Emanuel Lasker (im GeburtenregisterArchiwum Państwowe Gorzów Wielkopolski, Sąd Obwodowy w Barlinku, Duplikaty księg metrykalnych gminy żydowskiej, Signatur 66/886/0/3/4, Eintrag 158 Immanuel, * 24. Dezember 1868 in Berlinchen, Neumark; † 11. Januar 1941 in New York) war ein deutscher Schachspieler, Mathematiker und Philosoph. Er war der zweite offizielle Schachweltmeister nach Wilhelm Steinitz und zugleich der bislang einzige deutsche Träger dieses Titels. Er behauptete diese Position in fünf Titelverteidigungen über einen Zeitraum von 27 Jahren (1894 bis 1921) und damit länger als jeder andere Schachweltmeister.

2008 wurde Emanuel Lasker 67 Jahre nach seinem Tod in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Leben Vorfahren, Familie und Kindheit Die Vorfahren Emanuel Laskers stammen von eher armen Familien jüdischer Geistlicher aus dem polnischen Städtchen Łask ab und gehen zurück bis auf den dort ansässigen Rabbi Abraham Meier Hindels (≈1700; das sind sechs Generationen vor Emanuel Lasker) und dessen Ehefrau Hinde, Tochter des Rabbi Itzig Goldes aus Łask. Der Familienname Lasker ist also ein Örtlichkeitsname. Der Großvater Emanuels, Rabbi Wolf Lasker (1803–1884), war Kantor und Leiter einer jüdischen Schule in Culmsee (heute: Chełmża). Dort galt er als „Wunderrabbi“, als ein Mann mit prophetischen Anlagen, hochgeehrt und ebenso arm wie geachtet. Ab 1846 übte er diese Tätigkeiten in Lessen (heute: Łasin) aus. Aus zwei Ehen – seine zweite Ehefrau war Blume Nachtigall (⚭ 1843) – gingen fünf Kinder hervor.

Michaelis Aron Lasker (1831–1901), Emanuels Vater, heiratete Rosalie Israelsohn (1833–1906) im September 1860. Zweieinhalb Jahre vorher schon war er Kantor und Lehrer in Berlinchen (heute: Barlinek) geworden. Zusätzlich betrieb er dort eine Tischlerwerkstatt. Er war in Berlinchen wegen seiner ungewöhnlichen Hilfsbereitschaft bekannt: Auf dem Weg nach Hause soll er noch seinen halben Lohn an einen armen Bettler verschenkt haben. Emanuel war der jüngste Sohn der Familie und hatte zwei Schwestern, Theophilia (1862–1943) und Amalie (1865–1938), und einen Bruder, Bertold.Wolfgang Kamm, Tomasz Lissowski: Ancestors, Family, and Childhood. In: Richard Forster, Michael Negele, Raj Tischbierek: Emanuel Lasker. Bd. 1: Struggle and Victories. Berlin 2018. S. 51–99, Familienstammbaum S. 88f.

1879 verließ Emanuel Lasker Berlinchen und kam zu seinem Bruder nach Berlin, wo dieser Medizin studierte. Dort besuchte er das Gymnasium. Als Zwölfjähriger lernte er von seinem Bruder das Schachspiel, das ihn allerdings nach Auffassung seiner Eltern zu sehr von seinen Schulpflichten abhielt. 1887 schickten sie ihn deshalb auf das Gymnasium in Landsberg an der Warthe (heute: Gorzów Wielkopolski), wo er 1888 sein Abitur ablegte.

Sein Bruder Bertold war von 1894 bis 1903 mit der Schriftstellerin Else Lasker-Schüler verheiratet. Eine weitläufige Verwandtschaft Emanuel Laskers zum deutschen Politiker Eduard Lasker besteht ebenso wie zum Schachmeister Edward Lasker, den Emanuel Lasker gut kannte.

Schachspieler und Student 1889 begann Lasker, in Berlin Mathematik zu studieren, doch schon ein Jahr darauf wechselte er nach Göttingen. Noch im selben Jahr begann seine internationale Schachkarriere mit dem Sieg im Hauptturnier von Breslau. 1890 gewann er zusammen mit seinem Bruder ein Meisterturnier in Berlin und besiegte Henry Edward Bird in einem Wettkampf in Liverpool mit 8,5:3,5 (+7 =3 −2; sieben Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlagen). 1891 entschloss er sich, sein Studium zu unterbrechen und als Berufsspieler nach London zu gehen. Dort feierte er eine Vielzahl von Erfolgen in Turnieren und Wettkämpfen, unter anderen besiegte er Joseph Henry Blackburne mit 8:2 (+6 =4 −0). Von 1892 bis 1893 gab er eine Schachzeitung, den London Chess Fortnightly, heraus. 1893 folgte er dem Weltmeister Wilhelm Steinitz über den Atlantik und nahm seinen neuen Wohnsitz in New York City. Auch dort gelang es ihm, großen Eindruck auf das schachinteressierte Publikum zu machen. Nach weiteren Erfolgen in Wettkämpfen und Turniersiegen Laskers in der Neuen Welt fanden sich genügend Geldgeber in den USA und Kanada, um einen Weltmeisterschaftskampf mit Wilhelm Steinitz zu veranstalten. mini|Steinitz (links) und Lasker (rechts) während ihres Weltmeisterschaftskampfes 1894

