Die Zahlungsbilanz erfasst in der Volkswirtschaftslehre für eine bestimmte Rechnungsperiode wertmäßig alle wirtschaftlichen Transaktionen zwischen Inland und Ausland und gibt Auskunft über die ökonomische Verflechtung einer Volkswirtschaft mit dem Ausland.

Allgemeines Als Inländer gilt jede natürliche Person mit einem Wohnsitz und jede juristische Person mit Geschäftssitz im Bezugsland; darüber hinaus auch jede Wirtschaftseinheit – auch Zweigstellen oder Produktionseinheiten, die keine eigenständigen Unternehmen sind –, sofern sie den Hauptteil ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten im Inland ausübt.

Die Transaktionen werden in der Zahlungsbilanz analog zu betriebswirtschaftlichen Einnahmen und Ausgaben betrachtet, d. h. die Zahlungsbilanz stellt eine Nettogeldvermögensrechnung bezogen auf eine gesamte nationale Volkswirtschaft dar.Wolfgang Stützel, Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft, Aalen: Scientia, 1979, S. 60–63. In Deutschland gibt die Deutsche Bundesbank monatlich die Zahlungsbilanz heraus.Deutsche Bundesbank, Publikationen zur Zahlungsbilanz (Direktlink). Grundlage ist eine Richtlinie des Internationalen Währungsfonds (IWF) über den Aufbau der Zahlungsbilanz. rechts

Struktur der Zahlungsbilanz Der große Unterschied zu einer Bilanz im betriebswirtschaftlichen Sinne ist, dass die Zahlungsbilanz Stromgrößen und keine Bestandsgrößen erfasst. Es wird somit die Veränderung eines Postens über einen Zeitraum und nicht der Gesamtsaldo zu einem Zeitpunkt gemessen. Ein weiterer Unterschied zu der betriebswirtschaftlichen Kontenform ist, dass die Soll- und Habenseite zu einer Spalte zusammengefasst wird. Das Prinzip der doppelten Buchführung findet jedoch auch in der Zahlungsbilanz seine Anwendung: Zu jeder Buchung muss eine Gegenbuchung erfolgen.

Die Zahlungsbilanz als Ganzes ist also formal stets ausgeglichen. Hauptsächlich bestehen diese beiden Buchungen bei privaten Wirtschaftssubjekten aus der wertmäßigen Erfassung eines Gutes (Leistungstransaktionen) und der Erfassung von Forderungen und Eigentumsrechten (Finanztransaktionen). Somit wird deutlich, dass die Gesamtbilanz immer ausgeglichen sein muss, da betragsmäßig der Wert z. B. eines gelieferten Autos und die Bezahlung übereinstimmen müssen, beide Positionen werden jedoch in verschiedenen Teilbilanzen gebucht. Überschüsse oder Defizite können also nur bei Teilbilanzen auftreten.

Die Deutsche Bundesbank unterteilt die Zahlungsbilanz in Leistungsbilanz, Vermögensänderungsbilanz, Kapitalbilanz, sowie einem „Restposten“. Diese Struktur folgt den Vorgaben des IWF. Diese Begriffe haben in der Terminologie der Bundesbank und des IWF die folgenden englischen Entsprechungen:

Leistungsbilanz: Vermögensänderungsbilanz: Kapitalbilanz: . Man beachte die nicht intuitive Verwendung von capital account. Dieser Begriff wird in Lehrbüchern und in Publikationen auch oftmals in einem umfassenden Sinn für Kapitalbilanz und Vermögensänderungsbilanz benutzt.

Die Bundesbank verwendet, wie vom IWF vorgegeben, für einen Nettokapitalexport ein positives Vorzeichen in der Kapitalbilanz und in der Leistungsbilanz.

Hiermit ergibt sich die folgende Formel für die Salden der Teilbilanzen: . Typischerweise sind der Vermögensänderungssaldo und der Restposten im Vergleich zum Leistungsbilanzsaldo und zum Kapitalbilanzsaldo klein, womit der Leistungsbilanzsaldo in etwa so groß ist wie der Kapitalbilanzsaldo – bei gleichem Vorzeichen.

Leistungsbilanz In der Leistungsbilanz werden

der Warenverkehr (Handelsbilanz), die Dienstleistungen (Dienstleistungsbilanz), die Arbeits- und Kapitaleinkommen (Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen) zusammengefasst, die sich in einem gewissen Zeitraum zwischen einer Volkswirtschaft und dem Ausland ergeben.

