Der Westwall, von den Westalliierten auch Siegfried-Linie genannt (,Towards the Heart of Germany, S. 676 unten. ), war ein über etwa 630 km verteiltes militärisches Verteidigungssystem entlang der Westgrenze des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg, das aus über 18.000 Bunkern, Stollen sowie zahllosen Gräben und Panzersperren bestand. Er verlief von Kleve an der niederländischen Grenze in Richtung Süden bis Grenzach-Wyhlen an der Schweizer Grenze.
Hitler ließ die Anlage, die militärischen und auch propagandistischen Wert hatte, ab 1936 planen und zwischen 1936 und 1940 errichten. Kurz zuvor hatte er in der Rheinlandbesetzung am 7. März 1936 entgegen den Auflagen aus dem Friedensvertrag von Versailles die durch die Folgen des Ersten Weltkriegs vom Reich demilitarisierten Gebiete beiderseits des Rheins von Wehrmachttruppen besetzen lassen.
Vorgeschichte
Mit dem Friedensvertrag von Versailles machten sich Militärplaner an die Auswertung des Krieges und kamen zu dem Schluss, dass man einem zukünftigen Krieg mit einer starken Landesbefestigung nahe den Grenzen begegnen müsse. So entstanden ausgedehnte Festungssysteme in Frankreich (Maginot-Linie), Italien (Vallo Alpino), Schweiz (Schweizer Réduit), Tschechoslowakei (Tschechoslowakischer Wall), Griechenland (Metaxas-Linie), Jugoslawien, Polen, Sowjetunion (Stalin-Linie) und weiteren europäischen Ländern. In Deutschland waren dies insbesondere der Oder-Warthe-Bogen, Westwall und Pommernwall.
Herkunft des Begriffs „Westwall“ mini|Panzersperren des Westwalls bei Hollerath/Eifel (2008) mini|Panzersperren bei Walheim 2011
Vermutlich bürgerte sich die Bezeichnung Westwall ab Ende des Jahres 1938 zunehmend ein, ohne dass zunächst die nationalsozialistische Propaganda den Begriff in besonderem Maße benutzte. Er stammt wahrscheinlich aus dem Kreis der am Bau beteiligten Arbeiter. Im zweiten Halbjahr 1938 wurden noch Begriffe wie „Todt-Linie“ (offenbar die üblichste Bezeichnung, s. u.), „Schutzwall“ oder „Limes-Programm“ verwendet, während Militärkreise Namen wie „Führer-Linie“ oder „Hitler-Linie“ populär machen wollten.
Noch im Oktober und Dezember 1938 war von der „nach ihrem Schöpfer allgemein genannt[en]“ Todt-Linie die Rede.
Parallel dazu tauchte die Bezeichnung Westwall auf, und zwar in der Presse erstmals spätestens am 28. Oktober 1938, als das Neue Wiener Tagblatt unter der Überschrift „Männer vom Westwall auf Urlaub“ über einen Arbeiter berichtete, der seinen Koffer für die Rückfahrt packte und erzählte, sein Sohn sei „ordentlich stolz darauf, daß sein Vater mit am Westwall arbeitet“. Der Name Westwall tauchte ebenfalls am 19. November 1938 in einem Artikel der Tageszeitung „NSZ-Rheinfront“ auf, der den „Männern vom Westwall“ gewidmet war.
Hitler verwendete den Begriff erstmals öffentlich während seiner Besichtigungsreise zu den Westbefestigungen vom 14. bis zum 19. Mai 1939 und erließ am 19. Mai 1939 einen Tagesbefehl an die Soldaten und Arbeiter des Westwalls. Der offizielle Sprachgebrauch orientierte sich zuvor mehr an den nachfolgend beschriebenen Programmen, wobei mit „Limes-Programm“ ein Name gewählt wurde, der an den ehemaligen römischen Grenzwall in Germanien erinnern sollte.
Entwicklung 1936 bis 1940 Die Entwicklung des Westwalls war keinesfalls homogen und wurde durch die politische Führung stark beeinflusst. Die heutige Sicht wird durch die Standardwerke von Groß (1982) und Bettinger & Büren (1990) stark geprägt. Groß arbeitete als einer der ersten dieses Thema wissenschaftlich auf und beschrieb die Entwicklung für Nordrhein-Westfalen; Bettinger & Büren veröffentlichten zehn Jahre später Erkenntnisse über den gesamten Bereich des Westwalls.
Groß unterscheidet folgende Entwicklungsschritte: Grenzwacht-Programm (Pionier-Programm) für die vordersten Stellungen aus dem Jahre 1938, Limes-Programm, ebenfalls aus dem Jahre 1938, Aachen-Saar-Programm aus dem darauf folgenden Jahr 1939, Die Geldern-Stellung Brüggen-Kleve von 1939 und 1940, Luftverteidigungszone (LVZ) West 1938 (siehe auch Kommando der Luftverteidigungszone West).
