mini|Walther Stennes Walther Franz Maria StennesIn der Literatur tauchen sowohl Walter als auch Walther als Schreibweisen von Stennes’ Vornamen auf. Während es in seiner Geburtsurkunde Walter heißt, verwendete er selbst die Schreibweise Walther. Siehe z. B. den Briefkopf seines Schreibens an Thilo Vogelsang vom 16. Februar 1957 (vgl. IfZ: Zeugenschrifttum Stennes 1, Bl. 11 (als Digitalisat abrufbar auf der Website des IfZ)). (* 12. April 1895 in Fürstenberg, Westfalen; † 19. Mai 1983 in Lüdenscheid)Beigeschriebener Randvermerk auf Stennes’ Geburtsurkunde beim Standesamt Bad Wünnenberg. In der Literatur wird häufig irrtümlich der 18. Mai 1989 als Todesdatum und Fürstenberg als Todesort angegeben. war ein deutscher Offizier, Politiker, SA-Führer und Militärberater.

Ab 1928 war er Befehlshaber der SA in Berlin und den ostelbischen Provinzen Deutschlands. Nach seinem Bruch mit der NSDAP im April 1931 stand er bis 1933 als Führer an der Spitze einer die NSDAP bekämpfenden sezessionistischen Gruppe paramilitärischer Aktivisten. Nachdem er im Herbst 1933 ins Exil nach China gegangen war, betätigte er sich bis 1949 als Militärberater der Armee der chinesischen Nationalisten im Krieg gegen Japan und im Bürgerkrieg gegen die Kommunisten sowie als Befehlshaber der Leibwache des chinesischen Generalissimus Chiang Kai-shek.

Leben Jugend und Erster Weltkrieg Walther Stennes wurde 1895 als Sohn des Amtmannes und Offiziers Fritz Stennes und seiner Ehefrau Louise, geb. Bering (1863 – ca. 1950)Drage: Canossa, S. 287 gibt an, dass sie kurz nach Stennes’ Rückkehr nach Europa verstorben sei., geboren. Zu der Familie gehörten noch zwei Schwestern, darunter die Schwester Hedwig (1890–1935), die später Ärztin wurde. Von seinem zehnten bis fünfzehnten Lebensjahr wurde er in der Kadettenanstalt auf Schloss Bensberg bei Köln erzogen. 1910 wechselte er zur Hauptkadettenanstalt Berlin-Lichterfelde, wo unter anderem Hermann Göring und Gerhard Roßbach zu seinen Mitschülern zählten.

Nachdem Stennes im Sommer 1913 sein Abitur abgelegt hatte, wurde er zur Kriegsschule versetzt. Im August 1914, bei Beginn des Ersten Weltkrieges, erhielt er sein Offizierspatent und rückte als Leutnant mit dem 3. Westfälischen Infanterie-Regiment Nr. 16 nach Belgien ein. Am 23. August wurde er verwundet. In Flandern erlebte er den sogenannten Weihnachtsfrieden von 1914 mit, bei dem sich deutsche und britische Frontsoldaten miteinander verbrüderten, um gemeinsam Weihnachten zu feiern.Malcolm Brown: Christmas Truce. 1984, S. 129 und passim. Während des Krieges wurde er mehrfach ausgezeichnet: Im Mai 1915 wurde er mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse und im Juni 1917 mit dem Ritterkreuz des Hauses Hohenzollern ausgezeichnet. 1918 erhielt er das Lippische Kriegsverdienstkreuz, das Hanseatenkreuz und das Verwundetenabzeichen in Silber.

Freikorps, Sicherheitspolizei und Schwarze Reichswehr (1919 bis 1928) Im Dezember 1918 wurde Walther Stennes als Oberleutnant aus dem Heer verabschiedet. Auf Anregung von Ewald von Kleist stellte er ein Freikorps auf, die „Freiwillige Kompanie Stennes“, die sich aus vielen ehemaligen Soldaten des Infanterieregiments Nr. 16 zusammensetzte. Es wurde heimlich auf Schloss Varlar bei Coesfeld ausgebildet.

Aus der Freiwilligen Kompanie Stennes entstand im Januar 1919 das etwa fünfhundert Mann umfassende Freikorps Hacketau. Mit diesem ging Stennes in den folgenden Wochen gegen Erhebungen und Streiks von Arbeitern in Coesfeld, Dülmen, Bocholt, Münster und Düsseldorf vor. In Hamm konnte er einen Arbeiterstreik gänzlich unterdrücken.

