Die Politische Theorie (je nach Institut auch Politische Theorie und Philosophie oder Politische Theorie und Ideengeschichte) ist neben den Teilgebieten Vergleichende Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen eines der drei zentralen Lehrfächer der Politikwissenschaft, nach denen auch die meisten Lehrstühle benannt werden. Mithin gehört die Politische Theorie zu den Sozialwissenschaften.

Die Politische Theorie selbst kann wiederum in zwei Bereiche mit je zwei Untergebieten unterteilt werden: 600px|mini|Gliederung des Fachbereichs der Politischen Theorie Klassische Politische Theorie: In der Politischen Philosophie (auch Normative Politische Theorie genannt), dem ältesten Bereich der Politologie, geht es um normative Fragen, wie die nach dem besten Staats­wesen oder ob es gerechte Kriege gibt. In der Regel werden auch Handlungsanweisungen gegeben, wie der gewünschte Soll-Zustand erreicht werden kann. Die politische Ideengeschichte erforscht die seit der griechischen Antike angestellten politischen Ideen und Konzepte. Sie stellt damit quasi die Wissenschaftsgeschichte der Politischen Philosophie und der gesamten Politikwissenschaft dar. Moderne Politische Theorie: Die Positive Politische Theorie (auch empirisch-analytische politische Theorie genannt) versucht rein deskriptiv und wertneutral die positive (gesetzte) Realität zu analysieren, zu erklären und möglichst präzise Vorhersagen über die weitere Entwicklung zu machen. In der Wissenschaftstheorie der Politikwissenschaft schließlich wird von einer Metaebene aus das politikwissenschaftliche Vorgehen reflektiert. Neben dem Worüber und der Methodologie des Forschens geht es auch um die Reichweite der Theorien.

Insbesondere auf dem Feld der Politischen Theorie kommt der Charakter der Politikwissenschaft als Integrationswissenschaft vom menschlichen Handeln stark zum Ausdruck. Relevante Beiträge zum Verständnis von Politik kommen insbesondere aus der Philosophie, der Geschichte (Rechts- und Verfassungsgeschichte), der Rechtswissenschaft (Staats-, und Rechtsphilosophie) sowie Soziologie und Psychologie (Anthropologie). Die Grenzen sind dabei manchmal fließend.

Häufige Begriffe und vieldiskutierte Konzepte der politischen Theorie sind u. a. Politik, Staat, Recht, Regierung, Legitimität, Gesetz, Macht, Gerechtigkeit, Herrschaft, Freiheit und Demokratie.

Klassische Politische Theorie Die Klassische Politische Theorie umfasst die Politische Philosophie bzw. Normative Politische Theorie sowie die Politische Ideengeschichte:

Politische Philosophie

Die Politische Philosophie (auch Normative Politische Theorie genannt) beschäftigt sich unter normativem Blickwinkel mit einer Vielzahl politischer Probleme. So sucht die Staatsphilosophie nach einer guten und gerechten politischen Ordnung. Die Sozialphilosophie befasst sich mit der Gesellschaftsstruktur sowie mit dem Verhältnis der Bürger untereinander und zum sozialen System, die Rechtsphilosophie mit den Legitimationsmöglichkeiten von Rechten und Rechtsnormen. Die politische Anthropologie erforscht das Wesen des Menschen und in der politischen Ethik geht es darum moralische Normen (Chancengleichheit, Fairness, Gerechtigkeit etc.) für das politische Handeln von Regierten und Regierenden zu finden. Nachdem sich der empirisch-analytische Zugang auch in der Politikwissenschaft durchgesetzt hat, befindet sich die Politische Philosophie teils auf der Suche nach einer wissenschaftstheoretischen Neuausrichtung.

Moderne vertragstheoretische Werke stammen von John Rawls (A Theory of Justice, 1972 und Political Liberalism, 1992), Robert Nozick (Anarchy, State, and Utopia, 1974) und James M. Buchanan (The limits of Liberty, 1975), den so genannten new contractarians. Der Philosoph William K. Frankena diskutiert über Gerechtigkeit als Chancengleichheit in Some beliefs about justice, 1966. Robert Goodin stellte mit Reasons for Welfare, 1988 eine erste moderne wohlfahrtsstaatliche Begründung vor. Eine analytische Variante der Gemeinwohldebatte auf Basis des Utilitarismus stellte die Sozialwahltheorie dar, als deren Vertreter besonders Kenneth Arrow, Amartya Sen und Otfried Höffe zu nennen sind. Alle diese Konzepte haben den Ausgang vom Individuum gemeinsam.

