mini|hochkant|St-Étienne de Caen, 1077 eingeweiht Doppelturmfassade, auch Zweiturmfassade, bezeichnet ein prägendes Gestaltungsmotiv großer Kirchengebäude, deren Hauptportal, das sich üblicherweise an der westlichen Schmalseite befindet, von den Giebel überragenden Ecktürmen flankiert wird. Die Doppelturmfassade entstand in der romanischen Baukunst Westeuropas ab dem 11. Jahrhundert aus dem Typus des Westbaus an Basiliken. In der Gotik gehörte die Doppelturmfassade zur charakteristischen Ansicht vor allem der französischen Kathedralen. Ihre Vorläufer finden sich möglicherweise im frühchristlichen syrischen Kirchenbau. Nach der architektonischen Anbindung an das Kirchenschiff werden Westwerke mit Doppeltürmen als eigenständige Baukörper von Doppelturmfassaden unterschieden, deren Türme mit dem Kirchenschiff eine „harmonische“ Einheit bilden (französisch façade harmonique). Als älteste dieser stilistisch definierten Doppelturmfassaden gilt die Westfront der Klosterkirche St-Étienne de Caen.

Form und Funktion mini|hochkant|Idealisierter Stadtplan von Jerusalem nach antikem Muster mit Stadtmauer und Hauptstraßenkreuz. 12. Jahrhundert, Zeit der Kreuzzüge. Gegen Anfang des 5. Jahrhunderts erhielt die Bauform der spätrömischen christlichen Basilika eine religiös-symbolische Bedeutung. Das gesamte Gebäude wurde als Modell einer antiken Stadt gedeutet, deren Strukturelemente sich in den einzelnen Bauteilen des Kirchengebäudes wiederfinden sollten. Hierbei entspricht das Portal in der Westfassade dem Tor der ummauerten römischen Stadt, das Langhaus dem von Arkadenhallen gesäumten Cardo im Zentrum der Stadt und das Querhaus dem rechtwinklig zum Cardo verlaufenden Decumanus. Der Triumphbogen vor der Apsis wird zur Miniatur des spätantiken, die Prachtstraße überspannenden Triumphbogens und der Altarraum ist wie der Thronsaal des Kaisers gestaltet. Die Stützen des Kirchenschiffs verkörpern die Apostel, die mit dem Dach des Gebäudes den Gottesstaat tragen. Die Kirche als Symbol der Stadt hatte dennoch in frühchristlicher Zeit nicht die Schutzfunktion einer ummauerten Stadt auszuüben, da sie gewöhnlich in deren Zentrum lag. Wie das von zwei Türmen flankierte Tor die Kirche symbolisch zur Stadt werden lässt, taucht dieses Motiv auf römischen Münzen auf, wo es allgemein für das römische Reich und im Besonderen für Rom steht.Günter Bandmann: Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1951, S. 65, 92f In der Offenbarung des Johannes erscheint am Ende aller Tage ein Himmlisches Jerusalem. Vorgestellt und bildhaft umgesetzt wird diese Vision nach dem Plan einer realen römischen Stadt. Das kreisrunde Idealbild der himmlischen Stadt findet seine mikrokosmische Entsprechung im Radleuchter, der in mittelalterlichen Kirchen von der Decke hing. Der Radleuchter der Stiftskirche von Comburg mit einem Durchmesser von fünf Metern ließ von weitem die zwölf Tore des himmlischen Jerusalem erkennen und war, bestückt mit 48 Kerzen, in der romanischen Kirche vermutlich die einzige Lichtquelle.Claus Bernet: Das Himmlische Jerusalem im Mittelalter: Mikrohistorische Idealvorstellung und utopischer Umsetzungsversuch. In: Mediaevistik, Vol. 20, 2007, S. 9–35, hier S. 16f Indem das Gesamtkunstwerk Kirchengebäude als ein Abbild des ewigen Jerusalem gedacht wird, nimmt es einen enthobenen überzeitlichen Seinszustand an und geht über den Zweck eines Versammlungsraums für die Gemeinschaft der Gläubigen hinaus.Hans Sedlmayr: Die Entstehung der Kathedrale. Atlantis, Zürich 1950, S. 112f, 115

