Kaili ist ein Dialektkontinuum in der Gruppe der Kaili-Pamona-Sprachen und wird in Zentral-Sulawesi (Indonesien) gesprochen. In seiner Gesamtheit ist Kaili eine der größten Mittelsulawesisprachen. Im Folgenden wird der Hauptdialekt Ledo, wie er im Bezirk (Kabupaten) Donggala und der Provinzhauptstadt Palu verwendet wird, beschrieben.
Sprachgenealogie Klassifikation
Die Kaili-Pamona-Sprachen (oder westliche Toraja-Sprachen) gehören zu den Sulawesisprachen, einem Zweig der West Malayo-Polynesischen Sprachen in der austronesischen Sprachfamilie.
Geschichte
Über die frühe Sprachgeschichte des Kaili ist nicht sehr viel bekannt, da es keine schriftlichen Zeugnisse aus vorkolonialer Zeit gibt.
Geografische Verteilung
Kaili wird fast ausschließlich in der Provinz Sulawesi Tengah (Zentral-Sulawesi, Indonesien) gesprochen. Es gibt aber nennenswerte Gruppen von vorübergehend oder dauerhaft abgewanderten Kaili-Sprechern auf Java in den Städten Jakarta und Yogyakarta.
Offizieller Status
Kaili ist nirgendwo Amtssprache. Es ist „Regionalsprache“ ohne offiziellen Status in der Republik Indonesien.
Dialekte und Soziolekte
Es gibt 13 Dialekte im Kaili: Rao, Tajio (oder Ajio), Kori, Doi, Unde (oder Ndepu, Undepu), Ledo (oder Palu), Da’a, Inde, Ija, Edo, Ado, Ava, Tara. Nicht alle Dialekte sind untereinander gut verständlich. Die Namen der Dialekte sind normalerweise das jeweilige Schibboleth mit der Bedeutung „nein, nicht“.
Hauptdialekt und Varietät mit dem höchsten Prestige ist Ledo, das vor allem in der Provinzhauptstadt Palu und dem Umland gesprochen wird; Ledo dient(e) darüber hinaus in weiten Teilen Mittelsulawesis sowie sporadisch in Küstenbereichen und kleinen Inseln des Golfs von Tomini als Lingua franca.
Sprecherzahlen
Ledo: 128.000 (Ethnologue, 2006) Kaili insgesamt: 334.000 (Kaseng, 1978) / 290.000 (Sneddon, 1983) / 233.500 (Ethnologue, 2006)
1979 war ein Drittel der etwas über 1 Mio. Bewohner der Provinz Sulawesi Tengah Muttersprachler des Kaili. Heutzutage sind es eine Viertelmillion der über 2,5 Millionen Einwohner. Beinahe alle Sprecher des Kaili sind mehrsprachig und sprechen zumindest noch Bahasa Indonesia.
Sprachsoziologie
Die staatlichen Zeitungen und die großen Fernsehsender verwenden ausschließlich Bahasa Indonesia. Einige private Radiosender senden (zumindest zeitweise) auch auf Ledo. Regionale Verlage bringen vereinzelt Bücher in Kaili heraus, jedoch kaum oder keine Übersetzungen ins Kaili, sondern nur regionale Literatur. Regionale Zeitungen und die wenige nicht-mündliche Literatur sind überwiegend im Ledo-Dialekt. Nationale Fördermittel für derartige regionalsprachlichen Medien scheinen zwar vorhanden aber recht ungleichmäßig (zugunsten Javas und Sumatras) verteilt zu sein.
Die folkloristischen Elemente der oralen Tradition im Kaili (Liedgut, Märchen, Mythen, Dichtung) sind immer noch weitgehend bekannt, auch modernes Kulturschaffen findet teilweise (aber nachlassend) in Kaili statt.
