mini|Chondrit-normierte Os-, Ir-, Ru-, Pt- und Pd-Gehalte von Proben der Kreide-Paläogen-Grenzschicht in Dänemark und Spanien im Vergleich zu Proben einer Bohrung aus dem Chicxulub-Krater in Mexiko. Als Iridium-Anomalie bezeichnet man die weltweit nachweisbare erhöhte Konzentration des Elements Iridium und anderer Platinmetalle in Sedimentgesteinen, die vor 66 Millionen Jahren, an der Kreide-Paläogen-Grenze, abgelagert wurden. Weitere Iridium-Anomalien assoziiert mit Mikrotektiten des Australasiatischen Tektitenstreufeldes konnten in rund 790.000 Jahre alten Tiefseesedimenten aus Bohrkernen vom Ninetyeast Ridge im östlichen Indischen Ozean als auch vom Cagayan Ridge, einem unterseeischen vulkanischen Rücken im Sulu-Meer im Südwesten der Philippinen, nachgewiesen werden.
Hintergrund Das Platinmetall Iridium kommt gewöhnlich nur in sehr geringen Konzentrationen von etwa ~0,03 ppb in der Erdkruste vor. In Gesteinen der Kreide-Paläogen-Grenze, am häufigsten in karbonatarmen Tonsteinen, wurden weltweit Iridiumkonzentrationen von 0,3 bis 57 ppb gemessen. Diese teilweise enorm hohen Ir-Konzentrationen, die den Gehalt der Erdkruste deutlich übertreffen, konnten außer für Iridium auch für die übrigen fünf Platinmetalle Ruthenium, Rhodium, Palladium, Platin und Osmium nachgewiesen werden. Von diesen Metallen lässt sich Iridium am einfachsten durch Neutronenaktivierung nachweisen. Die erhöhten Konzentrationen der übrigen Elemente wurden erst entdeckt, als der Begriff Iridium-Anomalie schon geprägt war.
Entdeckung
mini|Ir/Rh- und Ru/Rh-Massenverhätnisse von Chondriten Wissenschaftlich beschrieben wurde die global nachweisbare Anomalie erstmals 1980 von dem Physiknobelpreisträger Luis Walter Alvarez, seinem Sohn, dem Geologen Walter Alvarez, und den Chemikern Frank Asaro und Helen Michel aufgrund der Analyse von Gesteinsschichten bei Gubbio in Italien und bei Stevns Klint in Dänemark. Die italienischen Proben enthielten einen etwa 30-mal höheren Iridiumanteil als normal, der Anteil in den dänischen Proben überstieg die normale Konzentration sogar um das 160-fache. Da solch hohe Iridiumkonzentrationen von bis zu 550 ppb nur von Meteoriten bekannt sind, schlossen die Wissenschaftler auf eine Anreicherung des Elements durch ein Impaktereignis mit weltweiten Auswirkungen, den Einschlag eines massereichen Meteoriten. Die Verbreitung erfolgte durch den atmosphärischen Transport des hoch aufgewirbelten iridiumhaltigen Staubs des zuvor verdampften Meteoriten. Als Auslöser der Iridium-Anomalie gilt heutzutage der Kreide-Paläogen-Impakt, dessen Zeugnis der Chicxulub-Krater im Norden der Halbinsel Yucatán im Golf von Mexiko ist. Allerdings stimmen die Ru/Ir-Massenverhältnisse von Gesteinen aus dem Chicxulub-Krater nicht mit den an der Kreide-Paläogen-Grenzschicht gemessenen Ru/Ir-Verhältnissen überein, wie die Abbildung zeigt. Erst die Messung der Ru-Isotopenverhältnisse an den Gesteinen des Chicxulub-Kraters und deren Übereinstimmung mit der Kreide-Paläogen-Grenzschicht kann den Beweis erbringen, ob die Platinmetalle der Kreide-Paläogen-Grenzschicht auch tatsächlich vom Chicxulub-Projektil stammen. Auch die Ir/Rh-Elementverhältnisse können aufgrund ihrer deutlich verschiedenen Kondensationstemperaturen im solaren Nebel von etwa 200 Kelvin weitere Hinweise über den Ursprung der Platinmetalle liefern. Rhodium wurde allerdings an Gesteinen des Chicxulub-Kraters nicht bestimmt, obwohl aus der wissenschaftlichen Literatur bekannt ist, dass Ir/Rh-Massenverhältnisse geeignet sind, um Chondrite voneinander zu unterscheiden (siehe nebenstehende Abbildung). Eine Untersuchung der Ni-Isotopenverhältnisse in Sedimenten aus der Kreide-Paläogen-Grenze bestätigte Hinweise auf die Herkunft der Platingruppenmetalle – nämlich einen CO-Chondriten –, wie bereits in früheren Studien vermutet worden war.
Irdische Ursache und Gegenargumente Kritiker sehen in der Impakttheorie nicht die einzige mögliche Ursache, weil Platinmetalle auch durch vulkanische Aktivitäten angereichert werden können. Dagegen sprechen jedoch die überall auf der Erde nachweisbaren ungewöhnlichen Iridium-Gehalte in den Sedimentgesteinen. Gestützt wird die Impakttheorie weiterhin durch die Chrom-Isotopenverhältnisse, die in den gleichen Schichten auftreten und weitgehend denen in chondritischen Meteoriten (Steinmeteoriten) entsprechen.
Heute gilt es als gesichert, dass die Iridium-Anomalie durch den Einschlag eines 10 bis 15 km großen Himmelskörpers verursacht wurde.
Literatur G. Graup, B. Spettel, D. Herm, K. F. Weidlich: Mineralogy and phase-chemistry of an Ir-enriched pre-K/T layer from the Lattengebirge, Bavarian Alps, and significance for the KTB problem. In: Earth and Planetary Science Letters. Vol. 95, Amsterdam 1989, S. 271–290. doi:10.1016/0012-821X(89)90102-7 W. Kiesling, P. Claeys: A Geographic Database Approach to the KT Boundary. In: E. Buffetaut, C. Koeberl (Hrsg.): Geological and Biological Effects of Impact Events. Springer, 2001, ISBN 3-540-42286-2. A. Shukolyukov, G. W. Lugmair: Isotopic Evidence for the Cretaceous-Tertiary Impactor and Its Type. In: Science. 282, 1998, S. 927–929.
Weblinks Hildegard Westphal: Mekkas der Moderne : Stevns Klint - Der Ort, an dem die Welt unterging. In: einestages. 16. Dezember 2007.
Einzelnachweise
Kategorie:Ereignis der Erdgeschichte Kategorie:Iridium