Über das Böse ist ein Buch von Hannah Arendt. Es enthält eine Vorlesung in vier Teilen, die sie 1965 an der New School for Social Research in New York City gehalten hat. Der Originaltitel lautet Some Questions of Moral Philosophy und erschien zuerst in dem Band Responsibility and Judgment, den ihr früherer wissenschaftlicher Assistent und Leiter des Hannah Arendt Centers New York Jerome Kohn 2003 aus dem von ihm verwalteten Nachlass Arendts herausgegeben hat. Die von Ursula Ludz besorgte deutsche Übersetzung Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik wurde 2006 mit einem Nachwort der Arendt-Forscherin Ludz und einem der Journalistin Franziska Augstein mit dem Titel Taten und Täter publiziert. Der Text von Hannah Arendt ist ein Roh-Text, das heißt, dass Arendt ihn vor einer Veröffentlichung bearbeitet hätte.
Begriff des Bösen im Totalitarismus
Ursula Ludz merkt an, dass die heftigen Reaktionen auf Hannah Arendts Buch Eichmann in Jerusalem „sie zutiefst erschüttert und verunsichert“ hätten. „Die Vorlesung diente also auch der Selbstverständigung.“ (Seite 175) Arendt begründet hier unter anderem ihren Meinungswandel vom Begriff „radikal Böses“In ihr Denktagebuch notiert Arendt im Juni 1950: „Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen, d. h. das, womit man sich nicht versöhnen kann, was man als Schickung unter keinen Umständen akzeptieren kann, und das, woran man auch nicht schweigend vorübergehen darf. Es ist das, wofür man die Verantwortung nicht übernehmen kann, weil seine Folgerungen unabsehbar sind und weil es unter diesen Folgerungen keine Strafe gibt, die adäquat wäre. Das heisst nicht, dass jedes Böse bestraft werden muss; aber es muss, soll man sich versöhnen oder von ihm abwenden können, bestrafbar sein.“ Denktagebuch, Seite 7. -
Im Januar 1952 schreibt Arendt im Denktagebuch: „Die Lüge ('vom Vater der Lügen, durch den alles Böse in die Welt gekommen ist') ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.“ - „Als Kant das ‚radikal Böse‘ erwähnte, hat er sich zwar nicht seinen ‚Philosophenmantel beschlabbert‘, aber er hat auch nicht gesehen, dass er damit auf etwas stiess, was nicht in der Sittenlehre und nicht in der Moral beheimatet ist und nicht der praktischen Vernunft entspringt. Dies konnte er nicht sehen, weil er nicht wusste, dass ‚das moralische Gesetz‘ keineswegs ‚in uns‘ sitzt, wohl aber ein ‚Gefühl‘ (?) für Gutes und Böses. Warum spricht er nie vom ‚radikal Guten‘?
Weil er dann unfehlbar gesehen hätte, dass nicht nur ‚das radikal Böse‘ dem moralischen Gesetz entgegensteht – tut es es immer? – sondern auch das ‚radikal Gute‘. Zum Beispiel: ‚Liebet eure Feinde.‘ Zwar ist das kein wahres Beispiel des radikal Guten, weil diese ‚Liebe‘ die Freundesliebe zerstört, … Es ist klar, dass hier sofort Unrecht begangen wird - wer seine Feinde liebt, verteidigt seine Freunde nicht mehr. Schlimmer, der ganze Bereich des Zwischen, der auf Geben und Nehmen und einem ‚agreement‘ aufgebaut ist, wird gleichsam durchschlagen. Das Unrecht, das die Feinde getan haben, wird dadurch, dass es nicht verfolgt wird, durch kein Recht ersetzt. Die Grundverfassung des Zwischen wird zerstört. Dike braucht Vergeltung nicht aus Rachsucht, sondern um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Das radikal Gute gerät in Konflikt damit, dass es Unrecht nicht bekämpft und sich um Recht ganz und gar nicht kümmert.“ Denktagebuch, Seite 167, 181, 182.
Vergleiche auch: Hannah Arendt und Martin Heidegger: Briefe 1925–1975, S. 93f und S. 288 sowie Hannah Arendt und Karl Jaspers: Briefwechsel, 1926–1969, S. 202f aus ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft hin zum Begriff „Banalität des Bösen“ im Eichmannbuch. Sie schreibt Scholem 1963 in dem bekannten Brief: „Sie haben vollkommen recht, I changed my mind und spreche nicht mehr vom radikal Bösen. … Ich bin in der Tat heute der Meinung, daß das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. …tief aber und radikal ist immer nur das Gute.“Nach Auschwitz, S. 78.