Kaili ist an den allgemeinbildenden Schulen weder als Unterrichtssprache noch als Unterrichtsgegenstand vorgesehen. Bemühungen einiger Linguisten und Pädagogen, Kaili zumindest in der Mittelschule zum Unterrichtsfach zu machen, stoßen bei Verwaltung und Bevölkerung gleichermaßen auf Indifferenz und Desinteresse.
Die Universitas Tadulako in Palu führt zwar ein Kaili-Wort im Namen, hat aber als staatliche Institution ausschließlich Bahasa Indonesia als Amts- und Unterrichtssprache. Es gibt aber Abteilungen für Linguistik, für Literaturwissenschaft und für die Lehrerausbildung, die sich u. a. mit Kaili beschäftigen.
Linguistisches Ungleichgewicht Stadt – Land In den Großstädten wirkt sich die Transmigrasi-Politik Suhartos aus. Es gibt viele Menschen, deren Muttersprache eine andere Regionalsprache ist. Gegenüber diesen wird Bahasa Indonesia verwendet. Oftmals entstehen so bi- bzw. trilinguale Familien, in denen dann stets Bahasa Indonesia oder Betawi/Jakarta-Indonesisch die „Verkehrssprache“ ist. Im tieferen Hinterland ist Kaili jedoch nach wie vor die Hauptsprache, oft auch die einzige Sprache. Hier gibt es überwiegend monolinguale Familien (Kaili) und nur in seltenen Fällen Mischfamilien, in denen hauptsächlich Bahasa Indonesia gesprochen wird.
Generationenfrage Die sehr Alten (Kindheit bis 1930er Jahre) sind oft noch einsprachig in Kaili Die Generationen, die seit der Unabhängigkeit (1945) aufgewachsen sind, sind in der Regel zweisprachig (Bahasa Indonesia und Kaili), wobei sie im Elternhaus Kaili und in der Schule/im Beruf Bahasa Indonesia gelernt haben bzw. verwenden. Die jüngsten Generationen (Spracherwerb seit den 1980er Jahren) sind zumeist auch im Elternhaus schon mit Bahasa Indonesia als Erstsprache aufgewachsen und haben Kaili – wenn überhaupt – nur sporadisch gelernt (nur passive Kenntnisse), es gibt eine ganze Generation von Halbsprechern, die weder in Kaili noch in Bahasa Indonesia eine lückenlose Kompetenz haben.
Domänen In der Schule, im Berufsleben und im Umgang mit Behörden ist die Verwendung der Bahasa Indonesia Pflicht. Unter den Schülern (auch wenn sie alle Kaili sprechen) wird daher auch privat meist Bahasa Indonesia verwendet.
Im semiformellen und familiären Umfeld (auch beispielsweise beim Einkauf in den kleineren privaten Läden) wird Kaili verwendet, wenn alle Gesprächsteilnehmer Kaili verstehen und sprechen können. Außerhalb der Provinz Sulawesi Tengah wird Kaili allenfalls als eine Art Geheim- oder Gruppensprache verwendet.
Prestige
Je nach Situation kann eine gute Kompetenz in Kaili (insbesondere „gepflegtem Ledo“) auch als ein positives Gut angesehen werden. Normalerweise wird aber eher Wert auf eine gute Beherrschung der Bahasa Indonesia gelegt, die in Schule und Beruf erfolgverheißender ist. Kaili wird als Kulturgut empfunden, dessen alltäglicher Nutzwert gegen Null strebt, sobald man die Region verlässt.
