mini|Anonymer Scherenschnitt Marianne Brentano, verheiratete Ehrmann (* 25. November 1755 in Rapperswil; † 14. August 1795 in Stuttgart) war eine deutsch-schweizerische Schauspielerin, Schriftstellerin, Journalistin der Aufklärung und gehörte zu den ersten Verlegerinnen im deutschsprachigen Raum. (PDF)
Leben Familie und Jugend Marianne Ehrmann wurde in Rapperswil am Zürichsee, in der Schweiz geboren. Ihr Vater, Franz Xaver Brentano war Kaufmann, der zu seinen Lebzeiten schon sein Vermögen verlor. Mit seiner Frau und Ehrmanns Mutter, Maria Sebastiana, geborene Conti, hatte er acht Kinder. Nach dem Tod ihrer Geschwister und ihrer Eltern musste sie sich als 16- oder 19-Jährige durch das Leben als Außenseiterin kämpfen.Wege 2007: 59
Ab 1771 oder 1775 lebte sie zeitweise bei ihrem Onkel, dem Theologen und Aufklärer Dominikus von Brentano, der als Stiftskaplan und Geistlicher Sekretär im Fürststift Kempten tätig war und sie förderte. Allerdings konnte er ihr aus moralischer oder religiöser Erwägung nicht lange einen Zufluchtsort gewähren, sodass sie von ihm als Haushälterin zu einem anderen Verwandten, der sie nicht gut behandelte, wechseln musste.Neumann 1999: 178
Lebenskrise und Veränderung 1777 heiratete Marianne Ehrmann einen spielsüchtigen Offizier, damit sie nicht mehr bei ihrem Verwandten leben musste. Diese Ehe ging sie nicht aus Liebe ein, sondern um einen Vorteil in der Gesellschaft zu bekommen. Sie wusste, dass eine Frau ohne Vater und Ehemann ein schutzloses Leben führen würde. Die Ehe verlief unglücklich, der gewalttätige Ehemann schlug Ehrmann oft, wenn er mit einer leeren Geldbörse nach Hause kam. Eine Schwangerschaft endete mit einer Totgeburt. Schließlich tauchte der Offizier nach Geldbetrügereien unter und Marianne Ehrmann musste seine Schulden übernehmen, wobei sie ihr Onkel Dominikus von Brentano unterstützte. Mit seiner Hilfe erstritt sie 1779 die Ehescheidung. Aufgrund eines Nervenzusammenbruches ermöglichte ihr Onkel eine Erholungs- und Bildungsreise durch Deutschland und Italien. Nach ihrer Wiederankunft musste sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und versuchte sich als Gouvernante in Wien, was ihr nicht gelang, was zur Folge einen sozialen Abstieg hatte. Marianne Ehrmann findet sich als das gefallene Mädchen wieder, das Hauptthema in ihren Schriften wird.Neumann 1999: 179f.
Wege in die Publizistik Nach ihrer Ehescheidung konnte sie nicht mehr zu ihren Verwandten flüchten. Eine zweite Ehe war auch nicht in Sicht, also gab es nur eine Alternative für die geschiedene Marianne Ehrmann: um 1780 schloss sie sich in Wien Wanderschauspielern unter dem Bühnennamen Madame von Sternheim, der einem Roman von Sophie von La Roche entlehnt ist, an. Das war die einzige Möglichkeit, um die materielle und ideelle Unabhängigkeit zu bewahren, denn durch ihre temperamentvolle und direkte Art fand sie keine Anstellung als Haushälterin oder Erzieherin. Allerdings erfuhr sie auch, dass eine Schauspielerin nicht gebührend geachtet wird. Sie erhielt dadurch eine demütigende gesellschaftliche Stellung und warnte später in einem ihrer Romane vor diesem Berufsstand.Neumann 1999: 181
Doch Marianne Ehrmann hatte Glück. Nach vier Jahren Umherziehen gelang ihr nach ihrem anonymen Debüt als Schriftstellerin der Absprung. 1783 trennte sie sich in Straßburg von der Schauspieltruppe, um nach dem Erfolg der Philosophie eines Weibes als Schriftstellerin tätig zu sein. Das Erstwerk erzeugte großes Aufsehen und rief auch die Replik Philosophie eines Mannes eines Freiburger Rhetorkiprofessors hervor. Zu den positiven Rezensionen der Philosophie eines Weibes gehörte die von Theophil Friedrich Ehrmann verfasste. Er war als promovierter Jurist in Straßburg als Rezensent für politische und literarische Zeitschriften tätig. Der sieben Jahre jüngere Ehrmann verliebte sich in Marianne Ehrmann und wollte sie heiraten. Seine Familie, aus wohlhabendem Bürgertum, war jedoch gegen die Beziehung mit einer älteren, mittellosen und geschiedenen Frau. Um 1785/86 wurde ihre Ehe heimlich in Deutschland geschlossen. Marianne Ehrmann wurde zunächst auf dem Land vor seiner Familie versteckt. Danach musste sie in seiner Stadtwohnung bleiben. Theophil Ehrmann blieb hingegen bei seinen Eltern wohnen. In dieser Zeit entstanden die ersten Veröffentlichungen von Marianne Ehrmann. Nach großen Streitereien versöhnte er sich dennoch mit seinen Eltern.Neumann 1999: 182f.
