mini|hochkant|Totempfahl in Victoria (British Columbia) Als First Nations (, ) werden über 600 verschiedene indigene Völker in Kanada bezeichnet, ausgenommen die Métis (Nachkommen von Cree und Europäern) und die im Norden lebenden Inuit. Sollen diese ebenfalls eingeschlossen werden, werden gelegentlich die Begriffe First Peoples und Premiers Peuples (Erste Völker) oder Aboriginal Peoples und Peuples aborigènes (Ureinwohnervölker) gebraucht; in den letzten Jahren spricht man häufiger von Autochthon Peoples und Peuples autochtones in beiden Hauptsprachen Kanadas. Im deutschen Sprachraum werden die First Nations zu den Indianern Nordamerikas gerechnet.

Häufig wird mit dem Begriff First Nations keine ethnische Zuordnung vorgenommen, sondern eine politische, was manchmal dazu führt, dass damit die Regierung der jeweiligen Ethnie gemeint ist. Auch werden damit gelegentlich Individuen bezeichnet – in der Form First Nations People –, doch ist die Bezeichnung Indianer hier viel häufiger anzutreffen. Allerdings ist die Bezeichnung Indian / American Indian im englischsprachigen Amerika umstritten,Lenore Keeshig-Tobias, Ojibwa, meinte 1990: „How I loathe the term ‘Indian’ … ‘Indian’ is a term used to sell things – souvenirs, cigars, cigarettes, gasoline, cars. … ‘Indian’ is a figment of the white man’s imagination.“ („Wie ich das Wort ‚Indianer‘ verabscheue … ‚Indianer‘, das wird benutzt, um etwas zu verkaufen – Andenken, Zigarren, Zigaretten, Benzin, Autos. … Der ‚Indianer‘ ist ein Phantasieprodukt des Weißen Mannes.“). Zitiert aus The New Zealand Digital Library, deutsch nach Phillip Wearne: Die Indianer Amerikas, Göttingen 1996, ISBN 3-88977-455-5, S. 21. im Gegensatz zum deutschen Wort.

Der Begriff Nations wurde bereits in der englischen Kolonialzeit verwendet und bezeichnete eine fremde Ethnie und das Territorium, auf dem sie lebt. Dieselbe Bedeutung hatte der Begriff bis 1871 im offiziellen Sprachgebrauch der USA. Der Begriff First Nations wurde ebenso wie die Begriffe Native Americans, American Indians, First Peoples und First Americans, seit den 1970er Jahren vermehrt verwendet. Damit wurde ein Begriff verwendet, der sich von dem in Kanada ebenfalls gebräuchlichen Begriff Indian Tribe oder Band erheblich unterscheidet. Das gilt für den Gebrauch im Alltag als auch für den juristischen und den politischen Bereich. Eine Nation kann sich auf das Völkerrecht berufen, das häufig als „internationales Recht“ bezeichnet wird, eine ethnische Gruppe nur auf Minderheitenschutz. Seit 2007 besteht mit der UN-Deklaration eine international anerkannte Erklärung über die Rechte indigener Völker.

Von den rund 700.000 Menschen, die sich als Indianer verstehen, zählen etwa 565.000 zu den 617 vom Staat anerkannten Stämmen (Stand: Anfang 2014), von denen allein fast 200 in British Columbia leben. Nur sie gelten im Sinne des zuständigen Ministeriums, des Department of Indigenous and Northern Affairs, juristisch als Indians. Etwa 133.000 gehören keinem Stamm an, gehören also ebenso zu den First Nations und sind dennoch im juristischen Sinne keine Indianer. Der Staat bestimmt also, ob eine Gruppe einen Stamm darstellt und ob ein Angehöriger einer First Nation ein Indianer ist. Dieser Definitionsgewalt setzt der Begriff der First Nations das Bestimmungsrecht der Ureinwohner entgegen. Zudem ist der staatliche Gebrauch außerhalb der Rechtssphäre unpräzise. Die Zahl der als Indianer anerkannten Kanadier stieg bis 2021 auf über eine Million.An update on the socio-economic gaps between Indigenous Peoples and the non-Indigenous population in Canada: Highlights from the 2021 Census, A Compendium Report to the Department's 2023 Annual Report to Parliament, Website der kanadischen Regierung.

