275px|mini|Hauptverwaltung der Gelsenwasser AG Die Gelsenwasser AG ist ein börsennotiertes deutsches Infrastruktur- und Versorgungsunternehmen. Die Tätigkeitsbereiche umfassen neben der Wasser-, Gas- und Stromversorgung sowie der Abwasserentsorgung auch Dienstleistungen für Infrastruktur, erneuerbare Energien, digitale Netze und Quartierskonzepte. Anteilseignerin ist zu 92,9 % die Wasser und Gas Westfalen GmbH, an der die Stadtwerke Bochum und die Dortmunder Stadtwerke zu jeweils 50 % beteiligt sind; 7,1 % sind im Streubesitz.
Mitarbeiter Der Gelsenwasser-Konzern beschäftigt 1.937 Mitarbeiter im betrieblichen Bereich und in der Verwaltung; davon sind durchschnittlich 60 Auszubildende in verschiedenen Ausbildungsberufen (Stand: Kennzahlen 2025).halbjahresbericht_2024.pdf und gelsenwasser.de
Geschichte Wasserversorgung in der Region 1887 als „Aktiengesellschaft Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlenrevier“ gegründet (seit 1976 Gelsenwasser AG), lag der Fokus damals auf der Trinkwassergewinnung und -versorgung. Der erste Sitz der Gesellschaft befand sich in Castrop. 1893 zog das Unternehmen nach Schalke, das seit 1903 zu Gelsenkirchen gehört.Büschenfeld, Jürgen: Blauer Fluss in grüner Landschaft. Vom Wasserversorger zum Umweltunternehmen. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887 – 2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 8.
Das Versorgungsgebiet dehnte sich teils schnell auf die umliegenden Städte und Kommunen aus. Das Trinkwasser wurde damals hauptsächlich aus der Ruhr gewonnen, die durch die zunehmende Wasserförderung immer stärker beansprucht wurde. Um die Nachfrage bedienen zu können, wurden daher Brunnen in geringem Abstand zum Ufer gebaut und teilweise ungefiltertes Flusswasser zur Streckung hinzugefügt. Diese Gewinnungsmethoden sowie ein extrem hoher Verunreinigungsgrad der Ruhr führten im Sommer 1901 zum Ausbruch einer Typhusepidemie, die sich insbesondere über den Stadt- und Landkreis Gelsenkirchen aber auch über Teile von Recklinghausen, Hattingen und Essen erstreckte.Olmer, Beate: Typhus in Gelsenkirchen. Ursachen und Konsequenzen der Epidemie 1901. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887 – 2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 44–46. Offiziellen Angaben zufolge erkrankten während der Gelsenkirchener Typhusepidemie 3.231 Personen, von denen mehr als 200 starben.Vgl. Urteil vom 30. November 1904 (Abschrift), S. 2 und Anlage I, in: GW-HV, Akte „Urteil im Strafprozess“. Für Gelsenwasser bedeutete dieses Ereignis eine jähe Unterbrechung der positiven Unternehmensentwicklung. Als Folge der Katastrophe gründete sich 1902 auf Anregung Robert Kochs der „Verein zur Bekämpfung von Volkskrankheiten im Ruhrkohlengebiet“ mit Beteiligung von Behörden, Bergbau-, Industrie- sowie Wasserversorgungsunternehmen. Darüber hinaus setzte man sich intensiv mit dem Wasser der Ruhr und seiner Verunreinigung auseinander. Striktere Regelungen zur Wassergewinnung wurden aufgestellt sowie Wasserwerke strenger überwacht.Olmer, Beate: Typhus in Gelsenkirchen. Ursachen und Konsequenzen der Epidemie 1901. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887 – 2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 49.
Das Ereignis führte vor Augen, dass die Wassergewinnung an der Ruhr an ihre Grenzen stieß. Gelsenwasser griff daher eine Idee des schwedischen Wasserbauingenieurs Johan Gustaf Richert aus dem Jahr 1900 auf, mit der aus Oberflächenwasser künstlich Grundwasser erzeugt werden sollte. Das Wasser wird dabei in große, flache, mit Sand ausgekleidete Becken eingeleitet. Durch das langsame Versickern wird das Oberflächenwasser gereinigt und fließt dann mit dem Grundwasser zusammen zu den Gewinnungsbrunnen. Die Wasserwerke Steele und Witten wurden dahingehend ausgebaut und sogenannte Anreicherungsgräben, in denen das Flusswasser versickern konnte, angelegt.Olmer, Beate: Wettlauf mit dem Wasserverbrauch. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887 – 2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 51.
