Die Abderiten. Eine sehr wahrscheinliche Geschichte von Herrn Hofrath Wieland im Teutschen Merkur ist ein satirischer Roman von Christoph Martin Wieland, der in der Zeitschrift Der Teutsche Merkur in den Jahren 1774–1780 in Fortsetzungen erschienen ist. Laut Meid handelt es sich um den „ersten deutschen Fortsetzungsroman“. Abderit ist eine Bezeichnung für einen Schildbürger, also einen naiven, einfältigen Menschen. Hergeleitet wird der Begriff von der antiken Stadt Abdera, die zwar die Heimat so bedeutender Männer wie Demokrit und Protagoras war, aber dennoch bei den Hellenen in den Ruf Schildas kam.
Schon von Zeitgenossen Wielands wurde die Meinung geäußert, er beschreibe Verhältnisse seiner Heimatstadt Biberach an der Riß. Möglicherweise hatte Wieland einige Charaktere der Reichsstadt vor seinem geistigen Auge, er stellt in dieser Schrift aber auch menschliche Verhaltensweisen dar, die zu allen Zeiten an allen Orten unter Menschen zu finden sind. Formal ist der Roman angelehnt an die von antiken Komödiendichtern und Satirikern kolportierten Geschichten aus Abdera. Der Roman regte wiederholt Werke anderer Künstler an, u. a. August von Kotzebue, Friedrich Dürrenmatt, Richard Strauss, Peter Ustinov.
Aufbau Ein Fortsetzungsroman Wie bereits erwähnt handelt es sich bei der „Geschichte der Abderiten“ um ein Werk, welches zunächst nur in der Zeitschrift „Der Teutsche Merkur“ erschienen ist. Zwischen den Jahren 1774 und 1780 wurden von Wieland immer weitere Teile der Geschichte veröffentlicht und erst später wurde die Erzählung in einer Buchform zusammengebunden. In den späteren Buchfassungen werden Abschnitte oftmals verschoben oder gar „geglättet“, was jedoch nicht selten durch die Überarbeitungen neuer Editoren geschieht. Gerade die „Lücken“, die den Zeitraum zwischen den Teilstücken darstellen, müssen in der Zeitschriftenfassung überwunden werden, eine Mediation muss also möglich sein, was in der Buchfassung jedoch schlussendlich weg fällt.
Überblick über die Handlung Die Geschichte der Abderiten ist zunächst in fünf Abschnitte gegliedert, die jeweils als „Buch“ bezeichnet werden. Die ersten drei Bücher behandeln allgemeine, kulturelle und gesellschaftliche Fragestellungen. Die Masse der Abderiten beschäftigt sich mit einzelnen Intellektuellen, erst Demokritus, dann Hippokrates und zuletzt Euripides. Das vierte Buch beschäftigt sich mit den Funktionen des abderitischen Rechtssystems anhand eines konkreten Falls und zeigt dabei auf, wie kritikwürdig dieses Rechtssystem ist. Das fünfte Buch wirft einen Blick auf institutionelle und politische Fragen des Gemeinwesen und beleuchten verschiedene Aspekte der innergesellschaftlichen Dynamik der Abderiten.
Der Vorbericht
Die „Geschichte der Abderiten“ beginnt mit einem vorangestellten „Vorbericht“, der sich auf etwas mehr als eine Seite erstreckt. Dieses Vorwort wirkt als wäre es von jemand anderem als Wieland selbst verfasst worden, da „der Verfasser“ (S. 9) in dritter Person erwähnt wird. Am Ende des Textes ist jedoch kein Autor ausfindig zu machen, das Vorwort wurde also doch von Wieland verfasst. Jedoch sind der Verfasser des Vorberichts und der der Hauptgeschichte womöglich zwei verschiedene Kunstfiguren. Der Vorbericht richtet sich an die noch unwissenden Leser der folgenden Geschichte und betont den Wahrheitsgehalt der Erzählungen und die Ehrlichkeit des Autors der Geschichte.
Erstes Buch: Demokritus unter den Abderiten
Demokritus, ein geborener Abderit, verlässt im jungen Alter von zwanzig Jahren die Stadt, um die Welt zu bereisen. In zwanzig Jahren bereist er alle zu dieser Zeit erreichbaren Länder mit dem Wunsch Natur, Kunst und Kultur in ihrer Gänze erforschen und kennenlernen zu können. Dadurch sammelt sich ein großer Wissensschatz an, mit dem er nach Abdera zurückkehrt. Die Abderiten wollen über die anderen Länder Geschichten hören, die sie sich so vorstellen: Länder mit Menschen ohne Köpfe, Völker ohne Nasen und Hunde als Könige. Demokrit jedoch berichtet von tatsächlich Gesehenem, was von den Abderiten nicht immer akzeptiert wird. Trotzdem wird immer wieder nach seiner Meinung und seinem Rat gefragt, auch als er sich auf das Land zurückzieht. Je weiter er sich zurückzieht, umso größer werden die Gerüchte, Demokrit würde sich an Zauberkünsten probieren.