Weltmeisterschaftskämpfe Lasker – Steinitz Vom 15. März bis zum 26. Mai 1894 fand das Match statt. Mit zehn Siegen bei fünf Niederlagen und vier Unentschieden wurde Lasker überlegen der zweite offizielle Schachweltmeister. Er spielte in dem Match nicht besonders spektakulär, nutzte aber die Schwächen seines Gegners, der den Zenit seiner Karriere bereits überschritten hatte, sehr effizient aus. In seinem ersten Turnier als Weltmeister in Hastings 1895 musste er allerdings dem Amerikaner Harry Nelson Pillsbury den Sieg überlassen. Im selben Jahr veröffentlichte er sein erstes Schachbuch Common sense in chess (deutsch: Gesunder Menschenverstand im Schach), das auf Vorträgen beruhte, die er in englischen Schachclubs gehalten hatte.

Lasker lebte bis 1896 überwiegend in den USA. Er gab Steinitz 1896/1897 einen Revanchewettkampf in Moskau, den er noch deutlicher mit zehn Siegen, zwei Niederlagen und fünf Unentschieden gewann. Dann zog er sich bis 1899 vom Schach zurück, um sein Studium in Heidelberg und Berlin fortzusetzen. 1900 wurde er an der Universität Erlangen mit seiner Dissertation Über Reihen auf der Convergenzgrenze (veröffentlicht 1901)Philosophical Transactions of the Royal Society A. Bd. 196, 1901, S. 431–477, doi:10.1098/rsta.1901.0009 zum Dr. phil. (Mathematik) promoviert.

Im Frühjahr 1901 absolvierte er ein zehntägiges Gastspiel im Manhattan Chess Club, wobei er u. a. gegen Eugene Delmar sowie James Hanham gewann. (Mit Einzelpartien.)

Im Jahre 1902 war er für zwei Semester Dozent (assistant lecturer) für Mathematik am Owens College in Manchester.Tony Gillam: Lasker in Great Britain. In: Richard Forster et al. (Hrsg.): Emanuel Lasker, Volume 1, Exzelsior Verlag, Berlin 2018, S. 125

Weltmeister mini|hochkant|Titelblatt einer Ausgabe von Lasker’s Chess Magazine (1904–1907) Im Herbst 1902 siedelte Lasker nach New York über. Dort plante er, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Diese Absicht hatte er bereits seit seiner Promotion an der Universität Erlangen, doch alle Versuche, einen Lehrstuhl zu erhalten, schlugen fehl. Bei seiner Bewerbung an der University of Missouri in Columbia konnte er zwar Empfehlungsschreiben von Adolf Hurwitz und Frank Morley vorlegen, die Professur ging aber an Earle Raymond Hedrick. Auch am Carnegie Technical Institute in Pittsburgh, an dem er sich 1904 bewarb, kam er nicht zum Zuge.Joachim Rosenthal: Lasker and Mathematics. In: Richard Forster et al. (Hrsg.): Emanuel Lasker, Volume 1, Exzelsior Verlag, Berlin 2018, S. 195–200 Lasker war genötigt, sich verstärkt als Berufsschachspieler zu betätigen. Im Jahre 1904 gründete er Lasker’s Chess Magazine, das in New York erschien. Laskers vergebliche Bemühungen um eine akademische Anstellung als Mathematiker führten in dieser Zeit zu seiner Hinwendung zur Philosophie. 1907 erschien in New York seine erste philosophische Schrift sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch: Struggle und Kampf. Im selben Jahr verteidigte er erstmals seit 1897 seinen Weltmeistertitel: Verschiedene amerikanische Klubs waren Gastgeber des ungleichen Kampfes, der vom 26. Januar bis zum 6. April ausgetragen wurde. Lasker besiegte den US-amerikanischen Meister und Gewinner vieler internationaler Turniere Frank James Marshall ohne eine einzige Niederlage überlegen mit 11,5:3,5 (+8 =7 −0).

