mini|Aureus Kaiser Elagabals. Die Rückseite zeigt den heiligen Stein auf einer Quadriga.

Elagabal ( Elagábalos, latinisiert Elagabalus oder Heliogabalus, von aramäisch 𐡀𐡋𐡄𐡀𐡂𐡁𐡋 ʾĕlāhaʾgabāl) ist der Name eines antiken Sonnengottes, dessen Kult sein Zentrum in der syrischen Stadt Emesa hatte. Dort befand sich ein Elagabal-Tempel, in dem ein heiliger Stein verehrt wurde. Im Zeitraum von 219 bis 222 dehnte sich der Elagabal-Kult infolge seiner Förderung durch den römischen Kaiser Marcus Aurelius Antoninus (später nach dem Gott ebenfalls Elagabal genannt) auf die Stadt Rom aus; sein Zentrum wurde durch Überführung des Steins dorthin verlegt und ein großer Tempel, das Elagabalium, in der Reichshauptstadt auf dem Hügel Palatin errichtet. Die als fremdartig empfundene syrische Religion löste jedoch in der Führungsschicht des Römischen Reichs heftige Irritationen aus. Mit dem Tod des Kaisers im Jahr 222 endete der staatliche Kult in Rom. Fortan beschränkte sich die Verehrung der Sonnengottheit von Emesa wieder weitgehend auf ihr Ursprungsgebiet.

Der heilige Stein Bei verschiedenen Völkern im Mittelmeerraum, besonders den Phöniziern einschließlich der Punier, wurden Steinkulte praktiziert. Bestimmte Steine erhielten religiöse Verehrung. Sie wurden mit Göttern in Verbindung gebracht oder galten selbst als göttlich. Solche Steine nennt man Bätyle (auch Betyle, griechisch baitýlia oder baítyloi). Das Wort ist abgeleitet von aramäisch bet el („Haus Gottes“). Im Zentrum des Elagabalkults stand ein bienenkorbförmiger, höckriger schwarzer Bätyl, der im Tempel von Emesa aufbewahrt wurde.Die Form ist aus den Abbildungen ersichtlich; bei Herodian 5,3,5 ist der Stein als sehr groß und kegelförmig beschrieben. Vielleicht handelte es sich um einen Meteoriten; man nahm an, er sei vom Himmel gefallen.Herodian 5,3,5. Zu manchen Zeiten – wohl an Festtagen – wurde der Stein mit Stoff umhüllt.Zur Umhüllung, die auf einer Münze abgebildet ist, siehe Hans Roland Baldus: Uranius Antoninus. Münzprägung und Geschichte, Bonn 1971, S. 146–147. Ein ähnlicher Steinkult bestand in Harran. Der dortige Bätyl war dem Mondgott Sin zugeordnet.

Geschichte Ursprung Die früher umstrittene Herkunft und Bedeutung des Namens Elagabal ist geklärt. Er besteht aus den semitischen Wörtern ilaha (aramäisch und arabisch „Gott“) und gabal (arabisch „Berg“). Die ursprüngliche Bedeutung war „der Gott Berg“, nicht „Gott des Berges“, denn ilaha liegt nicht im Status constructus, sondern im Status emphaticus vor.Jean Starcky: Stèle d’Elahagabal. In: Mélanges de l’Université Saint-Joseph 49/2, 1975–1976, S. 501–520, hier: 503–504, 509–510; Edward Lipiński: Elaha Gabal d’Émèse dans son contexte historique. In: Latomus 70, 2011, S. 1081–1101, hier: 1085f. Die Verehrung von Bergen als Gottheiten war im Nahen Osten verbreitet. Gemeint ist hier der felsige Festungshügel im Süden von Homs, auf dem sich der große, prunkvolle Elagabal-Tempel befand;Ruprecht Ziegler: Der Burgberg von Anazarbos in Kilikien und der Kult des Elagabal in den Jahren 218 bis 222 n. Chr. In: Chiron 34, 2004, S. 59–85, hier: 67; Majed Moussli: Griechische Inschriften aus Emesa und Laodicea ad Libanum. In: Philologus 126, 1982, S. 254–261, hier: 257–258; Edward Lipiński: Elaha Gabal d’Émèse dans son contexte historique. In: Latomus 70, 2011, S. 1081–1101, hier: 1087. Die ältere Hypothese, wonach sich der Tempel an der Stelle der jetzigen großen Moschee von Homs befand, ist damit überholt. dieser „Berg“ ist allerdings nur 30 m hoch (gabal kann auch eine Anhöhe bezeichnen). Es dürfte sich um einen lokalen Kult handeln, der später von einwandernden arabischen Nomaden, die dort sesshaft wurden, übernommen wurde.Michael Pietrzykowski: Die Religionspolitik des Kaisers Elagabal. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Band II 16.3, Berlin 1986, S. 1806–1825, hier: 1812; Henri Seyrig: Antiquités syriennes. Le culte du Soleil en Syrie à l’époque romaine. In: Syria. Revue d’art oriental et d’archéologie 48, 1971, S. 337–373, hier: 342–343.