Bedrohungssituation
Mit einer (noch) sechsstelligen Sprecherzahl scheint Kaili vordergründig nicht akut gefährdet zu sein. Die Entwicklung der letzten 60, insbesondere aber der letzten 20 Jahre lässt jedoch ahnen, dass die Sprache auf Dauer dem Druck der Bahasa Indonesia nicht gewachsen sein wird. Da Kaili seit Jahrhunderten eine wichtige Lingua franca in der Region ist und auch die Sprache der im Bezirk Donggala politisch wie ökonomisch dominierenden Bevölkerung, übt es seinerseits permanent Druck auf kleinere Sprachen der Region aus. Die Bedeutung des Kaili als Verkehrssprache lässt jedoch nach; in diese Domäne dringt Bahasa Indonesia geplant vor. Für die Situation des Kaili selbst gibt es noch keine detaillierten Untersuchungen, vgl. aber Himmelmann (2009) für die benachbarten Tolitoli-Tomini-Sprachen, die von Regionalsprachen, darunter Kaili, „bedrängt“ werden.
Phonetik und Phonologie
Lautinventar und Silbenstruktur des Kaili sind typisch für die Sprachgruppe und die Region: Sie sind recht überschaubar und wenig komplex. Es gibt keine seltenen oder komplizierten Laute, gewöhnungsbedürftig für deutsche Muttersprachler ist lediglich, dass /ŋ/ auch am Silben- und Wortanfang stehen kann.
Konsonanten
bilabial labio-dental alveolar post-alveolar palatal velar glottal stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. Plosive p b t d k g ʔ Nasale m n ɲ ŋ Vibranten r Frikative v s h Affrikaten tʃ dʒ Approximanten w j laterale Approximanten l
Vokale
vorne zentral hinten ung. ger. ung. ger. ung. ger. geschlossen i u halbgeschlossen e o mittel ə offen a
Vor /a/, /i/, /j/ werden /i/, /e/, /o/, /a/ palatalisiert gesprochen, vor /u/, /w/ werden /u/, /e/, /i/, /a/ labialisiert gesprochen.
Alle Vokale gibt es als Lang- und Kurzvokale.
Silbenstruktur Nicht-affigierte Wörter haben 1–4 (überwiegend 2) offene Silben aus einem Konsonanten und einem Vokal.
Es gibt – typisch für Sprachen dieser Region – keine Konsonantenverbindungen (Cluster), die über zwei Konsonanten hinausgehen.
Betonung Betonung (Wortakzent) spielt im Kaili offenbar keine bedeutungsunterscheidende Rolle. Der Wortakzent liegt auf der Penultima (vorletzte Silbe), von dort aus gibt es abwechselnd unbetonte Silben und Silben mit Nebenakzenten. Kaili ist keine Tonsprache.
Grammatik Kaili ist eine typische malaio-polynesische Sprache, deren Morphologie isolierende, aber auch einige agglutinierende Charakteristika aufweist. Sie verfügt über eine Vielzahl von Affixen für die Derivation und Flexion. Substantive und Adjektive haben keinerlei Flexion.
Es gibt prinzipiell keine Genera, keine Numeri oder Kasus. (Natürliches) Geschlecht und Anzahl werden bei Bedarf lexikalisch ausgedrückt, semanto-syntaktische Rollen durch syntaktische Position und Verbflexion markiert. Komparation und Gradation funktionieren teilweise morphologisch, teilweise lexikalisch. Der Satzbau ist überwiegend SOV, die Sprache hat ausschließlich Präpositionen.
Morphologie
Die Morphologie des Kaili ist im Wesentlichen die Konjugation des Verbs sowie Wortbildung durch Komposition und Reduplikation.
