Babylon oder Babel, , sumerisch , akkadisch , babylonisch Bāb-ili(m), (tiberianisch Babel), . war als Hauptstadt Babyloniens eine der wichtigsten Städte des Altertums. Sie lag am Euphrat, etwa 90 km südlich Bagdads im heutigen Irak (Provinz Babil). Die Ruinen der Stadt sind unter anderem von Robert Koldewey Anfang des 20. Jahrhunderts teilweise freigelegt worden. Der Ort war die Hauptstadt des gleichnamigen Stadtstaates, der zeitweise über weite Teile des südlichen Zweistromlandes sowie Gebiete westlich des Zweistromlandes (Syrien, Israel) herrschte. Die Blütezeit der antiken „Weltstadt“ Babylon lag zwischen 1800 und 140 v. Chr.Ab etwa 140 v. Chr. rapider Niedergang und Bedeutungsverlust durch regionale Schwerpunktverlagerung des städtischen Hauptzentrums Babyloniens nach Seleukeia-Ktesiphon und nicht endenwollende Kriege zwischen den (griechisch-makedonischen) Seleukiden und den (iranischen) Parthern um die Hegemonie in der Region. Babylon/Babel diente in der westlichen Kulturgeschichte als Sinnbild von Neid, Hochmut und Niedergang („Sündenbabel“); diese Vorstellung geht auf die biblischen Berichte über die Stadt zurück (Turmbau zu Babel, babylonische „Gefangenschaft“ der Juden).

Etymologie Der akkadische Name Babylons lautete als piktographisches Sumerogramm geschrieben KÁ.DINGIR.RAKI (, , =a(k) Genitiv, Determinativ für Städtenamen), in akkadischer Silbenschrift jedoch .

Ab Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr. ist der Stadtname als ( [sc. von ], [Gen. von ]) bezeugt, wovon sich später ableitete.Dietz Otto Edzard: Geschichte Mesopotamiens. Von den Sumerern bis zu Alexander dem Großen. Beck, München 2004, S. 121. Bei der gebräuchlichen mesopotamischen Übersetzung von Babillu, Babilim, Babilani als ,Tor des Gottes‘, ‚Gottestor’ handelt es sich aber wahrscheinlich um eine volksetymologische Ableitung der Urform, wobei die alte Bedeutung des akkadischen Stadtnamens nach wie vor unklar bleibt.

Spätestens unter Naram-Sin findet sich die Schreibung (noch ohne das Genitivsuffix =a(k)), die Naram-Sin als ‚Tor des Gottes’ deutete. In der Ur-III-Zeit ist die um den Genitiv erweiterte schriftliche Form belegt, gesprochen als . In der altbabylonischen Sprache ist daneben als weitere Variante bezeugt.Dietz Otto Edzard: Namen, Namengebung (A). In Dietz Otto Edzard u. a.: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Bd. 9. de Gruyter, Berlin 2001, ISBN 3-11-017296-8, S. 102, vgl. auch Dietz Otto Edzard, Gertrud Farber: Répertoire Géographique des Textes Cunéiformes II, Die Orts- und Gewässernamen der Ur III Zeit. In: Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients (TAVO). Reihe B, Nr. 7/2. Wiesbaden 1974, S. 21.

Ins Griechische wurde der Name aus der Form übernommen, wobei die Verdumpfung des ā zu ō verrät, dass die Griechen den Namen offenbar aus einem westsemitischen Dialekt übernommen haben, in dem der Name , bzw. ausgesprochen wurde.

Die im Zusammenhang der alttestamentlichen Erwähnung Babylons hergestellte Namenserklärung basiert ebenfalls auf späteren Überlieferungen und zugleich auf anderen Motiven.Miklós Köszeghy: Der Streit um Babel in den Büchern Jesaja und Jeremia. Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-019823-4, S. 116. Das in verwendete hebräische Verb , „verwirren“ mit der Grundbedeutung „verrühren, vermischen“, bezieht sich auf den Turmbau zu Babel.Klaus Seybold: Der Turmbau zu Babel: Zur Entstehung von Genesis XI 1–9. In: Vetus Testamentum, Band 26, Nr. 4, Oktober 1976, S. 453–479, hier S. 466. Die entsprechende Übersetzung von Babylon als „Durcheinander“ gründet sich daher primär auf die „Sprachverwirrung“ beziehungsweise auf das „Durcheinander der Sprachen“ und kann deshalb nicht als etymologischer Beleg zur Klärung herangezogen werden.Othmar Keel: Die Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-50177-1, S. 603.

