mini|hochkant|Begräbniswald Remscheid

Ein Bestattungswald (auch Urnen-, Begräbnis-, Ruhe- oder Friedwald) ist ein 1999 zuerst in der Schweiz genehmigter Beisetzungsort für Totenaschen im Wald. Gekennzeichnete Bestattungsbäume orientieren über den Ort der Beisetzung, individuelle Gräber sind aber nicht erkennbar, Bepflanzungen durch Hinterbliebene, Bodenbearbeitung sowie das Ablegen von Devotionalien sind unzulässig; somit entfällt auch die Grabpflege. Während in der Schweiz die Totenasche am Baum verstreut wird, muss sie in Deutschland und Österreich überwiegend in einer Bestattungsurne in friedhofstypischer Tiefe beigesetzt werden.

Hinsichtlich Planung, Einrichtung und Betrieb von Bestattungswäldern findet eine Aufgaben- und Einnahmenteilung zwischen den oft privaten Betreibern sowie den Waldeigentümern und Gemeinden statt. Dabei sind sowohl rechtliche als auch wirtschaftliche und ökologische Anforderungen in Betracht zu ziehen.

Anfänge und Entwicklung

Idee und Konzept der im deutschsprachigen Raum vorkommenden Bestattungswälder stammen von dem in Mammern beheimateten Schweizer Ueli Sauter, der nach mehrjährigem Bemühen und ersten Baumbestattungen auf eigenem Grund 1999 die behördliche Genehmigung zur Einrichtung eines Bestattungswaldes erhielt.Beisetzung im Wurzelwerk auch in der Schweiz. Zeitschrift „Schweizer Familie“, Oktober 1999, zit. im Onlineportal „Postmortal“. Abgerufen am 2. Juli 2019. Sauter verbindet mit der Baumbestattung der Totenasche Vorstellungen von einer Rückkehr in den Kreislauf der Natur und von der Entstehung neuen Lebens, indem die Baumwurzeln die in der Asche enthaltenen Nährstoffe aufnehmen.Unter Bäumen die letzte Ruhe finden Neue Zürcher Zeitung, 24. Juli 2014. Abgerufen am 18. Juni 2019; Stefanie Rüter: Friedwald. Waldbewusstsein und Bestattungskultur. Münster 2011, S. 48. In der Schweiz wurden 2019 von Sauter und seinen Mitarbeitern 70 Begräbniswälder betrieben.Standorte nach Kantonen; abgerufen am 29. September 2019.

Bereits im Jahr 2000 verkaufte Sauter seine Rechte an der Marke FriedWald nach Deutschland. Die FriedWald GmbH und in der Folge auch die RuheForst GmbH etablierten Franchising-Produkte. vom 21. Oktober 2016, abgerufen am 29. November 2020. 2020 verfügten nach eigenen Angaben allein die größten Anbieter FriedWald und RuheForst über 74 bzw. 68 Standorte in ganz Deutschland Webseite von FriedWald, Webseite von RuheForst, jeweils abgerufen am 1. Dezember 2020, bei denen die haftungsbeschränkten Gesellschaften Rechte und Pflichten im Benehmen mit den Waldeigentümern festsetzen und die Gemeinden eine 99-jährigen Grunddienstbarkeit absichern. Weitere Anbieter sind von eher regionaler Bedeutung. In Österreich etablierte eine Gemeinschaft aus dem Stift Heiligenkreuz, Stift Klosterneuburg und dem Erzbistum Wien den Anbieter Klosterwald, der sechs Bestattungswälder im Osten Österreichs betreibt. In Deutschland wie auch in Österreich sind sie in den Flächennutzungsplänen als Sondergebiet Bestattungswald dargestellt und als Friedhof gewidmet.Friedhofspflicht Bestattungswälder in Deutschland gelten als öffentlich-rechtlich gewidmete Friedhof, (Gaedke, Jürgen (Hrsg.): Handbuch des Friedhofs- und Bestattungsrechts" (bearbeitet von Torsten F. Bartel), 12. Auflage 2019, Verlag Carl Heymanns, Randnummer 30 (S. 220)) Abweichend von der Regel, Totenaschen in einer Urne beizusetzen, kann in einigen Bundesländern die Asche auch verstreut werden; in Schweizerischen Bestattungswäldern ist das obligatorisch. Träger ist die Gemeinde bzw. Kommune oder (in seltenen Fällen) eine kirchliche Einrichtung,Webseite der FriedWald GmbH: , abgerufen am 20. August 2019. unabhängig davon, wer der Eigentümer des Waldes ist. Der laufende Betrieb erfolgt durch private oder öffentliche Organisationen. Neben Firmen betreiben unterdessen auch zahlreiche Kommunen Bestattungswälder.Stadt Endingen am Kaiserstuhl: ImpressumMärkische Allgemeine: Mittelmarks erster kommunaler BestattungswaldStadt Rosbach vor der Höhe:

