Teleologie (, Gen. τέλεος téleos ‚Zweck‘, ‚Ziel‘, ‚Ende‘) ist die Lehre ( lógos), der zufolge Handlungen und Dinge oder überhaupt die Prozesse ihrer Entstehung und Entwicklung durchgängig zielorientiert ablaufen. Woraus die Ziele bestehen und wer oder was ihre Ursache sei – ob ein Gott, ein schöpferisches Energiepotential oder der Mensch mittels einer unzulässigen Anthropomorphisierung – ist der Gegenstand von seit der Antike anhaltenden Diskussionen, an denen Philosophie, Wissenschaft und Theologie gleichermaßen beteiligt sind. Je nach Konfession, Weltbild und Schärfe des Denkens ihrer Akteure bieten sie mehr oder minder übereinstimmende oder eher unvereinbare Antworten.
Es gibt also verschiedene Zwecklehren mit je eigenen Vorgeschichten; der sie unter sich zusammenfassende Begriff Teleologie wurde erstmals vom deutschen Philosophen Christian Wolff in seiner Philosophia rationalis, sive logica (1728) eingeführt.Busche, S. 970.
Teleologische Weltanschauungen Wissenschaftliche Teleologien der jüngeren Gegenwart stammen von Karl Popper, Sigmund Freud und Wolfgang Stegmüller. Ihre Gemeinsamkeit stellt dar, dass sie sich auf Darwins Evolutionstheorie beziehen, wobei unter dem Zweck dieses Geschehens allgemein etwas verstanden wird, durch das sich die Phänomene an ihre jeweils unmittelbare Umgebung anpassen. Gemäß Freuds Erörterung der ökonomischen Koordinate seiner MetapsychologieSigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips. Kapitel 1: „Das Lustprinzip und seine Einschränkung durch das Realitätsprinzip“. liegt dem ein immanentes Streben nach energetischer Selbstoptimierung zugrunde (Ausmerzung ‚sinnlos‘ energievergeudender Aspekte oder Umwege) – also nicht die Erlangung eines Ziels, das ihnen von einem fremden Willen auferlegt oder eingepflanzt worden sei.
Auch die moderne Kosmologie vermutet hinter allem phänomenalen Geschehen kein göttliches Wollen; annehmbar sei allenfalls eine so genannte Singularität. Hierbei handelt es sich zwar um keinen empirisch fassbaren Gegenstand (physikalisch sind jenseits der Planck-Grenze sinnvolle Aussagen unmöglich), nichtsdestotrotz gilt sie als undimensionales Potential all jener Energien, die durch den Urknall raumzeitliche Formen (Dimensionen) anzunehmen begannen, d. h. sich als Kosmos manifestierten.
Energeia stellt für den griechischen Philosoph Aristoteles nun keinen bloß physikalischen Sachverhalt dar, als vielmehr den metaphysischen Inbegriff aller schöpferischen Tätigkeit, bzw. mit Denkvermögen begabter Bewegung. So führt er eine den Lebewesen wie unbelebten Dingen innewohnende Zweckmäßigkeit auf den Unbewegten Beweger als die erste Ursache des Kosmos insgesamt zurück.„Ätiologie (griech. αἰτιολογία aitiología – von αἰτία aítia ‚Ursache‘ und lógos ‚Wort‘, ‚Lehre‘), die Lehre von den Ursachen und ihren Wirkungen, gilt gewöhnlich als der zweite Teil der spekulativen Metaphysik, während der erste, die Ontologie, vom Wesen der Dinge und der dritte, die Teleologie, von dem Zwecke derselben handelt.“ (Friedrich Kirchner, Carl Michaëlis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. neubearbeitet von Carl Michaëlis, 5. Auflage. Leipzig 1907, S. 48, vgl. S. 22).
Weiterhin ist Aristoteles einer der ersten Philosophen, die mit der Untergliederung der Naturforschung in verschiedene Fachgebiete begannen und dabei nach rein vernünftigen Kriterien zu urteilen bemüht waren. So unterscheiden sich solche wissenschaftlichen Teleologien inhaltlich von den Zwecklehren der monotheistischen Religionen. Während für erstere die zu entdeckenden Naturgesetze maßgeblich sind, um den Menschen von seiner ersten Ursache her verstehen und wo erforderlich Empfehlungen im Sinne eines fundierten Glückszustandes geben zu können (s. Nikomachische Ethik), orientieren sich die Glücks- oder Erlösungsvorstellungen letzterer dogmatisch an den moralischen Verhaltensvorschriften u. a. des alttestamentlichen Dekalogs. Mythische Erzählungen wie das vom biblischen Gott im Paradiesgarten erlassene Verbot der Berührung des Baumes der Erkenntnis und des Verstoßes dagegen bieten dem Betrachter eine Art Rechtfertigung für die Herkunft des menschlichen Leidens auf Erden: dass es nämlich im Sinne einer Strafe zu verstehen sei, die die Menschheit zunächst abzubüßen hätte, bevor ihr die Erlösung zuteilwerden kann.