Zusammen ergeben diese Teilbilanzen den Saldo der Leistungsbilanz. Wird in den Medien von einem „Zahlungsbilanzsaldo“ gesprochen, so ist fast immer der Saldo der Leistungsbilanz gemeint. Dieser ist dann positiv, wenn die Exporte die Importe (zuzüglich der Nettovermögensübertragungen an Ausländer) übersteigen. Der Außenbeitrag ist definiert als die Summe der Salden der Handelsbilanz und der Dienstleistungsbilanz. Er ist gleich dem Nettoexport an Gütern und Dienstleistungen. Es gilt:

Bilanz der Vermögensänderungen oder Vermögensübertragungen (Schenkungsbilanz) Die zweite Teilbilanz der von der Bundesbank aufgestellten Zahlungsbilanz ist die Vermögensänderungsbilanz, die auch Übertragungsbilanz genannt wird. Im Gegensatz zu den laufenden Übertragungen der anderen Teilbilanzen werden hier diejenigen unentgeltlichen Leistungen verbucht, die nicht direkt das Einkommen oder den Verbrauch der beteiligten Länder verändern (z. B. Schuldenerlass) und nur einmalig erfolgen.

Zusammen mit dem Saldo der Leistungsbilanz gibt der Saldo der Vermögensübertragungen den Finanzierungssaldo zwischen In- und Ausland an. Dieser Finanzierungssaldo entspricht bis auf einen statistischen Restposten der Veränderung des finanziellen Nettoauslandsvermögens.

Kapitalbilanz In der Kapitalbilanz werden alle Änderungen von Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland erfasst. Die beiden möglichen Buchungen sind hier Kapitalexport (d. h. Zunahme der Forderungen oder Abnahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland) sowie Kapitalimport (Abnahme der Forderungen bzw. Zunahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland). Kapitalimporte finden sich auf der Soll-Seite und Kapitalexporte auf der Haben-Seite. Die Differenz zwischen Kapitalexport und Kapitalimport wird als Nettokapitalexport bezeichnet. Dieser kann positiv (Export überwiegt) oder negativ (Import überwiegt) sein.

Die Bundesbank unterteilt die Kapitalverkehrsbilanz in vier Unterbilanzen:

Die Direktinvestitionen umfassen alle Beteiligungen deutscher Unternehmen an ausländischen Unternehmen und umgekehrt von mehr als zehn Prozent, zu Wertpapieren zählen Aktien, Investmentzertifikate, Rentenwert und andere Geldmarktpapiere, eine weitere Unterbilanz bilden die Finanzderivate, wie z. B. Termingeschäfte, der Kreditverkehr wird noch in kurzfristigen und langfristigen Kreditverkehr unterteilt.

Zudem gibt es noch sonstige Kapitalanlagen und den Ausgleichsposten der statistisch nicht zurechenbaren Kapitalbewegungen.

Die Bundesbank verwendet, entsprechend den Vorgaben des IWF, für einen Nettokapitalexport ein positives Vorzeichen in der Kapitalbilanz und in der Leistungsbilanz. Dies entspricht der folgenden Formel:

. Eine positive Leistungsbilanz (Leistungsbilanzüberschuss) geht, da der Saldo der Vermögensänderungsbilanz und der Restposten in der Regel deutlich kleiner als der Leistungsbilanzsaldo sind, typischerweise einher mit einem Nettokapitalexport (Zunahme der Forderungen oder Abnahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland). Dies ändert das Nettoauslandsvermögen eines Landes: ein Nettogläubigerland erhöht seine Nettogläubigerposition, ein Nettoschuldnerland reduziert seine Nettoschuldnerposition. Eine negative Leistungsbilanz (Leistungsbilanzdefizit) dagegen geht einher mit einem Nettokapitalimport (Abnahme der Forderungen oder Zunahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland). Dies ändert das Nettoauslandsvermögen eines Landes: ein Nettogläubigerland vermindert seine Nettogläubigerposition, ein Nettoschuldnerland erhöht seine Nettoschuldnerposition. Über die Veränderung des Volksvermögens (Reinvermögen des Landes), also darüber, ob ein Land im Sinne der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung „gespart“ (sein Reinvermögen erhöht) hat, kann nur aufgrund seiner Leistungsbilanz nichts ausgesagt werden, da sich die Reinvermögensänderung eines Landes erst ergibt, wenn zum Leistungsbilanzsaldo die Veränderung des Sachvermögens hinzugezählt wird. Dies kommt in der Grundgleichung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zum Ausdruck, dass sich für eine offene Volkswirtschaft das Sparen S aus der Investition (bedeutet in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung: Sachvermögensänderung) zuzüglich des Leistungsbilanzsaldos (Exporte – Importe) ergibt.