1787 zogen die Ehrmanns nach Isny und versuchten, auf Basis literarischer Produktion sich mit einem Verlag selbständig zu machen. Dieses gelang ihnen nicht, da sich der Eigenverlag als finanzieller Ruin aufwies. Theophil Ehrmann gab etwa ein Jahr die Frauenzimmerzeitung raus, in der Marianne Ehrmann Kleine Fragmente für Denkerinnen einfügte, die sie ab 1789 als eigenständige Schrift veröffentlichte, die sie Franziska von Hohenheim widmete. Ein Jahr später erfolgte der Umzug nach Stuttgart, Theophil Ehrmann hoffte auf eine Stelle an der Herzoglichen Akademie; dies sollte nie eintreten. 1790 kam eine Haustochter, Johanne Christiane Husuwadel, in das Haus des Ehepaares. 1792 nahmen sie einen unehelichen Säugling als ihren auf, da Marianne Ehrmann aufgrund ihrer Krankheiten keine Kinder bekommen konnte.Neumann 1999: 184f.
Auf große Resonanz stieß Marianne Ehrmanns autobiographisch gefärbter zweibändiger Briefroman Amalie. Eine wahre Geschichte in Briefen, der 1788 erschien. Seit diesem Roman wurde sie von vielen Leuten als Amalie angesprochen. Die Protagonistin schreibt sich mit ihrer Freundin Fanny Briefe, wobei die Briefe Fannys seltener sind und keine eigene Handlung enthalten, sondern hauptsächlich auf Amalies Schilderungen antworten.
Ab 1790 gab die Aufklärerin Marianne Ehrmann die Frauenzeitschrift Amaliens Erholungsstunden heraus. In der Ehe mit Theophil Ehrmann hatte sie viel mehr Möglichkeiten: sie konnte sich mit ihrem Mann eine Präsenz als Literatin, Publizistin und Herausgeberin aufbauen. Dies sicherte ihr eine selbstständige Existenz. Das Ehepaar war von Anfang an auf die Einkünfte aus der Schriftstellerei angewiesen, wobei Marianne Ehrmann den größten Teil zum gemeinsamen Einkommen beisteuerte. Sie ging kein Risiko ein Schriftstellerin zu werden, da sie von Anfang an in der Gesellschaft kaum Chancen hatte als ‘ehrbare‘ Frau anerkannt zu werden. Sie hatte also keinen Ruf mehr zu verlieren, sondern konnte nur einen Besseren gewinnen. Am Anfang ihrer Karriere hatte Marianne Ehrmann keinerlei gesellschaftliche Unterstützung. In der Gesellschaft war sie ein schlechtes Beispiel für andere Frauen, da sie über ihre Vergangenheit und die Kinderlosigkeit schrieb.Kirstein 1994: 45 f.
Das Ehepaar Ehrmann lud 1793 Gäste zu einer frühen Form des literarischen Salons in ein Gartenhaus an der Esslinger Steige oberhalb der Landesbibliothek ein. Unter den Gästen war unter anderen der Schriftsteller Friedrich David Gräter, ein Hofrat, ein Professor, der Hofprediger und es wurden Gespenstergeschichten erzählt.
Marianne Ehrmann hatte jedoch Rücksicht auf ihren Mann zu nehmen. Obwohl er sie in die Publizistik führte, nahm er ihr den Erfolg und die Tatsache, dass sie die Ernährerrolle übernahm, übel. Theophil Ehrmann war selbst Wissenschaftler, was aber nicht anerkannt wurde und er somit erfolglos blieb und seine Frau dadurch lächerlich machte und sie bloßstellte. Aus diesen Gründen bekam Marianne Ehrmann Depressionen und war oft krank. Dennoch war sie in dieser Ehe sehr glücklich, da ihr Mann ihr zu einer zweiten, gesellschaftlich legitimen Existenz verhalf. Er unterstützte sie beim Einstieg in die Schriftstellerei, obwohl sie eine schwierige Aufnahme in die Stuttgarter Gesellschaft hatte.
