Das Ren [], []https://www.duden.de/suchen/dudenonline/ren oder Rentier [], []https://www.duden.de/suchen/dudenonline/ren (Rangifer tarandus) ist eine Säugetierart aus der Familie der Hirsche (Cervidae). Es lebt zirkumpolar im Sommer in den Tundren und im Winter in der Taiga Nordeurasiens und Nordamerikas sowie auf Grönland und anderen arktischen Inseln. Es ist die einzige Hirschart, die domestiziert wurde. Der nordamerikanische Vertreter heißt Karibu.

Namen Das deutsche Wort Ren ist entlehnt aus schwedisch ren, das wie norwegisch rein und isländisch hreyn(dýr) auf altnordisch hreinn zurückgeht.Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 25. Auflage, De Gruyter Berlin 2011, S. 759 Frühe deutsche Formen lauten rein, reyner, rainger.Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Nachdruck München 1984, Band 14, S. 699 Neuenglisch rein(deer) aus altenglisch hrān und neufranzösisch renne aus mittelfranzösisch reen sind ebenfalls aus dem Nordgermanischen entlehnt, reen über deutsche Vermittlung 1552 aus der Kosmographie von Sebastian Münster.Alain Rey: Dictionnaire historique de la langue francaise, Le Robert, Paris 2012, Band 3, S. 3028 Das altnordische Ausgangswort gehört zu einer Gruppe von Tierbezeichnungen, die auf die indogermanische Wurzel für „Horn, Kopf“ zurückgehen, wie Hirsch oder Hornisse. Vielleicht stellt sich hreinn wie griechisch krīós „Widder“ zu einer indoeuropäischen Wurzel *k̂er(ə)- „das Oberste am Körper, Kopf, Horn“.Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 25. Auflage, De Gruyter Berlin 2011, S. 759. Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 4. Auflage, dtv München 1999 S. 1114 Das Kompositum Rentier (wie schwedisch rendjur, englisch reindeer und altnordisch hreindýri) entstand später zur Verdeutlichung; deutsch Rennthier oder Renntier, seit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts belegt, ist eine volksetymologische Anlehnung an rennen.Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 4. Auflage, dtv München 1999, S. 1114 Als Pluralformen von Ren sind Rens und Rene möglich.Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. 3. Auflage, Mannheim 1999, Band 7, S. 3169 Fachsprachlich ist die Form Rener üblich.Grzimeks Tierleben, Kindler, Zürich 1971, Band 13, S. 249 ff.

Die zoologischen Bezeichnungen gehen auf neulateinisch rangifer und altgriechisch tárandos, beides „Ren“, zurück.Friedrich Karl Kraft, Deutsch-lateinisches Lexikon, Band 2, Leipzig und Merseburg 1825, S. 443 Bei rangifer ist eine Herkunft aus ramus „Ast“ und ferre „tragen“ möglich.Achim Paululat, Günter Purschke, Wörterbuch der Zoologie, 8. Auflage, Spektrum. Heidelberg 2011, S. 339 Albertus Magnus führt ihn in De Animalibus um 1260 auf,Albertus Magnus, De animalibus libri XXVI Nr. 98, online Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. den „tárandos“ in De partibus animalium.Wolfgang Kullmann u. a. (Herausgeber): Gattungen wissenschaftlicher Literatur in der Antike. Narr, Tübingen 1998, S. 129

Das deutsche Karibu stammt vom Wort Qualipu, sprich „hal-lay-boo“, aus der Sprache des indigenen Volkes der Mi’kmaq in Ostkanada und dem US-Bundesstaat Maine. Es ist im Französischen als caribou erstmals 1606 belegt,Alain Rey: Dictionnaire historique de la langue francaise, Le Robert, Paris 2012, Band 1, S. 596 im Englischen als cariboo erstmals 1665.Oxford English Dictionary, 2. Auflage Oxford 1989, S. 899 Eingedeutscht führte Brehms Tierleben den Karibu 1865 an.Alfred Edmund Brehm: Illustrirtes Thierleben, 1. Auflage Hildburghausen 1865, Band 2, S. 432