Von einem Sonnenkult in Emesa berichtete schon im 3. Jahrhundert v. Chr. der Geschichtsschreiber Phylarchos, der bei Athenaios zitiert wird;Athenaios 15,693e–f. nach seinen Angaben durfte damals diesem Gott – anders als später Elagabal – nur Honig und kein Wein geopfert werden, da Trunkenheit dem weltbeherrschenden Gott fremd sei. Ein Zusammenhang der Sonnenverehrung mit dem Elagabalkult ist aber vor der römischen Kaiserzeit nicht bezeugt.

Der kaiserzeitliche Kult in Emesa mini|300px|Der Elagabal-Tempel von Emesa mit dem heiligen Stein auf einer Münze des 3. Jahrhunderts

Schon im 1. Jahrhundert v. Chr. wurde Emesa von einheimischen Fürsten beherrscht, der Familie der Sampsigeramiden, die vielleicht bereits Elagabal als Schutzgott betrachteten.Carlos Chad: Les dynastes d’Émèse, Beirut 1972, S. 74–75. Der älteste Beleg für den Kult und den Gottesnamen ist eine Stele aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Etwa ab dem Beginn der römischen Kaiserzeit erlebte die Stadt dank ihrer Lage an der Karawanenstraße zum Persischen Golf einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Die Fürsten von Emesa standen in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Römischen Reich. Ihre Eigenständigkeit endete im späten 1. Jahrhundert, als die Römer das Gebiet in ihr Reich eingliederten.

Elagabal war nicht nur die Gottheit des Hügels und des Bätyls von Emesa, sondern für seine Anhänger in der römischen Kaiserzeit auch der Sonnengott und als solcher der höchste aller Götter. Wie sein Name zeigt, war seine ursprüngliche Funktion nur die eines Ortsgottes. Die gewaltige Ausweitung der ihm zugeschriebenen Macht und Zuständigkeit, die mit seiner Rolle als Sonnengott verbunden war, ist erst in einer späteren Phase seiner Verehrung eingetreten.Martin Frey: Untersuchungen zur Religion und zur Religionspolitik des Kaisers Elagabal, Stuttgart 1989, S. 45f.; Michael Pietrzykowski: Die Religionspolitik des Kaisers Elagabal. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Band II 16.3, Berlin 1986, S. 1806–1825, hier: 1812; Fergus Millar: The Roman Near East 31 BC – AD 337, Cambridge (Massachusetts) 1993, S. 305f.; Hans Roland Baldus: Uranius Antoninus. Münzprägung und Geschichte, Bonn 1971, S. 152–153.

Als oberster Gott entsprach Elagabal dem griechischen Zeus bzw. dem römischen Iuppiter, und wie diesen war auch ihm der Adler als vornehmster Vogel heilig. In seiner Eigenschaft als Sonnengott wurde er mit dem griechischen Helios gleichgesetzt. Daher deutete man seinen Namen volksetymologisch als Heliogabalos.

Ab der Zeit des Kaisers Antoninus Pius (138–161) wurde der Bätyl auf Münzen Emesas abgebildet.Michael Pietrzykowski: Die Religionspolitik des Kaisers Elagabal. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Band II 16.3, Berlin 1986, S. 1806–1825, hier: 1811. Im 3. Jahrhundert stand der Elagabal-Kult in voller Blüte. Auswärtige Machthaber übersandten jährlich kostbare Weihegaben für den Tempel, der mit viel Gold und Silber und kostbaren Steinen geschmückt war.Herodian 5,3,4. Nach dem Vorbild der Pythischen Spiele in Delphi wurden in Emesa regelmäßig Sportfeste (Helia Pythia) zu Ehren Elagabals veranstaltet.Michael Pietrzykowski: Die Religionspolitik des Kaisers Elagabal. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Band II 16.3, Berlin 1986, S. 1806–1825, hier: 1821. Außerdem erteilte Elagabal auch als Orakelgott Auskünfte an Ratsuchende.Edward Lipiński: Elaha Gabal d’Émèse dans son contexte historique. In: Latomus 70, 2011, S. 1081–1101, hier: 1094f.; Martin Frey: Untersuchungen zur Religion und zur Religionspolitik des Kaisers Elagabal, Stuttgart 1989, S. 46–47. Die Würde des Oberpriesters war in einer Familie erblich, die vermutlich von dem alten Fürstengeschlecht von Emesa abstammte.