Im Jahre 1908 kehrte er nach Deutschland zurück und nahm seinen Wohnsitz in Berlin. Vom 17. August bis 30. November 1908 spielte er gegen seinen alten Rivalen Siegbert Tarrasch, der 1892 eine Herausforderung des damals noch wenig bekannten Lasker abgelehnt hatte, einen Wettkampf um die Weltmeisterschaft. Die ersten vier Partien des Wettkampfs fanden vom 17. bis 24. August im Kunstpalast in Düsseldorf statt, die weiteren Partien gab es in München. Lasker gewann deutlich mit 10,5:5,5 (+8 =5 −3). Seine Zeitschrift Lasker’s Chess Magazine gab er im Januar 1909 auf. 1910 spielte er den wohl spannendsten Wettkampf seines Lebens. Der Österreicher Carl Schlechter forderte Lasker heraus und zeigte mit dem ausgeglichenen Endstand (5:5; +1 =8 −1), dass er ein würdiger Herausforderer war. Lasker lag bis zur letzten Partie zurück und konnte den Titel erst durch einen Sieg in der 10. Partie retten. Spielorte waren Wien und Berlin. Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic hat diesem Wettkampf mit seinem Roman Carl Haffners Liebe zum Unentschieden (Berlin, 1998) ein literarisches Denkmal gesetzt. Im selben Jahr verteidigte Lasker seinen Titel gegen den polnisch-französischen Meister Dawid Janowski. Den Wettkampf, ausgerichtet vom 8. November bis 8. Dezember im Berliner Kerkau-Palast, gewann er überlegen mit 9,5:1,5 (+8 =3 −0). Neben dem Schriftsteller Thomas Glavinic erwähnt noch ein weiterer Autor, Stefan Zweig, Lasker in einem seiner Werke. In der Schachnovelle stellt er den fiktionalen Protagonisten seines Werkes in eine Reihe mit Aljechin, Capablanca, Tartakower, Lasker und Bogoljubow.

Am 1. März 1911 heiratete er in Berlin die Schriftstellerin Martha Cohn. Im selben Jahr erhielt er erstmals eine Herausforderung des jungen Kubaners José Raúl Capablanca zu einem Weltmeisterschaftskampf, doch sowohl diese als auch die folgenden Verhandlungen mit Akiba Rubinstein über ein Match scheiterten in der Folgezeit. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des Schicksals seines in Armut gestorbenen Vorgängers Steinitz forderte Lasker von seinen Herausforderern hohe Wettkampfeinsätze, die sie oft nicht aufbringen konnten. Er unternahm auch Versuche, für die Partien seiner Wettkämpfe das Urheberrecht zu beanspruchen und sich das alleinige Publikationsrecht vorzubehalten, konnte dies aber nie durchsetzen.

Im Jahre 1913 erwarb er ein Landhaus in Thyrow bei Trebbin südlich von Berlin und versuchte sich in dieser Zeit auch als Landwirt. Da er aber nicht sehr praktisch veranlagt war, erzielte er auf diesem Gebiet keine Erfolge.

Vom 21. April bis 22. Mai 1914 fand in St. Petersburg eines der bedeutendsten Turniere der Schachgeschichte statt. Zunächst spielten elf Meister ein Rundenturnier, das von Capablanca (8 Punkte) vor Lasker, Tarrasch (jeweils 6,5), Aljechin und Marshall (jeweils 6) gewonnen wurde. Diese fünf Spieler traten dann nochmals doppelrundig gegeneinander an, wobei die zuvor erzielten Punkte mitgenommen wurden. In diesem Finale gelang es Lasker durch energisches Spiel, den Vorsprung Capablancas noch aufzuholen: Er erzielte aus den acht Partien 7 Punkte (sechs Siege, zwei Remis), kam damit insgesamt auf 13,5 Punkte und wurde Turniersieger vor Capablanca, der 13 Punkte erreichte. Im Turnierbuch schrieb Laskers Rivale Tarrasch, dass das Antrittsgeld von über 4000 Rubel, das Lasker von den Organisatoren erhalten habe, angesichts seiner gezeigten Leistung nicht zu hoch gewesen sei.Siegbert Tarrasch: Das Grossmeisterturnier zu St. Petersburg im Jahre 1914. Nürnberg 1914, S. 154 f.

Durch den Ausgang des Ersten Weltkrieges verlor Lasker sein in Kriegsanleihen investiertes Vermögen. Lasker hatte sich, wie viele deutsche Juden, patriotisch gezeigt und sogar 1916 eine Broschüre mit dem Titel Die Selbsttäuschungen unserer Feinde veröffentlicht, in der er die Kriegsgegner Deutschlands kritisierte. In der Nachkriegszeit widmete sich Lasker verstärkt der Philosophie und veröffentlichte 1919 sein Hauptwerk Die Philosophie des Unvollendbar.