mini|Gedenkstein für die niedergebrannte Synagoge in Emden Die jüdische Gemeinde in Emden bestand über einen Zeitraum von rund 400 Jahren von ihren Anfängen im 16. Jahrhundert bis zu ihrem Ende am 23. Oktober 1941. Sie war die älteste, größte und bedeutendste Gemeinde Ostfrieslands und als Sitz des Landesrabbinats geistiges Zentrum der Juden Ostfrieslands und der Landdrostei Osnabrück.
Geschichte 16. Jahrhundert bis 1744 Wann genau sich die ersten Juden in Emden niedergelassen haben, ist nicht mehr zu ermitteln. Fest steht, dass sich für das gesamte Mittelalter weder in Emden noch auf der ostfriesischen Halbinsel die Anwesenheit von Juden nachweisen lässt. Eine aschkenasische jüdische Gemeinde entwickelte sich ab etwa 1530. Matthias Freudenberg, Aleida Siller (Hrsg.): Emder Synode 1571. Wesen und Wirkungen eines Grundtextes der Moderne. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, ISBN 978-3-525-56726-5, S. 17. Erstmals erwähnt werden sie in den Jahren 1558 und 1571. Ab 1589 führte die Stadt Emden ein Schutzgeldverzeichnis mit den Namen der Emder Juden. Uri ha-Levi ist der erste Emder Jude, dessen Name überliefert ist.
mini|Eingangstor zum jüdischen Friedhof in Emden mini|Jüdischer Friedhof Schnell entwickelte sich die Gemeinde zu einer der größten in Norddeutschland und war nach Hannover die zweitgrößte der Provinz. Dies ist begründet durch die relative Autonomie, welche die Stadt nach der Emder Revolution erhalten hatte. Dadurch hatte der Emder Magistrat freie Hand bei der Ansiedelung von Juden erhalten und verfolgte eine für die Zeit relativ liberale Judenpolitik. Zudem war die Hafenstadt auf die jüdischen Münzwechsler, Pfand- und Geldverleiher angewiesen; Berufe, die Christen verwehrt und somit in der Stadt kaum ausgebildet waren.
Der von Graf Ulrich II. 1645 ausgestellte Generalgeleitsbrief gestattete den Juden Ostfrieslands, nach eigener „jüdischer Ordnung“ leben zu dürfen. 1670 ließ die Fürstin Christine Charlotte einen Generalgeleitsbrief verfassen, der den Juden die Abhaltung von Gottesdiensten in ihren Wohnungen oder in eigenen Synagogen erlaubte. Weiterhin legte er fest, dass sie ihre Toten nach jüdischer Gewohnheit bestatten durften.
Eine erste Synagoge in Emden gab es wahrscheinlich schon seit dem 16. Jahrhundert am Sandpfad Nr. 5, der heutigen Bollwerkstraße. Diese wurde vom Emder Magistrat wegen Baufälligkeit geschlossen. An ihrer Stelle errichtete die Gemeinde 1836 eine große Synagoge, welche 1910 erweitert wurde und danach über 320 Plätze für Männer, eine Empore für 250 Frauen, einen Sitzungssaal und das rituelle Bad verfügte. Bezeichnend für das Verhältnis der Juden zur restlichen Bevölkerung der Stadt ist es, dass an den Eröffnungsfeierlichkeiten 1836 und 1910 Vertreter sowohl der christlichen Gemeinden Emdens als auch des Magistrats teilnahmen. Diese Synagoge wurde in der Reichspogromnacht zerstört.
Ein jüdischer Friedhof wird erstmals 1586 vor den Toren der Stadt in Tholenswehr erwähnt. Dieser Friedhof wurde von den kleinen ostfriesischen Gemeinden, etwa Weener, Bunde, Jemgum und Stapelmoor mitgenutzt. 1703 kaufte die Gemeinde ein Gelände an der Schoonhovenstraße, dem ehemaligen Sandpfad und der heutigen Bollwerkstraße. Dieser Friedhof diente der Gemeinde bis zu ihrem Ende als Begräbnisplatz.
1744 bis 1806 Die liberale Haltung gegenüber den Juden änderte sich mit der Machtübernahme durch Preußen im Jahre 1744. Die autonome Politik der Stadt Emden war beendet. Dies führte zu einer deutlichen Verschlechterung der Lage der Juden; denn die restriktive preußische Gesetzgebung gegenüber Juden galt nun auch in Ostfriesland. Erklärtes Ziel der preußischen Administration war die Senkung des jüdischen Bevölkerungsanteils in Ostfriesland und somit auch in Emden. Die von Juden zu leistenden Abgaben wurden deutlich erhöht, Immobilienbesitz wurde ihnen verboten und den jüdischen Gewerbetreibenden wurden zahlreiche Einschränkungen und Verbote auferlegt. Die gewünschte Senkung des jüdischen Bevölkerungsanteils wurde damit zwar nicht erreicht, doch verarmten viele Juden, so dass schon im Jahre 1765 zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung unter erbärmlichsten Bedingungen lebte. Dem stand eine kleine Oberschicht gegenüber, welche hauptsächlich aus Großkaufleuten und Bankiers bestand. Insgesamt gehörte die jüdische Gemeinde Emdens zu den ärmeren Judengemeinden Deutschlands.
