150px|mini|Wappen der Stadt Emden mini|300px|Emden um 1640 auf einer Karte von Matthäus Merian: Gut erkennbar sind die 1606 bis 1616 errichteten Festungsanlagen, die die Stadt im Dreißigjährigen Krieg schützten
Die Geschichte Emdens beginnt um zirka 800, als friesische Kaufleute an der Emsmündung eine Handelsniederlassung anlegten. Die Geschichte der Stadt ist untrennbar mit dem Emder Hafen verbunden, der seit Gründung der Siedlung die wirtschaftliche Grundlage des Gemeinwesens war und dessen Auf und Ab mit der wirtschaftlichen Situation der Stadt verknüpft war und ist. Oft waren politische Entscheidungen, die anderenorts gefällt wurden, der Auslöser für Aufstieg oder Niedergang des Emder Handels. Geprägt wurde Emden durch den Calvinismus. Zur Zeit des Achtzigjährigen Krieges strömten viele niederländische Glaubensflüchtlinge in die Stadt und machten aus Emden eine Hochburg des nordwesteuropäischen Calvinismus. Mit ihren Handelsverbindungen bescherten sie der Stadt zeitweilig großen Wohlstand. Die politischen Verbindungen mit den Niederlanden endeten erst mit dem Anfall Ostfrieslands an Preußen 1744, die kulturellen Verbindungen dauerten noch mehr als ein Jahrhundert länger fort. Ab dem späten 19. Jahrhundert erfolgte eine Industrialisierung. Emden ist seit Jahrhunderten der wirtschaftliche Mittelpunkt Ostfrieslands und die größte Stadt der Region. In vergangenen Jahrhunderten hat sich dadurch eine gewisse Sonderrolle Emdens innerhalb Ostfrieslands entwickelt, die teils bis heute nachwirkt. So ist die Stadt seit der preußischen Kreisreform von 1885 als einzige in Ostfriesland kreisfrei.
Ur- und Frühgeschichte bis zur Landnahme durch die Friesen Aus dem Emder Hafen wurden bei Baggerarbeiten zwei donauländische Dechsel geborgen, darüber hinaus ein Flintbeil und ein Tongefäß aus der Trichterbecherkultur. „Möglicherweise konnte der Emsuferwall bei einem Stillstand des Meeresspiegelanstiegs auf den Ablagerungen der Calais-II-Transgression besiedelt werden. Etwa eintausend Jahre später war das auf den Ablagerungen der Calais-III-Transgression offenbar wieder möglich.“Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Verlag Schuster, Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 35.
Frühester Beleg für die Anwesenheit von Menschen sind zwei Scheiben- oder Kernbeile, die bei Baggerarbeiten im Emder Hafen gefunden wurden und auf das Proto-Neolithikum datiert werden.Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland, Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 34. Für die nächsten 1.000 Jahre fehlen Funde, was auf eine Transgression zurückgeführt wird.
Während etwa das gegenüberliegende linke Emsufer im Zeitraum vom 7. bis zum 3./2. Jahrhundert v. Chr. schon dicht besiedelt war, fehlen solche Nachweise auf dem rechten Ufer bisher. Diese frühen Siedlungen wurden aufgrund von Überflutungen im 3./2. Jahrhundert v. Chr. wieder aufgegeben.Klaus Brandt, Hajo van Lengen, Heinrich Schmidt, Walter Deeters: Geschichte der Stadt Emden von den Anfängen bis 1611. Verlag Rautenberg, Leer 1994 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Band 10), S. 3.
Um Christi Geburt erfolgte eine erneuerte Landnahme durch die Chauken. Im Bereich der Stadt Emden sind bisher ein Wohnplatz im Bereich der Altstadt sowie vier Siedlungen auf Wurten am ehemaligen Emsufer am östlichen Stadtrand nachgewiesen worden.Klaus Brandt, Hajo van Lengen, Heinrich Schmidt, Walter Deeters: Geschichte der Stadt Emden von den Anfängen bis 1611. Verlag Rautenberg, Leer 1994 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Band 10), S. 4. Auch diese Siedlungen wurden offenbar nach einer weiteren Periode der Zunahme von Überflutungen im 2. oder zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. aufgegeben, wie auch das Küstenland beiderseits der Ems im 4./5. Jahrhundert vom Menschen weitgehend verlassen wurde. Im 7. Jahrhundert und hier verstärkt in der zweiten Hälfte begann eine Wiederbesiedelung der Flussmarschen durch die Friesen, nachdem die Überflutungen nachgelassen hatten. Die Friesen nutzten zum Teil die brach liegenden Wurten aus vorigen Siedlungsperioden, teilweise legten sie neue an. Dabei entstand ein neuer Typus von hauptsächlich auf den Handel ausgerichteten Siedlungen, der nach der Eroberung Frieslands durch die Franken von diesen übernommen wurde.
