Das Corps Hannovera Göttingen ist eine pflichtschlagende und farbentragende Studentenverbindung im Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV). Seine Mitglieder sind Studenten und ehemalige Studenten der Georg-August-Universität Göttingen. Sie werden als Göttinger Hannoveraner bezeichnet.

Couleur, Wappen und Wahlspruch Das Wappen des Corps zeigt neben den Farben das Welfenross, das Tor der Hansestadt Hamburg und den Adler der Hansestadt Lübeck. Hannovera hat die Farben rot-blau-gold mit goldener Perkussion. Dazu wird von den Corpsburschen eine kleine rote Studentenmütze als Hinterhauptcouleur getragen. Inaktive und Alte Herren tragen auch Biedermeiermützen.

Im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg und im Königreich Hannover trug Hannovera als Landescorps die Farben rot-blau-rot. Sie waren vom Fürstentum Calenberg-Göttingen (dem Kernland Kurhannovers) übernommen worden. Wohl abgeleitet aus der Perkussion, trat das Gold ab 1820 als dritte Farbe unter dem Einfluss der Trikolore hinzu.Stadtmüller: Hannovera S. 338 Die Constitution von 1832 gibt die Farben mit Scharlachroth-Kornblumenblau-Gold an.Die Constitution ist abgedruckt bei Assmann, Constitutionen der Corps III, S. 61 ff Der jeweilige Senior der Hannovera trägt noch das alte rot-blau-rote Band als Traditionsband zusätzlich zum Hannoveranerband. Dieses wird im Wappen noch bis etwa 1844 geführt. Erst 1848 wird die heute gültige Form des Wappens erreicht. Der Wahlspruch lautet Nunquam retrorsum, fortes adiuvat fortuna! (deutsch „Niemals zurück, den Tapferen hilft das Glück!“).Terenz, vgl. Lateinische Sprichwörter. Der Zirkel des Corps zeigt ein H für Hannovera verschlungen mit den Buchstaben v, c und f für vivat circulus fratrum Hannoverae! (deutsch „Es lebe der Kreis der Brüder Hannoveras“). Wie im Göttinger Senioren-Convent von jeher üblich, wird kein Fuchsband getragen.

Geschichte mini|120px|Göttinger Hannoveraner (1773) Das Corps Hannovera wurde am 18. Januar 1809 von Studenten der Universität Göttingen gestiftet, die zu der Zeit nach dem Verständnis von Lehrenden und Studierenden trotz der Französischen Besetzung nach wie vor die Landesuniversität des Kurfürstentums Hannover war. Es ist die älteste Göttinger Verbindung ihrer Art. mini|120px|Avers der Waterloo-Medaille mit dem Konterfey von König Georg III. mini|120px|Band der Waterloo-Medaille

Landsmannschaft

Das Corps stand zunächst in der Tradition der 1735 mit Gründung der Universität entstandenen Hannöverschen LandsmannschaftSpäter bedeutend gewordene Mitglieder der Hannöverschen Landsmannschaft waren der Reformkanzler Karl August von Hardenberg, Albrecht Thaer, Adolph Freiherr Knigge, Johann Anton Leisewitz und rekrutierte sich überwiegend aus den adligen und hübschen Familien Hannovers, die auch die Beamtenschaft des Kurfürstentums stellten. Durch Stammbuchblätter ist belegt, dass die Angehörigen dieser Landsmannschaft an der Universität in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zur Unterscheidung von anderen Studenten rot-blaue Schoßröcke trugen.Vgl. Abb. aus: Hans-Georg Schmeling: Göttingen im 18. Jahrhundert. Katalog Göttingen 1987, S. 168 Die Landsmannschaft ist durch Protokolle ihrer Convente, durch Universitätsgerichtsakten und die für das 18. Jahrhundert einzigartige Porträtgalerie Göttinger Studenten der Silhouetten-Sammlung Schubert belegt.

Filialcorps in Heidelberg Wie auch schon ihre Vorgänger im 18. Jahrhundert waren die jungen Corps dem Misstrauen und der Verfolgung der Universitätsbehörden ausgesetzt. So musste bereits im September 1809 eine Gruppe von Hannoveranern nach der Gendarmen-Affäre Göttingen verlassen.Hanna Feesche, Robert Mueller-Stahl: Ein Ritt mit Folgen. Die Göttinger Gendarmen-Affäre (1809). In: Franz Walter/Teresa Nentwig (Hrsg.): Das gekränkte Gänseliesel - 250 Jahre Skandalgeschichten in Göttingen, V&R Academic, Göttingen 2016, S. 40–47 Sie gründeten in Heidelberg eine weitere Hannovera als ClubbStadtmüller, S. 41–49, die ab 1810 als Filialcorps im Heidelberger Senioren-Convent bis zur Suspension 1813 in engem Kartellkontakt mit dem Göttinger Muttercorps Bestand hatte. Aufgrund der Verfolgungssituation der Corps in den damals ohnehin politisch sehr unruhigen Verhältnissen ist dieser Zeitraum nur durch wenige und in Archiven weit verstreute Unterlagen nachvollzogen und die Mitgliederliste streckenweise aufgrund von Widmungen auf Pfeifenköpfen aus Porzellan rekonstruiert worden.