Seit dem 6. Jahrhundert prägen im Abendland Türme das Erscheinungsbild der Kirchengebäude, sodass im frühen Mittelalter Kirchtürme allmählich eine ähnliche Bedeutung erlangten wie die Kuppeldächer über den Zentralbauten der byzantinischen Kirchen. Zwei Kirchtürme überragen entweder den Ostteil der Kirchen, wo sie die Stellung der Kuppel über der frühchristlichen Kuppelbasilika einnehmen, oder sie flankieren wie bei einem Stadttor das Portal der Westseite. So entstand eine symbolische Himmelsburg, die einen Schutz vor den vom heidnischen Westen eindringenden bösen Mächte bildete. Für die romanischen Kirchen des 11. und 12. Jahrhunderts ist der Beiname „Himmelsburg“ vielfach literarisch belegt.Hans Sedlmayr, S. 121 Dies bedeutet nicht, dass die irdischen Westbauten tatsächlich zu Verteidigungszwecken gedacht waren; ob sie symbolisch zur Abwehr von Dämonen dienen sollten, wie die gelegentlich festgestellte Widmung an den Erzengel Michael suggeriert, wurde zwar vielfach angenommen, ist aber ebenfalls nicht eindeutig nachweisbar.Heiko Seidel, 2003, S. 105

Ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts kommen Doppelturmfassaden schwerpunktmäßig in der Normandie und in der Oberrheinregion vor. Als älteste erhaltene Kirchengebäude der Romanik, bei denen die Doppeltürme in typischer Weise in die Westfassade und in das Gesamtgebäude integriert sind, gelten die ehemalige Benediktiner-Klosterkirche St-Étienne de Caen und das benachbarte Frauenkloster Ste-Trinité in der nordfranzösischen Stadt Caen, mit deren Bau in den 1060er Jahren begonnen wurde. Bei St-Étienne begrenzen die Türme bereits eine gerade Westfassade und ragen auch nicht über die Seitenwände hinaus, während die Türme der Ste-Trinité separate, nach Westen und aus den Seiten hervortretende Baukörper bilden. Die wenige Jahre zuvor, ab 1050, an die Klosterkirche St. Mexme in Chinon angefügte Westfassade besitzt noch weitgehend eigenständige, weit über die Nord- und Südseite hinausragende Türme. Nach dem Vorbild von St-Étienne, deren Westfassade als die älteste „harmonische“ Doppelturmfassade (façade harmonique) bezeichnet wird, entstanden in der Normandie die charakteristischen romanischen und ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die ersten gotischen Doppelturmfassaden in Nordfrankreich. Diese Feststellung geht auf Marcel Anfray (1939) zurückMarcel Anfray: L'architecture Normande, son influence dans le nord de la France aux Xl et XIIC siecles. Paris 1939, S. 235f und ist bis heute weitgehend akzeptiert.J. Philip McAleer, 1984, S. 87

Eine façade harmonique wird durch eine vertikal durchlaufende dreigeteilte Fassadengliederung charakterisiert, die den Bereich der seitlichen Türme von der Giebelseite des Kirchenschiffs in der Mitte trennt. Damit unterscheidet sie sich vom Westbau und der besonderen Form des Sächsischen Westriegels, einem geschlossenen Querbau mit erkennbar abgetrennten Glockenturmaufsätzen (oder einem aufgesetzten Mittelhaus). Eine solche Doppelturmfassade wurde in der Gotik zum architektonischen Standard. St-Étienne de Caen war als direktes Vorbild jedoch weniger geeignet, weil die Türme sich nicht schlank und gerade direkt vom Boden erheben, sondern erst oberhalb einer blockigen Unterkonstruktion beginnen, die eine horizontale Dreiteilung des Turms in Unterbau, Schaft und Dachspitze erzeugt.

Über die Anlage und Funktion der Räume hinter der Westfassade ist mit der Beschreibung der Fassade nichts ausgesagt. Es kann sich um ein Westwerk mit Emporen für den Herrscher oder um eine Verlängerung des basilikalen Kirchenschiffs handeln. Letzteres ist bei St-Étienne de Caen der Fall, die ohne Empore im Westen auskommt und in dieser Hinsicht der gotischen Kathedrale von Reims aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vorausgeht, die weder seitliche Galerien noch eine Empore im Westen besitzt. In Reims sind innen die Türme über dem hinteren Ende der Seitenschiffe nur dadurch zu erahnen, dass die beiden westlichen Pfeiler des Mittelschiffs mächtiger sind und der Arkadenabstand zur Westwand etwas größer ist. J. Philip McAleer, 1984, S. 88f