Entwicklung des Handelsortes (um 800 bis 13. Jahrhundert) mini|Karte der Krummhörn um das Jahr 800
Nach der Integration in das Fränkische Reich wurde Emden im 8./9. Jahrhundert als friesische Handelsniederlassung an der Mündung der Aa (Ehe) in die Eemese (Ems) gegründet und erhielt den Namen Amuthon. Während ältere Handelsplätze in der näheren Umgebung Gründungen der einheimischen Bevölkerung waren, verdankt Emden seine Entstehung offenbar dem allgemeinen Ausbau von Handelsplätzen unter fränkischer Herrschaft an der Nordsee. Für Emden bedeutete dies eine Anbindung an Westfalen, da Kaiser Karl der Große das Gebiet um die Siedlung dem neuen Bistum Münster zuordnete und die Grafschaft im Emsgau den westfälischen Cobbonen als Lehen auftrug. Es gibt nur spärliche Hinweise auf gräfliche Aktivitäten der Cobbonen in Emden. Möglicherweise ist das Patrozinium Cosmas und Damians über die heutige Große Kirche, deren Vorgängerbau als älteste Kirche der Stadt gilt, auf sie zurückzuführen, denn Essen und Werden lagen als damals wichtige Zentren der Verehrung dieser beiden Heiligen im Machtbereich der Cobbonen.Klaus Brandt, Hajo van Lengen, Heinrich Schmidt, Walter Deeters: Geschichte der Stadt Emden von den Anfängen bis 1611. Verlag Rautenberg, Leer 1994 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Band 10), S. 61.
Emden wurde am damaligen rechten Ufer der Ems, nahe der Einmündung eines Priels als Siedlung gegründet. Dazu wurde eine Wurt aufgeschüttet, die im Laufe der Jahrhunderte immer weiter erhöht wurde und heute eine Größe von 250 mal 300 Meter aufweist.Klaus Brandt, Hajo van Lengen, Heinrich Schmidt, Walter Deeters: Geschichte der Stadt Emden von den Anfängen bis 1611. Verlag Rautenberg, Leer 1994, (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Band 10), S. 13. Dieser älteste Siedlungskern von Emden lag parallel zum alten Flussufer. Es handelte sich dabei um eine Langwarf, auf der eine Einstraßensiedlung lag und die einen Hafen in einem Priel besaß, dessen Rest heute der Ratsdelft darstellt. Die auf der Wurt stehenden Häuser waren in Stabbautechnik (vgl. Stabkirche) errichtet worden und wurden in ihrer überwiegenden Mehrzahl als Wohn- und Werkraum genutzt, nur einige wenige landwirtschaftlich.
mini|Denar, Hermann von Kalvelage, geprägt in Emden mini|Denar, Hermann von Kalvelage (1020–1050)
Nachfolger der Grafenwürde im Emsgau waren um das Jahr 900 die Grafen von Werl. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Emder Wurtsiedlung großzügig erweitert. Der durch das fränkische Reich geschützte Handelsplatz und Warenumschlagsort steigerte seine Bedeutung um Mitte des 11. Jahrhunderts als Münzstätte erheblich. Wie groß der Einfluss der Grafen von Werl darauf war, ist unklar. Sicher ist hingegen die Nutzung des Münzregals durch die Grafen von Werl. Ab dem 11. Jahrhundert tauchen Pfennige auf, die als Münzstätte AMVTHON und HERIMAN (der dritte Graf von Werl) nennen.Klaus Brandt, Hajo van Lengen, Heinrich Schmidt, Walter Deeters: Geschichte der Stadt Emden von den Anfängen bis 1611. Verlag Rautenberg, Leer 1994 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Band 10), S. 63. Im Jahre 1063 wurden Bernhard II. von Werl die Grafenrechte im Emsgau entzogen und zunächst dem Bischof Adalbert von Bremen übertragen. Später bemühten sich die Grafen von Werl den Besitz durch einen Feldzug gegen die Friesen neu zu erlangen. Dabei fanden Bernhard II. und sein Sohn Hermann den Tod. Die Grafschaftsverfassung löste sich danach allmählich auf und die friesischen Landesgemeinden erstarkten, auch wenn in Emden weiterhin Münzen geprägt wurden und Emden 1244 als Zollstätte erstmals urkundlich erwähnt wird. Über verschiedene Herren gelangte die Grafschaft dann schließlich im Jahre 1252 durch Kauf an die Bischöfe von Münster, die sich ständigen Auseinandersetzungen mit den Friesen ausgesetzt sahen. Diese mündeten schließlich in einen Vertrag, der sogenannten Bischofsühne von Faldern, in der Fragen des Kirchenrechts und des Handels geregelt wurden. Gräfliche Rechte und Ansprüche auf den Emsgau wurden hier nicht mehr erwähnt, auch wenn sie noch bis in die Neuzeit eine Rolle spielten und erst 1497 durch Graf Edzard I. durch Zahlungen und die Gewährung von Privilegien abgegolten wurden.Henning P. Jürgens: Johannes a Lasco in Ostfriesland. Der Werdegang eines europäischen Reformators. Mohr Siebeck, Tübingen 2002, ISBN 3-16-147754-5, S. 169.
