Der Vierte Kreuzzug von 1202 bis 1204, an dem hauptsächlich französische Ritter sowie venezianische Seeleute und Soldaten beteiligt waren, hatte ursprünglich die Eroberung Ägyptens zum Ziel. Trotz heftiger Einwände des Papstes und gänzlich dem Kreuzzugsgedanken zuwider wurde stattdessen das christliche Konstantinopel eingenommen und geplündert. Das Ereignis vertiefte die Spaltung zwischen griechisch-orthodoxem Osten und römisch-katholischem Westen.
Vorgeschichte mini|Konstantinopel im Mittelalter (Cristoforo Buondelmonti 1422, Description des îles de l’archipel, Bibliothèque nationale, Paris)
Mitte des 12. Jahrhunderts war beinahe ein Siebtel der über eine halbe Million Einwohner Konstantinopels „lateinischer“ (westeuropäischer) Herkunft. Es waren zum größten Teil Händler aus den Seerepubliken Amalfi, Genua, Pisa und der Republik Venedig. Diese Händler hatten Privilegien, welche die byzantinische Regierung in Notzeiten den Italienern gegen militärische Unterstützung hatte zugestehen müssen (vgl. Wirtschaftsgeschichte Venedigs). Die Bevorteilung der „Lateiner“, ihre anmaßende Art und ihre fortwährend untereinander ausgetragenen Feindseligkeiten schürten Hass in der byzantinischen Bevölkerung. Anfang 1171 wurde bei Ausschreitungen das Viertel der genuesischen Kaufleute im Stadtteil Pera auf der gegenüberliegenden Seite des Goldenen Horns zerstört. Die Täterschaft wurde nie geklärt, dennoch beschuldigte Kaiser Manuel I. Komnenos die Venezianer. Infolgedessen wurden am 12. März 1171 im gesamten Reich alle Kaufleute Venedigs verhaftet, eingekerkert und ihr Besitz konfisziert. Nur wenige konnten fliehen.
Die Serenissima fasste die Verhaftungswelle als Kriegserklärung auf. Noch im Sommer wurde eine Kriegsflotte mit 120 Schiffen ausgerüstet, die unter dem Kommando des Dogen Vitale Michiel II. im September 1171 in See stach. Die Flotte umrundete die Peloponnes und traf bei Euböa auf byzantinische Diplomaten, die um Verhandlungen baten. Vitale Michiel ging darauf ein, schickte eine Gesandtschaft nach Konstantinopel und überwinterte mit der Flotte auf Chios. Als die Gesandten im Frühjahr 1172 aus Konstantinopel zurückkehrten, war klar, dass Manuel Komnenos gar nicht daran dachte, seine Haltung zu ändern. Die angeblichen Verhandlungen nutzte er als Vorwand, um Zeit für den Ausbau der byzantinischen Verteidigungslinie zu gewinnen. Die venezianischen Diplomaten hatte er schimpflich behandelt, vielleicht wurde der zur Gesandtschaft gehörende Enrico Dandolo auf dieser Mission geblendet. Einen Angriff auf Byzanz konnte es allerdings nicht mehr geben, denn auf den überfüllten Schiffen war im Winter 1171/72 eine Seuche ausgebrochen und hatte Tausende dahingerafft. Die wenigen Überlebenden waren nicht mehr zur Kriegsführung imstande. Die Expedition endete in einer Katastrophe. Gedemütigt kehrte Vitale Michiel nach Venedig zurück, musste als Sündenbock herhalten und wurde angeklagt. Noch vor dem Prozess erdolchte ihn ein Venezianer namens Marco Casolo, der daraufhin gehängt wurde.
Das Verhältnis zwischen den einstigen Verbündeten Byzanz und Venedig litt durch diese Ereignisse dauerhaft, auch ein 1177 geschlossener Frieden zwischen den beiden Parteien änderte daran nichts. 1182 griff infolge von Wirren um die Thronfolge Andronikos I. Komnenos nach der Macht, der bis dahin im Exil an der Schwarzmeer-Küste geweilt hatte. Noch vor seiner Ankunft in Konstantinopel wurde bei dem sogenannten „Lateinerpogrom“ nahezu die gesamte „lateinische“ Bevölkerung (noch immer waren Genuesen und Pisaner in der Stadt) ermordet und ihre Stadtviertel niedergebrannt.