Devisenbilanz Die Devisenbilanz beschreibt die Veränderung der offiziellen (nationalen) Währungsreserven der Zentralbank. Zu den Währungsreserven zählen liquide Devisenbestände der Zentralbank (Für den Euro-Raum heißt das: Forderungen in Fremdwährung gegenüber nicht im Euro-Raum Ansässigen – meist lauten sie auf US-Dollar), der Goldbestand, die Reserveposition im Internationalen Währungsfonds sowie alle bestehenden Sonderziehungsrechte.

Die Veränderung aller übrigen Forderungen der Zentralbank wird nicht in der Devisenbilanz, sondern in der Kapitalbilanz festgehalten. Die Verbindlichkeiten der Zentralbank befinden sich ebenfalls in der Kapitalbilanz.

Seit 1999 können die Zentralbanken des Euro-Raums nur noch im Rahmen der Regeln des ESZB (Europäisches System der Zentralbanken) über ihre Währungsreserven verfügen.

Restposten In der Zahlungsbilanz wird diese Position „Saldo der statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen“ genannt. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird jedoch von Restposten gesprochen.

Diese Teilbilanz erfasst alle statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen. In ihr werden fiktive Buchungen zu Transaktionen erfasst, denen aufgrund ungenauer statistischer Erfassung keine Gegenbuchungen entsprechen. Sie ist also eine Art Ausgleichsposition, damit Soll- und Haben-Seite auch tatsächlich ausgeglichen sind.

Zu den Restposten zählen Überweisungen in das Ausland unterhalb der Meldegrenze, sog. „Koffergeschäfte“ und nicht weiter aufgliederbare Posten.

Systematik der Zahlungsbilanz Doppelte Buchführung Der Grundgedanke der doppelten Buchführung in der Zahlungsbilanz ist, wie oben bereits erwähnt, relativ simpel: Die Unternehmen und Individuen müssen für die erhaltenen Leistungen (Waren, Dienstleistungen) aus dem Ausland bezahlen oder Verbindlichkeiten gegen sich akzeptieren und umgekehrt. Jede Leistungstransaktion zieht eine Finanztransaktion nach sich und wirkt sich somit auf die Leistungs- und die Kapitalbilanz aus.

Eine zweite große Gruppe von Vorgängen sind Finanztransaktionen, die weitere Finanztransaktionen nach sich ziehen. Ein nur auf die Kapitalbilanz beschränktes Geschäft wäre z. B. der Kauf von Aktien und deren Bezahlung. Ungleichgewichte zwischen Leistungs- und Kapitalbilanz können also nur durch Leistungstransaktionen hervorgerufen werden.

Buchungsbeispiele Um die Buchungssystematik der Zahlungsbilanz besser zu verstehen, bietet es sich an, mehrere Beispiele aus dem „normalen“ internationalen Handel zu buchen:

Ein deutsches Unternehmen exportiert Waren im Wert von 500 US-Dollar in die USA. Dieser Vorgang wird als Warenexport in der Leistungsbilanz gebucht. Der Käufer überweist den Betrag in Dollar von seiner Bank an die deutsche Bank des Exporteurs. Diese hat somit kurzfristige Forderungen gegen die US-Bank. Die deutsche Bank schreibt dem Exporteur den Gegenwert als Euro auf seinem Bankkonto gut.

Zahlungsbilanz: +Soll (Deviseneinnahmen aus:)Haben (Devisenausgaben für:)LeistungsbilanzWarenexporteWarenimporteKapitalbilanzKapitalimporte/Kreditaufnahme im Ausland Kapitalexporte/Kreditvergabe an das AuslandZunahme von Verbindlichkeiten bzw. Abnahme von ForderungenAbnahme von Verbindlichkeiten bzw. Zunahme von Forderungen