Zeit der Häuptlinge (13. bis frühes 15. Jahrhundert) Nach der Bischofssühne beschränkte sich die Macht der Münsteraner nur auf die Siedlung Emden, während parallel die Landesgemeinde weiter erstarkte und im damals noch nicht zu Emden gehörenden Larrelt zusammenkam. Die Bischöfe nahmen in der Folgezeit ihre Rechte in der Stadt nicht mehr selbst wahr, sondern griffen auf das einheimische Geschlecht der Abdena zurück, das sie zu ihren Vertretern in der Stadt machten. Deren erster namentlich bekannter Vertreter, Wiard Droste tho Emetha, ließ in dem Ort um 1300 erstmals eine Burg errichten. Unter der Herrschaft der Häuptlingsfamilie der Abdenas entwickelte sich Emden bis kurz nach 1400 zu einer städtischen Siedlung im engeren Sinn und wurde erstmals 1390 von den Abdena selbst und 1392 von den Holländern als solche bezeichnet.Klaus Brandt, Hajo van Lengen, Heinrich Schmidt, Walter Deeters: Geschichte der Stadt Emden von den Anfängen bis 1611. Verlag Rautenberg, Leer 1994 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Band 10), S. 77.
Den Abdenas gelang es immer mehr, sich von den Bischöfen von Münster zu emanzipieren. Dies drückte sich auch in den Münzen aus, die sie in deren Auftrag prägten. Waren diese noch in der Mitte des 14. Jahrhunderts mit einem segnenden Bischof und einem Kopf des heiligen Paulus versehen, so zeigten die Emder Pfennige des späten 14. Jahrhunderts nun einen rechts aufsteigenden Löwen, das Wappentier der Abdena und die Initiale W. des Münzherren Wiard (III.). Dessen Sohn Hisko prägte schließlich als nova moneta de Emeda bezeichnete Witten mit dem Wappenlöwen und der Angabe seines vollständigen Namens und Titels eines Propstes und Häuptlings zu Emden.Klaus Brandt, Hajo van Lengen, Heinrich Schmidt, Walter Deeters: Geschichte der Stadt Emden von den Anfängen bis 1611. Verlag Rautenberg, Leer 1994 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Band 10), S. 71. Auch die Zollrechte fielen spätestens 1362 an die Abdena. Ab diesem Zeitpunkt liegen auch erste Belege für weitreichende Handelsbeziehungen des Ortes vor, nach denen Emder Schiffe und Kaufleute die Märkte von Lübeck, Hamburg, Haren, Friesoythe und Harderwijk besuchten und dabei ab 1390 von Hisko mit einem Geleitbrief unterstützt wurden. Von größter Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Emdens war der Stapelzwang, der um 1400 von den Abdena eingeführt wurde.Heinrich Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands. Rautenberg, Leer 1975 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Band 5), S. 78.
mini|links|Das Franziskanerkloster in Faldern (Ausschnitt aus einer Stadtansicht von Braun Hogenberg aus dem Jahr 1575)
Der Niedergang der genossenschaftsähnlichen Landesgemeinden und das darauf folgende Erstarken anderer ostfriesischer Häuptlingsfamilien führte zu einer lang anhaltenden Periode von Fehden wechselseitiger Bündnisse, bei denen auch auf die Hilfe der Vitalienbrüder zurückgegriffen wurde. Häuptling Hisko gewährte den Seeräubern in seinem Gebiet Unterkunft und einen Handelsplatz. Die davon besonders betroffene Hanse entsandte daraufhin eine Strafexpedition nach Ostfriesland, woraufhin Hisko die Seiten wechselte und den Hanseatischen Truppen am 6. Mai 1400 die Stadt und die Burg Emden übergab, auf diese Weise aber seinen Häuptlingstitel retten konnte. Nach der Strafexpedition und dem Schluss eines Vergleichs im Kloster Faldern wurde die Burg wieder an Hisko zurückgegeben.