mini|Künstler aus der Werkstatt Raffaels, Der Elefant Hanno, um 1516, Feder in Braun, mit Pinsel weiß gehöht, 27,9 × 28,5 cm. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, KdZ 1794. Hanno (* um 1510; † 8. Juni 1516; italienisch Annone) war ein Indischer Elefant, den König Emanuel I. von Portugal (1469–1521), genannt Manuel der Glückliche, dem neu gewählten Papst Leo X. zum Geschenk machte. Er kam 1514 nach Rom und wurde das Lieblingstier des Papstes. Hanno starb infolge einer Verstopfung und ihrer Behandlung mit einem durch Gold angereicherten Abführmittel.
Hintergrund Als diplomatische Geschenke oder Tribute waren Elefanten bereits seit etwa 800 nach Europa gelangt, geschickt von morgenländischen Herrschern, indischen Fürsten oder Vasallen aus dem nordafrikanischen Raum. Karl der Große hatte einen bekommen, auch dem Kaiser Friedrich II. wird der Besitz eines solchen bekundet; Ludwig der Heilige brachte nach einem Kreuzzug einen Dickhäuter mit nach Frankreich. Seit der frühen Neuzeit war das große Tier als lebende und spektakuläre Kostbarkeit ein beliebtes Requisit, um die Politik europäischer Herrscher wirkungsvoll zu inszenieren. So ist zum Beispiel die Reise des späteren Kaisers Maximilian II. mit dem Elefanten Soliman von Spanien nach Wien 1551/52 in die Geschichte der Diplomatie eingegangen. Ludwig XIV. von Frankreich hielt 13 Jahre lang ein seltenes afrikanisches Exemplar im Gehege in Versailles. Als eine Art „lebende Münze zum Einkauf von Sympathien“ war das Tier indes langfristig ungeeignet; es überlebte oft weder das ungewohnte Klima noch den Stress der repräsentativen Einsätze. Insbesondere die „Zirkulation des Weiterverschenkens“ in Europa machte den Tieren zu schaffen.Oettermann: Die Schaulust am Elefanten, S. 31.
Die nach der Entdeckung des östlichen Seewegs nach Indien im Jahr 1498 entstandenen portugiesischen Kolonien und deren Erschließung, im Wesentlichen durch den Handel mit Gewürzen, ermutigten Manuel I., sich wie ein Maharadscha in seiner Residenz bei Lissabon mit Staatselefanten zu umgeben. Er ließ sich, so wird berichtet, stets von mindestens fünf Elefanten zur Kathedrale begleiten.G. de Brito: Os pachidermes do estado d’el rei D. Manuel. In: Revisto de educação e ensino 9, 1894, zit. in Oettermann: Die Schaulust am Elefanten, S. 105 nach Lach: Elephants, 1970. Als dem neu gewählten Papst nach herrscherlicher Sitte ein Geschenk zu machen war, kam Manuel I. dieser Pflicht mit einem Dickhäuter nach: einem Elefanten namens Hanno.
mini|Emanuel I. von Portugal auf Hanno (Titelillustration der Leitura Nova)
Herkunft Alfonso de Albuquerque, Gouverneur von Indien, hatte 1511 von Cochin aus zwei Elefanten nach Lissabon geschickt; eines der Tiere war ein Geschenk des Königs von Cochin an Manuel I., das zweite hatte Albuquerque selbst gekauft. 1513 erwarb er zwei weitere Elefanten, die er ebenfalls an seinen König sandte, auf zwei verschiedenen Schiffen, um wenigstens einen lebend ans Ziel kommen zu lassen. Spätere Vermerke aus Rom, die Hanno als Jungtier kennzeichnen, lassen vermuten, dass es sich bei ihm um einen der beiden bereits 1511 verschifften Dickhäuter handelte, von denen einer nachweislich noch jung war; ob er das geschenkte oder das gekaufte Tier war, ist indes nicht festzustellen. Die Tiere waren in Lissabon in der Menagerie des königlichen Ribeira-Palasts untergebracht; eines von ihnen wurde auf eine neue, weite Reise vorbereitet.