Auf Englands Seite Das Corps Hannovera hat 73 Mitglieder, die aktive Teilnehmer der Befreiungskriege waren, davon drei in erzwungener Weise auf Seiten Frankreichs bzw. des Königreichs Westphalen.Stadtmüller, Corpsgeschichte, S. 62–65; davon fielen alle drei auf der französischen Seite kämpfenden und vier der auf deutsch-englischer Seite kämpfenden Corpsbrüder. Von diesen kämpften, soweit bekannt, 17 in der Schlacht von Waterloo am 16.–18. Juni 1815Jens Mastnak, Michael-Andreas Tänzer: Diese denckwürdige und mörderische Schlacht – Die Hannoveraner bei Waterloo, Celle 2003, ISBN 3-925902-48-1 und erhielten damit die Waterloo-Medaille des Königreichs Hannover.Curschmann, Blaubuch Soweit sie den Einheiten der King’s German Legion angehörten, erhielten sie auch die britische Waterloo-Medaille, zu diesem Kreis gehörten insbesondere die Verteidiger des Gutshofs von La Haye Sainte. Der Hannoveraner Carl von Jacobi berichtete als Überlebender von den Ereignissen in mehreren Schriften.

Verfolgung und Erweiterung mini|Hanseatia Göttingen mini|120px|Rot–blau–rot am Pfeifenkopf (1846)

Im Zuge der nach den Karlsbader Beschlüssen einsetzenden verschärften Verfolgung der Verbindungen wurde das Corps mehrfach von den staatlichen Behörden des Königreichs verboten und bestand dann jeweils insgeheim und nach außen als Hannoveraner Clubb oder Kneipe der Hannoveraner auftretend kontinuierlich fort. Der Anteil der Hannoveraner aus Dänemark (ohne Schleswig-Holstein und Lauenburg), England, den Niederlanden, Russland, Schweden und den USA am Mitgliederbestand belief sich auf fast 2 % – nach den Wirren der Befreiungskriege und den behördlichen Verfolgungen zwischen 1815 und 1848 erstaunlich viele.

Um 1827 wandelte sich das Corps zu einer Verbindung des Bürgertums. Die Rolle des Landescorps für die Familien des niedersächsischen Adels übernahm aufgrund einer Intrige des Hannoveraners Eisendecher das Corps Lunaburgia,Das Corps Lunaburgia Göttingen bestand 1820–1848. Mitgliederliste in den Kösener Korpslisten 1910. das sich im Wesentlichen aus Absolventen der Ritterakademie Lüneburg rekrutierte.Stadtmüller: Hannovera S. 101 mit Fn. 73.

1846 suspendierten sechs Göttinger Corps wegen Nachwuchsmangels, darunter Hannovera, wodurch der Göttinger Senioren-Convent nur noch aus fünf CorpsBremensia, Saxonia, Frisia, Brunsviga, Hanseatia bestand.

Im Februar 1848 vereinigten sich die Hannoveraner mit dem von Heinrich Alexander Pagenstecher gestifteten Corps Hanseatia. Seither führt das Corps Hannovera im Studentenwappen neben dem Sachsenross das Hamburger Tor zur Welt und den Lübecker Reichsadler. Am 17. März 1848 zogen die Göttinger Studenten nach Nordheim aus. Diese Göttinger „Märzrevolution“ endete am 1. Mai 1848 mit einem feierlichen Wiedereinzug der Studenten in Göttingen. Hannovera nahm am 15. Juli 1848 an dem Gründungskommers für den Zusammenschluss aller Corps (seit 1856 HKSCVHoher Kösener Senioren-Convents-Verband genannt) in Jena teil.