Gefragtes Gut: Wasser In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stieg die Nachfrage nach Wasser weiter an. Daher suchte das Unternehmen nach Möglichkeiten zur vermehrten Wassergewinnung. 20 Jahre lang hatten die Werke Steele und Witten die Kommunen von Gelsenwasser versorgt und waren kontinuierlich erweitert worden. 1906 erwarb das Unternehmen schließlich das Wasserwerk der Stadt Unna.Olmer, Beate: Wettlauf mit dem Wasserverbrauch. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887–2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 52. 1908 ging das neue Werk Haltern in Betrieb.Olmer, Beate: Ganz natürlich – 100 Jahre Wasserwerk Haltern (1908–2008), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2009. S. 21.
Das Halterner Wasserwerk bedeutete eine Entlastung für die Ruhrwasserwerke Steele, Witten und Unna. Mit ihm konnten nun Zechen- und Industrieanlagen sowie die Kommunen des nördlichen Ruhrgebiets versorgt werden. Durch die Filterwirkung der Halterner Sande hatte das Wasser eine besonders gute Qualität und schnitt in Gutachten besser ab, als das an der Ruhr gewonnene Uferfiltrat (Zu der Besonderheit der Halterner Sande siehe Abschnitt Wasserwerk Haltern). Aber auch mit diesem Werk konnte der Trinkwasserversorger die hohe Nachfrage nicht lange befriedigen.Olmer, Beate: Wettlauf mit dem Wasserverbrauch. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887 – 2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 56–57.
Schon 1907 hatte Gelsenwasser daher ein Genehmigungsgesuch für das neue Werk in Horst formuliert, das mit einer Jahresleistung von 24 Millionen Kubikmetern die weitere Wasserversorgung sicherstellen sollte. 1910 konnte das neue Werk den Betrieb aufnehmen.Olmer, Beate: Wettlauf mit dem Wasserverbrauch. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887 – 2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 57–59.
Während des Ersten Weltkriegs stieg der Wasserbedarf stark an. Die Rüstungsproduktion wurde massiv ausgedehnt und so förderte das Wasserwerk Haltern Anfang 1917 17 Prozent mehr Wasser als noch vor Kriegsbeginn. Personelle sowie materielle Engpässe stellten das Unternehmen jedoch vor große Herausforderungen. Darüber hinaus hatten massive Preissteigerungen zur Folge, dass die Selbstkosten des Unternehmens anstiegen. Grund für diese Preissteigerungen war die einsetzende Inflation. Gelsenwasser musste verzeichnen, dass die Einnahmen des Unternehmens in keinem Verhältnis zum Umfang der Wasserförderung mehr standen. In den folgenden Jahren verlangte daher das Unternehmen in immer kürzeren Abständen höhere Wasserpreise. Damit war Gelsenwasser nicht allein. Auch andere Versorgungsunternehmen mussten ihre Preise immer wieder anpassen und erhöhen.Olmer, Beate: Wettlauf mit dem Wasserverbrauch. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887–2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 66–70.
Um die Lage nach der Weltwirtschaftskrise etwas zu entschärfen, setzten die Kommunen unter anderem auf die Erhöhung der Wasserpreise. Trotz prinzipieller Bedenken stimmte Gelsenwasser zu, die Preise zu erhöhen, bestand jedoch darauf, dass in den Wasserabrechnungen ersichtlich wurde, dass die Preiserhöhung nicht durch das Unternehmen erfolgt war. Zwar belastete die Weltwirtschaftskrise auch Gelsenwasser, Hinweise, dass es auch existentiell dadurch bedroht war, lassen sich allerdings nicht finden. So kam es auch nicht zu einer Unterbrechung der Arbeiten an der Stevertalsperre, mit deren Bau man 1927 begonnen hatte. Im Mai 1931 waren Nord- und Südbecken gefüllt und die Talsperre damit fertiggestellt. Bereits in den 1930er Jahren wurde deutlich, dass das Halterner Wasserwerk weiter wachsen musste.
