Bruno Ernst Buchrucker (* 5. Januar 1878 in Sobernheim; † 19. Februar 1966 in Bad Godesberg) war ein deutscher Offizier. Bekannt wurde er 1923 als Anführer des Küstriner Putsches.

Leben Militärischer Werdegang Der Sohn eines Oberlehrers, seit dem 20. Juli 1897 Offizier, wurde am 1. April 1909 zum Großen Generalstab der Preußischen Armee kommandiert.Angaben zur Militärlaufbahn Buchruckers bei Bernhard Sauer: Schwarze Reichswehr und Fememorde. Eine Milieustudie zum Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik. Metropol-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936411-06-9, S. 48. Am 20. März 1911 zum Hauptmann befördert, war er als solcher Chef der 7. Kompanie des 2. Oberrheinischen Infanterie-Regiments Nr. 99 in Zabern,Rangliste der Königlich Preußischen Armee und des XIII. (Königlich Württembergischen) Armeekorps für 1914. Hrsg.: Kriegsministerium, E.S. Mittler & Sohn, Berlin 1914, S. 272. wo er im Dezember 1913 die Zabern-Affäre miterlebte, in deren Verlauf das Militär mit unverhältnismäßiger Härte gegen die lokale Bevölkerung vorging und die Offiziere des Regiments sich zivile Regierungsgewalt anmaßten. Zur Entschärfung des Konflikts wurde Buchruckers Einheit aus Zabern abgezogen und vorübergehend nach Bitsch verlegt. Er kehrte erst im April 1914 an seinen regulären Standort zurück.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 wurde er als 3. Generalstabsoffizier unter Stabschef Bernhard Bronsart von Schellendorff dem Generalkommando des XIV. Reserve-Korps zugeteilt,Janet & Joe Robinson: Handbook of Imperial Germany. Bloomington (Indiana) 2009, S. 288. das zunächst im Elsass operierte, jedoch schon bald an die Somme verlegt wurde. Im weiteren Kriegsverlauf wurde er in verschiedenen weiteren Generalstabsstellungen verwendet und am 22. März 1916 „nach rigoroser Kampfesführung“Kurzbiografie Ernst Buchrucker, in: Lausitzer Rundschau, 3. Januar 2008, Abruf vom 15. April 2017. zum Major befördert. Nach Kriegsende führte Buchrucker 1919 das I. Bataillon im Freikorps von Siegfried Graf zu Eulenburg-Wicken in den Kämpfen deutscher Freikorps im Baltikum. Zurück in Deutschland wurde er in die Vorläufige Reichswehr übernommen.

Kapp-Putsch in Cottbus Als Garnisonsältester in Cottbus unterstützte Buchrucker im März 1920 den Kapp-Putsch.Zum Kapp-Putsch in Cottbus siehe die bei Erwin Könnemann (Hrsg.): Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch. Dokumente. Olzog, München 2001, ISBN 3-7892-9355-5, abgedruckten Zeitungsberichte:

Nr. 517: Die „Märkische Volksstimme“ (SPD) über Blutopfer in Cottbus am 15. März 1920. Cottbus, 16. März 1920. Nr. 521: Bekanntmachung des Garnisonsältesten von Cottbus, 17. März 1920. Abgedruckt im Cottbuser Anzeiger vom 19. März 1920, unterzeichnet von Buchrucker. Nr. 527: Auszug aus der „Märkischen Volksstimme“ (SPD) über die Kämpfe der Niederlausitzer Arbeiterwehren. Cottbus, 21. März 1920 Am 13. März hatten meuternde Truppen das Berliner Regierungsviertel besetzt; die Reichsregierung war über Dresden nach Stuttgart geflohen. In Cottbus verbot Buchrucker Demonstrationen und Kundgebungen und übernahm die „vollziehende Gewalt“. Auf den von SPD und Gewerkschaften ausgerufenen Generalstreik reagierte er mit Plakatanschlägen, die „Schutz den Arbeitswilligen!“ versprachen. Als Reichswehrpatrouillen auf Widerstand stießen, schossen – initiiert von BuchruckerKönnemann, Putsch, Fußnote zu Dokument 517, S. 795. – am 15. März Reichswehrtruppen am Spremberger Turm in Cottbus mit Maschinengewehren in eine flüchtende Menschenmenge; vier Menschen starben; fünf weitere wurden schwer verwundet. Zugleich wurde das Druckereigebäude der USPD-Zeitung „Freier Volkswille“ von Reichswehrtruppen aufgebrochen und dortige Schnellpressen durch Handgranaten zerstört.

