Die Zeit des Kolonialismus begann für Frankreich mit dem Erwerb der ersten Kolonien Mitte des 16. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert wurde Frankreich zur zweitgrößten Kolonialmacht der Welt. Nach 1945 zerfiel das französische Kolonialreich rasch. Der Auflösungsprozess beschleunigte sich in den 1950er Jahren (→ Dekolonisation). Allein im „Afrikanischen Jahr“ 1960 wurden 14 französische Kolonien unabhängig.

mini|hochkant=5|links|Französisches Kolonialreich (grün: erste Erwerbungen seit dem 16. Jahrhundert, blau: Erwerbungen bis 1920)

Epochen Zu Beginn, im 17. Jahrhundert, war für Frankreich speziell Amerika das Hauptziel der Kolonialisierung. In Nordamerika beanspruchte es die östliche Hälfte des heutigen Kanada, das komplette Zentralgebiet der heutigen USA sowie einige karibische Inseln, ferner einen Teil des Indischen Subkontinents. Durch den Pariser Frieden (1763) am Ende des Siebenjährigen Krieges musste Frankreich den größten Teil seiner amerikanischen und indischen Besitzungen an Großbritannien abtreten; Westlouisiana hatte es zuvor bereits an das verbündete Spanien übergeben, um es nicht in britische Hände fallen zu lassen.

Daher wird die Geschichte der französischen Kolonien in ein in der Karte grün gekennzeichnetes erstes Kolonialreich, das bis auf einige Küstenstationen im Senegal 1763 verloren wurde, und ein in der Karte dunkelblaues zweites Kolonialreich, das 1830 mit der Besetzung Algiers seinen Anfang nahm, gegliedert. Zwischen beiden Phasen liegt die in der Karte nicht dargestellte Zeit des Britisch-Französischen Kolonialkonflikts mit der französischen Herrschaft über Ägypten (1798–1801), die Restauration der französischen Herrschaft in Louisiana (1800–1803) sowie die kurzzeitige Ausdehnung Französisch-Guayanas bis an den Amazonas (Äquatorialfrankreich, 1801–1808). Zur Zeit des napoleonischen Kaiserreichs kamen bis 1812 kurzzeitig noch weitere Kolonien zu Frankreich (siehe Karte von 1812).

Ab 1830 konzentrierte sich Frankreich auf Afrika, beginnend an der Gegenküste des Maghreb, und eroberte zwischen 1845 und 1897 große Gebiete der Sahara, den größten Teil West- und Zentralafrikas. Da ein Großteil der Bevölkerung in den eroberten Gebieten Muslime waren, bemühte sich Frankreich ab den 1890er Jahren, eine puissance musulmane zu werden, das heißt, eine imperiale Macht, die ihre muslimischen Untertanen unter Kontrolle hatte.David Robinson: Paths of accommodation: Muslim societies and French colonial authorities in Senegal and Mauritania, 1880–1920. Ohio University Press, Athens, Ohio 2000. S. 75f.

1898 traf bei Faschoda am Nil eine französische Truppe auf die Briten, ließ sich allerdings auf keinen Konflikt ein und zog sich zurück. Seit dem Zweiten Kaiserreich griff der französische Kolonialismus auf Südostasien über; Indochina galt als Glanzstück des Kolonialreichs. Daneben gab es kleinere Besitzungen in Indien und China.

Nebenbei beherrschte Frankreich große Teile der Inselwelt des Indischen Ozeans und Ozeaniens. 1960 erlangten 18 französische Kolonien in Afrika ihre Unabhängigkeit. Viele der ehemaligen französischen Kolonien gelten noch heute als Entwicklungsländer. In einigen dieser Länder finanzierte Frankreich noch Ende des 20. Jahrhunderts bis zu 50 Prozent der Staatshaushalte.

