhout 2015, S. 27: „… en effet, lors de la réfection du xvie siècle, les bifolios originels ont été séparés et réorganisés artificiellement en ternions.“
Alle Lagen sind auf der jeweils ersten Seite mit griechischen Zahlzeichen nummeriert; daran waren mehrere Hände beteiligt. Außerdem wurden alle Blätter auf der Vorderseite in der oberen linken Ecke mit arabischen Ziffern nummeriert, die aber manchmal beim Buchbinden und durch nachträgliches Beschneiden der Blätter verloren gingen. Von der Hand des Londoner Bibliothekars Young (17. Jahrhundert) stammt die Nummerierung mit Tinte auf der Vorderseite jedes Blattes mittig am oberen Rand; außerdem gibt es eine mit Bleistift eingetragene Blattnummerierung in der rechten oberen Ecke, die wohl aus dem 19. Jahrhundert stammt. Letztere wird in diesem Artikel zur Bezeichnung der Folia verwendet.
Der Text ist in auf jeder Seite in zwei breiten, beiderseits mit senkrechten Linien abgegrenzten Kolumnen angeordnet. Meist weisen sie 50 oder 51 Zeilen auf, mindestens aber 46 und höchstens 52. Die Linierung wechselt; im Alten Testament wurde meist jede zweite Zeile liniert, im Neuen Testament zunächst jede Zeile, aber mit dem Beginn der 100. Lage (= MS Royal 1 D VIII fol. 95) wechselte der Schreiber (siehe unten), und ab jetzt wurde jede zweite Zeile liniert.Frederic George Kenyon: The Codex Alexandrinus (Royal MS. 1 D. V–VIII) in reduced photographic facsimile, Band 5: New Testament and Clementine Epistles, London 1909, S. 8 (Introduction).
Tinte Der Haupttext des Codex Alexandrinus wurde mit der in der Antike üblichen sepia-braunen Tinte geschrieben, die im Lauf der Jahrhunderte verblasst ist und sich dabei teilweise gelblich, teilweise rötlich verfärbt hat. Tintenfraß deutet darauf hin, dass es sich um Eisengallustinte handelt. Besser erhalten ist die zum Rubrizieren verwendete rote Tinte. Sie hebt die ersten Zeilen biblischer Bücher hervor, die Psalmenüberschriften, die Überschriften in den Prophetenbüchern, die Kephalaia, den Eusebischen Apparat und die Ornamente am Schluss biblischer Bücher. Da durch Korrosion teilweise eine Schwarzfärbung eingetreten ist, enthält diese Tinte wahrscheinlich Mennige (Pb3O4).William Andrew Smith: A Study of the Gospels in Codex Alexandrinus: Codicology, Palaeography and Scribal Hands, Leiden 2014, S. 39 f. und 122 f.
Bindung Der Codex wurde nach seinem Eintreffen in London 1627 in vier Volumen neu gebunden. Die Buchdeckel waren mit feinem Ziegenleder bezogen. Auf der Vorderseite trugen sie das Wappen Karls I. Die Vorgehensweise des frühneuzeitlichen Buchbinders verursachte erhebliche Schäden am Manuskript. Die Folia wurden ohne Rücksicht auf Textverluste an allen vier Seiten beschnitten, wodurch nicht nur Überschriften am oberen Rand verloren gingen. Manchmal traf es auch die vom Londoner Bibliothekar Young gerade erst eingetragene Seitenzählung.William Andrew Smith: A Study of the Gospels in Codex Alexandrinus: Codicology, Palaeography and Scribal Hands, Leiden 2014, S. 40 f.
Im 19. Jahrhundert wurden die Einbände des 17. Jahrhunderts abgelöst. Um Foto-Faksimile-Editionen anfertigen zu können, war der Zugriff auf die einzelnen Blätter notwendig. Nach Abschluss der Fotoarbeiten wurde der Codex neu gebunden, die Einteilung in vier Teile behielt man bei.