Ab 16. März entwickelten sich Kämpfe am Cottbuser Stadtrand mit Arbeitern aus der Niederlausitz, die weitere Opfer forderten. „Große Versammlungen […] brachten eine ungeheure begeisterte Volksmenge zum Erscheinen. Die Aufstellung einer Roten Garde wurde beschlossen, der Gewalthaber von Cottbus verbot daraufhin jede Ansammlung von Menschen mit dem Hinweis, jede Versammlung durch Feuer sprengen zu lassen“, so die sozialdemokratische „Märkische Volksstimme“ am 21. März.Märkische Volksstimme vom 21. März 1920, zitiert nach Könnemann, Putsch, Dokument 527, S. 803. Am 17. März versuchte eine sozialdemokratische Delegation, mit Buchrucker zu verhandeln. Nach späteren Angaben eines beteiligten Abgeordneten äußerte Buchrucker Sätze wie „Mein Vergleich ist die Mordwaffe. Je mehr ich von dem Gesindel niederknalle, desto lieber ist es mir.“ „Diese rote Armee besteht aus Verbrechern und Buschkleppern,Zeitgenössischer Ausdruck für Strauchdieb, siehe Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 651 bei www.zeno.org der Schuß ist das Radikalmittel.“ „Jeden Streikposten lasse ich glatt erschießen.“Könnemann, Putsch, Fußnote zu Dokument 527, S. 803. Am 18. und 19. März konzentrierten sich die Kämpfe auf den Stadtteil Sandow. Angesichts des Widerstandes und des am 17. März in Berlin gescheiterten Putsches erklärte Buchrucker öffentlich die Aufhebung seiner Maßnahmen sowie die Niederlegung der „vollziehenden Gewalt“ in Cottbus; seine Einheit wurde vorübergehend nach Vetschau verlegt.Könnemann, Putsch, Fußnote zu Dokument 527, S. 805.

Buchrucker wurde im September 1920 aus der Reichswehr verabschiedet. Er gehörte zu den wenigen Reichswehroffizieren, die als Folge ihres Verhaltens während des Kapp-Putsches aus der Reichswehr ausschieden.Sauer, Reichswehr, S. 48. Siehe auch: Emil Julius Gumbel: Verschwörer. Beiträge zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde seit 1918. Malik-Verlag, Wien, 1924, S. 41. (Reprint im Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1979, ISBN 3-88423-003-4)

Im Mai 1921 leitete Buchrucker in Cottbus während des Aufstandes in Oberschlesien eine Nachschubzentrale für die dort kämpfenden Freikorps.Irmela Nagel: Fememorde und Fememordprozesse in der Weimarer Republik. Böhlau-Verlag, Köln 1991, ISBN 3-412-06290-1, S. 35 Zudem gehörte er zusammen mit seinem langjährigen Freund und Quartiergeber, dem Rittergutsbesitzer Wilhelm von Oppen, zu den führenden Funktionären des brandenburgischen Heimatbundes.Sauer, Reichswehr, S. 32. Der Heimatbund war eine Nachfolgeorganisation der am 8. April 1920 auf Druck der Entente aufgelösten Einwohnerwehren. Diese häufig auf Veranlassung der Landbünde als Berufsorganisation der Großgrundbesitzer entstandene Selbstschutzorganisation schloss sich der Organisation Escherich (Orgesch) an, einer rechtsreaktionären, paramilitärischen Organisation. Zudem unterhielt Buchrucker Kontakte zu Gerhard Roßbach und dessen offiziell aufgelöstem Freikorps, dessen Mitglieder getarnt auf landwirtschaftlichen Gütern in Brandenburg, Mecklenburg und Pommern untergebracht waren.Bernd Kruppa: Rechtsradikalismus in Berlin 1918–1928. Overall, Berlin 1988, ISBN 3-925961-00-3, S. 177.

Schwarze Reichswehr Im Sommer 1921 wurde Buchrucker per Privatdienstvertrag vom Wehrkreiskommando III (Berlin/Brandenburg) der Reichswehr eingestellt.Nagel, Fememorde, S. 39f. Dem Offizier Fedor von Bock unterstellt, waren Buchrucker sogenannte Arbeitskommandos untergeben, deren offizielle Aufgabe von Reichswehrminister Otto Geßler 1926 als die „Aufräumung, Aussonderung und Zerstörung des besonders in der Gegend von Berlin, in der Ostmark und in Schlesien zahllos verstreuten und verborgenen Kriegsgeräts“Denkschrift des Reichswehrministers vom 2. März 1926 beim Bundesarchiv. Siehe auch Nagel, Fememorde, S. 39 definiert wurde. Zudem sollte laut Geßler „eine Art von Auffangbecken für die durch Auflösung der Freikorps und des Selbstschutzes Oberschlesien wurzellos gewordene Kräfte“ gebildet werden. Bis zum Sommer 1923 entstand – entgegen den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages – eine Schwarze Reichswehr mit einem festen Stamm von 2.000 Mann sowie weiteren 18.000 Mann in Alarmeinheiten. Letztere entstammten überwiegend nationalistischen Verbänden und waren in vier- bis sechswöchigen Kursen militärisch ausgebildet worden.Sauer, Reichswehr, S. 50.