mini|Tristão da Cunha, im Hintergrund Hanno. Der perlen- und juwelenbesetzte Hut und die Kette mit Juwelen gehörten zu dem Staatsgewand, das da Cunha bei dem Triumphzug in Rom 1514 trug.Bedini: Der Elefant des Papstes, S. 60, 66. Stich, Basel 1575 mini|Hanno (Holzschnitt auf einer Flugschrift von Philomathes, Rom 1514)
Hannos Reise nach Rom Manuel I. stellte eine Delegation aus siebzig Würdenträgern zusammen, die unter der Leitung von Tristão da Cunha 1514 eine Schiffsladung wertvoller Geschenke nebst 43 seltenen Wildtieren aus Manuels Besitz nach Rom geleiten sollten. Der Aufwand dieses diplomatischen Unternehmens, als dessen Höhepunkt ein Elefant den Einzug des Trosses in Rom anführen sollte, hatte seinen Grund in der besonderen Rolle, die dem Papst seit dem Vertrag von Tordesillas (1494) im Hinblick auf die Abgrenzung der spanischen und portugiesischen überseeischen Besitzungen zukam. Um den neuen, äußerst lukrativen Gewürzhandel gegenüber den Spaniern zu behaupten, wollte sich König Manuel die Gunst des neuen Papstes sichern.
Die Reisevorbereitungen nahmen viele Wochen in Anspruch, insbesondere die Fracht erregte die Aufmerksamkeit der Bewohner von Lissabon. Der sich nicht ganz einfach gestaltende Transport des offenbar nervösen Elefanten aus dem Ribeira-Gehege aufs Schiff wurde legendär und brachte in Folge allerlei Geschichten in Umlauf; seine Abreise wurde zu einem Volksfest.Bedini: Der Elefant des Papstes, S. 41–43, 46–52.
Die exzellent vorbereitete Schiffsreise 1514 mit Elefant an Bord von Lissabon an die italienische Küste verlief problemlos. Stürmisch wurde die Reise in den Häfen, da die Neugier der Bevölkerung auf die Fremden mit dem Riesengeschöpf die nötigen Aufenthalte erschwerte. Zur Sensation wurde der Elefant dann auf seinem Weg über Land. In einem Gasthaus in Corneto, in dem die Gesandtschaft Unterkunft gefunden hatte, brachte eine Menschenmenge, die einen Blick auf den Elefanten werfen wollte, das Dach der Herberge zum Einsturz.
Im Folgenden gestaltete sich die Reise der Delegation mit ihrem Tross immer schwieriger; durch Karawanen von Neugierigen geriet die Logistik der Reise zwischenzeitlich außer Kontrolle. Die Entscheidung, den Zeitplan trotz der Wünsche von Städten und Adeligen, mit dem Tier bei ihnen zu verweilen, einzuhalten, erhöhte offenbar die Vehemenz der Schaulust; Verwüstungen blieben zurück. Als die ersten Landhäuser vor Rom Schäden erlitten, schickte Papst Leo X. eine Kompanie Bogenschützen aus seiner Schweizergarde, was allerdings seinerseits die Neugier der römischen Prominenz erhöhte, die nunmehr dem Tross entgegeneilte. Hannos Unterkunft vor den Toren von Rom zur Vorbereitung auf seinen triumphalen Einzug in die Stadt glich einer Festung.
Dennoch gelang es der Delegation unter Führung da Cunhas am 19. März 1514, den mit einer burgartigen Konstruktion beladenen Elefanten mit seinem Riesengefolge in einem mit großem Pomp gestalteten Triumphzug in Rom einziehen zu lassen und unter vorbildlicher Einhaltung des Zeremoniells die Geschenke nebst der Menagerie dem Papst zu übergeben. Die größte Freude, so wird bekundet, bereitete dem Papst dabei der Elefant.Bedini: Der Elefant des Papstes, liefert in dem Kapitel Die Straße nach Rom (S. 53–78) eine detaillierte Schilderung der Reise und des Einzugs der Delegation in Rom, der zeitgenössische Quellen zugrunde liegen; vgl. dazu auch das Zitat in Oettermann: Die Schaulust am Elefanten, S. 107 aus L. A. Rebello da Silva: Corpo diplomatico Portuguez, Lissabon 1862; I, S. 236.
Die Kunde von der erfolgreichen diplomatischen Mission veranlasste Manuel von Portugal, ein Jahr später, 1515, ein ihm wiederum von Albuquerque nach Lissabon geschicktes Rhinozeros nach Rom weiterzureichen, das dort aber nie lebend ankam und von Albrecht Dürer verewigt wurde.