Transzendente und immanente Teleologien Diese Begriffe unterscheiden, ob einer jeweiligen Weltanschauung die Annahme einer entweder äußeren (transzendenten) oder aber inneren immanenten Zweckursache zugrunde liegt.Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Band 3, Werkausgabe Bd. 19, S. 173.
Transzendente Auffassungen
Mittels der göttlichen Vernunft des Nous wird bei Anaxagoras die zweckmäßige Ordnung der Welt durch das Wirken einer Urkraft erzeugt, die nicht räumlich in den Dingen vorhanden ist, somit das sinnlich Erfahrbare übersteigt oder transzendiert, sich von ihnen aber auch nicht konkret abtrennbar denken lässt. So stellt für Heraklit ein dem Urfeuer des Logos innewohnender Mangel i. S. von Begehren (s. a. Eros) geradezu die Ursache der Weltbildung dar, Sättigung entsprechend die ihrer Vernichtung.Herman Diels: Die Vorsokratiker. Kap. Heraklit. Aphorismen Nr. 65 und 66. Ähnlich argumentiert Freud im Kontext seiner universalen „Libido“-Energie : Jegliches seelische Geschehen wurzele im Spannungsauf- und -abbau dieser Energie, die dem Lebewesen in Form des Wechsels von der Bedürfnisregung hin zur Bedürfnisstillung spürbar und bewusst werde. Platon, aus dessen Darlegung des Eros anhand der Kugelmenschen Freud eine wichtige Anregung zur genaueren Gestaltung der Libidotheorie übernahm, führt die Welt mit ihren einzelnen Phänomen auf einige wenige Ideen zurück, deren höchste repräsentiert ist durch die form-, farb- und geruchlose Wesenheit einer reinen DynamisPlatons Dialoge "Sophistes" und "Phaidros" und Anaximander ortet die Ursache allen kosmischen Geschehens im Apeiron, das als das unerschaffen-unzerstörbare Unbegrenzte (Unfassbare) die fassbaren seienden Dinge in sich – wie aus dem 'Nichts' – entstehen und auch wieder vergehen lässt, indem sie aneinander Strafe und Buße tuen für ihre Ungerechtigkeit, nach dem Befehl der Zeit. Von einer transzendenten Zweckursache sowohl der Welt als auch der 10 Gebote handelt – nach Auffassung der christlichen Theologie sowie mancher ihrer Gegner – ebenfalls die alt- und neutestamentarische göttliche Vorsehung mit ihrem respektiven Gottesbegriff.
Immanente Teleologien
Anders als Platon, der für das Reich seiner im Alter zunehmend mathematisch formulierten Ideen einen überhimmlisch gelegenen Aufenthaltsort konzipiert, verlegt Aristoteles die Zweckursache der Welt ins Innere der anfänglich formlos gedachten Materie und schreibt der Herausbildung ihrer konkreten Formen sowie des weiteren Verhaltens solcher Dinge und Lebewesen ein Streben nach bestimmten Zielzuständen zu, mit deren Erlangung sich ihr Dasein vollendet. Der Zielzustand des Menschen (Anthropos) verwirkliche sich in seinem So-Sein als Zoon politikon und durch die davon bedingte Glückseligkeit (Eudämonie).
Teleologie und evolutive Kausalität Wie bei der Gegenüberstellung von Transzendenz und Immanenz, wurde in der Philosophiegeschichte des Abendlandes auch bezüglich des Gegensatzes von Monismus und Dualität der Versuch unternommen, für die Teleologie gültige Unterscheidungen zu treffen. Während dualistische Konzepte Teleologie und Kausalität als sich gegenseitig ausschließende Begriffe auffassen, betrachten monistische Positionen beide als einander ergänzende Aspekte. Teleologie und Kausalität stehen somit nicht im Widerspruch zueinander, sondern bilden durch die Annahme einer ersten Ursache, die das energetisch-mechanische Weltgeschehen bestimme, eine philosophisch übergeordnete Synthese.Rudolf Eisler: Teleologie I in: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. 1904.