Im August 1189 verweigerte Kaiser Isaak II. Angelos dem deutschen Heer des Dritten Kreuzzugs unter Friedrich Barbarossa die Durchreise, obwohl er zuvor die freie Passage und den Transport über den Hellespont (heutiger Name: Dardanellen) zugesagt hatte. Er hatte heimlich mit Sultan Saladin vereinbart, das Vorwärtskommen der Kreuzfahrer so lange wie möglich zu verzögern. Erst nach der Besetzung und Plünderung zahlreicher byzantinischer Städte und Burgen und der Bedrohung von Konstantinopel selbst ließ Isaak II. Angelos die Kreuzfahrer im März 1190 nach Kleinasien übersetzen.
1195 wurde Kaiser Isaak II. durch eine Palastrevolte von seinem Bruder Alexios III. gestürzt. Mit seiner Thronbesteigung setzte sich der Niedergang der kaiserlichen Autorität im byzantinischen Reich fort. Erst löste sich Trapezunt vom Reich, dann errichtete Leon Sgouros eine Herrschaft in Mittelgriechenland mit dem Zentrum Korinth. Alexios stand den Entwicklungen hilflos gegenüber, Byzanz verlor seine Bedeutung als europäische Macht. Als sich der armenische Fürst Leo II. in Kilikien zum König des neuen Reiches von Kleinarmenien erklärte, forderte er seine Anerkennung nicht etwa vom nahen Kaiser in Byzanz, sondern vom römisch-deutschen Kaiser Heinrich VI. sowie von Papst Coelestin III. Noch verhängnisvoller als der Verlust an Einfluss wurde für Byzanz die Einbuße seiner Seeherrschaft. Nachdem ein Großteil der kaiserlichen Flotte 1186 von den Normannen vor Zypern vernichtet worden war, besaß das Byzantinische Reich noch 20 Schiffe. Mit dieser Flotte vermochte man nicht einmal das Marmarameer frei von Piraten zu halten. Infolgedessen ging der Seehandel – die Haupteinnahmequelle Konstantinopels – drastisch zurück.
Ab 1195 plante der römische Kaiser Heinrich VI. einen Kreuzzug, der vermutlich zur Ausdehnung seiner Herrschaft auf den gesamten östlichen Mittelmeerraum geführt hätte. Allerdings starb Heinrich 1197 im Alter von 32 Jahren, noch während sich in Messina seine Kreuzzugsflotte sammelte.
Der Kreuzzug Die Vorbereitungen Im August 1198 rief Papst Innozenz III. ohne besonderen Anlass (wie etwa die Niederlage bei Hattin, die Auslöser für den Dritten Kreuzzug gewesen war) mit der päpstlichen Bulle Post miserabile Ierusolimitane zum erneuten Kreuzzug zur Rückeroberung der Levante auf. Nach den nur geringen Erfolgen des Dritten Kreuzzugs und des Kreuzzugs Heinrichs VI. war der Großteil Palästinas und insbesondere Jerusalem noch immer im Besitz der muslimischen Ayyubiden. Der Papst konzentrierte sich mit seinem Kreuzzugsaufruf zunächst auf Nordfrankreich und beabsichtigte, vor allem kleinere Machthaber zu werben (vgl. Erster Kreuzzug). Zu den ersten, die – nach einer Predigt Fulkos von Neuilly – das Kreuz ergriffen, zählten Theobald von der Champagne, der bis zu seinem Tode als inoffizieller Kreuzzugsführer galt, Ludwig von Blois, Balduin von Flandern und Hennegau sowie Hugo IV. von St. Pol. Angesichts der Spannungen mit Byzanz, die es beim Dritten Kreuzzug gegeben hatte, war man sich anscheinend von vornherein darüber einig, den Seeweg ins Heilige Land zu nehmen, weshalb Gesandte (unter ihnen Gottfried von Villehardouin, der Chronist des Vierten Kreuzzugs) zu Verhandlungen in die großen italienischen Hafenstädte geschickt wurden. Nach einiger Zeit einigte man sich mit Venedig, das sich bereit erklärte, den Transport von etwa 33.000 Mann zu organisieren, und ebenso eine eigene Flotte mit 50 Galeeren auszurüsten. Als Bezahlung handelte der greise Doge Enrico Dandolo 85.000 Mark Silber sowie die Hälfte des zu erobernden Gebiets aus. Am 29. Juni 1202 plante die Flotte, in See zu stechen. Offizielles Ziel des Kreuzzugs war wie eh und je Jerusalem, aber in einem geheimen Zusatzprotokoll einigten sich die Kreuzfahrer auf eine Einnahme Ägyptens. Dadurch sollte das Kerngebiet der Ayyubiden vor dem eigentlichen Angriff auf das Hauptziel erobert werden. Die Kreuzfahrer erwarteten, dass sich Palästina ohne Ägypten nicht halten könne. Nachdem Theobald von der Champagne im Mai 1201 gestorben war, wurde der gerade eingetroffene Bonifatius von Montferrat zum Anführer gewählt.Philip Longworth: Aufstieg und Fall der Republik Venedig. Lübbe, Bergisch Gladbach 1978, ISBN 3-404-00854-5, S. 72. Anfang Oktober 1202 konnte der Kreuzzug beginnen.