In jüngster Zeit werden die Indianer in den USA, die als American Indians oder Native Americans, in Alaska als Alaska Natives, manchmal als Locals bezeichnet werden, analog zu First Nations als First Americans bezeichnet.

Überblick Die indigenen Kulturen lassen sich in Kanada in fünf Kulturareale unterteilen, die sehr unterschiedliche klimatische und ökologische Bedingungen aufweisen. Diese erforderten Anpassungen, die die Kulturen bis heute prägen. Während im Norden und in den Graslandschaften des Zentrums lange nomadische Gruppen vorherrschten, waren dies im Westen und Osten sesshafte, zum Teil bäuerliche oder saisonal in bestimmten Gebieten wandernde Gruppen, bei denen Fischfang von großer Bedeutung war, bei einigen Gruppen auch Robbenjagd. Dazu kamen im Westen Walfänger. Diesen Lebensformen waren auch die Behausungen angepasst, von denen Tipi und Wigwam die bekanntesten sind, doch entwickelten sich an den Großen Seen und im Westen auch Großdörfer mit Langhäusern. Vielfach bestanden Stammeskonföderationen. Schamanen waren von großer Bedeutung.

Die um 1500 beginnende Phase der Handelskontakte mit Europäern ging nach 1600 in die koloniale Phase über, in der europäische Siedler zunehmend Land beanspruchten und in der viele Stämme durch Epidemien ausgelöscht wurden. Im 19. Jahrhundert entstanden zahlreiche Reservate und Kanada versuchte, die Indianer zu assimilieren, indem sie zu Bauern erzogen werden sollten. Bis in die 1970er Jahre besuchten fast alle Kinder internatartige Schulen, genannt Residential Schools, in denen sie ihre Sprache nicht gebrauchen durften. Erst ab 1960 durften auch die Indianer in den Reservaten erstmals an Wahlen auf Bundesebene teilnehmen, die letzten Internate wurden im Jahre 1996 aufgelöst.

Innerhalb der First Nations der Nordwestküste oder des Nordostens besteht vielfach das traditionelle, auf voreuropäische Wurzeln zurückgehende Herrschaftssystem mit einem erblichen Häuptlingstum fort, jedoch in Konkurrenz mit dem von Kanada initiierten System der gewählten Häuptlinge und ihrer Berater. Während die First Nations sich auf Verträge berufen und zunehmend quasi-staatliche Autorität in festen Territorien verlangen,Dazu zuletzt: Christopher Alcantara: Deal? Or No Deal? Explaining Comprehensive Land Claims Negotiation Outcomes in Canada. PhD, University of Toronto 2008. betrachtet Kanadas Regierung die Indianer eher als Gruppen von Individuen, und einige Provinzen versuchen eine Privatisierung des Landes durchzusetzen, das bisher dem jeweiligen Stamm als Ganzes gehört.

Einige First Nations sind zu einem gewissen Wohlstand gekommen, viele leiden jedoch unter Armut und gravierenden sozialen Problemen. Das gilt vor allem für ländlich lebende Gruppen, deren natürliche Umgebung durch Rohstoffexploration (Uran, Ölschiefer, vor allem in Saskatchewan, Ontario, Québec und Alberta), Militärbasen (Cold Lake, Goose BayVgl. Colin Samson: A Way of Life that Does Not Exist: Canada and the Extinguishment of the Innu. London, New York: Verso 2003, ISBN 978-1-85984-525-7.) und Holzeinschlag (vor allem in British Columbia, aber auch in den anderen Provinzen) zerstört worden ist. Dennoch entwickeln sich überregionale Kultur- und Wirtschaftsbündnisse, die inzwischen auch weit entfernt lebende indigene Völker einschließen.

Dabei sind Bildung und Ausbildung von großer Bedeutung, und auch die Hochschulbildung kann seit 2003 an der First-Nations-Universität von Kanada in Saskatchewan absolviert werden. Viele der kleinen Sprachen sind vom Aussterben bedroht, doch bemühen sich die Stämme und einige staatliche Einrichtungen um ihren Erhalt. Die Sprache mit den meisten Sprechern ist das Cree.

