mini|250px|Das Magnificat im Stundenbuch des Herzogs von Berry Mit den Worten „Magnificat anima mea Dominum“ („Meine Seele preist den Herrn“) beginnt auf Lateinisch der Lobgesang Marias, eines der drei Cantica des Lukasevangeliums ; es gehört zur durch Lukas überlieferten Kindheitsgeschichte Jesu. Es wird unter anderem im Stundengebet gesungen und ist nach seinem Eingangswort benannt. Es ist auch in den christlichen Festen der Weihnacht liturgisch verankert, weil es im weiteren Sinne zur Weihnachtsgeschichte gehört.

Erzählzusammenhang, Form und Inhalt In der Darstellung des Lukasevangeliums besucht Maria wenige Tage nach der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel ihre Cousine Elisabet, die mit Johannes dem Täufer schwanger ist. Diese Begebenheit wird Mariä Heimsuchung genannt. Auf Elisabets prophetischen Willkommensgruß antwortet Maria mit einem Hymnus im Stil der Psalmen. Das Magnifikat ist ein altes Marienlied. Dies ist .Ulrike Mittmann-Richert, Magnifikat und Benediktus. Die ältesten Zeugnisse der judenchristlichen Tradition von der Geburt des Messias, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament (WUNT), 2. Reihe 90, Tübingen 1996, S. 143, ISBN 3-16-146590-3 Es schließt sich die Geburt Johannes des Täufers an. Der Hymnus lässt vielfache Anklänge an den Lobgesang der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel, in erkennen.

Maria preist auf Grund ihres Glaubens Gott als den, der sich ihr und allen Geringen, Machtlosen und Hungernden zuwendet, um sie aufzurichten, dagegen die Mächtigen, Reichen und Hochmütigen von ihren Thronen stürzt. Maria selbst .Rudolf Schnackenburg, Das Magnificat, seine Spiritualität und Theologie, in: Geist und Leben 38, Würzburg 1965, S. 346

Das Magnifikat ist die längste wörtliche Rede Marias im Neuen Testament.

Text Griechischer Urtext Latein (Vulgata ) Lutherbibel 1912Zitiert nach . Einheitsübersetzung ()Μεγαλύνει ἡ ψυχή μου τὸν Κύριον

καὶ ἠγαλλίασε τὸ πνεῦμά μου ἐπὶ τῷ Θεῷ τῷ σωτῆρί μου,

ὅτι ἐπέβλεψεν ἐπὶ τὴν ταπείνωσιν τῆς δούλης αὐτοῦ. ἰδοὺ γὰρ ἀπὸ τοῦ νῦν μακαριοῦσί με πᾶσαι αἱ γενεαί.

ὅτι ἐποίησέ μοι μεγαλεῖα ὁ δυνατός καὶ ἅγιον τὸ ὄνομα αὐτοῦ,

καὶ τὸ ἔλεος αὐτοῦ εἰς γενεὰς γενεῶν τοῖς φοβουμένοις αὐτόν.

Ἐποίησε κράτος ἐν βραχίονι αὐτοῦ, διεσκόρπισεν ὑπερηφάνους διανοίᾳ καρδίας αὐτῶν·

καθεῖλε δυνάστας ἀπὸ θρόνων καὶ ὕψωσε ταπεινούς,

πεινῶντας ἐνέπλησεν ἀγαθῶν καὶ πλουτοῦντας ἐξαπέστειλε κενούς.

ἀντελάβετο Ἰσραὴλ παιδὸς αὐτοῦ, μνησθῆναι ἐλέους,

καθὼς ἐλάλησε πρὸς τοὺς πατέρας ἡμῶν, τῷ Ἀβραὰμ καὶ τῷ σπέρματι αὐτοῦ εἰς τὸν αἰῶνα.Magnificat anima mea Dominum,

et exsultavit spiritus meus in Deo salutari meo.

Quia respexit humilitatem ancillae suae. Ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes.

Quia fecit mihi magna, qui potens est, et sanctum nomen eius.

Et misericordia eius a progenie in progenies timentibus eum.

Fecit potentiam in brachio suo, dispersit superbos mente cordis sui.

Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles.

Esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes.

Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae.

