mini|Ptolemaios I., Begründer der Ptolemäer-Dynastie
Ptolemäer () sind die Mitglieder der makedonisch-griechischen Dynastie, die seit dem frühen Hellenismus bis zur Eroberung durch das Römische Reich fast 300 Jahre lang über das Ptolemäerreich, bestehend aus Ägypten sowie längere Zeit auch aus angrenzenden Besitzungen wie Kyrene, Syrien, Zypern, Sinai und im Ägäisraum, herrschte. Ihren Namen erhielten sie nach dem Dynastiegründer, König Ptolemaios I. (deshalb ist die genauere Schreibung Ptolemaier). In Anlehnung an dessen Vater Lagos werden sie auch als Lagiden () bezeichnet. In einer Einteilung der Geschichte Ägyptens gehören sie zur Epoche der griechisch-römischen Zeit.
Geschichte Anfänge Die makedonische Phase Ägyptens beginnt mit der Eroberung durch Alexander den Großen 332 v. Chr., der die Herrschaft der Perser in Ägypten beendete. Nach seinem Tod 323 v. Chr. war die Zukunft des von ihm erschaffenen makedonisch-persischen Großreiches ungewiss. Einige Fraktionen sprachen sich für dessen vereinte Zukunft unter einem Statthalter als Vormund für die unmündigen Erben aus, andere setzten sich für eine Aufteilung des Reiches in Satrapien unter der Verwaltung seiner Generäle ein. „Den entscheidenden Impuls für die Auseinandersetzungen der folgenden Jahre, die Diadochenkriege, lieferte die Spannung zwischen der Idee der Erhaltung des zentral beherrschten Großreiches und dem Bestreben einiger Diadochen, den eigenen Bereich völlig selbständig zu regieren und womöglich territorial auszuweiten.“Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 14. Man kann die Diadochenkriege allerdings auch als Bürgerkrieg um die Alexandernachfolge deuten, in dem es letztlich keinem der Prätendenten gelang, das Gesamtreich unter seine Kontrolle zu bringen, was stattdessen zur Etablierung der hellenistischen Staatenwelt führte, zu der auch das Ptolemäerreich zählte.
mini|hochkant=1.3|Die hellenistische Staatenwelt als Erbe des Alexanderreichs nach dem Ende der Diadochenkriege.
Der makedonische Aristokrat Ptolemaios I., Sohn des Lagos, einer von Alexanders Generälen, übernahm Ägypten 323 v. Chr. als Satrapie und nutzte diese Machtbasis während der folgenden Wirren geschickt aus. Der Grieche Kleomenes von Naukratis, den Alexander als Sachwalter eingesetzt hatte, wurde von Ptolemaios 322 beseitigt. Als Perdikkas 321 Ägypten angriff, konnte sich Ptolemaios erfolgreich verteidigen. Im Jahr 306 v. Chr. nahm er dann ebenso wie die meisten seiner Rivalen den Titel eines Basileus an, was einerseits seinen Anspruch auf Unabhängigkeit festigte und nach Ansicht mancher Forscher auf eine faktische Abkehr von der Idee des Großreiches hindeutete; während andere Gelehrte die Übernahme des Königstitels hingegen im Gegenteil gerade als Ausdruck eines Anspruchs auf die Alexandernachfolge deuten. Ob Ptolemaios ernsthafte Ambitionen hegte, Alexanders Nachfolge anzutreten, ist in jedem Fall ungeklärt und umstritten. Dafür spricht zumindest sein erfolgreiches Werben um die Hand von Kleopatra von Makedonien, der Vollschwester Alexanders des Großen und von den überlebenden Nachkommen des makedonischen Königshauses diejenige mit dem größten legitimen Anspruch. Die Hochzeit wurde aber durch Antigonos I. Monophthalmos verhindert, der seine Macht in Gefahr sah. Kleopatra wurde auf seinen Befehl hin ermordet.
mini|links|hochkant=1.2|Der ptolemäische Machtbereich um 300 v. Chr. nach der Schlacht bei Ipsos.
