Die Judo-Techniken (jap. ; hier etwa auch: „Wurf, Hebel, Haltegriff“, genauer ) lassen sich grob in Standtechniken, Bodentechniken und die Fallschule einteilen. Dieser Artikel behandelt nur die Wurftechniken.

Allgemeines Wurftechniken werden angewandt, um den Partner vom Stand in die Bodenlage zu bringen. Es existiert eine Vielzahl von Möglichkeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Dabei reicht die Auswahl vom einfachen Beinstellen (O-soto-otoshi) bis hin zu spektakulären Aushebern (Kata-guruma) oder auch dem klassischen Überkopfwurf (Tomoe-nage), der in diversen Actionfilmen zu sehen ist. Wurftechniken kommen bei allen Ausübungsformen des Judo (Wettkampf, Kata, Randori oder Nage-komi) zum Einsatz.

Gut ausgeführte Wurftechniken benötigen wenig Kraft, da sie den Schwung und die Bewegung des Partners geschickt ausnutzen. Aus diesem Grund übersetzt man Judo auch mit den Worten „der sanfte Weg“. Am bedeutendsten bei der Ausführung der Wurftechniken ist dabei der Gleichgewichtsbruch (Kuzushi). Tori (der Werfende) nutzt dabei geschickt die Bewegung des Uke (der Geworfene) aus, um diesem das Gleichgewicht zu nehmen. Sobald Uke das Gleichgewicht verliert, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder gewinnt Uke sein Gleichgewicht zurück oder er fällt. Tori nutzt diesen Zustand aus, um Uke kontrolliert zu Fall zu bringen.

Eine Vielzahl von Techniken und Wirkprinzipien ermöglichen es dem Judoka, zum Erfolg zu gelangen. Dabei kommt es auf die Beherrschung des Wurfprinzipes an. Dies bedeutet, dass Tori sowohl die Kontaktpunkte mit Uke als auch die Bewegungsabläufe der Wurftechnik verinnerlicht haben muss. Erst wenn die Technik in einer Grobform beherrscht wird, können durch Variation von Bewegungsvorgaben, Eingang oder Ausführungen geeignete Feinformen entwickelt werden, um einen Kampf taktisch flexibler zu gestalten. Im Prinzip gilt dabei: Mit konsequentem Gleichgewichtsbruch sowie sauberer Ausführung des Wurfprinzipes kann auch der körperlich stark Benachteiligte zum Erfolg kommen. Bestimmte Techniken sind jedoch eher geeignet, um andere Techniken zu kontern oder um auf bestimmte erwartete Verhaltensweisen oder die körperlichen Voraussetzungen des Partners reagieren zu können. Das Beherrschen einer großen Anzahl von Techniken führt daher oftmals zum Erfolg, vor allem, da der Judoka seltener überrascht wird.

Die Beschreibungen erläutern die Prinzipien einiger schulmäßiger Techniken. Im Wettkampf, im Randori und auch als Bewegungsaufgabe können diese Techniken beliebig variiert und kombiniert werden, sofern kein Regelverstoß begangen wird. Besonders hervorzuheben sind dabei Varianten der Fassart oder des Eingangs. Einige Techniken können in ihrer Ausführung so weit abgeändert werden, dass auch eine Eingruppierung in eine andere Gruppe vertretbar wäre. Die Bewegungsrichtung, aus der die Technik ausgeführt wird, ist grundsätzlich nicht festgelegt. Jedoch sind einige Bewegungsrichtungen zweckmäßiger als andere. Grundsätzlich sind sechs Bewegungsrichtungen zu unterscheiden: rückwärts, vorwärts, seitwärts rechts, seitwärts links, im Kreis rechts, im Kreis links.

Außerdem lassen sich verschiedene Bewegungsarten unterscheiden: Uke und Tori stehen sich gegenüber, Uke kommt auf Tori zu (Uke schiebt), Tori zieht Uke, Tori kommt auf Uke zu (Tori schiebt), Uke zieht Tori, Uke blockt, Tori blockt, Uke weicht aus, Tori weicht aus, Uke greift an, Tori greift an.

Jede Wurftechnik kann beidseitig ausgeführt werden.

Selbstverständlich beinhaltet die Wurfausführung (entsprechend der Judo-Grundhaltung „Wechselseitiges Gedeihen“, jita-kyoei) auch die Fallhilfe für den Partner, damit dieser ohne erhebliches Verletzungsrisiko geworfen werden kann.

Technikgruppen Im Judo existiert eine Vielzahl an Wurftechniken. Der Kodokan benennt beispielsweise 68 unterschiedliche Wurftechniken.Kodokan Namensliste der Judo-Technik

Die Techniken können nach unterschiedlichen Methodiken in Gruppen sortiert werden. Diese Systeme bilden den theoretischen Rahmen zum Erlernen der Wurftechniken.