Zweites Buch: Hippokrates in Abdera
Im Zweiten Buch wird über den Geisteszustand des Demokritus beraten und es werden Überlegungen angestellt. Die Abderiten unterstellen Demokritus, ein Hexenmeister zu sein. Sein Wissen gehe über ihren eigenen Wissensschatz hinaus, wodurch sie schlussfolgern, Demokritus könne nur ein Zauberer sein. Darüber hinaus sollen Betrüger Zauberbücher in Demokritus‘ Namen veröffentlicht haben. Die Abderiten beginnen, sich um ihren Mitbürger zu sorgen, denn so etwas nehme nie einen guten Ausgang. Dabei sei nicht zu vergessen, dass die Griechen, so der Erzähler, gerne Narren mit ihren Philosophen getrieben haben sollen und daher bleibt auch Demokritus nicht verschont. Doch ihre Sorgen finden die Abderiten begründet. Demokritus sei oft geistig abwesend, reagiere nicht auf Gespräche, verschwende seine Zeit, Kräuter an den Klippen zu suchen, obwohl es in der Umgebung genug gäbe, beobachte nachts mit einem „Blaserohr“ die Sterne und arbeite mit den Eingeweiden von Tieren (allen voran Hunde, Katzen und auch Fröschen). Seine Arbeit bezeichnet man als unnütz für Abdera, man empfindet Demokritus selbst als widersprüchlich, spöttisch, man sagt ihm einen schlechten Kunstgeschmack nach und dass er ein „Freygeist“, also ungläubig sei. Die Abderiten beratschlagen daraufhin, ob es mit seinem Verstand so weit gekommen sein könnte, dass er Hilfe benötige, nicht mehr selbstständig Entscheidungen treffen solle. Schließlich wird durch den Ratsherren Thrasyllus, wenn auch nicht direkt beabsichtigt, der Arzt Hippokrates herbei gerufen. Thrasyllus sei hinter dem Vermögen des Demokritus her und wolle daher, dass dieser als ein Narr bestätigt wird. Doch es ließen sich keine Beweise finden, mit denen die Mehrheit der Abderiten zufrieden gewesen wäre. Schließlich wird Hippokrates, ein unparteiischer Arzt, gerufen, um den Geisteszustand des Philosophen zu überprüfen und ihn als Narr zu entlarven. Thrasyllus versucht den Arzt durch ein Festmahl und sogar durch Geld auf seine Seite zu bringen, doch Hippokrates scheint kein Interesse an diesen kostspieligen Geschenken zu haben. Als Hippokrates schließlich Demokritus aufsucht, fällt es ihnen leicht ins Gespräch zu kommen. Beide kommen schließlich zu dem Entschluss, dass es die Abderiten sind, die als krank anzusehen sind. Hippokrates gibt schließlich sein Ergebnis der Untersuchung in Abdera bekannt: Die Abderiten seien krank und er empfehle viel Nieswurz zur Reinigung und ein Beten an die Götter, dass man diese Krankheit von ihnen nehme, denn er selbst könne ihnen nicht helfen. Die Abderiten sind schockiert und können die Worte des Arztes nicht so recht begreifen. Schließlich kommen sie zu dem Entschluss, dass Hippokrates ein Quacksalber sei, er Kranke schaffen wolle, um an Geld zu kommen oder er gar einen Anschlag auf die Aristokratie vorhabe. Dies alles führt zu einem Streit der Bevölkerung, der nur durch den Stundenrufer gelöst werden kann, der die Abderiten zum Mittagessen ruft, an das man sich zu halten hat.
Drittes Buch: Euripides unter den Abderiten
Die Besonderheit des dritten Buches liegt in der Perspektive des Erzählers. Scheint er doch in den anderen Büchern sehr eindeutig negativ gegenüber den Abderiten eingestellt zu sein, zeigt sich hier eine andere Sicht. Im Rahmen eines Theaterbesuchs, bei dem die Abderiten völlig verzaubert von Euripides Theater sind, äußert der Erzähler sich wohlwollend über diese Eigenschaft der Abderiten, die sich vollkommen auf das Geschehen einlassen können. So schreibt er: „Die große Disposition der Abderiten, sich von den Künstlern der Einbildungskraft und der Nachahmung täuschen zu lassen, sey eben nicht das, was er am wenigsten an ihnen liebe.“ Gegensätzlich dazu tadelt er das aufgeklärte Publikum, das sich in seinem Raisonnement darüber, was alles in der Vorstellung fehle, sie gleichzeitig entzaubere.
Viertes Buch: Der Prozeß um des Esels Schatten
Im vierten Buch kommt es zu einem Streit zwischen einem Eseltreiber und einem Zahnarzt. Ein Zahnarzt mietet sich einen Esel und will während einer Rast in seinem Schatten Schutz finden. Der Eseltreiber will jedoch klar zwischen Esel und Schatten unterschieden haben und möchte somit den Schatten des Esels gesondert vergüten. Dies führt zu einem Gerichtsstreit, der ganz Abdera in zwei Parteien teilt. Am Ende wird der Esel zum Opfer der aufgezeigten Tragödie. Die angestaute Prozesswut führt dazu, dass der Esel auf den Straßen Abderas vom Volk in „tausend Stücke“ zerrissen wird. Somit ist das Problem gelöst. Ohne Esel gibt es keinen Schatten und ohne Schatten keinen Gerichtsstreit.
Fünftes Buch: Die Frösche der Latona