Der Waldelefant (Loxodonta cyclotis), teilweise auch Afrikanischer Waldelefant, ist eine Art aus der Gattung der Afrikanischen Elefanten (Loxodonta). Das Verbreitungsgebiet umfasst die tropischen Regenwälder des zentralen und westlichen Teils Afrikas. Es handelt sich um den kleineren der beiden Vertreter aus der Familie der Elefanten auf dem Kontinent. Äußerlich ähnelt er weitgehend seinem größeren Verwandten, dem Afrikanischen Elefanten, weist aber einige Abweichungen im Detail auf. Dazu gehören die eher gerundeten Ohren, die deutlich gerade verlaufenden Stoßzähne und der weniger eingedellte Rücken. Auch in der Verhaltensweise stimmen beide Arten in vielen Bereichen überein. Die Tiere leben in sozialen Verbänden, die aus näher miteinander verwandten Kühen und dem Nachwuchs bestehen. Die Bullen treten dagegen als Einzelgänger auf. Im Gegensatz zum Afrikanischen Elefanten sind die Herdenverbände aber kleiner und weniger stabil. Eine große Bedeutung haben Waldlichtungen, die wichtige soziale Kontaktpunkte verschiedener Gruppen des Waldelefanten bilden. Die Ernährung basiert weitgehend auf weicher Pflanzenkost. Ein Großteil des Tagespensums wird mit der Suche nach Nahrung verbracht. Die Fortpflanzung erfolgt ganzjährig, hat aber einen Höhepunkt in den Trockenzeiten. Der Nachwuchs besteht in der Regel aus einem Kalb, das bis zu fünf Jahre gesäugt wird.
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung des Waldelefanten erfolgte im Jahr 1900. Überwiegend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt der Elefantenvertreter als Unterart des Afrikanischen Elefanten. Erst verschiedene anatomische und molekulargenetische Studien im Übergang zum 21. Jahrhundert führten zu einer Diskussion des eigenständigen Artcharakters des Waldelefanten. Problematisch hierbei ist ein mehr oder weniger breiter Korridor entlang der nördlichen Verbreitungsgrenze, in dem es zur Hybridisierung mit dem Afrikanischen Elefanten kommt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde eine weitere kleine Elefantenform aus dem zentralen Afrika beschrieben und als „Zwergelefant“ bezeichnet. Hier zeigen ebenfalls verschiedene Studien, dass der „Zwergelefant“ mit dem Waldelefanten identisch ist. Die Bestände sind aufgrund von Wilderei und der Zerstörung der Regenwälder stark geschrumpft; der internationale kommerzielle Handel mit den Tieren ist durch die Vereinbarungen im Washingtoner Artenschutzübereinkommen verboten.
Merkmale Habitus Der Waldelefant ist kleiner als der Afrikanische Elefant (Loxodonta africana). Die Schulterhöhe männlicher Tiere variiert von 214 bis 290 cm (durchschnittlich 244 cm), bei weiblichen liegt sie zwischen 176 und 234 cm (durchschnittlich 198 cm). Untersuchungen an Tieren im Dzanga-Schutzgebiet in der Zentralafrikanischen Republik ergaben eine maximale Höhe von 280 cm. Dagegen waren Tiere aus dem Nationalpark Loango in Gabun mit maximal 216 cm deutlich kleiner. Das Gewicht ist kaum bekannt, schwankt aber möglicherweise zwischen 2 und 4 t. Andere Autoren geben rund 1,7 t im Mittel an.
