mini|Europäische mittelalterliche Darstellung aus einer Ausgabe des Recueil des traités de médecine des Rhazes in der Übersetzung von Gerhard von Cremona, um 1255
Die Harnschau (auch HarnbeschauLexikon des Mittelalters. und Urinschau) oder Uroskopie ist die Betrachtung und Prüfung von Urin zu diagnostischen Zwecken (Urognostik). Sie war von der Antike bis weit in die frühe Neuzeit hinein das wichtigste diagnostische Mittel der Medizin im Bereich der Humoralpathologie, der Säftelehre nach Hippokrates von Kos (ca. 460 bis ca. 370 v. Chr.) und Galen von Pergamon (ca. 129 bis ca. 216 n. Chr.).
Geschichte Die Harnschau bzw. Uroskopie, von der schon in Mesopotamien und dem Alten Ägypten berichtet wurde, hat ihre antiken Wurzeln vor allem in den Beobachtungen der Hippokratiker. Sie wurde unter anderem von Galen, dessen Einfluss auf das medizinische Denken bis weit ins 16. Jahrhundert reichte, weiter ausgearbeitet.Karl Gottlob Kühn (Hrsg.): Claudii Galeni Opera Omnia. Band 19, Leipzig 1830, S. 574–601: Galeno adscriptus liber de urinis (Digitalisat); S. 602–608: Galeni de urinis compemdium (Digitalisat); S. 609–628: De urinis ex Hippocrate, Galeno et aliis quibusdam (Digitalisat)
Auch die byzantinischen Ärzte Oreibasios, Aëtios von Amida und Alexander von TralleisVgl. auch Malte Stoffregen: Eine frühmittelalterliche lateinische Übersetzung des byzantinischen Puls- und Urintraktats des Alexandros. Text, Übersetzung, Kommentar. Medizinische Dissertation FU Berlin 1977. beschäftigten sich in ihren im 4. bis zum 7. Jahrhundert entstandenen Schriften mit uroskopischen Lehren. Nach der Säftelehre ließen sich an der Beschaffenheit des menschlichen Urins die etwaigen vorliegenden Krankheiten des Betreffenden aufgrund der zugrundeliegenden fehlerhaften Mischung der Körpersäfte nachweisen bzw. ausschließen. Etwa seit 1500 diente die Harnschau dann auch der Identifizierung einer geschwächten oder übermäßigen Lebenswärme (calor vitalis) oder krankhaft veränderter Stoffe, die der Körper über den Harn auszuscheiden suchte.
Übereinstimmungen mit der modernen medizinischen Diagnose bzw. ärztlichen Semiotik lassen sich dabei zuweilen finden, etwa im Corpus Hippocraticum: „Wenn auf dem Urin Fett wie Spinngewebe schwimmt, so bedeutet das, daß der Mensch Schwindsucht hat“ oder „Wenn der Urin stinkt, gar zu dünn oder gar zu dick ist und schwarz von Farbe, so kann sich der Kranke allmählich zu seiner letzten Reise vorbereiten“.Wilhelm Held: Die Urinschau des Mittelalters und die Harnuntersuchung der Gegenwart. Leipzig 1931.Friedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. 1982, S. 5.
Isaak ben Salomon Israeli (Isaak Judäus) verfasste im 10. Jahrhundert ein Buch über den Harn (arabisch Kitāb al-baul, lateinisch Liber de urinis), worin umfangreich, freilich nicht im Sinne moderner medizinischer Erkenntnis und weit bzw. spekulierendFriedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. 1982, S. 5. über die hippokratischen und von Galen weiterentwickelten Grundlagen hinausgehend, das Wesen des Urins sowie seine unterschiedlichen Farben, Substanzen und Bodensätze und deren diagnostische Deutung erörtert werden.Omnia opera Ysaac in hoc volumine contenta, cum quibusdam alijs opusculis […] cum co[m]me[n]to petri hispani. Lyon 1515, Blatt 156–203: Liber urinarum (Digitalisat) Ähnliche uroskopische Inhalte finden sich auch im Werk Canon medicinae des persischen Arztes Avicenna wieder, der bis ins 16. Jahrhundert den Verfassern von Harnschautexten als Gewährsmann diente („Avicenna spricht: ...“).Avicenna: Kanon der Medizin. Überarbeitung durch Andrea Alpago (1450–1521). Venedig 1555, Liber I, Fen II, Doctrina III, Cap. 1–13 (S. 95–104) (Digitalisat)
mini|Uroskopie in der „ärztlichen Sprechstunde“ durch Constantinus Africanus mini|Harnschau in Byzanz, 14. Jahrhundert Zu den wichtigsten Vertretern und Begründern der im Mittelalter praktizierten Harnschau bzw. Harnregionenlehre gehören der byzantinische christliche Hofarzt Theophilos Protospatharios (7. Jahrhundert), dessen um 670 entstandene Harnschaulehre Peri urōnFriedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. 1982, S. 8. durch Konstantin im 11. Jahrhundert dem Abendland vermittelt wurde, und der byzantinische Arzt Johannes Actuarius, Verfasser einer um 1300 entstandenen Abhandlung über den Urin.Johannes Actuarius: De urinis libri septem. Venedig 1519 (Digitalisat)Friedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. 1982, S. 6.Hans-Dieter Nöske: Uroscopia. 1979, S. 346.