Neben der Gokyo, die die Techniken in fünf Gruppen aufteilt, ist die heute in Deutschland wohl verbreitetste Systematik, die Gruppierung nach den Wurfprinzipien des Kodokan. Tachi-waza (Standtechniken): Ashi-waza (Bein- und Fußwürfe), Koshi-waza (Hüftwürfe), Te-waza (Hand- und Armwürfe). Sutemi-waza (Selbstfallwürfe, auch „Opferwürfe“): Yoko-sutemi-waza (Selbstfallwürfe zur Seite), Ma-sutemi-waza (Selbstfallwürfe nach hinten).

Neben den Stoffsammlungen existieren Systeme, die methodische Vorgaben beim Erlernen der Wurftechniken bieten.

Beim Kyu-PrüfungsprogrammUlrich Klocke: Judo lernen. VP-Masberg, Bonn 2012, ISBN 978-3922006220.Ulrich Klocke: Judo anwenden. VP-Masberg, Bonn 2010, ISBN 978-3922006237. des Deutschen Judo-Bundes sind die Würfe nach Schwierigkeitsgrad sortiert und somit vor allem an die Entwicklungsschritte von Kindern angepasst. Andere methodische Systeme sind:

10 Lehrserien, jeweils als abgeschlossenes Übungsprogramm: Fußtechniken 1–3, Hüfttechniken 1–6, Selbstfalltechniken 1Mahito Ohgo: Judo – Grundlagen – Methodik. Niederhausen 1972. Koizumi – Aufteilung in 3 Gruppen, je nachdem, wie Uke geworfen wird: Radwürfe (Kuruma-waza), Waagetechniken (Tenbin-waza), Stolpertechniken (Tsumatsukaza-waza)Gunji Koizumi: My study of Judo. W. Foulsham & Co, London 1960. Judo-Wurfkreis: Reduziert die Vielzahl an Wurftechniken anhand von Bewegungsverwandtschaften (6 Basistechniken und deren Varianten)Christian Landsberg: Judo Wurfkreis. BoD, Norderstedt 2011, ISBN 978-3842382299.

Die nachstehende Aufstellung einzelner Wurftechniken orientiert sich an der traditionellen Gokyo und ist nicht abschließend.

Tachi-waza (Standtechniken)

Ashi-waza (Bein- und Fußwürfe) Beinwürfe können in Sichel-, Rad-, Einhänge- und Fegetechniken gegliedert werden. Erstere greifen das vornehmlich belastete Standbein des Partners an und entziehen ihm so das Gleichgewicht. Bei den Fegetechniken hingegen wird das unbelastete Bein angegriffen und dem Partner die Möglichkeit, sich mit diesem abzustützen, genommen. Bei den Radtechniken wird eines oder beide Beine des Partners blockiert und durch Drehung des eigenen Körpers um die längste Achse der fixierte Körper des Partners über diesen Block gedreht.

Diese Techniken erfordern eine präzise Koordination der Arme und Beine sowohl zeitlich als auch räumlich.

Ashi-guruma (Beinrad) Tori bricht das Gleichgewicht von Uke durch Zug der Arme nach vorne, dreht so ein, blockiert noch in der Eindrehbewegung beide Beine des Uke zwischen Knöchel und Knie mit seinem ausgestreckten, nicht aufgesetzten Bein und wirft durch eine schnelle Weiterdrehung seines Körpers und kontinuierlichen Zug der Arme, so dass Uke ein Rad über Toris Bein schlägt.

Hiza-guruma (Knierad) Tori setzt seine Fußsohle unter Ukes gegenüberliegendes Knie an und wirft den Gegner in einem Dreiviertelkreisbogen über den angesetzten Fuß. Im Gegensatz zu Sazae-tsuri-komi-ashi wird ein hinten stehendes Bein Ukes angegriffen; das vorne stehende Bein würde, mit dieser Wurftechnik angegriffen, sich selbst blockieren.

Bei dieser Technik ist darauf zu achten, dass der Fuß Toris nicht direkt auf Ukes Knie gesetzt wird, um Verletzungen zu vermeiden. Weiterhin ist bei dieser Technik darauf zu achten, dass der Knöchel Toris nicht gegen Ukes Schienbein schlägt.

Ko-soto-gake (Kleines äußeres Einhängen) Tori hängt sein Bein von außen in das gegenüberliegende Bein des Uke ein, wobei er die Ferse unterhalb der Kniekehle ansetzt und das Bein des Uke so am Boden fixiert. Mit gleichzeitiger Gewichtsverlagerung nach vorn wirft Tori Uke schräg nach hinten.

O-guruma (Großes Rad) Tori bricht das Gleichgewicht von Uke durch Zug der Arme nach vorne, dreht ein, blockiert beide Beine von Uke zwischen Knie und Hüfte mit seinem fast waagerecht ausgestreckten Bein und wirft durch eine schnelle Drehung seines Körpers und kontinuierlichen Zug der Arme, so dass Uke ein Rad über Toris Bein schlägt.