Während der Bürgerkriegskämpfe um das Ruhrgebiet im März 1919 wurde Stennes vom kommandierenden General von Watter als Militärbefehlshaber in Hamm Stadt und Land eingesetzt. Sein Freikorps besetzte rund um Hamm die Zechen Radbod, de Wendel, Sachsen und Westfalen. Die bestreikte Zeche Radbod wurde von der Truppe notdürftig in Betrieb gehalten und so auch die Gasversorgung der Stadt Münster gesichert.Vgl. Horst Conrad: Kommunalarchive des Kreises Siegen und des Hochsauerlandkreises, Privatarchive in Rheda und Hamm – Tätigkeitsbericht, Mai 1979 – Mai 1980. In: Archivpflege in Westfalen und Lippe. Nr. 14, Dezember 1980, S. 13 ff.

Am 19. Juli 1919 wurde Stennes auf Empfehlung des Generals Watter bei der Sicherheitspolizei beim Polizeipräsidium Berlin eingestellt: Am 1. August 1919 erhielt er das Kommando über die 8. Hundertschaft z. b. V. (zur besonderen Verwendung) der Berliner Sicherheitspolizei (ab 1. Februar 1920 war die Einheit dem Kommando der Sicherheitspolizei unterstellt), deren spezielle Aufgabe der Schutz des Regierungsviertels und die Bewachung der Regierung bei Bürgerkrieg und Unruhen sein sollte. Während des Kapp-Putsches im März 1920 erwies die Hundertschaft z. b. V. sich jedoch gegenüber der republikanischen Regierung als wenig loyal: Anstatt die Regierung zu verteidigen, lief sie zu den Putschisten über und versah sogar gemeinsam mit Soldaten der Marine-Brigade Ehrhardt Wachdienst in Charlottenburg, wobei sie das Abzeichen des rechtsradikalen „Bundes nationalgesinnter Soldaten“ trug. Dennoch wurde Stennes am 12. Juni 1920 zum Polizeihauptmann befördert.

Nachdem Stennes am 22. August 1921 von der Führung der Hundertschaft z. b. V. entbunden worden war, wurde er am 1. Dezember 1921 in die innere Dienststelle des Abteilungskommandos im Berliner Polizeipräsidium versetzt und zum 1. Januar 1922 in den Stab der Polizeiabteilung Zehlendorf abgeordnet. Bald danach, am 28. Februar 1922, schied er auf eigenen Wunsch ganz aus dem Polizeidienst aus. In späteren Jahren kursierten zahlreiche Gerüchte um Stennes’ Tätigkeit bei der Sicherheitspolizei: So soll er innerhalb der Hundertschaft eine Sondertruppe namens „Ringmannen“ ins Leben gerufen haben, die Fememorde verübte und Putschpläne gegen die Republik vorbereitete. Insbesondere der mysteriöse Tod des Wachtmeisters Buchholz, des Kassengeschäftsführers der Hundertschaft, im Jahr 1920 wurde von der Presse immer wieder den Ringmannen angelastet und darauf zurückgeführt, dass dieser Waffenschiebereien entdeckt habe und im Begriff gewesen sei, diese offenzulegen.

Im Herbst 1922 schloss sich Stennes der „Schwarzen Reichswehr“ an. Er wurde Kommandeur des Jägerbataillons IV der Schwarzen Reichswehr. Als Kommandant des Forts Hahneberg leitete er die illegale militärische Ausbildung junger Männer aus den verschiedenen nationalistischen Verbänden. Im Oktober 1923 beteiligte sich Stennes am Küstriner Putsch der „Schwarzen Reichswehr“. Es mussten erst schwere Polizei- und Reichswehreinheiten aufgezogen werden, um Stennes zur Aufgabe des Forts Hahneberg zu bewegen. Im Gegensatz zu Bruno Ernst Buchrucker und Hans Hayn, die bei einem Prozess in Kottbus zu zehn Jahren Festungshaft bzw. acht Monaten Gefängnis verurteilt wurden, ging Stennes wie die Mehrheit der Putschisten straffrei aus.

1924 kehrte Stennes vorübergehend in die Privatwirtschaft zurück: Mit der Abfindung für seine Pension eröffnete er in Tempelhof ein Kraftdroschken-Unternehmen, das jedoch fehlschlug. Während dieses Jahres gehörte er auch der Wirtschaftlichen Vereinigung Glückauf an, wahrscheinlich eine Deckorganisation der rechtsradikalen Verbände oder eine Abteilung der Schwarzen Reichswehr.

Im weiteren Verlauf der 1920er Jahre wurden Stennes weiterhin Beteiligung an Verschwörungen gegen die Republik, Verwicklung in Fememorde und Waffenschiebereien sowie Attentatspläne – vor allem gegen sozialdemokratische Politiker – nachgesagt: Allerdings konnte keine dieser Anschuldigungen bewiesen werden. Hausdurchsuchungen bei ihm und bei seinen Anhängern in den Jahren 1925 bis 1928 verliefen stets ergebnislos.