Bettinger & Büren stellten diese Entwicklungen in einen breiteren Kontext: 1936: Nach der Wiederbesetzung des Rheinlandes wurden meist vereinzelt und verstreut Bunker gebaut: Zwischen Mosel und Rhein an wichtigen Straßen, Brücken über die Saar oder als Vorbereitung zum Bau späterer Stellungen. Am Oberrhein wurden die wichtigsten Übergangsstellen brückenkopfartig mit Bunkern versehen. Zudem wurden die Übergänge vom Oberrheingraben in die Täler des Schwarzwaldes mit jeweils kleinen Stützpunkten inklusive Bunker versehen. Die einzige größere Stellung mit Bunkern entstand südlich von Karlsruhe – Ettlinger Riegel. 1937: Die Planungen für die Befestigungssysteme Befestigungen zwischen Mosel und Rhein und die Befestigungen am Oberrhein, darunter der Isteiner Klotz, sahen die Implementierung von drei Befestigungskonzepten vor. Befestigungslinien im Festungsausbau sollten unter anderem die historischen Einfallspforten durch das Rheintal westlich Karlsruhe (die sogenannte Weißenburger Senke bei Bad Bergzabern; dort war der Bau von zwei A-Werken geplant) und durch das Moseltal bei Trier schließen. Ihr Bau dauerte Jahre. Dazwischen wurden Befestigungslinien in Stellungsausbau angefangen. Vorgelagerte Befestigungslinien im Sperrausbau entlang der Saar und grenznah in der Pfalz waren nur zum vorübergehenden Schutz der dahinter zu bauenden Stellungen gedacht, die mit Absicht etwas weiter abgesetzt von der Grenze geplant wurden. 1938: Ein viertes Befestigungssystem, die Befestigungen Niederrhein und Eifel sollte die Kette mit Befestigungsanlagen bis in Höhe der Nordgrenze Belgiens an der niederländischen Grenze (Dreiländereck Vaals bei Aachen) verlängern. Groß (1982) nannte diesen Entwicklungsschritt Pionierbauprogramm 1938.
Ab Mai 1938 wurden die ursprünglichen Planungen, die nur noch den Bau von Befestigungslinien im Stellungsausbau unter dem Namen Limesprogramm vorsahen, drastisch verändert. Zudem wurden die verwendeten Bunkertypen – Regelbauten genannt – vereinfacht bzw. standardisiert, damit sie von der Organisation Todt schneller gebaut werden konnten. Grund für die Veränderung und Beschleunigung war die Teilmobilmachung der Tschechoslowakei als Reaktion auf die aggressive deutsche Außenpolitik und das Risiko, dass Frankreich in einen militärischen Konflikt mit der Tschechoslowakei eingreifen würde. Zu diesem kam es nach dem Einmarsch am 15./16. März 1939 aber nicht.
Parallel dazu baute die Luftwaffe die LVZ-West hinter dem Westwall zwischen Mosel und Rhein, eine Kette von Flugabwehrstellungen mit eigenen Bunkern.
mini|Westwall-Arbeiter begrüßen Adolf Hitler bei dessen Besuch im Oktober 1938
Ab Oktober 1938 kündigte Hitler an, die Städte Aachen und Saarbrücken besser zu schützen, und forderte den Ausbau der diesen Städten vorgelagerten Befestigungslinien im Sperrausbau zu einer richtigen Stellung. Dieser Schritt wurde unter dem Namen Aachen-Saar-Programm bekannt; er wird oft mit der Einführung neuer Regelbauten im Februar 1939 verwechselt, die besonders in diesen auszubauenden Stellungen Verwendung fanden. 1939: Der Bau der Bunker aus dem Limesprogramm war noch längst nicht abgeschlossen, als die im Bau befindlichen Stellungen mit neuen Regelbauten erweitert wurden. Zudem wurde die LVZ-West nach Norden bis nach Mönchengladbach und nach Süden zum Bodensee verlängert. Nach dem Kriegsbeginn wurden sogar nochmal neue Stellungen angefangen: Die Geldernstellung, die eine Verlängerung nach Norden bis zum Rhein vorsah. Der Orscholzriegel zwischen dem Westwall bei Mettlach und Luxemburg. Die Spichern-Stellung auf den Höhen südlich Saarbrückens, teilweise auf französischem Hoheitsgebiet. 1940: Der Ausbau verlangsamte sich und wurde nach dem Westfeldzug (Mai/Juni 1940) eingestellt. 1944: Die erneute Bedrohung der deutschen Westgrenze durch die herannahende Front führte zur Reaktivierung der technisch oft veralteten Befestigungsanlagen. Der Bau von modernen Bunkern konnte nur in bescheidenem Umfang vorangetrieben werden. Im Herbst/Winter 1944/1945 wurde die Maas-Rur-Stellung gebaut, eine zur Verstärkung des Westwalles erstellte feldmäßige Grabenstellung zwischen der Maas bei Venlo und der Rur bei Wassenberg (sie wurde im Februar 1945 kampflos geräumt).