Sicut locutus est ad patres nostros, Abraham et semini eius in saecula.Meine Seele erhebt den HERRN,

und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands;

denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder;

denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten.

Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer.

Er denkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,

wie er geredet hat unsern Vätern, Abraham und seinem Samen ewiglich.Meine Seele preist die Größe des Herrn,

und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.

Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,

das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Parallelen in der Septuaginta Das Magnificat speist sich aus Gedanken der Psalmen und der Hebräischen Bibel. Lukas hat in seinem Magnificat eine Reihe von Zitaten verarbeitet, wie der folgende Überblick zeigt:

Bibelstelle im Lukasevangelium Wortlaut Magnificat (Lukasevangelium) Parallele Bibelstelle in der LXXAuswahl nach: Novum Testamentum Graece, hrsg. von Eberhard Nestle und Erwin Nestle, Stuttgart 1979, 26. Auflage, S. 153.154 Wortlaut in der Septuaginta (deutsche Übersetzung)Lukas 1, 46Und Maria sprach: Meine Seele macht den Herrn groß.1. Samuel 2, 1Und sie (Hanna) sprach: Mein Herz wurde stark gemacht im Herrn.Lukas 1, 47und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.Habakuk 3, 18Aber ich werde im Herrn jubeln, mich freuen über Gott, meinen Retter.Lukas 1, 48... weil er auf die Erniedrigung seiner Sklavin geschaut hat, denn siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter:1. Samuel 1, 11 Genesis 30, 13Wenn du zuverlässig auf die Erniedrigung deiner Sklavin schaust. Ich bin selig, denn die Frauen preisen mich selig.Lukas 1, 49Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Namen ist heilig.Deuteronomium 10, 21 Psalm 111, 9... da er ja an dir Großes getan hat. Sein Namen ist heilig und furchtbar.Lukas 1, 50Und sein Erbarmen zu Geschlechtern und Geschlechtern, denen, die ihn fürchten. Psalm 103, 17Aber das Erbarmen des Herrn von Ewigkeit und bis in Ewigkeit über die, die ihn fürchten.Lukas 1, 51Er tat eine Krafttat mit seinem Arm, er zerstreute die Hochmütigen in der Gesinnung ihres Herzens: Psalm 89, 11Du hast den Hochmütigen wie einen Verwundeten erniedrigt, und mit dem Arm deiner Macht hast du deine Feinde zerstreut. Lukas 1, 52Er holte Herrscher von Thronen herunter, und erhöhte Erniedrigte. Ijob 12, 19 b Ijob 5, 11Er warf Herrscher der Erde um; der schafft, dass Erniedrigte in die Höhe (kommen).Lukas 1, 53Hungernde füllte er mit Gütern, und Reiche schickte er leer weg. Psalm 107, 9 Ijob 12, 19aDie hungernde Seele füllte er mit Gütern. Der Priester als Kriegsgefangene wegschickt ...Lukas 1, 54Er nahm sich seines Dieners Israel an, zu gedenken des Erbarmens;Jesaja 41, 8 Psalm 98, 3Du aber, Israel, mein Diener Jakob ... Er gedachte seines Erbarmens für Jakob.Lukas 1, 55So wie er zu unseren Vätern gesprochen hat, zu Abraham und seinem Samen in Ewigkeit.Micha 7, 20 2. Samuel 22, 51Du wirst Jakob Wahrheit schenken, und Abraham Erbarmen, wie du es unseren Vätern geschworen hast, in den Tagen davor. Der groß macht die Rettung seines Königs, und seinem Gesalbten Erbarmen schafft, David und seinem Samen bis in Ewigkeit.

Man hat dies als „fehlende Originalität“ bemängelt, da es Rudolf Schnackenburg, Das Magnificat, seine Spiritualität und Theologie, in: Geist und Leben 38, Würzburg 1965, S. 343

Interpretationen Das Magnificat ist nur im Evangelium nach Lukas enthalten, der sich von den Evangelisten am meisten für die Ausgegrenzten interessiert, und propagiert gleich am Anfang des Evangeliums die Wichtigkeit dieses theologischen Anliegens. Moderne Deutungen unterstreichen gern die Stärke Marias und den „revolutionären“ Aspekt ihres Liedes.Auslegung zum Magnificat von Jonas Trageser auf Dormitio, abgerufen am 12. November 2016.