O-soto-gari (Große Außensichel) Dieser Beinsichelwurf ist eine sehr effektive Technik, die auch im sportlichen Wettkampf erfolgreich angewandt werden kann. Sie ist ebenfalls in der Gonosen-No-Kata (Form der Gegenwürfe) zu finden.

Tori macht einen weiten Schritt schräg-vorwärts an Uke vorbei, so dass beide Partner mit entgegengesetzter Blickrichtung fast nebeneinanderstehen. Durch Beibehaltung der Faßart sowie unterstützenden Armzug („Lenkradbewegung“) wird Uke gezwungen, sein Tori zugewandtes Bein zu belasten. Nun schwingt Tori sein Uke zugewandtes Bein zunächst gestreckt nach vorn („Pferdekuß“ vermeiden) und dann in einer durchgehenden Bewegung wieder nach hinten, um Ukes belastetes Bein zu sicheln, wodurch dieser geworfen wird. Tori muss dabei auf einem Bein stehend sein Gleichgewicht halten.

O-soto-guruma (Großes Außenrad) mini|O-soto-guruma O-soto-guruma entspricht im Wurfeingang zunächst dem O-soto-gari.

Der Unterschied ist, dass O-soto-guruma keine Sicheltechnik ist, sondern eine Radtechnik, d. h. die Beine Ukes werden nicht unter seinem Körper weggesichelt, sondern blockiert. Bei der Ausholbewegung seines (Uke zugewandten) Schwungbeines führt Tori eine geringe Drehung um seine Längsachse von Uke fort aus, so dass Uke fast auf die Hüfte aufgeladen wird. Bei der abschließenden Rückbewegung des Schwungbeins werden nun beide Beine Ukes angegriffen. Dabei führt Tori seine Körperdrehung fort, so dass Uke über das Schwungbein geworfen wird.

O-soto-otoshi (Großer Außensturz) Der Wurfeingang entspricht dem O-soto-gari. Tori stellt den Fuß seines Uke zugewandten Beines jedoch hinter Uke ab und blockiert so dessen Standbein, fixiert Uke und wirft diesen durch Druck am Oberkörper nach hinten. Gegebenenfalls geht Tori dabei in die Knie und führt Uke nach unten.

O-uchi-gari (大内刈, Große Innensichel) mini|O-uchi-gari Tori sichelt mit einer Halbkreisbewegung seines Beins das gegenüberliegende belastete Bein Ukes von innen hinten und wirft rückwärts.

Okuri-ashi-barai (Fußnachfegen) Tori zwingt Uke zu einem Schritt (zweckmäßigerweise seitwärts oder in einer Kreisbewegung). Dabei wird das Standbein des Uke durch aufwärts gerichteten Armzug des Tori entlastet. Tori fegt von außen das unbelastete Bein des Uke gegen das instabile Standbein und kippt Uke förmlich um.

Sasae-tsuri-komi-ashi (支釣込足, Hebezugfußhalten) Tori blockiert mit der Fußsohle ein gegenüberliegendes, vorgestelltes, belastetes Bein von Uke etwas oberhalb des Spanns und wirft Uke vorwärts-seitwärts, indem er ihn zwingt, den Schritt nach vorn weiterzuführen.

(Ashi-) Uchi-mata (Innerer Schenkelwurf) Tori bringt Uke durch Zug der Arme nach vorne aus dem Gleichgewicht, dreht ein, führt mit seinem Oberschenkel Ukes Schwungbein nach und wirft durch weiteren Zug und Drehen seines Körpers nach vorne.

Koshi-waza (Hüftwürfe) Tori bricht das Gleichgewicht Ukes nach vorn, dreht mit einer Halbdrehung ein und bringt die eigene Hüfte mehr oder weniger unter den Schwerpunkt (Hüfte) des Partners. Durch Beinstreckung und Armzug wird der so fixierte Partner dann über die Hüfte nach vorn geworfen.

Harai-goshi (Hüftfeger) Tori dreht ein, lädt Uke auf die Hüfte auf. Abwurf erfolgt durch Schwingen des Beines an der Außenseite von Ukes Bein vorbei und gleichzeitiges Ziehen mit den Armen.

O-goshi (大腰, Großer Hüftwurf) Tori dreht ein und hebt durch Streckung der Beine Uke aus und führt dessen Bewegung durch Körperdrehung und Armzug weiter. Die dem Uke zugewandte Hand schiebt dabei auf dem Rücken des Uke, die andere Hand zieht am langen Arm nach unten.

(Koshi-) Uchi-mata (Innerer Schenkelwurf) Tori bringt Uke durch Zug der Arme nach vorne aus dem Gleichgewicht, dreht ein und blockiert die Vorwärtsbewegung des Uke mit seiner Hüfte. Tori schwingt sein Uke zugewandtes Bein aufwärts, greift damit das bereits deutlich entlastete Standbein des Uke an und wirft diesen über die Hüfte nach vorn.

Uki-goshi (Schwebende Hüfte)