mini|hochkant=1.3|Schloss Friedenstein Schloss Friedenstein ist die ehemalige Residenz der Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha in der thüringischen Stadt Gotha. Die Vierflügelanlage im frühbarocken Stil wurde ab 1643 an der Stelle des geschleiften landesherrlichen Schlosses Grimmenstein errichtet. Es ist einer der bedeutendsten Schlossneubauten Deutschlands aus dem 17. Jahrhundert und beherbergt heute mehrere Museen und Einrichtungen. Eigentümer ist die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, Hauptnutzer ist die Friedenstein Stiftung Gotha („Universum Friedenstein“).
Geschichte Vorgeschichte mini|Zitadelle des Friedensteins mit Festungsstadt Gotha, Kupferstich von Matthäus Seutter, 1738 Bereits die Vorgängeranlage des Friedensteins, das Schloss Grimmenstein, gehörte zu den bedeutendsten Festungsanlagen der Wettiner. 1567 wurden sie geschleift. Später wurde das neu errichtete Schloss Friedenstein an derselben Stelle mit frühbarocken Fortifikationen neu befestigt, wobei erhaltene Teile, wie der Brunnen und die Zisterne der Befestigungsanlagen des Grimmensteins mit in die neue Festungsanlage des Friedensteins einbezogen wurden. Mit seiner Lage am Rande der Festungsstadt Gotha hatte Schloss Friedenstein den Charakter einer barocken Zitadelle. Die frühbarocke Festungsanlage wurde später ebenso wie die städtische Festung von Gotha entfestigt. Erhalten blieben große Teile der Kasematten des Schlosses, die heute besichtigt werden können.
Ernst I. von Sachsen-Gotha mini|Herzog Ernst I., der Fromme, von Sachsen Gotha (1601–1675) mini|Hauptflügel mit Pagenhaus, Ansicht von Norden (Stadtseite) mini|Blick in den Hof des Schlosses Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha („Ernst der Fromme“) hatte 1640 bei einer Erbteilung Gotha als Hauptstadt für sein neues Herzogtum erhalten. Da sich in der Stadt keine geeignete Residenz befand, begann er früh mit den Planungen für einen Schlossneubau. Nach den Plänen des Architekten Caspar Vogel führte der Baumeister Andreas Rudolph (1601–1679) den Schlossbau 1643–1654 aus. Am 26. Oktober 1643, 12 Uhr wurde der Grundstein für Schloss Friedenstein gelegt. Der Herzog sehnte sich nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs nach Frieden. Der Name Friedenstein weist auf die Geschichte des Ortes und die Zerstörung des Vorgängerbaus des Schlosses Grimmenstein hin. Der Name wurde dem Schloss 1646 gegeben und ist bereits seit 1642 nachweisbar.
Ebenfalls im Jahre 1650 errichtete Herzog Ernst der Fromme in Räumen des Westflügels des Schlosses Friedenstein die Münzstätte Gotha für sein Herzogtum Sachsen-Gotha. Von 1654 bis 1672 wurde das Schloss befestigt. Die riesigen Ausmaße des Schlosses erklären sich dadurch, dass Herzog Ernst I. nicht nur Wohn- und Repräsentationsräume, sondern auch Verwaltungen, Wirtschaftsräume, Zeughaus, Münze und Kirche unter einem Dach haben wollte. In der Zeit bis 1675 diente das Schloss als fürstliche Residenz für Herzog Ernst I. Von 1640 bis 1894 war es Residenz und Verwaltungssitz des Herzogtums Sachsen-Gotha.
Friedrich II. von Sachsen-Gotha und Altenburg In den Jahren 1708 bis 1711 ließ sich Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1676–1732) östlich unterhalb der Festungsanlagen des Schlosses Friedenstein, an der Allee vor dem Siebleber Tor, das barocke Schloss Friedrichsthal als Sommerpalais erbauen.
Ernst II. und die letzten Herzöge der Linie Sachsen-Gotha und Altenburg Nach den Vorstellungen Ernsts II. entstand bereits vor seiner Regentschaft ab 1765 südlich des Schlosses Friedenstein der erste neu geplante Englische Garten auf dem europäischen Kontinent. Während seiner Regentschaft (1772–1804) wurden die Festungsanlagen abgetragen und die überschütteten ehemaligen Befestigungswerke verwendete man zur Erweiterung des Schlossparks. Die Kasematten der Befestigungsanlagen blieben erhalten, wenn auch größtenteils verfüllt.
Eine kleine Interims-Sternwarte (bis zum Bezug der Seeberg-Sternwarte), ein Physikalisches Kabinett und ein ständiges Theater (das Ekhof-Theater) wurden im Schloss eingerichtet. Die Sammlungen und die Bibliothek ließ Ernst II. ergänzen. Letzteres erfolgte auch unter seinen Nachfolgern August (1804–1822) und Friedrich IV. (1822–1825). Mit dem Aussterben der Linie Sachsen-Gotha-Altenburg ging das Schloss Friedenstein an die neugegründete Linie Sachsen-Coburg und Gotha über. Durch eine testamentarische Verfügung, die durch Bernhard von Lindenau initiiert wurde, verblieben die alten Sammlungen in Gotha.
Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha Herzog Ernst II. ließ zwischen 1864 und 1879 das Herzogliche Museum erbauen, welches einen bedeutenden Teil der kunsthistorischen und naturkundlichen Sammlungen aufnahm und der Öffentlichkeit zugänglich machte. Die immer noch sehr bedeutenden Herzoglichen Kunstsammlungen auf Schloss Friedenstein und im Herzoglichen Museum wurden erstmals zwischen 1879 und 1890 von ihrem ersten Direktor Carl Aldenhoven inventarisiert und dokumentiert. Das Appartement westlich des Thronsaals, einst Quartier Ernsts des Frommen, diente dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha bis 1945 als Wohnung.
Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit Während des Zweiten Weltkriegs diente ein Teil der Kasematten als bombensichere Luftschutzräume für die Bevölkerung der Gothaer Innenstadt. In dieser Zeit entstand der Zugang „Kasematten“. Die Kunstsammlungen wurden in Schutzorte ausgelagert, wie etwa ins Jagdschloss Reinhardsbrunn.
Mit dem Vorrücken der Alliierten kam Thüringen 1945 zunächst unter US-, ab Juli unter sowjetische Kontrolle. Nach dem Einmarsch der 3. US-Armee im April 1945 kam es bereits zu Hunderten von Diebstählen. Mitglieder der Herzoglichen Familie von Sachsen-Coburg und Gotha ließen Kunstwerke aus Schloss Friedenstein nach Coburg bringen, bezeichnet als „Rettungsmaßnahme“. Die Transporte erfolgten in mehreren Kisten und mit Zusicherungen der US-Behörden, dass es sich um eine vorübergehende Maßnahme ohne Einfluss auf Eigentumsverhältnisse handle.
Die Werke kehrten jedoch nicht zurück. Die Familie argumentiert, sie befänden sich rechtmäßig in Coburg, da die Kunststiftung dorthin verlegt worden sei. Tatsächlich gehörten die Bestände seit 1928 der Herzoglichen Kunststiftung, die das Fürstenerbe öffentlich bewahren sollte.
Nach 1945 bestand die Stiftung rechtlich weiter, da Enteignungsregelungen nicht griffen. 1950 wurde sie aufgelöst und das Vermögen Thüringen übertragen.
Ein Vergleich von 2001 regelte Ansprüche teilweise, schloss jedoch die in Coburg befindlichen Werke aus. Die Friedenstein Stiftung Gotha bemüht sich seither um einvernehmliche Lösungen zur Rückführung wichtiger Objekte.
Als die Rote Armee im Juli 1945 einrückte, wurde der ein Großteil der Gothaer Kunstsammlungen, die Bibliothek mit 330.000 Hand- und Druckschriften und das Münzkabinett beschlagnahmt und im Frühjahr 1946 u. a. als Ausgleich für die von der Wehrmacht angerichteten Schäden in den sowjetischen Staaten in die Sowjetunion abtransportiert. Nach vorheriger Besichtigung durch Militärs und Experten wurden die Objekte als Beutegut nach Leipzig und von dort nach Moskau transportiert, u. a. ins Puschkin-Museum und die Eremitage. Ab 1955 begann die Rückgabe beschlagnahmter Kunstwerke an die DDR. Bis 1959 kehrten etwa 1,5 Millionen Objekte zurück. Darunter befand sich mit dem Gothaer Liebespaar das berühmteste Stück der Gothaer Sammlungen.Deutsch-Russischer Museumsdialog (Hrsg.): Verlust + Rückgabe. Reiter-Druck, Berlin 2008.
Da die rückläufigen Objekte häufig nicht nach Herkunft sortiert worden waren, kam es zu zahlreichen Fehlzuordnungen. Einige Gothaer Werke gelangten auf diese Weise irrtümlich in andere Museen – darunter in Dessau und Dresden. Bereits in den 1960er Jahren identifizierten Gothaer Museumsmitarbeiter Objekte im Grünen Gewölbe und führten sie zurück. Weitere Recherchen führten 1994 zur Restitution von 35 Steinzeug-Objekten. Durch Digitalisierung historischer Listen konnten weitere Stücke identifiziert werden; zuletzt erfolgten Rückgaben bis 2021.https://www.friedensteine.de/artikel/irrlaeufer-aus-der-sowjetunion
Im Laufe der sowjetischen Besatzungszeit kam es in den Gothaer Sammlungen überdies zu erheblichen Verlusten durch Diebstähle, Unterschlagungen und illegale Verkäufe durch nichtstaatliche Akteure. Trotz sowjetischer Besatzung blieb die Herzogliche Kunststiftung rechtlich bestehen und Eigentümerin ihres Vermögens, da Enteignungsregelungen nicht griffen. 1949 wurde ihre Zwangsauflösung vorbereitet, die am 14. Oktober 1950 vollzogen wurde.