Hanno in Rom mini|Vier Studien Hannos, die von anderen Künstlern häufig nachgeahmt wurden. Ursprünglich Raffael zugeschrieben, gelten sie heute als Werke von Giulio Romano. Die Studie links oben zeigt einen Turm mit Personen kurz vor dem Absturz. mini|Raffael: Schöpfung der Tiere (Ausschnitt). Am Baum Hanno, dahinter auch das Rhinozeros, das Rom nicht lebend, sondern ausgestopft erreichte. Loggien des Papstpalastes, Vatikan mini|Der Poet und Hofnarr Baraballo auf Hanno. 16. Jahrhundert. Bibliotheca Apostolica Vaticana mini|Hannos Epitaph mit Inschrift (Zeichnung von Francisco de Holanda, 1538 nach der verschollenen Zeichnung von Raffael) mini|Seite aus dem angeblichen Testament Hannos, einer 1516 verbreiteten Satire, die offenbar allseits bekannte Missstände der päpstlichen Kurie aufs Korn nahm. Manuskriptkopie. Museo Correr, VenedigBedini: Der Elefant des Papstes, gibt Auszüge dieser umfangreichen Schrift wieder (S. 191–192) und erhellt ihren Sinn. Hanno erhielt in Rom seinen Namen Annone, deutsch: Hanno, und wurde umgehend zum Lieblingstier Papst Leos X. Hanno-Annone bekam ein eigenes Gebäude in den vatikanischen Gärten. Sein Betreuer wurde Giovanni Battista Branconio dell’Aquila, Kammerherr des Papstes und ein Freund Raffaels, der eine Zeichnung von Hanno angefertigt haben soll, die aber nicht erhalten ist; zwei ähnliche Zeichnungen gelten als deren Kopien.vgl. dazu Winner: Raffael malt einen Elefanten, und Bedini: The Pope’s Elephant. Vier Studien nach dem lebenden Tier wurden lange Zeit Raffael zugeordnet, gelten unterdessen aber als Werke von Giulio Romano. Auch diese Zeichnungen wurden kopiert und dienten als Vorlagen für zahlreiche Gemälde, Fresken und Illustrationen, wie zum Beispiel der Kupferstich Die Schlacht von Zama zeigt, den Cornelis Cort 1567 nach einem Gemälde Romanos anfertigte. Ein Fresko an der Decke der Loggia di Raffaello im Apostolischen Palast des Vatikans, das die Erschaffung der Tiere darstellt und im Hintergrund einen Elefanten zeigt, entstand um 1515/17 und wird Giovanni da Udine zugeschrieben; den Entwurf soll Raffael geliefert haben.Bedini: Der Elefant des Papstes, S. 202
Hanno und der Papst Die Haltung von exotischen Wildtieren in Menagerien war in den europäischen Herrscherhäusern nichts Ungewöhnliches. Papst Leo X. war überdies daran gewöhnt, seltene Tiere um sich zu haben; sein Vater Lorenzo il Magnifico hatte in Florenz ein berühmtes Gehege unterhalten und sich eingehend mit wilden Tieren beschäftigt. Zu Leos Einrichtung im Vatikan hatte sogleich auch ein kleiner Zoo gehört, in dem er neben einem Bären und zwei dressierten Leoparden bereits ein aufsehenerregendes Tier hielt: ein kleines Chamäleon.Bedini: Der Elefant des Papstes, S. 107f.
Nicht nur der Papst war von Hanno entzückt, sondern auch das Volk. Der Papst sorgte für gelegentliche öffentliche Vorstellungen des Elefanten, der sich auf Zuruf des Mahuts, seines indischen Pflegers und Ausbilders, verbeugte und niederkniete, mit Wasser um sich sprühte, nach Musik tanzte und offenbar allerlei Tricks vorführte.Bedini: Der Elefant des Papstes, S. 111; allem Anschein nach war dieser Elefant ein „ausgebildeter“, was ihn, weil er jung war, seinerzeit zu einem besonders wertvollen Geschenk an Manuel I. gemacht hatte.
Dass der Papst seinen Dickhäuter besonders mochte, drückt sich in Überlieferungen von Zuschauern aus, die den Papst am Sonntag, an dem der Bevölkerung der Besuch des Geheges gestattet war, mit Hanno spielen sahen und die hingebungsvolle Ungeschicklichkeit des dicklichen Mannes bemerkten.Bedini: Der Elefant des Papstes, S. 101. Als Lorenzo di Piero de’ Medici, Neffe des Papstes, Hanno bereits 1514 für eine Veranstaltung nach Florenz ausleihen wollte, lehnte der Onkel ab, weil er befürchtete, Hanno könnte auf der langen Reise an seiner Gesundheit Schaden nehmen. Er sorge sich, so ließ Leo in seiner Absage verlauten, um Hannos Füße; er habe zwar über die Konstruktion einer Fußbekleidung nachgedacht, allerdings werde das Tier auch in Schuhen die Distanz nicht in der fraglichen Zeit bewältigen können.Bedini: Der Elefant des Papstes, S. 111f.; der Brief Leos an seinen Neffen, dort in einer ausführlichen Zusammenfassung wiedergegeben, ist ein Musterbeispiel für Absagediplomatie.