hochkant|mini|Philipp Reis JohannJohann Philipp Reis: Curriculum vitae des Lehrers Johann Philipp Reis in Friedrichsdorf bei Homburg In: Archiv für Post und Telegraphie 10/1888, S. 289–292 (Digitalisat) Philipp Reis (* 7. Januar 1834 in Gelnhausen, Kurfürstentum Hessen; † 14. Januar 1874 in Friedrichsdorf) war ein deutscher Physiker und Erfinder. Durch die Entwicklung des ersten funktionierenden GerätesWerner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive, Westdeutscher Verlag, Opladen, 1993, ISBN 3-531-12421-8, S. 249. zur Übertragung von Tönen über elektrische Leitungen gilt er als zentraler Wegbereiter des Telefons. Im Zuge dieser Entwicklung erfand Reis auch das Kontaktmikrophon und gab seinem Apparat 1861 den Namen Telephon,Nature Vol. 140 No. 3535, 31. Juli 1937, S. 188 der sich später international durchsetzen konnte. Eine weitere Erfindung von Reis waren die Rollschlittschuhe,Rudolf Vierhaus (Herausgeber): Deutsche biographische Enzyklopädie, 2., überarbeitete Auflage, K. G. Saur Verlag, München und Leipzig 2007, ISBN 978-3-598-25030-9, S. 303. eine frühe Art der Inlineskates, die jedoch schon zuvor bekannt waren.

Leben Philipp Reis kam als Sohn des Gelnhausener Bürgers und Bäckermeisters Karl Sigismund Reis (1807–1843) und der Marie Katharine geb. Glöckner (1813–1835) zur WeltOskar Blumtritt: „Reis, Johann Philipp.“ In: Neue Deutsche Biographie 21 Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Duncker & Humblot, Berlin 2003. ISBN 978-3-428-00290-0. S. 381. und wurde evangelisch-lutherisch auf diesen Namen getauft.Otto Renkhoff: Nassauische Biographie. Kurzbiographien aus 13 Jahrhunderten. Historische Kommission für Nassau, Wiesbaden 1992, ISBN 3-922244-90-4, S. 638.evangelisches Taufbuch Gelnhausen 1830-1839, #393/1834 (Digitalisat bei Archion) Ein Jahr nach seiner Geburt starb die Mutter, 1843 verlor er seinen Vater. Durch den frühen Tod der Eltern wurde für die Waise der Patenonkel und Namensgeber Philipp Bremer (1808–1863) zum Vormund bestellt. Reis kam zu seiner Großmutter Susanne Maria Fischer (1769–1847) und besuchte die Gelnhäuser Bürgerschule. 1845 verließ er seine Geburtsstadt und ging ins hessische Friedrichsdorf. Dort war er bis zu seinem 14. Lebensjahr Schüler am Institut Louis Frédéric Garnier,Bernd Fleßner: Geniale Denker und clevere Tüftler, Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2007, ISBN 3-407-75329-2, S. 73 dem Vorgänger der heutigen Philipp-Reis-Schule. Danach besuchte er das Hasselsche Institut in Frankfurt am Main. alt=Geburtshaus in Gelnhausen|mini|Geburtshaus in Gelnhausen

Am 1. März 1850 begann Reis eine kaufmännische Lehre bei dem Frankfurter Farbwarenhandel Johann Friedrich Beyerbach und besuchte eine Handelsschule. Neben seiner beruflichen Ausbildung betrieb er naturwissenschaftliche Studien an einer polytechnischen Vorschule und beim Physikalischen Verein in Frankfurt am Main, dessen Mitglied er 1851 wurde. Bereits 1852 fasste Reis den Gedanken, an der Sprachübermittlung durch elektrischen Strom zu forschen.Physikalischer Verein (Hrsg.): Gedenkfeier für Philipp Reis, den Erfinder des Telefons, 26. Oktober 1961, Frankfurt am Main 1972

Nach seiner Militärdienstzeit 1855 bei den hessischen Jägern in Kassel unternahm Reis verschiedene Studienreisen. Danach betrieb er in Frankfurt erneut naturwissenschaftliche Studien und wollte in Heidelberg eine Lehrerausbildung beginnen.