Im Totalitarismusbuch schreibt Arendt noch dazu: „Aber in ihrem Bestreben, unter Beweis zu stellen, daß alles möglich ist, hat die totale Herrschaft, ohne es eigentlich zu wollen, entdeckt, daß es ein radikal Böses wirklich gibt und daß es in dem besteht, was Menschen weder bestrafen noch vergeben können.“Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft., S. 941. Aber sie sagt dort auch, „daß wir uns von dem radikal Bösen keinen Begriff machen können.“ (ebenda)
Sprachloses Entsetzen Im ersten Teil der Vorlesung ist das „radikal Böse“ das Thema. Den Begriff übernimmt die Autorin von Immanuel Kant. Sie schreibt: „Da Neigungen und die Versuchung in der menschlichen Natur, doch nicht in der menschlichen Vernunft, verwurzelt sind, nannte Kant die Tatsache, daß der Mensch, seinen Neigungen folgend, versucht ist, Böses zu tun, das ‚radikal Böse‘.“ (Seite 28) Arendt stimmt Kant zu, wenn er verneint, „daß ein Mensch das Böse um seiner selbst willen wollen könne.“ Am Ende der ersten Vorlesung umschreibt sie das Böse wie folgt: „Doch das wirklich Böse ist das, was bei uns sprachloses Entsetzen verursacht, wenn wir nichts anderes mehr sagen können als: Dies hätte nie geschehen dürfen.“ (Seite 45) Und das „größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemandem getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.“ (Seite 101)
Können und Dürfen In der Vorlesung hat Hannah Arendt alle „spezifisch religiösen moralischen Vorschriften und Glaubenssätze ausgelassen, nicht weil ich [Arendt] sie für unwichtig halte (genau das Gegenteil ist der Fall), sondern weil sie in dem Moment, in dem die Moral zusammenbrach, kaum noch eine Rolle spielten.“ (Seite 29) Nur ganz wenige widerstanden während der Naziherrschaft und diejenigen, die nicht mitmachten, beriefen sich nicht auf religiöse Gebote, „sondern erklärten einfach wie andere auch, daß sie die Verantwortung für solche Taten nicht übernehmen könnten.“ (Seite 30) In solchen Ausnahmezuständen sind die Menschen die zuverlässigsten, die von sich aus sagen: „Das kann ich nicht tun“ und nicht diejenigen, die sich auf eine Vorschrift berufen und sagen: „Das darf ich nicht tun.“ (vgl. Seite 52) In den weiteren Vorlesungsteilen untersucht sie historisch diesen Unterschied.
Für diese Menschen, die „nur“ sagen: „Das kann ich nicht tun“ ist der Maßstab das Selbst – sie sind keine Helden oder Heilige. Aber politisch ist es deshalb unverantwortlich, weil ihr Maßstab nicht die Gemeinschaft oder die Welt ist und sie diese somit nicht verändern oder gar verbessern wollen.
Moralische Norm und Idee Arendt behauptet, dass Platon in der Ideenlehre die Gefolgschaft zu Sokrates aufgekündigt habe. Sokrates hatte noch folgenden moralischen Satz gesagt: „Es ist besser, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun“ (Seite 50).siehe dazu Gorgias (Platon) – vor allem ab dem 25. Kapitel Diese „grundlegende Annahme aller Moralphilosophie“ hat dem „Sturm der Zeit nicht standgehalten.“ (Seite 48) Bei Sokrates gibt es noch keine Normen oder Vorschriften, wie „du sollst …“, „du darfst nicht …“. „Platons Lehre von den Ideen führte solche Normen und Maßstäbe in die Philosophie ein, und damit wurde das Problem, wie man Recht von Unrecht unterscheidet, auf die Frage verkürzt, ob ich im Besitz der Norm oder der ‚Idee‘ bin, die ich in jedem besonderen Fall anzuwenden habe, oder nicht.“ (Seite 65f)
Kants kategorischer Imperativ: „Handle stets so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ hat, wie der sokratische Satz: „Es ist besser, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun“, stets das „Selbst und damit das Zwiegespräch des Menschen mit sich selbst zum Maßstab.“ (Seite 48) Wenn der Mensch gegen diese moralischen Sätze verstößt, so droht dem Gewissen bei Kant die „Selbst-Verachtung“ und bei Sokrates der „Selbst-Widerspruch“ (vgl. Seite 51).