Äußerlich ähnelt der Waldelefant seinem größeren afrikanischen Verwandten, er ist aber kompakter gebaut und seine Rückenlinie verläuft eher gerade und nicht so deutlich eingedellt. Die Ohren sind zumeist rundlicher und kleiner als beim Afrikanischen Elefanten, allerdings ist die Form individuell verschieden. Die Unterkanten der Ohren können bis unter die Kinnlinie reichen. Die Hautfarbe erscheint generell grau; infolge von Schlammbädern tendiert sie aber oft zu gelblich bis rötlichbraun. Die Körperbehaarung ist spärlich, Ausnahmen bilden Neugeborene mit einem dichteren schwarzen Fell. Bei manchen weiblichen Tieren wächst ein leichter Bart am Kinn. Die Schwanzlänge unterscheidet sich bei einzelnen Individuen. So kann der Schwanz etwa nur die Hälfte der Rückenhöhe einnehmen oder mit der Spitze den Boden berühren. Er ist in eine dicke Haut eingehüllt und endet in einer asymmetrischen, breiten Spitze, die wiederum von einer Quaste aus 2 bis 20 cm langen Haaren bedeckt wird. Die Hände und Füße sind wie bei allen Elefanten jeweils fünfstrahlig. Im Unterschied zum Afrikanischen Elefanten kommen am Vorderfuß fünf und am Hinterfuß vier nagelartige Bildungen vor.
Schädel- und Gebissmerkmale mini|Schädel des Afrikanischen Elefanten (links) und des Waldelefanten (rechts) im Vergleich Der Schädel erreicht eine Länge von 47 bis 63 cm. Er ist wie der des Afrikanischen Elefanten massiv gebaut, wirkt aber insgesamt breiter sowohl am Schädeldach als auch an den Alveolen der Stoßzähne. Ein auffallendes Merkmal der Elefantenschädel sind die luftgefüllten Kammern des Stirnbeins, die eine an Bienenwaben erinnernde Konstruktion aufweisen. Beim Waldelefanten sind die Kammern nicht so deutlich ausgebildet wie beim Afrikanischen Elefanten. Der Unterkiefer besitzt eine lange und niedrige Gestalt. Im Vergleich zum Afrikanischen Elefanten ist die Symphyse absolut und relativ länger mit einer durchschnittlichen Länge von 18,5 cm. Das Gebiss besteht typisch für Elefanten aus 26 Zähnen mit folgender Zahnformel: . Die charakteristischen Stoßzähne werden aus dem jeweils zweiten oberen Schneidezahn gebildet. Sie sind lang und schlank, bei männlichen Tieren weisen sie einen basalen Durchmesser von 7,0 bis 15,5 cm auf, bei weiblichen Individuen werden sie mit 5,7 bis 8,3 cm deutlich schlanker. Gegenüber dem Afrikanischen Elefanten zeigen sie sich insgesamt graziler, außerdem ist ihr Verlauf auffallend gerade, während sie beim ersteren gekrümmt sind. Das Elfenbein ist härter und eher rosafarben. Ein untersuchtes Tier aus Dzanga trug bis zu 180 cm lange Stoßzähne. Dokumentierte Rekordmaße liegen bei 241 cm Länge und rund 60 kg Gewicht. Die Backenzähne haben niedrigere Zahnkronen als beim Afrikanischen Elefanten. Typischerweise kommen drei Milchprämolaren und drei Molaren vor. Dauerhafte Prämolaren fehlen wie bei allen Elefanten. Die Prämolaren ähneln den Molaren, sind also deutlich molarisiert. Die Mahlzähne bestehen aus mehreren Schmelzfalten (teilweise als lamellodont bezeichnet), die durch Zahnzement miteinander verbunden sind. Der Zahnwechsel erfolgt horizontal und nicht vertikal wie bei den meisten anderen Säugetieren.