An der entscheidenden Schlacht bei Ipsos (301 v. Chr.), in der Antigonos fiel, nahm Ptolemaios nicht teil; er nutzte aber die günstige Gelegenheit, um in Syrien und im Ägäisraum strategisch und ökonomisch wichtige Positionen zu besetzen, was zu jahrzehntelangen Konflikten mit Seleukiden und (in geringerem Maße) Antigoniden führte. In der Folgezeit etablierte sich Ägypten als eines der wichtigsten und einflussreichsten Diadochenreiche, was nicht zuletzt an der günstigen Lage und dem enormen Reichtum des Nils lag. Die folgenden 14 Herrscher trugen alle den Namen Ptolemaios, gefolgt von einem griechischen Beinamen (der keinen der bekannten pharaonischen Namen ersetzte, sondern als Zusatz diente, um die Könige voneinander zu unterscheiden). Keiner der Herrscher erlernte die Sprache der Einheimischen, erst Kleopatra VII. beherrschte auch die ägyptische Sprache. Damit blieben die Ptolemäer stets makedonische Fremdherrscher über das Nilland.Pausanias 10,7,8. In der Folgezeit wurden Heiratsbündnisse mit den anderen Diadochen und Epigonen getroffen; die Geschwisterehe von Ptolemaios II. und Arsinoë II. bildete zunächst noch eine skandalumwobene Ausnahme; erst später wurde derlei üblich.
Hochphase Die Ptolemäer machten Alexandria zu einem Zentrum der griechischen Kultur und des technischen Fortschritts. Alexandria war die beste Ausbildungsstätte für Ärzte und verfügte über eine umfangreiche Bibliothek. Am Hof des Königs wurden Philosophen, Dichter und vor allem Naturwissenschaftler gefördert. Die ersten vier Ptolemäer verfolgten dabei eine sehr aktive Politik im ganzen östlichen Mittelmeerraum und bemühten sich nicht nur um die Verteidigung der reichen Besitzungen in der Levante, sondern besaßen auch wichtige Stützpunkte im Ägäisraum. Ägypten führte daher häufig Kriege mit den anderen Diadochenreichen, denn die Könige erhoben durchaus auch auf andere Teile des einstigen Alexanderreiches weiterhin Ansprüche und beschränkten sich mitnichten auf das Nilland. Die Besitzungen in der Kyrenaika, in Syrien, in Kleinasien und in der Ägäis waren daher integrale Bestandteil des Reiches. Ptolemaios II. versuchte im Chremonideischen Krieg vergeblich, Griechenland unter seine Kontrolle zu bringen, und sein Sohn Ptolemaios III. nannte sich selbst „Großkönig“ und führte sein Heer gegen das Seleukidenreich bis nach Mesopotamien. Allerdings wurden seine Truppen durch die Revolte von 243 v. Chr., bei der Hungersnöte eine Rolle spielten, zum Rückzug gezwungen. Ein Team von Klimaforschern und Vulkanologen führt die offenbar zunehmenden Ernteausfälle der Ptolemäerzeit auf das Ausbleiben der Nilflut als Folge der Verbreitung von Aerosolen in der Atmosphäre nach Vulkanausbrüchen zurück.Joseph G. Manning, Francis Ludlow, Alexander R. Stine et al.: Volcanic suppression of Nile summer flooding triggers revolt and constrains interstate conflict in ancient Egypt. In: Nature Communications. Band 8, 2017 (Online)
Die alexandrinische Bevölkerung rebellierte einige Male gegen die Herrschaft (einmal wegen Ermordung einer ptolemäischen Prinzessin, die beim Volk beliebt gewesen war), etwas, was unter den ägyptischen Pharaonen wohl undenkbar gewesen wäre. Das Volk hatte sich, soweit man weiß, nie gegen einen Pharao erhoben; dies ist ein Punkt, wo man Unterschiede zu der ägyptischen Herrschaft feststellen kann. Allerdings hatte die Stadt Alexandria einen hohen makedonisch-griechischen Bevölkerungsanteil, der für seine Streitlust bekannt war, so dass man unterscheiden muss zwischen Aufruhr der Griechen in den großen Städten und Rebellionen der alteingesessenen ägyptischen Bevölkerung auf dem Land. Diese hatten in der von Makedoniern und Griechen dominierten Bevölkerung den niedrigsten Stand und wurden nach Ausweis der Quellen oft schlecht behandelt, schafften es jedoch bei Beherrschen der Amtssprachen Griechisch oder Demotisch in Verwaltungsämter. Später gelangten sie auch in den Heeresdienst. Viele von ihnen trugen sowohl einen griechischen bzw. makedonischen als auch einen ägyptischen Namen; doch die für Militärdienste im Gegenzug zu vergebenden Ländereien wurden im Laufe der Zeit immer kleiner und waren zum Teil verödet, so dass die Unzufriedenheit auch bei den zum Militärdienst verpflichteten Bauernsoldaten wuchs. miniatur|hochkant=1.4|Das Römische Reich und Ägypten zur Zeit der Kleopatra
Die Zahl der Einwohner Ägyptens von Beginn bis zum Ende der ptolemäischen Epoche wird auf 7 bis 7,5 Millionen geschätzt; die Bevölkerung Alexandrias von über 300.000 ist darin nicht eingeschlossen.Michael Rostovtzeff: Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte der hellenistischen Welt. Band 2. Darmstadt 1998, S. 908.