Bis dahin nutzten Mitarbeiter die unklare Lage aus: Interne Dokumente belegen, dass Objekte ohne rechtliche Grundlage entnommen und veräußert wurden. Eine zentrale Rolle spielte Arthur Darr, Inspektor der Anstalten für Kunst und Wissenschaft sowie Bibliotheksinspektor, der gegen Besatzungsrecht und treuhänderische Pflichten verstieß. Verkäufe wurden häufig nicht korrekt inventarisiert oder bewusst verschleiert.
Wichtige Abnehmer waren Kurt Müller und sein Sohn Gerhard, Inhaber der Kunsthandlung L. Colussi. Sie erwarben über Darr wertvolle Drucke und Silberschmiedearbeiten und verkauften sie – teils über die Kunsthandlung Charlotte Otto und Gerhard Müller Antiquitäten in Darmstadt – ins Ausland, besonders in die Schweiz. So gelangten bedeutende Werke unrechtmäßig auf den internationalen Kunstmarkt.
Im November 2023 wurde bei Sanierungsmaßnahmen eine eingemauerte Flaschenpost aus dem Jahr 1891 gefunden, welche von den damaligen Bauarbeitern für die Nachwelt hinterlassen worden war. Neben Informationen zum damaligen Umbau fanden sich in der Nachricht Hinweise zu Ereignissen und Lebensmittelpreisen aus der Zeit; etwa ein Verweis darauf, dass die Räume für die „gothaische Geldlotterie“ mit vier Ziehungen pro Jahr genutzt worden waren.
Kunstdiebstahl von Gotha
In der Nacht vom 13. zum 14. Dezember 1979 wurden aus dem Schloss fünf wertvolle Gemälde gestohlen: Frans Hals (Brustbild eines jungen Mannes), Anthonis van Dyck (Selbstbildnis mit Sonnenblume), Jan Lievens (Alter Mann), Jan Brueghel der Ältere (Landstraße mit Bauernwagen und Kühen) und Hans Holbein der Ältere (Heilige Katharina). Eine 30-köpfige Ermittlergruppe der DDR-Kriminalpolizei ermittelte vergeblich.Karsten Jauch: Bruch mit Weststahl. In: FAZ, 25. Februar 2009Wolfgang Hirsch: Die finsterste Nacht über dem Friedenstein. Eine Verlustgeschichte: Museumsdirektor Bernd Schäfer erinnert sich an den Gothaer Kunstraub 1979 – Jetzt läuft die Verjährungsfrist ab. In: Thüringische Landeszeitung, 14. November 2009. Im Dezember 2019 wurde bekannt, dass die fünf Gemälde wieder aufgetaucht sind. Gestohlen wurden sie 1979 offenbar von dem Lokführer Rudi Bernhardt, einem Stasiopfer, das es der Obrigkeit heimzahlen wollte.Konstantin von Hammerstein: Rudis Rache. In: Der Spiegel 36/2020, Seiten 36–40
Gegenwart mini|Gothaer Elefant (um 1720), Schlossmuseum (Kunstkammer) mini|Reiterstatuette Augusts des Starken (um 1715/20), Schlossmuseum (Kunstkammer) mini|Wachsporträt von Herzogin Elisabeth Sophie von Sachsen-Gotha-Altenburg (um 1675/80), Schlossmuseum (Kunstkammer) mini|Astronomische Tischuhr (1647), Schlossmuseum mini|Dauerausstellung Tiere im Turm, Museum der Natur
Museen und Einrichtungen Das Schlossmuseum Gotha umfasst die ehemaligen herzoglichen Wohn- und Repräsentationsräume. Die Kunstkammer innerhalb des Schlossmuseums zeigt unter anderem Kunstwerke aus Elfenbein, Bernstein, Silber und Email von internationalem Rang. Das Münzkabinett Gotha gehört mit 130.000 Objekten zu den bedeutendsten Sammlungen in Deutschland. Die Münzsammlung hatte von 2007 bis 2018 mit dem Neuen Münzkabinett im Westflügel eine öffentlich zugängliche Ausstellung. Das Kupferstichkabinett bewahrt eine Sammlung von etwa 35.000 Blatt aus dem 15. bis zum 19. Jahrhundert, mit den Schwerpunkten Altdeutsche Graphik und Flugblätter. Das Museum der Natur mit derzeit einer Ausstellung „Tiere im Turm“ Das Ekhof-Theater mit der ältesten funktionierenden barocken Bühnenmaschinerie