Besitzungen, Kolonien, Protektorate Die in der Liste gelb unterlegten Gebiete sind noch heute Teil Frankreichs bzw. mit Frankreich verbunden. Diesen verbliebenen Gebieten bzw. deren Hoheitsgewässern verdankt Frankreich heute die (nach den USA) zweitgrößte Meeresfläche der Welt (11 Mio. km²).Deutsche Verkehrs-Zeitung vom 5. Januar 2010: Pariser Blaubuch für grüne Meerespolitik. Eine Übersichtskarte über die verbliebenen Gebiete siehe hier: Französische Überseegebiete

Besitzung Erwerb Verlust Geschichte Afrika Ägypten 1798 1801 von Napoleon erobert (Ägyptische Expedition), 1801 wieder osmanisch Fessan 1943 1951 im Zweiten Weltkrieg besetzt, ab 1947 Treuhandgebiet der UNO, 1951 an das unabhängige Libyen Französisch-Nordafrika 1830 1962 1830 Beginn der Eroberung Algeriens, 1881 wurde Tunesien besetzt und 1911 auch Marokko, 1956 unabhängig, Algerien erst 1962 Französisch-Westafrika 1895 1960 ab 1612 Einrichtung erster französischer Außenposten im Senegal, 1677 Vertreibung der Niederländer und Etablierung als französische Kolonie, 1758–1779 und 1809–1816 britisch besetzt, 1840 Beginn der Eroberung ganz Senegals und Westafrikas, 1895 Gründung von Französisch-Westafrika, 1958 aufgelöst und die Kolonien wurden mit Ausnahme Guineas autonome Republiken innerhalb der Französischen Gemeinschaft, 1960 unabhängig Französisch-Äquatorialafrika 1663 1960 1875 wurde Gabun französische Kolonie, weitere Eroberungen und Gründung von Französisch-Äquatorialafrika 1910, 1958 aufgelöst und die Kolonien wurden autonome Republiken innerhalb der Französischen Gemeinschaft, 1960 („Afrikanisches Jahr“) unabhängig, siehe Geschichte Gabuns Französisch-Somaliland 1862 1977 1862 Erwerbung von Obock, 1888 Erwerbung von Dschibuti, 1896 wurde Dschibuti zur Kolonie Französisch-Somaliland, 1967 Umbenennung in Afar- und Issa-Territorium, 1977 wieder als Dschibuti vollständig unabhängig Madagaskar 1885 1960 im 17. Jahrhundert und 18. Jahrhundert Streitobjekt zwischen England und Frankreich, 1883 Invasion Frankreichs, 1885 durch die Kongo-Konferenz Frankreich zugesprochen und Errichtung der Kolonien Nosy Be und Sainte Marie, 1896 Eroberung der Hauptinsel und Bildung eines französischen Protektorats, 1958 autonom innerhalb der Französischen Gemeinschaft, 1960 vollständig unabhängig Komoren 1841 1975 1841 französisches Protektorat, 1886 Teil des französischen Protektorats von Mayotte, 1887 „Protektorat der Komoren“, 1908 Zusammenschluss mit Mayotte, 1914 dem Generalgouverneur von Madagaskar unterstellt, 1961 weitgehend autonom, 1975 mit Ausnahme Mayottes vollständig unabhängig Kamerun 1919 1960 1919 im Besitz des Völkerbundes, 4/5 Kameruns gehen als Mandat an Frankreich, 1945 UNO-Treuhandgebiet, 1960 als Ost-Kamerun unabhängig Réunion 1640 1640 von Frankreich in Besitz genommen, 1946 Umwandlung in ein französisches Überseedépartement, 1982 französische Überseeregion und Teil der EU Mauritius 1715 1810 Eroberung durch Frankreich, 1767 französische Kronkolonie, 1810 von Großbritannien erobert Seychellen 1756 1811 1742 erste französische Expedition, 1756 formal französisch, 1770 de facto französische Kolonie, während der Napoleonischen Kriege zwischen Frankreich und Großbritannien umstritten, 1811 endgültig britisch Togo 1919 1960 1919 im Besitz des Völkerbundes, etwa 3/5 gehen als Mandat an Frankreich, 1945 UNO-Treuhandgebiet, 1960 unabhängig Französische Gebiete auf St. Helena 1858 auf Veranlassung Kaiser Napoleon III. 1858 vom französischen Staat gekauft, seither im Staatsbesitz