Das Prinzip der engen Cantonierung und Rekrutierung der Mitglieder überwiegend aus den welfischen Gebieten wurde endgültig aufgegeben und das Einzugsgebiet im Wesentlichen auf ganz Nord- und Westdeutschland ausgeweitet. Das rot–blau–rot der Hannoveraner kam den Nassauern entgegen, deren Landesuniversität Göttingen in der Zeit von 1817 bis 1866 ebenfalls war. In der Zeit des Progress spaltete sich dann aus der Hannovera das spätere Corps Teutonia Göttingen als Progressverbindung ab.

Ab etwa 1850 verlief die Geschichte des Corps in Göttingen in ruhigen Bahnen. Das Corps wurde ein Corps des nationalliberalen Bürgertums und öffnete sich in diesem Zuge für die Assimilation jüdischer Familien besonders aus Hessen und Baden. Bullerjahn und Ausflüge der Studenten in die Umgebung (Mariaspring) prägten das Leben der Korporationen mit der Unterbrechung des Ersten Weltkrieges, bis die Göttinger Krawalle das Verbot der Studentenverbindungen in der Zeit des Nationalsozialismus auch in Göttingen ankündigten.Siehe auch Geschichte der Studentenverbindungen Hannovera war im Dreikaiserjahr und 1907 präsidierendes Vorortcorps und stellte die Vorsitzenden des oKC.

Zeit des Nationalsozialismus Dem vom Dachverband und der Reichsstudentenführung geforderten „kollektiven“ Ariernachweis aller Corpsbrüder kam man durch den Austritt aller Alten Herren aus dem Corps zuvor. Das Corps stellte seinen Betrieb bis 1936 ein. Im Zuge der Gleichschaltung der Studentenschaft entstand auf dem Corpshaus im Mai 1939 die Kameradschaft I in Göttingen. Bei einem heftigen Richtungsstreit innerhalb dieser späteren Kameradschaft Freiherr vom Stein setzten sich unmittelbar nach ihrer Gründung die Befürworter des Lebensbundprinzips gegen mehr nationalsozialistisch eingestellte studentische Mitglieder durch, so dass die Mitglieder des letzteren Flügels der Kameradschaft den Rücken kehrten. 1940 schaffte die Kameradschaft Freiherr vom Stein intern das Führerprinzip wieder ab und kehrte zum Conventsprinzip zurück. Die Kameradschaft nahm die Farben blau-weiß-grün an und führte die Tradition der Hannovera während des Krieges bis 1945 fort. Ab 1942 wurden außerhalb Göttingens wieder (verbotene) Mensuren gefochten, so in Bonn und Freiburg.Erich Bauer: Die Kameradschaften im Bereiche des Kösener SC in den Jahren 1937–1945, In: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung 1 (1956), S. 5–40 (24 ff.) Die Mitglieder der Kameradschaft wurden größtenteils nach dem Ende des Krieges in das Corps übernommen. Einige schlossen sich auch aufgrund ihrer Familientradition anderen rekonstituierten Göttinger Corps an.Stadtmüller: Geschichte des Corps Hannovera zu Göttingen S. 272 ff.

Neuanfang mini|Interessengemeinschaft zur Wiederbegründung des KSCV Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte unter starken Auflagen die Wiederzulassung als Lizenzverbindung Hannoverscher Club durch die britische Militärregierung und erst 1949 die Rekonstitution als Corps.Horst Bernhardi: Neue studentische Gemeinschaften an der Universität Göttingen in den Jahren 1945 bis 1950. Göttinger Jahrbuch 1962, S. 172. Angehörige des Corps Hannovera nahmen im Zusammenhang mit der Wiedereinführung der Mensur in Westdeutschland im Göttinger Mensurenprozess eine tragende Rolle ein. Als einziges Göttinger Corps gehörte Hannovera im Januar 1950 zu den 22 Corps, die sich in der Interessengemeinschaft zusammenschlossen und die Wiederbegründung des KSCV am 19. Mai 1951 vorbereiteten.

Am 28. Juli 1953 wurde dem Corps Hannovera durch die Universität für zwei Semester wegen „Farbentragens in der Öffentlichkeit“ die Lizenz als studentische Vereinigung entzogen. Diese Maßnahme wurde auf Klage des Corps am 8. Juli 1954 durch das Verwaltungsgericht Hannover aufgehoben. Das Gericht merkte in den Entscheidungsgründen an:Stadtmüller: Geschichte des Corps Hannovera zu Göttingen, S. 323.

Ab 1954 engagierte sich das Corps mit anderen Göttinger Verbindungen über viele Jahre in der Friedland-Hilfe im nahe gelegenen Lager Friedland.Stadtmüller, Corpsgeschichte, S. 324 ff.

Corpshaus mini|Corpshaus in der Bürgerstraße (1905)