Geschichte Altbabylonisches Reich

mini|Detail des babylonischen Ischtar-Tores (Pergamonmuseum, Berlin) Es gibt schon gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. erste Erwähnungen Babylons, jedoch nur als unbedeutende Kleinstadt. Šumu-abum (1894–1881 v. Chr.), Begründer der I. Dynastie von Babylon, machte die Stadt zum Verwaltungszentrum seines Reiches. Unter dem König Hammurapi I. (1792–1750 v. Chr.), dem bekanntesten altbabylonischen Herrscher, erlebte Babylon seine erste Blütezeit. Texte der ersten Dynastie aus Babylon selbst sind selten; keiner von ihnen stammt aus dem bisher unentdeckten Palastarchiv.Amanda H. Podany: The Land of Hana. Kings, chronology and scribal tradition. CDL-Press, Bethesda 2002, S. 1, Anm. 2.

Die Eroberung Babylons durch die Hethiter unter König Muršili I. (1620–1595 v. Chr.) ist nur schlecht belegt, das genaue Datum ist unbekannt. Sie fand unter der Herrschaft von Šamšu-ditana statt, der der letzte Herrscher der 1. Dynastie war. Nach der mittleren Chronologie wird der Fall 1595 angesetzt, nach Gasches ultrakurzer Chronologie 1499.H. Gasche et al., Dating the fall of Babylon: a reappraisal of second-millennium chronology. Mesopotamian history and environment, Memoirs 4. Ghent, University of Ghent and the Oriental Institute of the University of Chicago 1998. Nach dem Fall Babylons setzen schriftliche Dokumente ganz aus, die nächsten stammen aus der Zeit der Kassitenherrschaft und sind vermutlich etwa 100 Jahre später anzusetzen.Amanda H. Podany: The Land of Hana. Kings, chronology and scribal tradition. 2002, S. 2.

In der Folge, vielleicht nach einer Episode unter Gulkišar, einem König der Meerland-Dynastie, übernahmen die Kassiten für 400 Jahre die Herrschaft über die Stadt. Als im 14. Jahrhundert v. Chr. König Kuri-galzu I. (1390–1370 v. Chr.) die Residenzstadt Dur-Kurigalzu gründete, blieb Babylon geistig-religiöses Zentrum. Um 1225 v. Chr. wurde Babylon durch den assyrischen König Tukulti-Ninurta I. (regierte ca. 1233–1197 v. Chr.) erobert, der die Statue des Stadtgottes Marduk wiederum verschleppte, diesmal nach Assyrien. Kurz darauf überfiel der elamische König Šutruk-Naḫḫunte II. (1190–1155 v. Chr.) die Stadt und raubte viele Kunstwerke und Götterbilder, die er in seine Hauptstadt Susa (Persien) brachte. Damit endete die Herrschaft der Kassiten in Babylon.

Babylon erstarkte unter König Nebukadnezar I. (1126–1104 v. Chr.) aus der II. Dynastie von Isin, der die Marduk-Statue zurückholte. Später eroberten assyrische Truppen unter Tiglat-pileser I. (1115–1076 v. Chr.) die Stadt. Nebukadnezar I. schaffte es jedoch, Babylon wieder von der assyrischen Herrschaft zu befreien.Klaus D. Christof und Renate Haass: Weihrauch: der Duft des Himmels. J. H. Röll Verlag, 2006, ISBN 3-89754-252-8, S. 119.

Babylon verlor mit dem Aufstieg Assyriens stark an Bedeutung und wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. zweimal von den Assyrern zerstört, 689 v. Chr. durch Sanherib.

Neubabylonisches Reich und Eroberung durch die Perser

626 v. Chr. ließ sich Nabopolassar nach einem erfolgreichen babylonischen Aufstand gegen Assyrien zum König ausrufen und besiegte die Assyrer, deren Hauptstadt Ninive er 612 v. Chr. mit Hilfe der Meder zerstörte. Nebukadnezar II., sein Sohn, wehrte eine Invasion der Ägypter ab und regierte über ein Gebiet von Palästina bis an den Persischen Golf. In seiner Regierungszeit stiegen Stadt und Reich zu neuer Blüte auf.

Jedoch währte diese Blütezeit nicht sehr lange. König Nabonid bestieg 556 v. Chr. den Thron Babylons. Er führte die von Nebukadnezar II. begonnenen Wirtschaftsreformen durch und entzog den Tempeln der Marduk-Priesterschaft die Ländereien. Zusätzlich setzte er Sin, den Mondgott, als oberste Gottheit ein. Dies führte dazu, dass die ihm nun feindlich gesinnte Priesterschaft Babylons mit dem Perserkönig Kyros II., der sich zu Marduk bekannte, bei dessen Eroberung der Stadt 539 v. Chr. kooperierte und maßgeblich an seinem Sturz und dem Babyloniens beteiligt war.