Gegen eine solche individualistische Grundposition, der gesellschaftlich desintegrierende Wirkung attestiert wurde, stellt sich die politische Philosophie des Kommunitarismus. Michael Sandel, Alasdair MacIntyre, Charles Taylor und Michael Walzer sind die bekanntesten Protagonisten dieser vielfältigen Strömung.

Eine Forschungsfrage – die insbesondere von feministischer Seite gestellt wird – ist, inwiefern die von der traditionellen und modernen politischen Theorie entworfenen Kategorien, die zu grundlegenden Kategorien unseres Denkens geworden sind, von Traditionen der geschlechtlichen Ordnung durchtränkt sind. So sei beispielsweise die für die politische Theorie zentrale Unterscheidung zwischen öffentlicher Sphäre und privater Sphäre eng an eine vorgestellte Geschlechterdichotomie der nach innen gekehrten, die Familie versorgenden Frau und des nach außen gerichteten, für das Gemeinwohl sorgenden Mannes geknüpft.

Politische Ideengeschichte Die politische Philosophie stellte eine der ersten Richtungen der Philosophie an sich dar. Es wird vor allem über die richtige Verfassung, also die geeignetste staatliche Ordnung, und die richtige Regierung des Staates nachgedacht.

Antike Als akademische Disziplin hat die politische Philosophie ihre Ursprünge in der antiken griechischen Gesellschaft, in der die verschiedenen Stadtstaaten mit unterschiedlichsten Regierungsformen experimentierten. Dazu gehörten Monarchie, Tyrannei, Aristokratie, Oligarchie, Demokratie (allerdings nicht ganz deckungsgleich mit der modernen Auffassung von ihr) und Ochlokratie. Wichtige schriftliche Werke in dieser Zeit stammen von Platon (Politeia) und Aristoteles (Politika), wobei beide Werke unterschiedlich angelegt sind und zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Während Platon der Ansicht ist, eine gerechte Regierung liegt dann vor, wenn jeder Teil des Staates (Adel, Krieger, Bürgertum) „das seine tue“, woraus sich eine oligarchische Regierungsform ableitet und was ihn als Gegner der Demokratie ausweist, bezeichnet Aristoteles eine Kombination aus aristokratischer und demokratischer Herrschaft als optimal (Politie). Zur Begründung seiner Ansichten legt Aristoteles auch die erste empirische Untersuchung von Verfassungen vor.Vgl. Henning Ottmann: Geschichte des politischen Denkens. Band 1/2 (Die Griechen). Stuttgart/Weimar 2001, S. 1 ff. (zu Platon) und 111 ff. (zu Aristoteles). Im Hellenismus setzte sich das monarchische Herrschaftsprinzip durch.

Auch in Rom wurden staatsphilosophische Überlegungen angestellt (die unter anderem von den Stoikern beeinflusst waren): Cicero verfasste mit seiner de re publica das staatstheoretische Werk der Römer (in republikanischer Zeit) schlechthin. Darauf aufbauend, ließ er de legibus folgen. Die Römische Kaiserzeit baute jedoch auf einem anderen Fundament auf, nämlich auf dem von Augustus begründeten Prinzipat.

Nennenswerte Beiträge zum politischen Denken der Antike kamen nicht nur von Philosophen, sondern auch von Staatsmännern und Polis-Reformern wie Solon und Kleisthenes, von Geschichtsschreibern wie Herodot, Thukydides und Polybios sowie von Tragödiendichtern wie Sophokles und Euripides. Zur antiken Verfassungsdiskussion siehe auch: Kreislauf der Verfassungen, Mischverfassung

Mittelalter Zentrales Thema des politischen Denkens des Mittelalters ist das Verhältnis von Kirche und Staat. In der Spätantike bzw. dem Frühmittelalter war die politische Philosophie von der Vorstellung eines gottesfürchtigen Staates geprägt. Das in der Spätantike entstandene Werk De civitate Dei des Augustinus mit seiner Gegenüberstellung einer civitas Dei und einer civitas terrena war im Mittelalter sehr einflussreich.