Antisemitische Äußerungen und Handlungen waren bis Anfang der 1930er Jahre selten. Nur die Calvinistische Kirche protestierte gegen die Duldung der Juden, was jedoch weder beim Magistrat noch beim Landesherrn Gehör fand. Erste größere Ausschreitungen gegen Juden ereigneten sich 1761 und 1762 in Zusammenhang mit den Wirren des Siebenjährigen Krieges. Mehrere Häuser wurden geplündert, weil die Bevölkerung Juden für die schlechte Versorgungslage verantwortlich machte. Bis zur Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung lassen sich aber nur vereinzelte Übergriffe gegen Juden in Emden belegen.
1806 bis 1901 Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt wurde Ostfriesland in das Königreich Holland und damit in den französischen Machtbereich eingegliedert. 1810 kam es als Departement Ems-Oriental („Osterems“) unmittelbar zum französischen Kaiserreich. Für die Juden bedeutete dies eine deutliche Verbesserung ihrer Lage. In zwei Dekreten vom 4. Juni 1808 und vom 23. Januar 1811 wurden ihnen die Bürgerrechte und die völlige Gleichberechtigung zugestanden.
Nach der Niederlage Napoleons und dem Zusammenbruch seines Reiches kam Ostfriesland in den Jahren 1813 bis 1815 erneut unter preußische Herrschaft. Infolgedessen erlangte auch das Preußische Judenedikt vom 11. März 1812 in Ostfriesland Geltung. Juden, bis dahin im preußischen Staat als „Judenknechte“ angesehen, wurden nun vollberechtigte Staatsbürger, sofern sie bereit waren, bleibende Familiennamen anzunehmen und sich der Wehrpflicht zu unterwerfen. Nach dem Wiener Kongress (1814/15) musste Preußen Ostfriesland jedoch an das Königreich Hannover abtreten. Durch mangelnde Anweisungen der neuen Machthaber stellte sich die Rechtslage für Juden nun äußerst verworren dar. Insbesondere die Administration agierte auf diesem Gebiet zunächst nach preußischem Recht unter Berücksichtigung des Juden-Ediktes. Noch 1829 plädierte die Landdrostei Aurich in Hannover für eine judenfreundliche Auslegung, erhielt jedoch anderslautende Anweisungen. 1819 wurden die Zünfte wieder eingeführt, was die Juden weitgehend vom Handwerk ausschloss. Im Unterschied zum übrigen Königreich Hannover wurde der Schutzjudenstatus in Ostfriesland nicht wieder eingeführt. An dessen Stelle war seit 1824 der „oberlandespolizeiliche Erlaubnisschein“ getreten. Ohne diesen war Juden in Emden eine Niederlassung und Heirat nicht mehr möglich. Auch blieb Juden das Wahlrecht und die Übernahme städtischer Ämter untersagt. Die Erlaubnis zur Niederlassung konnte nur dann an einen Sohn, und auch dann nur an einen einzigen Sohn übertragen werden, wenn der Vater sein Geschäft aufgegeben hatte oder verstorben war. 1827 wurde Emden Sitz des Landesrabbinats. 1835 stürzte während des Sabbatgottesdienstes die alte Synagoge teilweise ein und wurde von den Behörden geschlossen. Durch Spenden jüdischer Bürger wurde an ihrer Stelle ein Neubau errichtet, welcher am 19. August 1836 durch Landesrabbiner Abraham Heymann Löwenstamm eingeweiht werden konnte.