Nach Angaben der Université du LuxembourgSonja Kmec / Thomas Kolnberger: „Waldfriedhöfe“ im Luxemburger Anthropozän – neuer Kulturdünger oder alte Probleme?. transmortality.uni.lu. 1./2. Juni 2017. S. 10, abgerufen am 16. November 2020 gab es 2017 in den europäischen Staaten Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Luxemburg,Beschkierfecht_. revue-technique.lu. 3. Mai 2011, abgerufen am 17. November 2020 Tschechien und Schweden Bestattungswälder.Sonja Kmec / Thomas Kolnberger: „Waldfriedhöfe“ im Luxemburger Anthropozän – neuer Kulturdünger oder alte Probleme?. transmortality.uni.lu. 1./2. Juni 2017. S. 11, abgerufen am 16. November 2020 In den USA und anderen englischsprachigen Staaten existieren als „natural burial grounds“ ähnliche auf Naturnähe zielende Angebote unter Verzicht auf Einäscherungen.„Natural Burials“

Entscheidungsgründe für Baumbestattungen mini|Urne aus Bioplastik mit Deckel aus Weißblech In den meisten Untersuchungen erscheint die Entscheidung für ein Begräbnis in einem Bestattungswald als Ausdruck von Naturverbundenheit und als Ergebnis pragmatischer Abwägungen beim Vergleich verschiedener Bestattungsangebote.Siehe beispielsweise die Untersuchung von Britta Bauer und Ulrich Schraml für die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg: „Unter allen Wipfeln ist Ruh“ – Der Wald als Bestattungsort. Onlineversion in waldwissen.net. 14. November 2018, abgerufen am 22. November 2020 Gesellschaftliche Veränderungen seit den 1980er Jahren kommen als Treiber einer Entwicklung in Betracht, die das Interesse für neue Bestattungsformen im Allgemeinen und für die Baumbestattung im Besonderen verständlich machen. Vorreiter diesbezüglich waren die Hospizbewegung und die AIDS-Bewegung sowie das Streben nach einer würdigen Bestattung von Früh- und Totgeburten.Isa Straub: Das Aufkommen alternativer Bestattungsformen als Ausdruck transkultureller Lebenswelten Berlin 2014, S. 114. Die Vorreiterrolle der von AIDS Betroffenen unterstreicht Sylvia Frevert: „Über Jahre mit dem eigenen Sterben konfrontiert, den Tod von Freunden erlebend, planten sie ihr Ende selbst und auch die Dinge, die danach passieren sollten.“Frevert 2010, S. 27. Die Auswertung diverser neuerer Studien zur Bestattungskultur lässt laut Isa Straub erkennen, dass die Entscheidung für eine Feuerbestattung oft von der Möglichkeit bestimmt ist, sich in der Natur bestatten zu lassen. „35 % könnten sich ihre letzte Ruhestätte auf einer Alm, im Bestattungswald oder an einem anderen Platz in der Natur vorstellen, weil sie zurück zur Natur wollen (27 %) oder ihnen das einfach besser gefällt (17 %).“Isa Straub: Das Aufkommen alternativer Bestattungsformen als Ausdruck transkultureller Lebenswelten. Berlin 2014, S. 120.

Für Baumbestattungen bezeichnend ist laut einer Untersuchung der Kulturwissenschaftlerin Stefanie Rüter ein Vorsorgekonzept: Hier stehe der lebendige Mensch mit seinen Wünschen im Vordergrund. „Er selbst bestimmt, wo und wie er erinnert werden möchte und wie sein Grab und dessen Umgebung aussehen sollen.“Rüter 2011, S. 152. Dass zum Baum der eigenen späteren Beisetzung schon mit der Auswahlentscheidung eine wirksame Beziehung hergestellt wird, zeigt sich Rüter zufolge bereits im Alltagsleben: Oft werde dieser Baum zum beliebten Besuchsobjekt seiner Eigentümer, und zwar unabhängig davon, ob dort bereits ein Familienmitglied beigesetzt sei. „Sein Gedeihen wird beobachtet, und er wird als Teil des eigenen Lebens betrachtet.“Rüter 2011, S. 139.

Ein vorrangiges Motiv für den Wunsch nach Beisetzung im Bestattungswald ist der damit verbundene Wegfall der Grabpflege: Die Angehörigen sollen von Kosten bzw. Zeitaufwand für die Grabpflege entlastet werden.Frevert 2010, S. 29 f. Im Falle der Baumbestattung entfallen diesbezügliche soziale Kontrollmechanismen in der Friedhofsgemeinde ebenso wie eventuelle Schuldgefühle der Angehörigen bei Versäumnissen in der Grabpflege.Rüter 2011, S. 128. „Charakteristisches Merkmal aller Bestattungswälder ist bei aller Unterschiedlichkeit das verheißungsvolle Angebot“, so auch Reiner Sörries, „dass die Natur selbst die Grabpflege übernimmt und damit die Hinterbliebenen von der Grabpflege entlastet.“Reiner Sörries: Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs. Kevelaer 2009, S. 212. Baumbestattungsinteressenten ist es teilweise wichtig, dass der Beisetzungsort von den Hinterbliebenen aus freiem Antrieb aufgesucht wird und nicht „aus reiner Verpflichtung“.Rüter 2011, S. 130 und 135.