In seiner widersprüchlichen Doppelrolle als Offizier der Sicherheitspolizei und gleichzeitiger Gegner der Weimarer Republik knüpfte Stennes bis um 1925 zahlreiche Kontakte, was ihn bald zu einem der bestvernetzten Männer auf Seiten der politischen Rechten machte. Einerseits arbeitete er mit Außenminister Gustav Stresemann eng zusammen, gleichzeitig stand er aber auch in ständiger Fühlung mit Republikgegnern wie Waldemar Pabst, mit dem er seit 1920 befreundet war. Den Großteil seiner politischen Beziehungen unterhielt Stennes allerdings zu Kampfbundführern sowie zu Nachrichtenmännern wie Hanns Reinholz oder Herbert von Bose, dem Ehemann seiner Cousine Thea Kühne. Auch Adolf Hitler hatte Stennes bereits 1920 – über Erich Ludendorff – kennengelernt. Hitlers Angebot, die Führung über die Sturmabteilung (SA), die Kampfformation der NS-Bewegung, zu übernehmen, lehnte er 1922 jedoch ab. Stattdessen wurde der Fliegerhauptmann Hermann Göring erster Führer der SA.

SA-Führer (1928 bis 1931) Im Mai 1927 schloss Stennes sich den Nationalsozialisten an. Er übernahm zunächst die Führung der SA im Gau Berlin. Am 30. September 1927 folgte die Ernennung zum OSAF-Ost, d. h. zum regionalen Oberbefehlshaber der SA in Ostdeutschland, mit deren Ausbau er betraut wurde: In dieser Eigenschaft unterstanden ihm die SA-Einheiten von Berlin und Brandenburg, die bald darauf zur SA-Gruppe Berlin-Brandenburg zusammengefasst wurden, Ostpreußen und Pommern, die gut ein Drittel der gesamten SA ausmachten. Außerdem war Stennes seit dieser Zeit Stellvertreter von Franz Pfeffer von Salomon, dem Stabschef der SA als Gesamtorganisation. Auf Drängen von Joseph Goebbels – der Wert darauf legte, dass Stennes auch der Partei angehörte, um ihn in seiner Tätigkeit als SA-Führer vor Angriffen durch Parteimitglieder zu schützen („Ist der überhaupt Parteigenosse“) – trat Stennes auch in die NSDAP ein. Hitler gab Stennes’ offizielles Eintrittsdatum in die NSDAP später in einer Erklärung über Stennes im Völkischen Beobachter vom 4. April 1931 mit dem 20. Dezember 1927 an.Constantin Goschler (Bearb.): Adolf Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen, Bd. IV/2, 1993, S. 252. Stennes selbst nannte in einem Fragebogen aus dem Jahr 1968 ebenfalls den 20. Dezember 1927 als den Tag seines Parteieintritts.Institut für Zeitgeschichte: Zeugenschrifttum Stennes 2, Blatt 4 (online verfügbar).

Anlässlich der Reichstagswahl 1930 forderte Stennes von Hitler nachdrücklich eine stärkere Berücksichtigung von SA-Führern auf sicheren Listenplätzen, was Hitler nicht tat. Die materielle Not in weiten Kreisen der SA sowie zunehmende taktische Differenzen verschlechterten zusätzlich Stennes’ Beziehungen zu Hitler und der NSDAP: Während Stennes auf eine Regierungsübernahme durch einen gewaltsamen Staatsstreich der SA drängte, hatte Hitler sich seit dem Scheitern seines Putsches von 1923 darauf festgelegt, ausschließlich auf legalem Wege über die Gewinnung einer Reichstagsmehrheit bei Wahlen zur Macht zu gelangen. Eine Reihe von Stennes’ Forderungen an Hitler (SA-Männer in größerem Umfang auf die Reichstagskandidatenliste der NSDAP zu setzen, Bezahlung von SA-Wachen für Saalwächterdienste usw.) wies dieser rundheraus zurück. Daraufhin ließ Stennes am 30. August 1930 die Berliner Hauptgeschäftsstelle der NSDAP und die Redaktion der Berliner Parteizeitung Der Angriff von seinen SA-Leuten besetzen (sogenannte erste Stennes-Meuterei). Die SS-Wachen wurden bei dieser Gelegenheit zusammengeschlagen. Gauleiter Joseph Goebbels, gerade in Breslau, rief Hitler zu Hilfe und eilte selbst nach Berlin zurück. Hitler, der Stennes nur mit Mühe zu einem vorläufigen Einlenken bewegen konnte, setzte anschließend Franz Pfeffer von Salomon, der sich unfähig gezeigt hatte, Stennes in Zaum zu halten, als Stabschef der SA ab und berief an seiner Stelle Ernst Röhm. Ferner wurde eine verschärfte Beobachtung und Bespitzelung von Stennes veranlasst, so durch den Hitler-treuen Arzt Leonardo Conti, der der Berliner SA als Stabsarzt zugeteilt war.