Nachruhm Alexander der Große eroberte die Stadt nach seinem Sieg in der Schlacht von Gaugamela und wurde als Befreier begrüßt. Alexander machte Babylon später zum Sitz seines Reiches, wo er dann auch am 10. Juni 323 v. Chr. verstarb. In der Zeit der Diadochen gehörte Babylon zum Seleukidenreich, verlor unter makedonischer Herrschaft jedoch an Macht, als die neue Hauptstadt Seleukeia am Tigris gebaut wurde und viele Bewohner Babylons dorthin umgesiedelt wurden. Umstritten ist, ob Babylon im Hellenismus eine Polis griechischen Typs gewesen ist. Fraglos verfügte Babylon spätestens seit Antiochos IV. über die typischen Bauwerke (Theater, Gymnasion, Agora), überdies werden politai ‚Bürger‘ erwähnt, doch andererseits fehlt bislang jeder Hinweis auf die typischen Institutionen einer Polis (Volksversammlung, Rat, Magistrate).Zu Babylon in hellenistischer Zeit Milinda Hoo: Eurasian Localisms. Towards a translocal approach to Hellenism and inbetweenness in central Eurasia, third to first centuries BCE (= Oriens et Occidens. Band 41). Franz Steiner, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-515-13315-9, S. 176–201.

Lange Zeit nahm man in der Forschung an, Babylon habe unter den Seleukiden einen Niedergang erlebt und sei spätestens unter parthischer Herrschaft endgültig verlassen worden. Der römische Kaiser Trajan soll hier um 115 n. Chr. nur noch Ruinen gesehen haben. Inzwischen sind aber Zweifel an dieser Sichtweise aufgekommen; so nennt der wohl im ersten Jahrhundert entstandene 1. Brief des Petrus (5,13) Babylon als einen Wirkungsort des Petrus, und in der Spätantike erwähnt Prokopios von Caesarea Babylon (De Aed. 1,1,53) als Produktionsstätte von Asphalt. Wann genau Babylon jede Bedeutung verlor, wird daher inzwischen wieder kontrovers diskutiert. Der Hinweis im Petrusbrief wurde allerdings schon in der Antike als Hinweis auf Rom gedeutet, und die Bemerkung von Prokopios bezieht sich streng genommen auf Babylon zur Zeit von Semiramis.

Es wird geschätzt, dass Babylon von ca. 1770 bis 1670 v. Chr. und wiederum von ca. 612 bis 320 v. Chr. die größte Stadt der Welt war. Sie war vielleicht die erste Stadt, die eine Bevölkerung von mehr als 200.000 Einwohnern erreichte.Tertius Chandler. Four Thousand Years of Urban Growth: An Historical Census (1987), St. David’s University Press . ISBN 0-88946-207-0.

Die Schätzungen über die maximale Ausdehnung der Stadtfläche reichen von 890Marc van de Mieroop: The Ancient Mesopotamian City. Oxford University Press, Oxford 1997, ISBN 978-0-19-158845-7, S. 95 (). bis 900 Hektar.Tom Boiy: Late Achaemenid and Hellenistic Babylon. (=Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 136) Peeters Publishers, Leuven 2004, ISBN 90-429-1449-1, S. 233 ().

Aufbau der Stadt Der Aufbau Babylons im dritten und zweiten Jahrtausend vor Christus ist wenig bekannt. Entsprechende Nachforschungen scheiterten lange Zeit am hohen Grundwasserspiegel in diesem Areal und in jüngerer Vergangenheit an der Sicherheitslage im Irak.

Neubabylonische Zeit Antike Berichte Laut dem antiken griechischen Historiker Herodot war Babylon . Babylon wurde von einem riesigen Festungsgürtel umschlossen. Diese Mauern von Babylon besaßen laut Herodot angeblich eine Länge von 86 Kilometern mit einhundert Toren. Ausgrabungen Koldeweys ergaben, dass die Mauern „nur“ 18 Kilometer lang waren. Außerdem soll es in der Stadt auch drei- und vierstöckige Gebäude gegeben haben. Im Tempelbezirk befand sich seinen Berichten zufolge auch ein Turm, von dem es im Alten Testament heißt, man wollte damit den Himmel erreichen. Er erwähnte jedoch nicht die Hängenden Gärten.

Ausgrabungsergebnisse Koldewey begriff schon bald nach Beginn seiner Ausgrabungen, dass die Größenangaben Herodots stark übertrieben waren, auch wenn der Umfang der Stadt mit 18 Kilometern immer noch imposant erscheint. Babylon war auf beiden Seiten des Euphrat errichtet. Die Stadt war von einer inneren Doppelmauer und einem äußeren Mauerring auf dem Ostufer umgeben, die im Norden durch eine Festung noch zusätzlich geschützt wurden, welche auch als Sommerresidenz des Königs diente.