Anders als anonyme Grabstellen bieten Begräbniswälder den Angehörigen der Verstorbenen und anderen diesen Nahestehenden aber wie herkömmliche Friedhöfe einen bestimmten Ort zum Trauern und Gedenken. „Es ist seelsorgerisch und psychologisch nachgewiesen, dass Hinterbliebene, die einer anonymen Beerdigung zugestimmt haben, später erhebliche Probleme mit der ‚Ortlosigkeit der Trauer‘ hatten.“Frevert 2010, S. 31

Die Baumbestattungsalternative wird von manchen aber auch aus Ablehnung der üblichen Beisetzungsrituale und Verhaltensvorschriften auf Friedhöfen bevorzugt. Die dort geforderten Verhaltensstandards von der Beisetzung bis zur Trauerverarbeitung „werden nicht mehr als sinnvoll, sondern als Gängelei und Bevormundung erachtet. Es ist ein deutliches Streben nach Freiheit und individuellen Entscheidungsspielräumen feststellbar, welches sowohl den Umgang mit dem Tod und den Toten als auch die eigene Trauerverarbeitung betrifft.“Rüter 2011, S. 133–134. (Zitat S. 134)

Einrichtung und Betrieb von Bestattungswäldern mini|Leichenwagen mit Urne im Wald nahe der Burg Plesse mini|Urnengrab im Bestattungswald Usedom nach der Beisetzung mini|Urnengrab im Wald bei Bönningstedt mini|Erweiterung des Friedwaldes Möhnesee (Nordrhein-Westfalen) im April 2016 Die Waldbesitzer stellen die Flächen für die Nutzung als Bestattungsfläche zur Verfügung, beantragen die Grundbucheinträge für die Grabbäume und sind für die Bereitstellung von Parkplätzen zuständig.Rüter 2011, S. 56. Der Waldboden wird bis in eine Tiefe von mindestens 80 cm aufgegraben, die Bestattungsurne direkt im Baumwurzelbereich beigesetzt. Je nach Schutzstatus bzw. Vorgaben der beanspruchten Waldfläche werden Urnen aus Holz, aus einem biologisch abbaubaren Kunststoff oder aus dauerhaftem Edelstahl verwendet. Bäume und Urnenpositionen werden eingemessen und in Karten eingezeichnet.

In einem Bestattungswald werden meist verschiedene Beisetzungsvarianten angeboten. Am Gemeinschaftsbaum wird die Asche verschiedener Verstorbener beigesetzt, die nicht notwendig in einem persönlichen Bezug standen. Die hieran sich Beteiligenden haben keinen Einfluss darauf, wer später an diesem Baum beigesetzt wird; die Abfolge der zu Bestattenden gleicht der bei einem Reihengrab. Damit entfällt auch die Festlegung des genauen Beisetzungplatzes. Ein Familien- und Freundschaftsbaum ähnelt zum Teil einem Familiengrab. Hier ist der Baum für mehrere Urnen reserviert. Am Einzel- oder Partnerbaum wird die Asche von einer bzw. zwei Personen beigesetzt. Weitere Beisetzungen finden um diesen Baum nicht statt. Weitere Varianten der Beisetzung im Bestattungswald sind der Basisplatz (mit auf 15 bis 30 Jahre verkürzten Ruhezeiten gegenüber denen von bis zu 99 Jahren für die oben genannten Optionen) und der Sternschnuppenbaum für Kinder, die bis zum dritten Lebensjahr verstorben sind.Übersichten über die gängigen Angebote bei Frevert 2010, S. 38 f. und Rüter 2011, S. 62 f. In einigen Bestattungswäldern gibt es auch so genannte Regenbogenbiotope. An diesen werden „Sternenkinder“ kostenfrei beigesetzt.RegenbogenBiotop

An den Bäumen selbst kann durch ein Namensschild der Verstorbenen gedacht werden. Meist werden hierauf Name, Geburts- und Sterbedatum vermerkt. Möglich sind auch Symbole und kurze Zitate mit oder ohne religiösen Bezug. Die Beisetzung der Urnen erfolgt innerhalb des Wurzelraums in einem Abstand von zwei bis drei Metern vom Baumstamm.Frankfurter Neue Presse: Letzte Ruhe im Wald, 14. April 2016; abgerufen am 24. August 2019.