Spätphase Im Kleomeneskrieg scheiterte um 222 v. Chr. ein letzter Versuch der Ptolemäer, eine Hegemonie über Südgriechenland zu errichten. Bald darauf trat wieder der Konflikt mit den Seleukiden in den Vordergrund: In der siegreichen Schlacht von Raphia wurden 217 v. Chr. neben den makedonischen, griechischen, keltischen und jüdischen Söldnern erstmals Ägypter eingesetzt. Doch die militärische Ausbildung erwies sich laut Polybios später als Bumerang, da die Ägypter ihr Wissen genutzt hätten, um gegen die makedonische Oberherrschaft zu rebellieren. Diese Behauptung wird in der neueren Forschung zwar bezweifelt; gewiss ist aber, dass es in Ägypten zu Aufständen kam, die wohl ökonomische Ursachen hatten.Stefan Pfeiffer: Die Ptolemäer. Stuttgart 2017, S. 112 ff. Seit Ptolemaios V. kam es immer öfter zu Thronstreitigkeiten, und im 2. Jahrhundert verlor das Reich die meisten seiner Außenbesitzungen in Syrien (nach dem Fünften Syrischen Krieg) und im Ägäisraum. 168 v. Chr. unterlag man den Seleukiden, und nur eine römische Intervention hinderte Antiochos IV. daran, das Ptolemäerreich zu annektieren. Die Niederlagen verschärften wirtschaftliche Probleme. Um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. wuchs die Unzufriedenheit. 165/64 und 132/31 v. Chr. kam es zu schweren Revolten. Ptolemaios VIII. soll innenpolitisch derart bedrängt gewesen sein, dass er 155 testamentarisch bestimmt haben soll, im Falle seines gewaltsamen Todes solle sein Reich an die Römer fallen.Laut einer griechischen Inschrift, die angeblich das Testament des Königs wiedergibt, soll Ptolemaios Rom zumindest in der Kyrenaika als Erben eingesetzt haben, falls er kinderlos sterben sollte, was aber ansonsten von keiner schriftlichen Quelle erwähnt wird; siehe SEG 9,7. Es ist seit langer Zeit umstritten, ob es sich bei diesem Testament möglicherweise um eine spätere Fälschung handelt, die die Annexion der Kyrenaika durch Rom im 1. Jahrhundert rechtfertigen sollte. Gegen die Echtheit argumentiert etwa L. Criscuolo: I due testamenti di Tolomeo VIII Evergete II. In: A. Jördens, J. F. Quack (Hrsg.): Ägypten zwischen innerem Zwist und äußerem Druck. Die Zeit Ptolemaios' VI. bis VIII. Internationales Symposion Heidelberg 16.–19. 9. 2007, Wiesbaden 2011, S. 123–150. Landflucht und Reduzierung der Anbauflächen führten zu einem Rückgang des Steueraufkommens. Eine zunehmende Geldentwertung und Teuerung führte zu wachsender Unzufriedenheit. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. brach das System der königlichen Wirtschaft, wie es von den ersten Ptolemäern erschaffen wurde, offenbar weitgehend zusammen.Michael Rostovtzeff: Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte der hellenistischen Welt. Band 2. Darmstadt 1998, S. 565–580; 690 ff.