Entwicklung seit der Romanik mini|hochkant|Abteikirche St-Philibert in Tournus, 1019 eingeweiht. Auf dem Weg zur harmonischen Doppelturmfassade liegt ein zwischen 1015 und 1028 errichteter Vorgängerbau des heutigen Straßburger Münsters, der dieselbe Größe wie die spätere Kathedrale besaß, zeitlich vor St-Étienne de Caen. Während sich Ernst Gall 1932 für eine Doppelturmfassade dieser Bauphase des Straßburger Münsters aussprach, wollte Hans Reinhardt ebenfalls 1932 einen einzelnen zentralen Turm über dem Portal rekonstruieren, welcher der Thomaskirche von Straßburg entsprochen haben sollte. Reinhardt beruft sich für seine Ansicht besonders auf eine Straßburger Münze von 1249, die eine Kirchenfassade mit einem Turm zeigt. Sie bildet jedoch laut Herwin Schaefer kaum das Münster ab und stellt die ältere Rekonstruktionstheorie dieses Gebäudes mit Doppelturmfassade nicht in Frage. Eine weitere Kathedrale mit Doppelturmfassade, von der heute nur der untere Teil des Nordturms erhalten ist, war der zweite Bau des Basler Münsters (Heinrichsmünster), der 1019 eingeweiht wurde. Nach einem Brand 1185 entstand über der Ruine ein spätromanischer Neubau. Vom erhaltenen Nordturm (Georgsturm) lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Existenz einer Doppelturmfassade schließen.Herwin Schaefer, 1945, S. 87–91 1019 eingeweiht wurde auch die Abteikirche St-Philibert in Tournus, deren strenger Westbau mit zwei Türmen einen für die frühromanische Zeit typischen wehrhaften Charakter besitzt.

Eine weitere Doppelturmfassade aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts könnte die Ruine des Klosters Limburg im Pfälzerwald besessen haben. Die dortige Basilika wurde von 1025 bis 1042 errichtet, 1376 beschädigt und schließlich bei einem Brand 1504 zerstört. Die damals verbliebenen Mauerreste stehen in teilrestauriertem Zustand aufrecht. Der Grundplan weist in einem etwas kleineren Maßstab besonders im Westen Übereinstimmungen in der Form mit dem Straßburger Münster auf, sodass Herwin Schaefer sich dem Ergebnis des Architekten Wilhelm Manchot in dessen Monografie Kloster Limburg an Der Haardt (1892) anschließt und eine Doppelturmfassade für möglich hält.Herwin Schaefer, 1945, S. 92f Der andere mögliche Rekonstruktionsversuch ist ein Westquerbau mit breitem Mittelturm. Dagegen besaß der um dieselbe Zeit (1030–1066) erbaute Speyerer Dom zweifellos einen solchen Mittelturm. Dessen heute sichtbare Westfassade entspricht weitgehend in der Form dem ursprünglichen Bau.

mini|hochkant|Basilika St. Kastor in Koblenz. Doppelturmfassade um 1100 erbaut. Am heutigen barocken Erscheinungsbild des Klosters Einsiedeln, das aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammt, ist die frühere romanische Doppelturmfassade nicht mehr erkennbar. Die romanische Basilika wurde zwischen 1031 und 1039 errichtet. Dies geht aus einem Plan und aus Zeichnungen von 1633 hervor, die offensichtlich die bis dahin unverändert erhaltene romanische Architektur zeigen. Die Ruine der Stiftskirche der Abtei Hersfeld besitzt noch den vollständigen südlichen Turm der Westfassade. Mit dem romanischen Neubau wurde 1038 nach einem Brand begonnen, 1071 wurde das Kirchenschiff für Gottesdienste genutzt. Die ursprüngliche Gestalt der Doppelturmfassade im Westen veränderte sich durch einen Umbau im 12. Jahrhundert und ist nicht mehr eindeutig zu rekonstruieren. Bei Ausgrabungen kamen wenige Meter entfernt die Fundamente des karolingischen Vorgängerbaus von 831 bis 850 zum Vorschein, der bereits zwei Türme an der Westseite besessen haben muss.

Der erste Bau der Basilika St. Kastor in Koblenz wurde 817 bis 836 als karolingische Saalkirche errichtet. Die um 1100 hinzugekommenen quadratischen Türme im Westen stehen sehr eng beieinander, die Westfassade ist schmäler als das im 12. Jahrhundert zur Basilika erweiterte Kirchenschiff. Die Westfassade der ebenfalls um 1100 errichteten Florinskirche gilt als Nachahmung der Doppeltürme von St. Kastor, was deren Existenz um diese Zeit bestätigt. Beim Würzburger Dom wird die in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts begonnene schmale Doppelturmfassade auf vergleichbare Weise von einem späteren Kirchenschiff in der Breite überragt.Herwin Schaefer, 1945, S. 93f