Der Zweite Weltkrieg Am 30. Januar 1933 gelangte die 1920 gegründete Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) unter Adolf Hitler an die Macht. Schnell wurden entscheidende Positionen in den Kommunalverwaltungen mit Parteimitgliedern besetzt. Die Aufrüstung ließ den Wasserbedarf von Bergbau und Industrie in die Höhe schnellen. Dies führte 1937 zu einem Rekordabsatz mit 137 Millionen Kubikmeter gefördertem Wasser. So wurden auch in dieser Zeit die Vertiefung der Stevertalsperre, der Neubau des Wasserwerks in Echthausen sowie die Erweiterung des Wasserwerks in Essen-Horst auf den Weg gebracht.
Am 17. Mai 1943 sprengten britische Bomber ein 77 Meter breites Loch in die Staumauer des Möhnesees. Die Flutwelle überschwemmte die Wassergewinnungsanlagen Gelsenwassers im östlichen Ruhrtal und riss mehr als 1.200 Menschen in den Tod. Die Wasserwerke Echthausen, Langschede, Fröndenberg und Witten, die durch die Flutwelle beschädigt worden waren, konnten sogar noch vor Kriegsende wieder in Betrieb genommen werden und wiesen bis dahin nur geringe Schäden auf.Olmer, Beate: Das Wasserwerk im Nationalsozialismus. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887–2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 72–83.
Auch im übrigen Gebiet der Ruhr und an den dortigen Wasserwerken kam es während des Kriegs zu erheblichen Schäden. Bei Kriegsende waren zwei Drittel aller Wohnungs- und Produktionsanlagen zerstört. Rund 4.000 Rohrschäden und Wasserverluste bis zu 16 Prozent sowie etliche zerstörte Brücken, über die oft Wasserleitungen liefen, summierten die Kriegsschäden für Gelsenwasser auf rund 4,7 Millionen Reichsmark. An den Verwaltungsgebäuden, genauso wie in den Wasserwerken waren hingegen wenige Schäden zu verzeichnen.Nies, Stefan: Das Wasserwerk nach dem Krieg. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887–2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 85.
Neuanfänge nach dem Krieg Nach Kriegsende traten schnell Versorgungsnöte in den Vordergrund. Im Frühjahr 1947 drohte die Wasserversorgung der Bevölkerung zusammenzubrechen. Vor dem Hintergrund der akuten Wassernot wurde ein Ausschuss der Ruhrwasserwerke gegründet. Dieser sollte Entscheidungen bezüglich der Wassernot fällen, die zugleich bei entscheidenden Sparmaßnahmen Belange der betroffenen Kreise berücksichtigten. Bis heute besteht der Ausschuss unter dem Namen Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR).Nies, Stefan: Das Wasserwerk nach dem Krieg. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887–2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 87–91. Wie bereits das Frühjahr 1947 waren auch 1949 sowie 1952 niederschlagsarme Sommer. Sie zeigten erneut, wie knapp die Wasserreserven waren, um Industrie und Bevölkerung im Raum des Ruhrgebietes zu versorgen.Nies, Stefan: Die Hauptaufgabe: Versorgungssicherheit. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887 – 2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 93.
Die erste Hauptversammlung von Gelsenwasser nach dem Krieg fokussierte sich auf die Abberufung und Neuwahl des Aufsichtsrates. Fast alle Kommunalvertreter sowie Industrie- und Bergbauvertreter wurden ausgetauscht. Engelbert Raueiser, Bergbauvertreter der Zeche Ewald König-Ludwig, kehrte 1952 in den Aufsichtsrat zurück. Auch Hermann Winkhaus, Vertreter der Essener Steinkohlenbergwerke, war ab 1955 wieder Mitglied des Gremiums.Nies, Stefan: Das Wasserwerk nach dem Krieg. In: Olmer, Beate, Stefan Nies u. Jürgen Büschenfeld: Alles strömt. 125 Jahre Gelsenwasser AG (1887 – 2012), hrsg. von Gelsenwasser AG. 1. Auflage Essen 2012. S. 89.