Klassisch Martin Luther: Das Magnificat, verdeutscht und ausgelegt (= Weimarer Ausgabe. 7). S. 544–604 (begonnen im November 1520, fertiggestellt auf der Wartburg 1521). Paul-Gerhard Nohl, Artikel Magnificat. In: Paul-Gerhard Nohl: Lateinische Kirchenmusiktexte. Geschichte – Übersetzung – Kommentar. 4. Auflage. Kassel u. a. 2006, ISBN 3-7618-1249-3, S. 134–154.

Dialektische Theologie Gerade die Vertreter der dialektischen Theologie stellten den schroffen Gehalt dieses neutestamentlichen Psalmes immer wieder fest:

Karl Barth legte das Magnificat während der Adventszeit 1962 in der Strafanstalt Basel im Rahmen eines Gefängnisgottesdienstes aus und meinte zusammenfassend: „In ein Haus, in welchem die Mühseligen und Beladenen, die Armen und Elenden, die wirklich Hungrigen wohnen – und also in ein Haus wie das, in dem wir uns gerade befinden – passt so recht das Weihnachtsfest. Nur in ein solches Haus! Aber in ein solches ganz sicher!“Karl Barth: Predigten 1954–1967. hrsg. von Hinrich Stoevesandt (= Gesamtausgabe. Band I/12). 2. Auflage. Zürich 2001, ISBN 3-290-16102-1, S. 218.

Dietrich Bonhoeffer schreibt über das Magnificat: „Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht … ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.“Zitat in: Hartmut Handt, Armin Jetter: Voller Freude. Liedandachten zu den Sonntagen und Festen des Kirchenjahres (= Strube Edition. 9044). Strube, München 2004, ISBN 3-89912-071-X, S. 20.

Helmut Gollwitzer überschrieb eine Predigt über das Magnificat mit den Worten: Gott ist der Revolutionär und stellte dann fest: „Gott wirbelt immer wieder alles durcheinander, und das Wechselspiel der Geschichte, das wir zu allen Zeiten beobachten, ist sein Werk.“Helmut Gollwitzer: Wendung zum Leben. Predigten 1970–1980. München 1980, ISBN 3-459-01300-1, S. 115.

Feministische Theologie In der feministischen Theologie und in der Befreiungstheologie spielt das Magnificat ebenfalls eine große Rolle:

Wilhelm Fuhrmann bringt zum Ausdruck, dass der Rahmen des Magnificats „eine Geschichte von zwei Frauen – ohne Mann“ darstelle.Wilhelm Fuhrmann: Frauen proklamieren Gottes Weltrevolution. In: Eva Renate Schmidt, Mieke Korenhof und Renate Jost (Hrsg.): Feministisch gelesen. 32 ausgewählte Bibeltexte, Band I. Stuttgart 1988, ISBN 3-7831-0909-4, S. 203–208. Fuhrmann interpretiert das Lied Mariens befreiungstheologisch als „Revolutionslied“, das auf die totale Veränderung der Zustände und Verhältnisse ziele: Den Armen und Ohnmächtigen solle geholfen werden, und zwar auf Kosten der Reichen und Mächtigen. Es sei beachtlich, dass dieses Weltrevolutionslied von Lukas einer Frau in den Mund gelegt werde. Maria erlebe durch die Geburt Jesu ihre „Ent-Niedrigung“.

Dorothee Sölle greift den Gedanken der Befreiung von Frauen ebenfalls auf: „Mein Geist wird aus der Verängstigung herauskommen. Die leeren Gesichter der Frauen werden mit Leben erfüllt und wir werden Menschen werden. […] Die Herrschaft der Männlichen über die Weibchen wird ein Ende nehmen“ und „aus Objekten werden Subjekte werden“.Dorothee Sölle: Magnifikat. In: Sigrid und Horst Klaus Berg (Hrsg.): Warten, dass er kommt. Advent und Weihnachten. Biblische Texte verfremdet. Band 2. Stuttgart 1986, ISBN 3-7668-0809-5, S. 31–32.