Auswirkungen des Westwallbaus Alle diese Programme wurden fortan unter höchster Priorität und der Nutzung aller verfügbaren Ressourcen vorangetrieben. Da bereits Rohstoffknappheit herrschte und auch sehr viele Bauarbeiter am Westwall benötigt wurden, kam insbesondere die öffentliche und private Bauwirtschaft völlig zum Erliegen, obwohl damals der Bedarf an Wohnraum groß war. Zu dieser Zeit fehlten in Deutschland etwa 1,5 Millionen Wohnungen (siehe auch Kriegsökonomie#Rohstoffe).
Zu Gunsten des Westwalls wurde der Ausbau der Festungsfront Oder-Warthe-Bogen (sogenannter „Ostwall“) eingestellt. Ausrüstung und Bewaffnung wurde vom Oder-Warthe-Bogen an den Westwall gebracht.
Auswirkungen hatte der Bau auch auf die Landwirtschaft des Reiches. So mussten für den Westwallbau im Zeitraum von 1937 bis 1939 über 30.000 Bauern mit ihren Familien die eigenen rund 5.600 Betriebe mit einer Fläche von 120.000 Hektar verlassen, was zusammen mit anderen Baumaßnahmen der Wehrmacht eine nicht unerhebliche Verminderung der landwirtschaftlichen Nutzfläche bedeutete.Militärgeschichtliches Forschungsamt: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 1, S. 267.
Kosten Der Bau des Westwalls kostete knapp 3,5 Mrd. Reichsmark (Zum Vergleich: Das Deutsche Reich hatte 1933 zivile Ausgaben von 6,2 Mrd. RM). Der Bau und andere Ausgaben (z. B. Aufrüstung der Wehrmacht) konnten nur mittels staatlicher Kreditaufnahme und mit Mefo-Wechseln finanziert werden. Ausländische Devisen waren knapp; 1938 stand Deutschland vor dem Bankrott. Auch die deutlich steigende Inflation hatte ihre Ursache insbesondere im Bau des Westwalls. Durch hohe Stundenzahlen, zahlreiche Zulagen und ständigen Bedarf an Arbeitskräften wurde das landesweite Lohngefüge erheblich gestört. Beispielsweise konnten beim Bau des Westwalls eingesetzte Hilfsarbeiter aus der Landwirtschaft einen bis zu dreifach höheren Stundenlohn erzielen als mit ihrer bisherigen Arbeit. Das Reichswirtschaftsministerium kritisierte eine verschwenderische Überbezahlung in der Größenordnung von mehreren hundert Millionen RM.
Beispielhafte Regelbauten mini|Freigelegter Regelbau 58-c (Tobruk) bei Elmpt Zu Beginn der jeweiligen Programme wurden Regelbauten am Reißbrett konstruiert, von denen dann zum Teil viele tausend nach dem vorher festgelegten Schema gebaut wurden.
Pionierprogramm Für das Pionierprogramm wurden in erster Linie kleine Bunker mit drei frontal ausgerichteten Scharten errichtet. Die Anlagen hatten nur eine Wandstärke von 30 cm und waren nicht gegen Giftgas gesichert. Die dort stationierten Soldaten hatten keine eigenen Betten, sondern mussten sich mit Hängematten behelfen. An exponierten Stellen wurden ähnlich kleine Anlagen mit kleinen Panzerkuppeln aufgestellt. Alle diese Bauwerke galten schon während ihres Baus als veraltet und boten bestenfalls Schutz gegen Bomben- oder Granatsplitter. Betrieben wurde das Programm von der Grenzwacht, einer kleinen militärischen Truppe, die unmittelbar nach der Besetzung des Rheinlandes dort ihre Tätigkeit aufnahm. Errichtet wurden die Anlagen in der Nähe der Grenze. Das Westwallmuseum Konz ist ein als Museum eingerichteter Bunker dieser Baureihe.
Limesprogramm mini|links|Regelbau 10 des Limesprogramms von der Rückseite aus gesehen Adolf Hitler befahl am 28. Mai 1938 das Limesprogramm: die deutsche Westgrenze sollte von der Schweizer Grenze bis nach Brüggen (bei Venlo) durch den Bau von 11.800 Bunkeranlagen befestigt werden.