Die Eroberung von Zara
mini|450px|Vierter Kreuzzug 1202–1204 Für Venedig war das gesamte Unternehmen ein hochriskantes Wagnis. Die Stadt stellte über 200 Schiffe zur Verfügung, neugebaute und von der eigenen Handelsschifffahrt abgezogene. Nichts davon konnte im Voraus von den Kreuzfahrern bezahlt werden. Bei einem Fehlschlag der Expedition wäre Venedig bankrott gewesen. Zudem war das Unterfangen in der Stadt umstritten, da sie gute Handelsbeziehungen zu den Arabern unterhielt. Als schließlich nur ein Drittel der erwarteten 34.000 Kreuzfahrer zum Abfahrtstermin erschien, ahnten die Venezianer ein Scheitern des Unternehmens. Sie verlangten weiterhin die volle vertraglich zugesicherte Entlohnung, welche die Kreuzfahrer zu diesem Zeitpunkt nicht zahlen konnten. Man einigte sich darauf, die dalmatinische Stadt Zara einzunehmen, wofür Venedig eine Stundung des fälligen Betrags akzeptieren wollte. Nach zweiwöchiger Belagerung hatte man die Stadt Ende November 1202 eingenommen. Die Beute der Eroberung wurde mit den Schulden der Kreuzfahrer verrechnet. Aufgrund der fortgeschrittenen Jahreszeit überwinterte man in Zara.
Wendung gegen Byzanz Prinz Alexios IV. Angelos, Sohn des gestürzten Isaak II. und Neffe von Alexios III., traf am 20. oder 25. April 1203 in Zara ein. Da war die Entscheidung, nach Konstantinopel zu fahren, längst gefallen. Die Idee, den Kreuzzug über Konstantinopel umzulenken, „war älter und stammt von den Kreuzfahrern selbst; er ging auf die Gespräche von Verona und auf Druck Philipps von Schwaben zurück... und die Barone hatten sich beeilt, den Papst darauf aufmerksam zu machen, dass eine derartige Unternehmung die Rückeroberung des Heiligen Landes erleichtern würde.“Alvise Zorzi: Venedig. Die Geschichte der Löwenrepublik. Düsseldorf 1985, Frankfurt 1987, Hildesheim 1992 (Orig.: Milano 1979), S. 116 f. Von alledem erfuhren die Kreuzfahrer offenbar erst, als sie diese „Botschaft“ im Januar 1203 im Winterlager bei Zara erreichte. Prinz Alexios hatte vergeblich bei Papst Innozenz III. um Hilfe gebeten, war aber erfolgreich bei seinem Schwager, dem römisch-deutschen König Philipp von Schwaben, und Bonifatius von Montferrat, dem Anführer des Kreuzfahrerheeres. Letzterer kam merkwürdig spät bei den Kreuzfahrern an, und zwar nachdem er Alexios IV. bereits zugesagt hatte, dessen Vater mit Hilfe der Kreuzfahrer wieder auf seinen Thron zu verhelfen. Wie schon bei der Eroberung Zaras waren die Meinungen, ob man dieses Angebot annehmen sollte, geteilt. Viele weigerten sich und verließen das Kreuzfahrerheer. Die wichtigsten Anführer, darunter Bonifatius von Montferrat, Ludwig von Blois, Balduin von Flandern und Hennegau sowie Hugo von St. Pol, stimmten jedoch zu.