Einen Monismus diesen Sinnes vertritt Sigmund Freuds Metapsychologie, indem sie den kausalen Prozessen der Evolution mit der „Libido“ ein teleologisches Moment voraussetzt, das sich die Lebewesen anhand natürlicher Zuchtwahl zur Schönheit entwickeln lässt. Das Ziel (telos) besteht nicht aus einem erst nach und nach zu erlangenden Maximum an Komplexität, wie es eine Interpretation der klassischen Geschichte des Menschen als Krone der Schöpfung behauptet, sondern aus Anpassung an die Faktoren der jeweiligen Umgebung. Da diesem evolutiven Geschehen der Prozess einer energetischen Optimierung zugrunde liegt, baut er aufwendig komplex oder stark entwickelte Organe auch wieder ab, sofern sie sich als überflüssig oder weniger beansprucht erweisen. (Beispiel: Abschwächung des Gebisses bei parallelem Wachstum des Gehirns im Zuge der Hominisation; ebenfalls die teils vollständige Rückbildung der Augen bei einigen Arten der Höhlenfische). Dieser sich energetisch selbstoptimierende Prozess inkludiert, neben dem objektiven Schönen der entstehenden Strukturen, das Gut ihrer Stabilität gegenüber angreifenden Faktoren. (Vgl. Florian Freistetters Fachartikel Goldener Schnitt, die irrationalste aller Zahlen.)https://www.spektrum.de/kolumne/die-irrationalste-aller-zahlen/1430636
Der konstitutiven Rolle, die die Teleologie in diesen Ansätzen ausübt, lässt sich ein im „regulativen“ Sinne zu verstehender heuristischer Gebrauch gegenüber stellen. So studiert die moderne Wissenschaft der Teleologie analoge Vorgänge unter der Bezeichnung Teleonomie.
Negationen der Teleologie Strikt anti-teleologisch ausgerichtet sind die rein mechanistisch-kausal konzipierten Weltanschauungen (Lucrez, Hobbes, Descartes),„Mechanismus (neulat.-franz.; v. altgriech. μηχανή mēchanḗ = Maschine) nennt man, im Unterschied vom Organismus, ein Wesen, das nur durch äußere Kräfte, also Druck und Stoß, in Bewegung gesetzt wird. Mechanismus heißt ferner die Weltansicht, welche das Geschehen in der Natur nur auf Ursachen und Kräfte zurückführt und alle Zweckerklärungen ausschließt. Ihr Gegensatz ist die Teleologie (s. d.). Vgl. Lamettrie, L’homme machine. 1748.“ (Kirchner/Michaelis, S. 352). darunter insbesondere der eliminative Materialismus. Der Akt der Elimination wendet sich hier allerdings nicht lediglich gegen die Hypothese eines teleologisch wirkenden Faktors, vielmehr wird das Vorhandensein eines Ziele setzen könnenden geistigen Prinzips in der Materie grundsätzlich zu einem Irrglaube erklärt. Der Körper bzw. die Physis (griechisch: Natur) – auch beim Menschen – ist demnach prinzipiell geistlos.
Philosophiegeschichte
Dieser Satz, überlieferungsgemäß Leukipp zugeschrieben, weist entschieden jedwede Teleologie zurück, denn unter „Grund“ (lógos) ist hier nichts anderes zu verstehen als das mathematisch-mechanische Gesetz, welchem die Atome in ihrer Bewegung mit unbedingter Notwendigkeit folgen.Lange: Geschichte des Materialismus. S. 22. In: Digitale Bibliothek. Band 3: Geschichte der Philosophie. S. 3505 (vgl. Lange-Mat., S. 16).
Verschiedene Denker nehmen an, dass die Teleologie insgesamt in der Theologie beheimatet sei: dass nämlich ein unfehlbarer Baumeister – im Sinne einer nicht weiter hinterfragbaren ersten Ursache – den Kosmos so eingerichtet habe, dass der Mensch, der seine eigene, freilich fehlbare Vernunft etwa beim Maschinenbau in analoger Weise anzuwenden lernte, jenes hypothetische Konstruktionsverfahren (welches mündet in seiner eigenen 'Herstellung' als dessen Krone) rückblickend als zweckmäßig erkennen muss. Aristoteles scheint im Wesentlichen ein Vertreter dieser Position zu sein. In seine Erwägungen bezieht er frühere Philosophen wie Empedokles, Anaxagoras, Sokrates und Platon mit ein, doch sieht er sich selbst als den Begründer einer besonderen Zwecklehre.