Verbreitung mini|Verbreitung des Waldelefanten: Die Verbreitung des Waldelefanten ist nur wenig untersucht. Generell kommt er in Zentralafrika vor und bewohnt das Kongobecken von Äquatorialguinea und Gabun im Westen über die Republik Kongo, den Süden Kameruns und der Zentralafrikanischen Republik bis in den Osten der Demokratischen Republik Kongo. Darüber hinaus ist die Art in Westafrika anwesend. Die Grenzen hier und im Norden Zentralafrikas sind unbekannt, da ein mehr oder weniger breiter Vermischungskorridor mit dem Afrikanischen Elefanten besteht und die beiden Elefantenvertreter dort teilweise hybridisieren. Ein gemeinsames Auftreten dieser ist unter anderem im Nationalpark Fazao-Malfakassa in Togo dokumentiert. Der Lebensraum des Waldelefanten umfasst überwiegend intakte und dichte tropische Regenwälder, teilweise besiedelt der Waldelefant aber auch die Übergangszonen zu den Savannengebieten. Durch die Zerstörung der Regenwälder ist das Verbreitungsgebiet weitgehend zersplittet. Im westlichen Afrika beschränkt sich das Auftreten der Art auf etwa drei Dutzend isolierte Waldfragmente von durchschnittlich 800 km² Größe. In der Regel nutzen die Tiere ungestörte Wälder und meiden Bereiche mit intensiver menschlicher Aktivität. Auch verschiedene landwirtschaftlich genutzte Flächen wie Plantagen werden selten aufgesucht. Über die Populationsdichte liegen nur wenige Informationen vor, in der Regel wird sie über die Zählung von Dunghaufen bestimmt, untergeordnet auch über Zählungen von Individuen in Gebietsausschnitten oder über die Lautgebungen der Tiere. Für Gabun beträgt die Gesamtpopulation mit Stand 2021 etwa 95.000 Individuen und damit deutlich mehr als die angenommenen 50.000 bis 60.000. Für die Demokratische Republik Kongo wohl immerhin 20.000, für Äquatorial-Guinea liegen Schätzungen bei etwa 1300 Tieren. Während einer 20-jährigen Untersuchung im rund 6.800 km² großen Dzanga-Schutzgebiet wurden mehr als 3100 Tiere beobachtet mit einer stabilen jährlichen Anzahl von 1660 bis 1860 Individuen. Im Nationalpark Loango in Gabun beträgt die Populationsdichte etwa 2,57 Tiere je Quadratkilometer. Zwei Waldfragmente in Ghana beherbergten dagegen etwa 0,04 beziehungsweise 0,64 Individuen je Quadratkilometer. Allgemein gelten mehrere Bestände im westlichen Afrika aufgrund der geringen Größe und der ungleichen Geschlechter- sowie Altersverteilung als wenig überlebensfähig.
Lebensweise Territorialverhalten mini|Waldelefant beim Wasserbad mini|Männliche Waldelefanten im Wettstreit mini|Waldlichtungen als wichtige soziale Sammelpunkte Zahlreiche Informationen zur Lebensweise des Waldelefanten stammen von Tieren aus dem Dzanga-Schutzgebiet, wo entsprechende Studien im Jahr 1990 initiiert wurden. Der Waldelefant ist wie der Afrikanische Elefant ein soziales Tier. Die grundlegende Einheit bildet die Herde, bestehend aus verschiedenen miteinander verwandten Kühen und deren Jungtieren. Durchschnittlich umfasst eine Herde drei Individuen. Im Bereich von Waldlichtungen, die wichtige soziale Kontaktpunkte darstellen, können sich auch größere Herdenverbände aus 20 bis 100 Tieren zusammenschließen. Sie zerfallen jedoch wieder relativ schnell. Dieses als „Trennen und Zusammengehen“ (fission-fusion) bezeichnete Sozialsystem findet sich auch beim Afrikanischen Elefanten der offenen Savannenlandschaften.
Im Gegensatz zu diesem sind die Verbände des Waldelefanten aber kleiner und weniger stabil, was mit der geringeren Verbreitung potentieller Fressfeinde in den dichten Wäldern zusammenhängt. Die Größe der Familiengruppen kann je nach Habitat unterschiedlich ausfallen. So wurden im Odzala-Kokoua-Nationalpark in der Republik Kongo an Minerallecken Herden mit durchschnittlich weniger Individuen als in offeneren Landschaften beobachtet. Ebenfalls abweichend vom Afrikanischen Elefanten formen die Bullen des Waldelefanten nur selten Junggesellengruppen, jüngere männliche Tiere finden sich aber manchmal in losen Gemeinschaften zusammen. Vor allem an den Lichtungen tragen Bullen ihre sozialen Wettstreite und Dominanzkämpfe aus. Daneben gibt es noch Einzeltiere beider Geschlechter und nahezu aller Altersklassen.