Auf die Bedeutung der Harnschau wies im Mittelalter etwa der Prediger Berthold von Regensburg um 1250 hin, der öffentlich von der Kunst der „hohen meister“ sprach, „an einem Glase des menschen nature und sinen siechtuom“Franz Pfeiffer: Berhold von Regensburg, Predigten. Band 1. (Wien) 1862, S. 153 (Digitalisat) erkennen zu können.Friedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. 1982, S. 7.
Aus der Harnschau sich ergebende therapeutische Konsequenzen wurden beispielsweise im Werk des Maurus von Salerno (Regulae urinarum, eine im 12. Jahrhundert am Golf von Neapel entstandene Harnlehre) gezogen und dargestellt, sowie von dem ebenfalls aus der Schule von Salerno stammenden Arzt Walter von Agilon, der im 13. Jahrhundert in seiner Summa medicinalis die gesamte Heilkunde nach Kriterien der Uroskopie, nämlich nach den Harnfarben,Johannes Gottfried Mayer: „Zwoelf stúcke von dem harne“. Eine Uroskopie aus den Harnschriften des „Elsässischen Arzneibuchs“. In: Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil. Königshausen und Neumann, Würzburg 2000 (= Texte und Wissen. Band 3), ISBN 3-8260-1851-6, S. 193–205, hier: S. 197. gliederte.Paul Diepgen: Gualtari Agilonis Summa medicinalis. Nach den Münchner Cod. la. Nr. 325 und 13124 erstmalig ediert mit einer vergleichenden Betrachtung älterer medizinischer Kompendien des Mittelalters. Leipzig 1911.Wolfgang Wegner: Gualtherus Agulinus (Gualterius, Galterus, Valtherus, Zunamen: Agilon, Agilus, Agulum). In Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 514.Hans-Dieter Nöske: Uroscopia. 1979, S. 349.
mini|Die Wassersüchtige, Gerard Dou 1663 Bis ins 17. Jahrhundert galten auch die Anfang des 13. Jahrhunderts verfassten Carmina de urinarum judiciisAegidii versus de urinis cum commento Gilberti [S. l.] 1301 (BSB Clm 267) (Digitalisat) --- Carmina de urinarum judiciis / edita ab excellentissimo domino magistro Egidio [s.n.][s.n.], 1483. (Digitalisat) --- Ludwig Choulant: Aegidii Corboliensis Carmina Medica. Voss, Leipzig 1826 (Digitalisat) des Aegidius von Corbeil als bedeutendes Harnschaulehrbuch.Friedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. 1982, S. 5 f., 12, 14, 23 und 26 f.
Der Maler und Rembrandt-Schüler Dou fertigte einige Genrebilder mit Harnschauszenen an, bei denen die Uroskopie durch einen Harnbeschauer unter anderem bei „Wassersucht“, „Bleichsucht“ und der „Liebeskrankheit“ angewendet wird.Friedrich v. Zglinicki (1982), S. 98, 107–111 und 113.