Im Hoch- und Spätmittelalter wurden im Konflikt zwischen Papsttum (Sacerdotium) und Kaisertum (Imperium) ganz unterschiedliche Theorien entwickelt. Der diesbezügliche Konflikt begann im 11. Jahrhundert mit dem Investiturstreit und fand seinen (wenigstens scheinbaren) Abschluss mit dem Untergang der Staufer Mitte des 13. Jahrhunderts. Thomas von Aquin nahm dabei eine vermittelnde Position ein, räumt der geistlichen Herrschaft jedoch ebenfalls eine Vorrangstellung gegenüber der weltlichen Gewalt ein. Am eindrucksvollsten formulierte der Stauferkaiser Friedrich II. die universale Kaiseridee, nach seinem Tod gelang es jedoch seinen Nachfolgern nicht mehr, auf dem Erreichten aufzubauen, das (westliche) Kaisertum verlor zunehmend an Einfluss; davon unbeeinflusst behaupteten die byzantinischen Kaiser weiterhin ihren Führungsanspruch gegenüber der orthodoxen Kirche.

Im Spätmittelalter kam es zu einer Vielzahl polittheoretischer Debatten. So entstanden im Konflikt zwischen Papst Bonifaz VIII. und dem französischen König Philipp dem Schönen mehrere Werke, die entweder den absoluten Machtanspruch des Papstes zu untermauern versuchten (Aegidius Romanus, Jakob von Viterbo u. a.) oder für eine Trennung der geistlichen und weltlichen Gewalt eintraten (Johannes von Paris). Dante wiederum argumentierte in seinem Werk Monarchia für das Weltkaiseramt, welches die römisch-deutschen Kaiser bekleiden würden. Als es in der Zeit Ludwigs des Bayern wieder zur Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Kaisertum kam, bezog Marsilius von Padua in seinem einflussreichen Werk Defensor Pacis eindeutig Partei für die Unabhängigkeit des Kaisertums vom Papsttum.Zu den polittheoretischen Debatten im 14. Jahrhundert siehe vor allem Jürgen Miethke: De Potestate Papae. Tübingen 2000. Am Ende des Mittelalters gewann auch die Konzilsidee viele Anhänger.

Neuzeit In der Renaissance erfolgt die Verweltlichung der politischen Philosophie. Der Mensch rückt mehr und mehr in den Mittelpunkt der Betrachtungen, in denen auch die Bildung von souveränen Staaten gedanklich vorbereitet wird. Eine zentrale Rolle in der politischen Philosophie dieser Zeit spielt der Italiener Niccolò Machiavelli, der im 16. Jahrhundert in äußerst nüchterner Weise die Gesetzmäßigkeiten von Macht und Politik analysiert. Machiavelli gilt als einer der Vorbereiter der Einigung Italiens. Jean Bodin nimmt eine ähnliche, wenn auch weniger prominente Rolle in Frankreich ein. Der Engländer Thomas Morus beschrieb in seinem Werk Utopia ein fiktives Staatsmodell ohne Privateigentum und hielt seinen Zeitgenossen einen kritischen Spiegel vor. Dieses Buch gab den Anstoß zum Genre der Sozialutopie.

Im 17. Jahrhundert sind der niederländische Völkerrechtslehrer Hugo Grotius (1583–1649) und der Rechts- und Staatstheoretiker Samuel Pufendorf (1632–1694) zu nennen, der als einer der ersten bedeutenden Vertreter des rationalen Natur- und Vernunftrechts betrachtet wird. Pufendorf ist der einzige deutsche politische Denker in der Epoche der Aufklärung, dessen Ideen in einem erheblichen Maße historisch wirksam wurden und sich in der Kodifizierung des modernen Naturrechts in der Epoche der Aufklärung in einer weltweiten Verbreitung und Rezeption auch international niederschlagen konnten.

Als einer der bedeutendsten politischen Denker des 17. Jahrhunderts schlechthin wird der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679) angesehen. Hobbes’ Werk gilt als grundlegend für die moderne politische Philosophie. Mit seinem individualistischen Vernunftverständnis, mit dem er mit dem politischen Aristotelismus bricht, liefert der Kontraktualist den ersten systematischen Staatsentwurf der politischen Philosophie der frühen Neuzeit. Er vertritt ein Naturrechtsverständnis, dass sich der Staat insbesondere durch die Sicherheit legitimiert, die er für seine Bürger schafft.