Affigierung Präfixe (Auswahl)
{na-}/{ne-}/{no-} Realis, Durativ dau – nodau‘nähen’ – ‘nähend’ (am nähen) kande – nangande‘essen’ – ‘essen(d)’ sakaya – nosakaya‘Boot’ – ‘ein Boot besitzen’ sikola – nosikola‘Schule’ – ‘zur Schule gehen’ gasa – nagasa‘sauber’ - ‘sauber sein’ {ma-}/{me-}/{mo-} Irrealis, Habituativ etc. tua – matua ‘alt’ – ‘alt werden, altern’ ruma – meruma‘Haus’ – ‘bewohnen, hausen’ kande – mangande‘essen’ – ‘essen(d)’ sangu – mosangu‘eins’ – ‘vereinen’ jarita – mojarita‘reden’ – ‘(be)sprechen’ tora – motora‘Wunsch’ – ‘wünschen’ {ni-}Passiv/Objektfokus keni – nikeni‘tragen’ – ‘getragen’ {nu-}Demonstrativ banua – nubanua/nubunua‘Haus’ – ‘dieses Haus’ {ka-}‘für’, Ordinalzahl ngana – kangana‘Kind’ – ‘für das Kind, Kinder-’ sangu – kasangu‘eins’ – ‘erste(s/r)’ {pa-}/{pe-}/{po-} a) Kausativ/Faktitiv sangu – pasangu‘eins’ – ‘vereinen’ b) Nomen Agentis, Nomen Instrumenti, Nomen Loci jarita – pajarita‘reden’ – ‘Erzähler, Sprecher’ turu – paturu‘schlafen’ – ‘ Schlafstatt’ {popo-}Transitivierung + Kausativ/Faktitiv berei – popoberei‘Ehegatte/-in’ – ‘heiraten’ tumangi – popotumangi‘weinen’ – ‘zum Weinen bringen’ (ng)ana – popoana‘Kind’ – ‘schwängern’ {si-}‘gemeinsam’ tuvu – sintuvu‘leben’ - ‘zusammen leben’ {ti-}/{te-}‘unbeabsichtigt, unwillkürlich’ navu – tinavu‘fallen’ – ‘zusammenbrechen’ turu – teturu‘schlafen’ – ‘wegdämmern’
Suffixe (Auswahl) {-a}‘viel(e)’, ‘Abstraktum’ talu – talua‘gärtnern’ – ‘Garten, Parkanlage’ kande – kandea‘essen’ – ‘Essen’, auch: ‘Reis’ savi – savia‘fahren’ – ‘Fahrzeug’ bulu – bulua‘Körperhaar’ – ‘Haupthaar’ {-si}‘Grund’, ‘Ursprung’, Faktitiv toro – torosi‘genesen – ‘Medizin’ mate – matesi‘tot’ – ‘töten’ lai – laisi‘gehen’ – ‘kommen von’ dua – duasi‘krank’ – ‘krank machen(d)’ {-pa}‘Versuch’ kande – kandepa‘essen’ – ‘probieren, anbeißen’ epe – epepa‘hören’ – ‘versuchen zuzuhören’
Zirkumfixe (Auswahl) {pa- -a}‘Ort’ turu – paturua‘schlafen’ – ‘Schlafstatt’ {ka- -a}‘Zustand, Abstraktum’ pande – kapandea‘geschickt’ – ‘Geschicktheit’ {na- -i}/{ma- -i}‘anwenden’ talinga – nantalingai‘Ohr’ – ‘zuhören’ (vgl. dt. ein Ohr leihen) {nomba- -i}‘versehen mit’ (Ornativ) vatu – nombavatui‘Stein’ – ‘pflastern, mauern’ {nosi- -si}‘einander, reziprok’ dua – nosiduasi‘krank’ – ‘einander anstecken’
Infixe (Auswahl) Die Infixe sind durchweg linksperiphär. Sie können nur nach dem ersten Konsonanten einer wortinitialen Silbe eingefügt werden:
{-in-}‘Ergebnis’ sole – sinole‘braten’ – ‘Gebratenes’ talu – tinalu‘gärtnern’ – ‘ Garten’ {-um-}‘anwenden’ somba – sumomba‘Segel’ – ‘segeln’ tangi – tumangi‘Träne’ – ‘weinen’ {-imb-}‘Ergebnis, Folge’ tala – timbala‘Scheidung’ – ‘Geschiedene(r)’ {-il-}‘Absicht’ hau – hilau‘gehen’ – ‘gehen wollen’
Beispiele für komplexe Affigierung