mini|Wohnhaus in Friedrichsdorf. Es beherbergt heute ein Museum, das Philipp-Reis-Haus. 1858 erhielt Reis bei einem Aufenthalt in Friedrichsdorf von Direktor Garnier eine Anstellung als Lehrer für Französisch, Physik, Mathematik und Chemie an dessen Knabeninstitut.Physikalischer Verein, Frankfurt am Main: Jahresbericht des Physikalischen Vereins zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1896, S. 86 In Gelnhausen heiratete er 1858 Margaretha Schmidt (1836–1895friedrichsdorf.de: ), die Tochter des Schneidermeisters Christian Schmidt und der Susanne Bell,Oskar Blumtritt: „Reis, Johann Philipp.“ In: Neue Deutsche Biographie 21 Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Duncker & Humblot, Berlin 2003. ISBN 978-3-428-00290-0. S. 382. erwarb ein Haus in Friedrichsdorf und beschäftigte sich in der Freizeit weiter mit Mechanik und Elektrotechnik. Dabei entwickelte er nicht nur Rollschlittschuhe,Rudolf Vierhaus (Herausgeber): Deutsche biographische Enzyklopädie, 2., überarbeitete Auflage, K. G. Saur Verlag, München und Leipzig 2007, ISBN 978-3-598-25030-9, S. 303. sondern auch ein Veloziped, eine frühe Form des Fahrrads, das mit Hilfe von handgesteuerten Hebeln in Bewegung gesetzt werden konnte. In weiteren Experimenten forschte er an der Solarkraft. Am 14. Februar 1861 wurde seine Tochter Elise († 1920historische-eschborn.de: Elise Reis) geboren und zwei Jahre später sein Sohn Karl (1863–1917).

Um seinen Schülern einen anspruchsvollen Unterricht zu ermöglichen, baute er aus einfachen Mitteln anschauliche Modelle. Eines war der Nachbau einer Ohrmuschel, die Reis zu seiner bedeutenden Erfindung anregte. Die Überwindung der Schwierigkeiten bei der elektrischen Sprachübertragung wurden für ihn zur Lebensaufgabe.

Von 1858 bis 1863Silvanus P. Thompson: Philipp Reis: Inventor of the telephone. E. & F. N. Spon, London 1883. arbeitete er in Friedrichsdorf an den ersten Prototypen seiner Installationen und erfand dabei auch das Kontaktmikrophon. Nach anfänglichem Scheitern gelang ihm 1860 mit dem Studium verschiedener physiologischer und physikalischer Schriften, darunter solcher von Hermann von Helmholtz (1821–1894), der Durchbruch. Reis nannte seine Erfindung Telephon – in Anlehnung an den Telegraphen. Insgesamt entstanden in der Zeit drei verbesserte Weiterentwicklungen seines Apparates. Am 26. Oktober 1861Horst Kant: Ein „mächtig anregender Kreis“ – die Anfänge der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin, Preprint 2002, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin 2002 führte er einen Prototyp seines Fernsprechers erstmals öffentlich zahlreichen Mitgliedern des Physikalischen VereinsFerdinand Rosenberger: Die Geschichte der Physik, Verlag Georg Olms, Frankfurt am Main 1882, S. 792. in Frankfurt vor. Sein Vortragstitel lautete: Über die Fortpflanzung von Tönen auf beliebige Entfernungen durch Vermittlung des galvanischen Stroms. Daraufhin erschien im JahresberichtGemeinsamer Verbundkatalog: Jahresbericht des Physikalischen Vereins Frankfurt am Main 1860/61 des Vereins auf Seite 57 ein wissenschaftlicher Fachbericht von Reis zum Telefon: Ueber Telephonie durch den galvanischen Strom.Physikalischer Verein, Frankfurt am Main: Jahresbericht des Physikalischen Vereins zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1896, ISBN 3-407-75329-2, S. 78.

mini|Zeichnung des Reis’schen Musiktelegraphen aus der Zeitschrift Die Gartenlaube, 1863 Von diesen ersten Erfolgen ermuntert, verbesserte Reis seinen Apparat bis 1863 wesentlichHermann Julius Meyer: Meyers Konversationslexikon, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1894, S. 314. und ließ seine Modelle in größeren Mengen von Johann Valentin Albert, einem Frankfurter Kaufmann und Mechaniker, herstellen, um sie international als wissenschaftliches Demonstrationsobjekt für 8 bis 12 Taler zu verkaufen.Werner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive, Westdeutscher Verlag, Opladen, 1993, ISBN 3-531-12421-8, S. 234. So wurde der deutsche Erfinder in der Fachwelt weltweit bekannt.Gesellschaft für Deutsche Postgeschichte: Archiv für deutsche Postgeschichte, 1994, S. 53. Ein weitreichender wirtschaftlicher Nutzen blieb Reis jedoch versagt.Ferdinand Trendelenburg: Einführung in die Akustik?, Springer-Verlag, Heidelberg, 1950, S. 150.