Eine Inschrift aus dem Jahr 249 bezeugt für Elagabal den Beinamen Ammudates.. Dies ist die latinisierte Form des aramäischen Wortes ʿammūdā (Steinsäule, stehender Stein).Edward Lipiński: The Aramaeans, Leuven 2000, S. 599f.

253 wurde in Emesa Uranius Antoninus zum Gegenkaiser erhoben. Er ließ auf seinen Münzen den Bätyl abbilden, womit er sich zu dem örtlichen Sonnenkult bekannte. Kaiser Aurelian soll sich nach seinem Sieg über das Heer der palmyrenischen Herrscherin Zenobia 272 nach Emesa begeben haben, um dort im Elagabaltempel ein Gelübde zu erfüllen und sich für den Beistand des Sonnengottes in der Schlacht dankbar zu erweisen. Angeblich stieß er im Tempel auf diejenige Gestalt der Gottheit, die ihm im Kampf als Helfer erschienen war.Historia Augusta, Aurelianus 25,3–5. In der Folgezeit trat Aurelian als Anhänger des römischen Gottes Sol invictus („unbesiegte Sonne“) hervor, den er als Schutzherrn des römischen Reichs verehren ließ. Dass er seinen Sieg dem Eingreifen des Sonnengottes zuschrieb, dürfte zutreffen, aber er hatte dabei nicht speziell Elagabal im Sinn; der staatliche Sonnenkult, den er in Rom organisierte, knüpfte nicht an den in Emesa praktizierten an.Martin Frey: Untersuchungen zur Religion und zur Religionspolitik des Kaisers Elagabal, Stuttgart 1989, S. 67–68; Stephan Berrens: Sonnenkult und Kaisertum von den Severern bis zu Constantin I. (193–337 n. Chr.), Stuttgart 2004, S. 92–97.

Im 4. Jahrhundert beschrieb der Dichter Avienus in seiner „Beschreibung des Erdkreises“ (Descriptio orbis terrae) den Elagabaltempel von Emesa,Avienus, Descriptio orbis terrae 1083–1093. dessen Existenz durch diese Erwähnung letztmals bezeugt ist.

Die Ausbreitung des Kults unter Kaiser Elagabal mini|Lage des Elagabal-Tempels auf dem Palatin in Rom In der späten Adoptivkaiserzeit war der Oberpriester des Elagabal-Tempels in Emesa ein Mann namens Julius Bassianus. Der Name „Bassianus“ (weiblich „Bassiana“), den auch einige seiner Nachkommen führten, war wohl von dem Priestertitel Basus abgeleitet. Julius Bassianus hatte zwei Töchter, Julia Domna und Julia Maesa. Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte seine Sippe durch die Heirat Julia Domnas mit dem aus Afrika stammenden künftigen Kaiser Septimius Severus (193–211), dem Gründer der Dynastie der Severer. Julia Domna war die Mutter des Kaisers Caracalla (211–217), der nach seinem Großvater Bassianus genannt wurde, und seines jüngeren Bruders Geta, der im Jahr 211 Mitregent Caracallas war. Ihre Schwester Julia Maesa war die Großmutter der beiden letzten Kaiser der Severerdynastie, Elagabal (218–222) und Severus Alexander (222–235). Somit stammten alle severischen Kaiser außer dem Dynastiegründer selbst von dem Elagabal-Priester Julius Bassianus ab.

Der ältere der beiden kaiserlichen Enkel Julia Maesas war Varius Avitus Bassianus. Wegen seiner intensiven Elagabal-Verehrung pflegt man ihn seit der Spätantike „Elagabal“ zu nennen. Dies ist aber nur ein Spitzname, denn zu seinen Lebzeiten war der Gottesname der Gottheit vorbehalten. Als Dreizehnjähriger übernahm er 217 im Elagabal-Tempel von Emesa das erbliche Amt des Oberpriesters, denn er war damals der älteste noch lebende männliche Nachkomme des Julius Bassianus.Herodian 3,5,6. Als er im folgenden Jahr die römische Kaiserwürde erlangte und nach Rom übersiedelte, behielt er das Priesteramt, das ihm sehr wichtig war, bei. Er überführte den heiligen Stein von Emesa nach Rom und erhob den Elagabal-Kult zur römischen Staatsreligion. Dadurch erhielt die Elagabal-Verehrung kurzzeitig welthistorische Bedeutung.