Wie schon vorher die Preußen versuchten nun die Hannoveraner die Anzahl der Juden in Ostfriesland zu vermindern. Bestand die jüdische Gemeinde in Emden 1828 noch aus 802 Mitgliedern, waren es 1842 nur noch 691. Dies ist wohl vor allem der Armut geschuldet, welche sich unter den ostfriesischen Juden ausgebreitet hatte. Der Emder Magistrat erklärte 1828, dass „fast die ganze hiesige Judenschaft in der größten Armuth schmachtet. Dieses kann wohl nur als eine Folge der Beschränkungen, denen sie unterworfen sind, betrachtet werden.“Herbert Obenaus (Hrsg.): Historisches Handbuch der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen ISBN 3-89244-753-5
Nach der Annexion des Königreiches Hannover durch Preußen 1866 wurde Emden erneut preußisch und das Judenedikt fand wieder Anwendung. Bis 1870 brachten neue Gesetze schließlich die Bürgerrechte auch für Juden in Ostfriesland. Die letzten (rechtlichen) Diskriminierungen wurden bis zum Ende des Ersten Weltkrieges abgebaut. Nun konnten die Emder Juden in die Stadträte gewählt oder Mitglied eines Vereins werden. So wurden Juden Stadträte oder Mitglieder des vom gehobenen Emder Bürgertum getragenen Vereins „Maatschappy to't Nut van't Allgemeen“ („Gesellschaft zum Nutzen der Allgemeinheit“) und der Emder Handelskammer. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Jacob Pels, wurde 1890 sogar Mitglied des Bürgervorsteherkollegiums.
Landes- bzw. Landrabbiner Nach der napoleonischen Annexion Norddeutschlands wurde nach französischem Vorbild der Consistoire Emden für die Départements de l’Ems-Supérieur und Ems Oriental eingerichtet. Ein Großrabbiner (grand-rabbin) betreute die Gemeinden im Konsistorialbezirk. Er amtierte ab 1827 als Landesrabbiner. 1842 richtete das Königreich Hannover Landrabbinate in Emden, Hannover, Hildesheim und Stade ein. Dabei umfasste das Landrabbinat Emden die Landdrosteien Aurich und Osnabrück. 1939 hob die NS-Obrigkeit die Landrabbinate auf.
1812–1839: Abraham Heymann Löwenstamm (1775–1839), ab 1812 Großrabbiner des Consistoires Emden, ab 1827 Landesrabbiner für Ostfriesland 1839–1841: Vakanz 1841–1847: Samson Raphael Hirsch (1808–1888), Landrabbiner von Emden 1848–1850: Josef Isaacson (1811–1885), Landrabbiner in Vertretung 1850–1852: Vakanz 1852–1870: Hermann Hamburger (ca. 1810–1870), Landrabbiner von Emden 1871–1873: Philipp Kroner (1833–1907), Stadtrabbiner von Emden, interimistisch als Landrabbiner 1875–1892: Peter Buchholz (1837–1892), 1873 gewählt, dann 1875 eingeführt als Landrabbiner von Emden 1892–1894: Vakanz 1894–1911: Jonas Zvi Hermann Löb (1849–1911), Landrabbiner von Emden 1911: Abraham Lewinsky (1866–1941), Landrabbiner von Hildesheim in Vertretung 1911/13–1921: Moses Jehuda Hoffmann (1873–1958), Landrabbiner von Emden 1922–1939: Samuel Blum (1883–1951), Stadt- und Landrabbiner von Emden
Zionismus In Emden trat der Zionismus erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts in Erscheinung. 1901 gründeten 35 jüdische Bürger die Ortsgruppe „Lemaan Zion“ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Wie im übrigen Reich fand diese Bewegung nur bei einem sehr geringen Teil der jüdischen Bevölkerung Anklang. Die Gemeindeleitung um den Landrabbiner Jonas Zvi Hermann Löb und den Lehrer Selig stand dem Zionismus skeptisch bis ablehnend gegenüber und bezeichnete die Anhänger des Zionismus in Gemeindeversammlungen als „vaterlandslose Gesellen“.
Weimarer Republik 1924 kandidierte der jüdische Arzt Max Sternberg für die FFF-ParteiFFF steht für Freiland, Freigeld und Festwährung., den parteipolitischen Arm der Freiwirtschaftsbewegung Silvio Gesells. Er wurde am 4. Mai mit 601 Stimmen (5,2 %) in das Bürgervorsteherkollegium gewählt.Marianne Claudi, Reinhard Claudi: Goldene Zeiten und andere Zeiten. Emden – Stadt in Ostfriesland. Anlageband Zeittafel, Texte, Dokumente, Karten, Gerhard-Verlag Emden o. J. , S. 33: Tabelle Bürgervorsteherwahlen in Emden 1919–1933. Dort gehörte er mit vier Vertretern der Kommunistischen Partei zur Opposition, während die Mehrheitsfraktion der Bürgerlichen Vereinigung gemeinsam mit den fünf SPD-Abgeordneten eine Regierungskoalition bildeten. Neben seinem politischen Engagement betätigte Max Sternberg sich auch im Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und leitete ab 1924 dessen lokale Emder Gruppe.Allemannia Judaica: Geschichte der jüdischen Gemeinde Emden; eingesehen am 25. April 2017.