Der Grund lag hauptsächlich in der öffentlichen Haltung zum Telefon in Deutschland, besonders beeinflusst durch die allgemein ablehnende wissenschaftliche Meinung. Eine große Ausnahme war ein Kommunikationspraktiker, der einflussreiche Wilhelm von Legat, Vorsteher der preußischen Telegraphen-Inspektion VIII in Frankfurt am Main. Er erkannte das Potential der Erfindung und platzierte einen Artikel zur Reis’schen Erfindung in einer renommierten Fachzeitschrift. Doch ohne wissenschaftliche Reputation fand auch diese Veröffentlichung keine Resonanz. So sperrte sich auch Johann Christian Poggendorff gegen die Bekanntmachung der Erfindung in seinen Annalen der Physik und Chemie und nahm den Aufsatz trotz von Legats Fürsprache auch nicht in sein Biographisch-Literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften auf.U. Troitzsch, G. Wohlauf (Herausgeber): Technik Geschichte, Frankfurt 1977, S. 286.

Am 6. September 1863 führte Reis sein Telefon im Goethe-Haus Kaiser Franz Josef von Österreich vor. Bei dieser Demonstration übermittelte er musikalische Töne.E.C.S.: Calendar of Scientific Pioneers, Nature 120, 3. September 1927, S. 350f. Auch vor der hochrangig besetzten Naturforscherversammlung in Gießen am 21. September 1864 konnte er erneut großes Interesse wecken und erreichte, dass ihn die Schriftleitung der Annalen der Physik und Chemie, die 1860 noch einen Abdruck seiner Abhandlung über das Telefon verweigert hatte, nun beachten musste. Reis lehnte jedoch diesmal einen Artikel ab – in der Gewissheit, seine Erfindung werde auch ohne Poggendorffs Unterstützung bekannt werden. Das zuletzt entwickelte Telefon besaß bereits eine elektromagnetische Anrufeinrichtung.

Weitere Verbesserungen blieben Reis jedoch versagt. Schon früh an Tuberkulose erkrankt, war er immer wieder ans Bett gefesselt und konnte so seine Erfindung nicht weiterentwickeln. Der Erfinder des ersten funktionsfähigen Telefons starb am Nachmittag des 14. Januar 1874 im Alter von 40 Jahren an den Folgen seiner Krankheit. Er wurde auf dem Friedrichsdorfer Friedhof beigesetzt.

Sein Sohn war Buchhalter in der Ferd. Stemler Zwiebackfabrik und Kaufmann in Homburg.Die Gartenlaube, 1893

Erfindung des Telefons

mini|Zeichnung der Versuchsanordnung mini|Nachbau des Telefons von Philipp Reis im Heinz Nixdorf MuseumsForum

Während seiner Zeit am Institut Garnier in Friedrichsdorf entwickelte er 1860/61 die elektrische Sprachübermittlung – das Telephon. Grundlage für seine Vorrichtung zur elektrischen Tonübertragung war das Holzmodell einer Ohrmuschel, das er für den Physikunterricht entwickelt hatte. Als nachempfundenes Trommelfell diente ihm bei diesem Schulmodell ein Stück Naturdarm (Wursthaut) mit einem feinen Platinstreifen als Ersatz für die Gehörknöchelchen. Trafen Schallwellen auf dieses Trommelfell, versetzten sie es in Schwingungen, so dass der Stromkreis zwischen dem Metallstreifen und einer Drahtfeder unterbrochen wurde.

Im Laufe seiner Versuche erkannte Reis, dass statt des Ohrmodells auch ein mit einer Membran bespannter Schalltrichter verwendet werden konnte. Dieser Schalltrichter mündete in einem Gehäusekasten. Er versah die Membran nun mit einem Kontakt aus Platin, der im ruhenden Zustand einen anderen Kontakt berührte, der im Gehäuse lose auflag. Über diesen Kontakt und einen äußeren Widerstand wurde Gleichstrom geleitet. Fand nun an der Membran ein Schallwechseldruck statt, kam diese in Schwingung, was dazu führte, dass die Kontakte im Rhythmus der Schallwellen vibrierten und der Stromkreis entsprechend der Frequenz geschlossen oder wieder geöffnet wurden. Reis hatte mit dieser Versuchsanordnung das Kontaktmikrofon erfunden.

Moderne Untersuchungen zeigen, dass Sprache halbwegs verständlich übertragen wird, wenn die Unterbrechungen des Stromkreises des Reis’schen Kontaktmikrofons durch einen Kopfhörer oder Lautsprecher wiedergegeben werden. Zu Reis’ Lebzeiten wurde die Leistungsfähigkeit seiner Versuchsanordnung im Ausland erfolgreich überprüft. Insgesamt gelang die Übertragung von Musik jedoch besser als von Sprache.