Nachdem bereits im 17. Jahrhundert, als durch William Harveys Entdeckung des Kreislaufs die galenische Vorstellung von der Blutbewegung widerlegt werden konnte, die Harndiagnostik aus modernerer wissenschaftlicher SichtweiseErich Ebstein: Zur Entwicklung der klinischen Harndiagnostik. In: Wiener klinische Wochenschrift. Band 26, Nr. 46, 1913, S. 1900–1902. etwa von dem Anatomen Laurentius Bellinus (1643–1704)Friedrich v. Zglinicki (1982), S. 152. betrachtet wordenLaurentius Bellinus: De urinis quantum ad artem medicam pertinent. 1683. ist, wurde im 18. Jahrhundert die Uroskopie zunehmend durch die Anwendung chemischer Nachweisverfahren bereichert. 1736 prägte der Hallenser Kliniker J. Juncker für die Kunst, „... das Wasser zu besehen“, den Begriff „Urologie“. 61 Jahre später beschrieb der schottische Chemiker und Militärarzt William Cruickshank († 1810 oder 1811) erstmals Eiweiß im Harn (Albuminurie) als Zeichen einer Lebererkrankung.William Cruickshank: An account of two cases of the diabetes mellitus : with remarks, as they arose during the progress of the cure. : to which are added, a general view of the nature of the disease and its appropriate treatment, including observations on some diseases depending on stomach affection ; and a detail of the communications received on the subject since the dispersion of the notes on the first case. T. Gillet, London 1797, Teil I (Digitalisat), Teil II (Digitalisat)
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann dann die wissenschaftliche Analyse des HarnsJoseph Loew: Über den Urin als diagnostisches und prognostisches Zeichen. Landshut 1808. die mittelalterliche Harnschau zu ersetzen.Friedrich v. Zglinicki (1982), S. 11 und 19.
Durchführung mini|Fasciculus Medicinae 1491. Harnglasscheibe mit 20 Farbnuancen mini|Körper-Harnglas-Analogie nach ActuariusConrad Gessner (Hrsg.): Johannes Actuarius: Compendium ex Actuarii Zachariae Libris de differentiis urinarum, iudiciis et praeiudentiis. Ch. Froschauer, Zürich 1541, Blatt 5r (Digitalisat) mini|Körper-Harnglas-Analogie mit zwölffacher Unterteilung des Harnglases. In: Leonhard Thurneysser: Confirmatio Concertationis … Berlin 1576 Im Rahmen der klassischen Harnschau wurde der Morgenurin („beim Hahnenschrei“) nach einer ausgeklügelten Technik in einem durchsichtigen Glasgefäß (dem Matula genannten Harnglas) gesammelt. Die Matula mit der Urinprobe wurde vor Licht und Kälte bzw. Wärme geschützt in einem Korb (oft aus Bast gefertigte Urinalkörbchen bzw. Harnglasköcher)Friedrich v. Zglinicki (1982), S. 25–27 und 54–59. dem Harnschauer gebracht, der den Harn dann eingehend und manchmal auch zweimal – zunächst „frisch“ und dann nochmals nach ein oder zwei Stunden – begutachtete. Man prüfte den Urin hinsichtlich Konsistenz, Farbe und Beimengungen, zuweilen auch auf Geschmack und Geruch. 20 verschiedene Harnfarben (von kristallklar über hellgelb, kamelhaarbeige, weinrot, leberfarben und tiefgrün bis schwarz) wurden dabei meist unterschieden (im Fasciculus Medicinae eines unbekannten Verfassers von 1491 und in Epiphaniae medicorum. Speculum videndi urinas hominum des Ulrich Pinder von 1506Friedrich v. Zglinicki (1982), S. 8 f. beschrieben). Als Hilfsmittel wurden sogenannte Harnglasscheiben (bzw. Harnschautafeln oder Urinschautafeln)E. Pergens-Maeseyck: Eine Urinschautafel aus Cod. Brux. Nr. 5876 nebst Kommentar. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin. Band 1, Nr. 6, 1908, S. 393–402 und Tafel IX. benutzt.Friedrich v. Zglinicki (1982), S. 7–9. Die Konsistenz teilte man in dünn, mittelmäßig oder dickflüssig ein. Des Weiteren wurde der Urin auf Beimengungen (latein. contenta = Inhaltsstoffe) untersucht, zu denen Bläschenbildung, Fetttröpfchen und sand-, blatt-, kleieartige und linsenförmige, unterschiedlich gefärbte Niederschläge, trübende Niederschläge und andere Konkremente gehörten. Erst seit dem 17. Jahrhundert verband man einen süßen Geschmack des Urins mit dem Vorliegen eines Diabetes mellitus, der Zuckerkrankheit.
mini|Buchmalerei in einer 1460Friedrich v. Zglinicki (1982), S. 23 und 25. geschriebenen Handschrift aus Neapel, die eine lateinische Übersetzung des medizinischen Werks von Rhazes enthält. Ein Arzt hält in Anwesenheit eines Patienten ein Gefäß mit dessen Urin. Turin, Biblioteca Nazionale, D.I.14, fol. 1.