Merkmale Die Größe schwankt mit dem Verbreitungsgebiet. Die Kopf-Rumpf-Länge kann 120 bis 220 Zentimeter betragen, die Schulterhöhe 90 bis 140 Zentimeter, das Gewicht 60 bis 300 Kilogramm. Das Fell ist dicht und lang, dunkelgraubraun oder, besonders bei domestizierten Tieren, hell; im Winter ist es generell heller als im Sommer. Die auf hocharktischen Inseln Kanadas, vor allem auf der Ellesmere-Insel lebenden „Peary-Karibus“ tragen ganzjährig ein fast rein weißes Fell. Die Färbung dient als Tarnung vor Fressfeinden; die dichte Unterwolle schützt im arktischen Klima vor Kälte.

mini|links|Schädel (Sammlung Museum Wiesbaden) Die Geweihe sind stangenförmig, verzweigt und charakteristisch nach vorne gebogen; nur die tiefste Sprosse der männlichen, unkastrierten Tiere bildet am Ende eine Verbreiterung, auch als „Schneeschaufel“ bezeichnet, da man früher annahm, das Ren räume mit ihr den Schnee beiseite. Die Formgebung der Geweihe ist unregelmäßig, asymmetrisch und bei jedem Tier unterschiedlich. Das Ren ist die einzige Hirschart, bei der auch das Weibchen regelmäßig ein Geweih trägt. Das des Männchens ist mit einer Länge von 50 bis 130 Zentimeter ausladender gegenüber nur 20 bis 50 Zentimetern beim Weibchen. Männliche Tiere werfen ihr Geweih im Herbst ab, Weibchen erst im Frühjahr. Das Abwerfen erfolgt gewöhnlich nicht zugleich beidseitig, so dass das Ren vorübergehend eine Geweihstange trägt.

Die Hufe der Rentiere sind breit und durch eine Spannhaut weit spreizbar. Außerdem sind lange Afterklauen ausgebildet. Dies ermöglicht den Tieren im oft steinigen oder schlammigen Gelände sicheren Tritt.

Verbreitung mini|300px|Rezente Verbreitung von Rangifer tarandus

Rentiere zählen zu den am weitesten nördlich lebenden Großsäugern. Sie bewohnen große Teile des nördlichen Nordamerika und Eurasien. Selbst auf hocharktischen Inseln wie Spitzbergen, der Ellesmere-Insel und Grönland kommen Rentiere vor. Um dem arktischen Winter zu entgehen, unternehmen die Renherden, wo dies möglich ist, große Wanderungen, manche bis zu 5000 Kilometern – die längste regelmäßige Wanderung von Landsäugern überhaupt.

Auf dem europäischen Festland gibt es in Südnorwegen noch etwa 25.000 wildlebende Rentiere in 23 getrennten Populationen, davon 10.000 bis 11.000 auf der Hardangervidda. Gut die Hälfte der Populationen sind aber gemischt mit teil-domestizierten Rentieren (laut IUCN-Angaben leben dort insgesamt rund 6000 reinrassige Wild-Rentiere).Antonia Ricci, Ana Allende, Declan Bolton et al.: Chronic wasting disease (CWD) in cervids. In EFSA Journal 2017; 15(1): 4667, doi:10.2903/j.efsa.2017.4667, S. 34.A. Gunn: Rangifer tarandus. The IUCN Red List of Threatened Species 2016. e.T29742A22167140, doi:10.2305/IUCN.UK.2016-1.RLTS.T29742A22167140.en, zuletzt abgerufen am 12. Dezember 2022. Bei den großen Rentierherden Lapplands und Nordostrusslands handelt es sich ausschließlich um (geringfügig) domestizierte, „halbwilde“ Rentiere, die etwa unter der Obhut der Samen stehen.Hans-Peter Uerpmann: Probleme der Neolithisierung des Mittelmeerraums (= Tübinger Atlas des Vorderen Orients. Nr. 28). Zugleich: Dissertation, Universität Freiburg im Breisgau, Philosophische Fakultät, 1977/78. Original: University of Michigan, Neuauflage Reichert (in Kommission), Wiesbaden 1979, ISBN 3-88226-013-0, S. 18.

In Nordkanada reicht das Verbreitungsgebiet der Rentiere (Karibus genannt) weiter in den Süden, also in die boreale Zone. Die weiteste Verbreitung hatte das Ren in der letzten Kaltzeit; damals drang es bis zu den Pyrenäen und an die heutige mexikanische Nordgrenze vor. Mit der Erwärmung am Ende der letzten Kaltzeit begann eine Habitatverlagerung nach Norden, wobei sich das Rentier noch lange in gemäßigteren Zonen aufhielt. Vermutlich waren Menschen für das Verschwinden der Tiere aus den gemäßigten Zonen mitverantwortlich; allerdings waren die Bestände ohnehin im Abnehmen begriffen.