Besitzung Erwerb Verlust Geschichte Amerika Neufrankreich 1534 1759 1524 erste französische Forschungsexpedition, 1534 Landnahme durch Jacques Cartier am Sankt-Lorenz-Strom, 1608 Gründung von Québec, ab 1663 Teil Frankreichs, 1759 durch Großbritannien erobert, im Pariser Frieden 1763 offiziell an Großbritannien Akadien 1604 1710 1598 erste Versuche einer französischen Besiedlung, 1604 durch Samuel de Champlain Errichtung der ersten permanenten französischen Siedlung in Port Royal, Streitobjekt zwischen Frankreich und England, während des Spanischen Erbfolgekrieges 1710 von Großbritannien erobert, im Frieden von Utrecht 1713 formal von Frankreich an Großbritannien abgetreten Louisiana 16831800 1762/631803 1682 Gründung von St. Louis, im selben Jahr erreichte Robert Cavelier de La Salle die Mündung des Mississippi und nahm alle am Fluss liegenden Länder für Frankreich unter Namen Louisiana in Besitz, 1718 Gründung von New Orleans, 1758 Besetzung des Ohio-Tals durch Großbritannien, 1760 Kapitulation der französischen Streitkräfte, im Vorfrieden von Fontainebleau 1762 Abtretung West-Louisianas und der „Isle of New Orleans“ an Spanien, im Pariser Frieden 1763 wurde Ost-Louisiana an Großbritannien abgetreten, auf Druck Napoleons ist 1800 West-Louisiana wieder französisch, 1803 an die USA verkauft Saint-Pierre und Miquelon 167017631814 17131793 erste französische Fischersiedlungen, 1713–1763 und 1793–1814 britisch, 1814 wieder Frankreich zugesprochen, 1816 offizielle Übergabe, 1976 Übersee-Departement, 1985 Gebietskörperschaft der Französischen Republik, seit 2003 collectivité d'outre-mer (COM) Clipperton-Insel1858 1711 von französischen Seeleuten entdeckt, 1858 von Frankreich annektiert, 1905 von Mexiko beansprucht, 1931 durch Schiedsspruch endgültig an Frankreich und französisches Überseegebiet Dominica 1763 durch den Pariser Frieden 1763 an Großbritannien Falklandinseln 1764 1767 1764 erste französische Siedlung Port Louise, 1767 an Spanien verkauft Fort Caroline 1564 1568 1562 erste französische Expedition, 1564 Gründung von Fort Caroline, 1568 von Spanien erobert France Antarctique 1555 1567 1555 Gründung von Fort Coligny bei Rio de Janeiro, 1567 wieder portugiesisch France équatoriale 1801 1802/09 seit dem 17. Jahrhundert Bestrebungen, vom Französisch-Guayana aus die Amazonasgrenze zu erreichen, etwa das Gebiet des heutigen brasilianischen Bundesstaates Amapá war zwischen den Friedensschlüssen von Badajoz und Amiens französisch, 1807/09 endgültig von Portugal zurückerobert, französische Ansprüche gegenüber Brasilien aber bis 1900 France Équinoxiale 1612 1615 1604 Erforschung der Maranhão-Küste durch Daniel de La Touche, 1612 Beginn der französischen Besiedlung und Gründung von Saint Louis, 1615 portugiesisch Französisch-Guayana 1604 1604 Errichtung der Kolonie, ab 1794 Strafkolonie, 1930–1946 Teilung in Französisch-Guayana und Inini, seit 1946 wiedervereinigt und Übersee-Departement, Teil der EU Französisch-Westindien 1635 1635 französische Kolonialisierung Guadeloupes, Martiniques und einiger Inseln der Kleinen Antillen, seit 1946 Übersee-Departement und Teil der EU Grenada 1649 1763 1649 von Frankreich gekauft, durch den Pariser Frieden 1763 an Großbritannien Saint-Domingue 1697 1804 1697 kleiner Westteil Hispaniolas von Spanien an Frankreich abgetreten, durch den Frieden von Basel 1795 wird ganz Hispaniola französisch, 1804 nur der Westteil als Haiti unabhängig, der Ostteil bleibt bis 1808 französisch St. Lucia 1650 1814 ab 1650 Stückweise Eroberung der Insel, 1746 Gründung von Soufrière, 1814 an Großbritannien St. Vincent und die Grenadinen 1719 1783 im 17. Jahrhundert zwischen Frankreich und Großbritannien umstritten, ab 1719 erste dauerhafte französische Siedlungen, 1783 an Großbritannien abgetreten Tobago 1783 1814 zwischen Niederländern, Briten und Franzosen umkämpft