Vernunft und Begehren Der Wille ist nach Arendt der „Schiedsrichter zwischen Vernunft und Begehren.“ (Seite 104) Die alten Griechen, Sokrates und Platon, kannten dieses Vermögen noch nicht. Paulus hat dieses Vermögen nach Arendt als erstes erkannt. Der Wille ist nach Arendt die erste Spaltung in mir und unterscheidet sich grundsätzlich vom Denken. Der Wille führt kein Zwiegespräch, keinen Dialog in mir, sondern es ist ein „gnadenloser Kampf“ zwischen mir und mir selbst. Er kann zu dem Dilemma Ich-will-und-kann-nicht führen.
Nach Arendt geht Augustin über Paulus hinaus. Augustin sagt, „daß die Falle, in der der Wille gefangen ist, sich nicht aus der zweigeteilten Natur des Menschen, der fleischlich ist ebenso wie geistig ist, ergibt. Der Wille selbst ist ein geistiges Vermögen, und er besitzt, was den Körper angeht, absolute Macht“ (Seite 113). Aber der Wille besitzt keine absolute Macht über den Geist.
In den ersten drei Vorlesungsteilen geht es nach Arendt hauptsächlich darum, was uns daran hindert, Unrecht zu tun, also Böses zu vermeiden. Dies ist auf Vernunft gegründet. Die christliche Ethik fordert aber dazu auf, Gutes zu tun.
Im vierten Vorlesungsteil geht Arendt noch einmal auf Sokrates ein. Was den Menschen hier davon abhält, Unrechtes zu tun, sei die Widerspruchsfreiheit in mir selbst. Bei Jesus von Nazaret ist es nicht mehr das Selbst das uns hindert Böses zu tun, sondern „der Täter ist jemand, der die Weltordnung als solche verletzt.“ (Seite 121) Es wäre für den Täter besser, nicht geboren zu werden. Arendt zitiert folgende Bibelstelle: „es wäre besser für ihn, „daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer“.“ (Seite 121) Diese Vorstellung, „er hätte nicht geboren werden dürfen -, ist wirklich eine Vorstellung, die alle Philosophen verabscheuen.“ (Seite 123)
Paradoxon des Willens Im Weiteren kommt Arendt nochmals zum Willen zurück, weil sie bis jetzt eine „halb-wahre Behauptung aufgestellt“ habe. Das Paradoxon beim Willen sei, dass der Wille auf der menschlichen Freiheit beruht, aber dass die Menschen „selbst dann nicht frei sein können, wenn sie weder von Naturkräften noch vom Schicksal oder ihren Mitmenschen gezwungen werden.“ (Seite 125) Dies Paradoxon lässt sich nach Arendt nicht auflösen. „Und das Beste, was wir darüber sagen können, ist das was Nietzsche behauptet: Es gibt zwei Hypothesen, die Hypothese der Wissenschaft, dass es keinen Willen gibt, und die des allgemeinen Menschenverstandes, daß der Wille frei ist.“ (Seite 126)
Hinter dem Willen als Schiedsrichter gibt es noch etwas, denn der Wille richtet ja nicht willkürlich. Dies ist das Streben der Menschen nach „Glückseligkeit“. „Wenn wir zu unserem alten Sokratischen Kriterium zurückgehen, wo Glückseligkeit bedeuten würde, mit sich selbst im reinen zu sein, könnte man sagen, daß böse Leute die Fähigkeit verloren haben, auch nur die Frage [nach der Glückseligkeit] zu stellen und zu beantworten, insofern als sie, die mit sich uneins sind, die Fähigkeit verloren haben, im Zwiegespräch des Denkens Zwei-in-Einem zu werden.“ (Seite 127f)
Der Wille in seiner Schiedsrichterfunktion ist nach Arendt dasselbe wie das Urteilen. Das Urteilen nennt Arendt selbst eines „der geheimnisvollsten Vermögen des menschlichen Geistes.“ (Seite 129) Der Wille, der eigentlich frei ist, macht aber aus mir selbst einen Sklaven.
Der Wille hat nach Arendt zwei Funktionen: eine kommandierende Funktion und einen Schiedsrichterfunktion, „wobei angenommen wird, daß er Recht von Unrecht unterscheiden kann.“ (Seite 135) Diese Schiedsrichterfunktion analysiert Arendt weiter. Nach Kants Kritik der Urteilskraft entscheidet der Geschmack über schön, hässlich usw. Aber wie weiß ich bzw. wie urteile ich, ob eine Tulpe schön oder hässlich ist?
Diejenigen, deren Urteilskraft mangelhaft ist, haben – nach Kant – keinen Gemeinsinn. Der Gemeinsinn zeige sich in uns, wenn wir ein Allgemeines – Tulpen sind schön – auf ein Besonderes anwenden können. Dies überträgt Arendt nun auf das Gebiet der Moral.
Gemeinsinn als Einbildungskraft