Auf den britischen Inseln starb das Rentier vor rund 10.000 Jahren aus. 1952 wilderte der Same Mikel Utsi 29 Tiere in der schottischen Berggruppe Cairngorms aus; heute leben dort etwa 130 Rentiere. Eine Herde von rund 80 Tieren lebt auf dem Gelände der Glenlivet-Brennerei.

Als Neozoon wurde das Rentier auf den Kerguelen eingeführt. Dies war auch in Südgeorgien der Fall, wo die Tierart 2014 durch norwegische Scharfschützen, die von der südgeorgischen Verwaltung unterstützt wurden, jedoch erfolgreich wieder ausgerottet werden konnte, nachdem sie viel Schaden an der Pflanzendecke angerichtet hatte.

Lebensweise Rentiere sind Herdentiere. Sie finden sich zu den jahreszeitlichen Wanderungen zusammen und können gebietsweise mehrere 100.000 Tiere umfassen; aus Alaska ist eine Herde mit 500.000 Tieren bekannt. Die weltweit größte Rentierherde war zeitweise die George-River-Herde im Osten Kanadas, die inzwischen von ehemals rund 900.000 Tieren (1980er Jahre) auf 70.000 (2011) geschrumpft ist.Artikel über die George-River-Herde in Englisch Nach den Wanderungen lösen sich die Herden in kleinere Verbände zu zehn bis hundert Tieren auf. Diese Gruppen mit einer Hierarchie, die sich nach der Geweihgröße richtet, bestehen meistens entweder nur aus Männchen oder nur aus Weibchen. Gelegentlich wird die Hierarchie durch ritualisierte Kämpfe entschieden.

Zur Zeit der Paarung im Oktober versuchen Männchen, einen Harem um sich zu sammeln. Sie paaren sich mit so vielen Weibchen wie möglich. Nach einer Tragezeit von ungefähr 230 Tagen bringt das Weibchen ein einziges Junges zur Welt. Die Geburt erfolgt im Mai oder Juni. Das Jungtier ist, anders als die meisten Hirschkälber, nicht gefleckt und schon kurz nach der Geburt selbständig. So kann es bereits nach einer Stunde laufen. Sofern es trocken bleibt, wird das Junge durch sein aus luftgefüllten Haaren bestehendes Fell vor Kälte geschützt. Bei nasskaltem Wetter ist die Sterblichkeit der Kälber hoch, obwohl Rentierkälber ihre Wärmeerzeugung um das Fünffache beschleunigen können und damit über außergewöhnliche thermoregulatorische Fähigkeiten verfügen. Geschlechtsreif werden die Tiere nach zwei Jahren. Durchschnittlich werden sie etwa 12 bis 15 Jahre alt, gelegentlich auch mehr als 20 Jahre.

Rentiere sind vor allem Grasfresser; im Sommer nehmen sie fast jede pflanzliche Kost zu sich, die sie finden können. Im Winter sind sie durch Schnee und Eis überwiegend auf Rentierflechten, Moose und Pilze beschränkt.

Die natürlichen Feinde des Rens sind Wölfe, Vielfraße, Luchse und Bären. Gesunde Tiere wissen sich allerdings diesen Feinden durch ihre Laufstärke zu entziehen; so fallen den Raubtieren gewöhnlich nur kranke und geschwächte Rentiere zum Opfer. Die größte Plage stellen Innen- und Außenparasiten dar, vor allem die Myriaden von arktischen Stechmücken. Darüber hinaus hat auch die industrielle Erschließung ihres Weidelandes Auswirkungen auf ihr Überleben, wie am Beispiel der George-River-Herde vermutet.Innu berichten über Rückgang der Rentiere.

Unterarten In verschiedenen Teilen der Welt ist das Ren durch die Bejagung zwischenzeitlich selten geworden. Heute gibt es weltweit etwa 4 Millionen wilde und 3 Millionen domestizierte Rentiere. Die Art gilt damit nicht als gefährdet. Drei Viertel der wilden Rentiere leben in Nordamerika, mehr als drei Viertel der domestizierten Rentiere in Sibirien.