Darüber hinaus leiden Indianer auch am systemischen Rassismus, der im kanadischen Justizsystem, bei der Polizei (Mounted Police RCMP), in den Gerichten und Gefängnissen vorhanden ist. Ein Indiz für den systemischen Rassismus bei der RCMP sei die Tatsache, dass 36 % der Todesschüsse, die durch „Mounties“ ausgeführt wurden, Angehörige indigener Gruppen trafen, obwohl Indianer und Inuit nur 4 % der Bevölkerung stellen.Monika Seiller: „Indigenous Lives Matter – Kanadas Selbstbetrug“, in , vierteljährlich erscheinende Zeitschrift der Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte, 32. Jahrgang – Nr. 122, , S. 11.

Begriff In Kanada werden die Angehörigen der First Nations häufig als First Nations People bezeichnet. Dieser Begriff steht in Konkurrenz zum Begriff „Indianer“ (IndianHier soll auf die weiteren Komplikationen, die dadurch entstehen, dass es inzwischen in Kanada eine starke indische Gemeinde gibt, deren Angehörige aus indischer Perspektive als Non-resident Indians bezeichnet werden, eingegangen werden. Sie werden politisch besonders korrekt auch als Persons of Indian Origin bezeichnet (vgl. Non-resident Indian und Person of Indian Origin).), der in der Öffentlichkeit meist unscharf für alle Angehörigen der vom Staat anerkannten Indianerstämme (bands oder tribes), aber auch für all diejenigen benutzt wird, die sich selbst als Indianer betrachten oder die von anderen dieser Gruppe zugerechnet werden.

Rechtlich definiert das Indianergesetz (Indian Act) seit 1876, wer ein Angehöriger der First Nations ist. Der Indian Act wird seit mehreren Jahren kritisiert und man bemüht sich um Reformen, der die indigene Selbstverwaltung ohne Verlust von Autonomie verbessern soll.Theresa Luedtke und Maren Thiel, Recherche Dana Dramsch: Diskriminierung per Gesetz – die Geschichte des kanadischen Indian Act (2/2), Artikel auf gfbvblog.com vom 25. Juli 2022, abgerufen am 23. Januar 2026. Um einen Indian Status bzw. indigene Zugehörigkeit staatlicherseits zu erhalten, muss man einem der anerkannten Indianerstämme angehören. Dabei ist die Zugehörigkeit zu mehreren Stämmen nicht möglich, auch wenn die Eltern verschiedenen Stämmen angehörten; ausschlaggebend ist der Vater. Selbst in Regionen, in denen die ethnischen Gruppen ein ganz anderes Verständnis hatten und keine Stämme im europäischen Sinne kannten, wurde ihnen dieses Konzept, das auf genetischer Verwandtschaft basiert, aufgezwungen. Die Diskussion um die kartographische Festlegung der sogenannten traditionellen Stammesgebiete, die für Kompensationszahlungen und Vertragsverhandlungen größte Bedeutung hat, ist somit an Vorstellungen des 19. Jahrhunderts ausgerichtet. In vielen Regionen gab es jedoch keine ausschließlichen Rechte an einem bestimmten Stammesgebiet, wie die Euro-Kanadier oft meinen, sondern vielmehr sich überlappende Nutzungsrechte, die zudem oftmals an Haus- und Wohngruppen oder an Familien, Clans und Verwandtschaftslinien und auch an zyklische Wanderungen im Jahreslauf gebunden waren.

mini|hochkant|Ovide Mercredi, Chief of the Assembly of First Nations von 1991 bis 1997, die aus der National Indian Brotherhood hervorging

Der staatlichen Definitionsgewalt soll mit dem Begriff First Nation ein eigenes Verständnis entgegengesetzt werden. Dieses besteht darin, dass jeder Stamm selbst bestimmt, wer ihm angehören soll, und dass die Anerkennung als Stamm nicht von einer staatlichen Behörde abhängt. Somit gibt es zahlreiche First Nations, die nicht offiziell als Stämme gelten. Gleichzeitig wird der Charakter einer souveränen Nation mit allen Rechten und Pflichten stärker betont. Als nationales Repräsentationsorgan fungiert dementsprechend die Versammlung der First Nations. Aktuell sind rund 20 % der Angehörigen von anerkannten First Nations nicht als Indianer anerkannt. Eine Reihe von First Nations, wie die Kichesipirini in der Provinz Québec, ist wiederum nicht als Stamm (Tribe) anerkannt.Allein in Ontario sind fast 50 Gruppen nicht als First Nations anerkannt.