1793 verwirklichte Marianne Ehrmann ihre Vorstellungen mit der bei Orell, Gessner, Füssli & Cie. erscheinenden Zeitschrift Die Einsiedlerinn aus den Alpen. Sie war inhaltlich massiv gegen die Zustände in der zeitgenössischen Gesellschaft gerichtet, was allerdings mit viel Vorsicht formuliert war.Kirstein 1994: 47ff. mini|Titelseite der ersten Ausgabe von Amaliens Erholungsstunden
Am 14. August 1795 starb Marianne Ehrmann-Brentano an einer Lungenentzündung im Alter von 39 Jahren in Stuttgart. In Stuttgart-Stammheim ist im Neubaugebiet Langenäcker-Wiesert eine Straße nach ihr benannt.
Journalistische Arbeiten und herausgeberische Tätigkeiten Amaliens Erholungsstunden. Teutschlands Töchtern geweiht Amaliens Erholungsstunden war die erste Frauenzeitschrift, die monatlich veröffentlicht wurde. Marianne Ehrmann war ab der Zeit der Herausgabe eine selbstbewusste Verfasserin und musste sich nicht mehr hinter einem Pseudonym verstecken. Sie war nun verantwortlich für alle Aussagen in ihrer Zeitschrift. Diese erschien 1790 im ersten Jahrgang im Selbstverlag, Verlag der Expedizion des Beobachters, des Paares Ehrmann. Marianne Ehrmann war sehr bemüht, für ihre Zeitschrift zu werben. Sie verschickte Vorankündigungen an Bekannte, Freunde und potentielle Gönner, um diese im Bekanntenkreis zu verteilen, allerdings meist ohne großen Erfolg. Nach den ersten sechs Probeheften war ein Zuwachs von jeweils 60 Abonnenten festgestellt, also wurde die Herausgabe der Zeitschrift fortgesetzt. Der Vertrieb ging sogar an außenstehende, wie das örtliche Postamt. Die durch den Eigenverlag gemachten Schulden, waren zwar abgezahlt, dennoch konnte Theophil Ehrmann die erforderlichen Ausgaben für Amaliens Erholungsstunden nach dem ersten Halbjahr nicht mehr auslegen. Also wurde der Verlag an das Postamt abgeben. Nur noch die redaktionelle Arbeit und das Schreiben mussten Marianne und Theophil Ehrmann erledigen. Der Verlag wurde letztendlich an die J. G. Cottaische Verlagsbuchhandlung in Tübingen übergeben, somit waren ihr alle Rechte mit dem Vertrag überschrieben. Ab Januar 1791 wurde Amaliens Erholungsstunden bei Cotta verlegt.Weckel 1998: 119
Marianne Ehrmann übernahm die Verantwortung für den pünktlichen Eingang der Beiträge und die Vollständigkeit der Manuskripte. Der Verlag bestimmte die Auflagenhöhe der Zeitschrift und konnte diese ohne weiteres Honorar an das Ehepaar nachdrucken. Marianne Ehrmann bekam 66 Fl. (Gulden) für elf Bogen in einem Monat. Das Honorar sollte auf 16,5 pro Bogen erhöht werden, sobald die Abonnentenzahl die 2000 überschritten hatte. Mit dem neuen Verlag konnte sich Marianne Ehrmann komplett auf ihre publizistische Arbeit konzentrieren.Weckel 1998: 120
Die Zeitschrift war sehr erfolgreich. Die Auflagenhöhe von rund 1000 Exemplaren für ein auf Frauen ausgerichtetes Blatt war relativ hoch. Das Abonnement für ein halbes Jahr kostete zwei Gulden. Das meiste Publikum stammte aus Süddeutschland, wie Württemberg, aber auch aus anderen Gebieten Deutschlands, wie Leipzig, Berlin und Hamburg. Es gab auch zahlreiche Abonnenten aus dem Ausland, wie der Schweiz, Frankreich, Italien und Dänemark. Sie gehörten auch zu den höheren gesellschaftlichen Kreisen, dem gehobenen Bürgertum. Marianne Ehrmann wollte mit dieser Zeitschrift ihren Leserinnen ihre Vorstellung von den gesellschaftlichen Strukturen nahebringen, deren Ziel nicht nur belehrend und veredelnd auf den Verstand ihrer Mitmenschen wirken sollte, sondern sie sollten die Gesellschaftsstrukturen beurteilen und ihre Meinung dazu äußern.Weckel 1998: 123