Innerhalb der geheim gehaltenen Schwarzen Reichswehr unterlag Buchrucker die Organisation und Leitung der Formation. Wichtigster Mitarbeiter Buchruckers war Paul Schulz. Schulz und Buchrucker waren 1919 im gleichen Freikorps gewesen, zudem hatten sie 1921 bei der Unterstützung der Freikorps in Oberschlesien zusammengearbeitet. Buchrucker beschäftigte sich mit politischen Fragen; Schulz galt als der eigentliche „Macher des ganzen Ladens.“laut späteren Aussagen in den Fememordprozessen, zitiert bei Sauer, Reichswehr, S. 48. Wegen der innerhalb der Schwarzen Reichswehr verübten Fememorde wurde Schulz 1927 zum Tode verurteilt und wie fast alle Fememörder routinemäßig erst begnadigt und vor 1930 durch eine Amnestie für politische Verbrecher freigelassen.

In einer Atmosphäre, die laut späteren Angaben BuchruckersAngaben Buchruckers im Meineidverfahren 1928, siehe Sauer, Reichswehr, S. 70f. seitens der zuständigen Reichswehroffiziere von innerlichem Einverständnis, aber Ablehnung der offiziellen Verantwortung geprägt war, wurde die Größe der Arbeitskommandos über das vorgesehene Maß ausgedehnt und für den ursprünglichen Zweck der Arbeitskommandos unnötige Militärübungen abgehalten. Ende September 1923 fiel übergeordneten Dienststellen der Reichswehr die Größe der Arbeitskommandos auf. Buchrucker wurde zur Rede gestellt und gab zu, daß er von sich aus Einstellungen über den Etat bei den Trupps vorgenommen hätte aus dem Gedanken heraus, der Reichswehr Hilfe für einen Kommunistenaufstand zu schaffen, den er unmittelbar erwarte.Denkschrift des Reichswehrministers vom 2. März 1926 beim Bundesarchiv. Er sagte einen Abbau der Verstärkungen zu, für Reichswehrminister Geßler war aber der „Glaube an die Zuverlässigkeit des Majors a. D. Buchrucker […] erschüttert“, so dass er die Verhaftung von Buchrucker und Schulz befahl.

Küstriner Putsch Buchrucker erfuhr nach eigenen Angaben am 30. September von dem gegen ihn ergangenen Haftbefehl und ordnete an, dass die in Außenforts der Festung Küstrin untergebrachten Arbeitskommandos am Morgen des 1. Oktobers 1923 in das Festungswerk in der Küstriner Altstadt einrücken sollten.Zum Ablauf des Putsches siehe Sauer, Reichswehr, S. 57ff. Der Küstriner Putsch begann mit einer Rede Buchruckers vor den angetretenen Arbeitskommandos, die nach späteren Angaben von mehreren Zuhörern dem Inhalt nach kaum verständlich war:

„Er setzte zum Sprechen an, brachte Töne hervor, reihte die Worte sinnlos aneinander, betonte falsch und gestikulierte. Niemand wußte von den Leuten, was der Angeklagte [Buchrucker] sagen wollte.“Aus Unterlagen der Verteidigung im Cottbuser Prozess, zitiert bei Sauer, Reichswehr, S. 58.

Buchrucker begab sich anschließend zum Festungskommandanten Oberst Gudowius, wies auf die Übermacht seiner Einheiten hin und bat den Kommandanten, „er solle sich ihm nicht in den Weg stellen, der große nationale Moment sei jetzt gekommen. Er erklärte auch, er werde nicht nur hier in Cüstrin, sondern gleichzeitig überall losschlagen.“Spätere Feststellungen des Cottbuser Gerichts, zitiert bei Sauer, Reichswehr, S. 58. Der Kommandant wollte sich Buchrucker nicht anschließen, auch nicht, als mehrere Buchrucker ergebene Unteroffiziere, darunter der spätere NSDAP-Reichstagsabgeordnete Hans Hayn, gewaltsam in die Kommandantur eindrangen. Von seinen Untergebenen zu Weisungen aufgefordert, war Buchrucker nicht in der Lage, diese zu erteilen. Dies war für einen Teil der Unteroffiziere Anlass, sich wieder dem Festungskommandanten zu unterstellen. Später kam es in Küstrin zum Waffeneinsatz regulärer Reichswehreinheiten gegen ein Kommando der Schwarzen Reichswehr, bei dem ein Mensch starb und sieben weitere verwundet wurden.