mini|Bände der Encyclopédie mini|Frontispiz und Titel (1751) mini|Schema des menschlichen Wissens: Baum des Wissens Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers („Enzyklopädie oder ein durchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke“) ist eine französischsprachige Enzyklopädie. Sie entstand unter der Herausgeberschaft von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d’Alembert und enthält Beiträge zahlreicher weiterer Bearbeiter, der sogenannten Enzyklopädisten. Der erste Band erschien im Jahr 1751. 1780 wurde die Reihe mit dem 35. und letzten Band abgeschlossen.

Zielsetzung mini|Anatomische Zeichnung zur Darstellung der Muskulatur

Die Grundidee dieser Enzyklopädie und ihrer Herausgeber war, das gesamte Wissen der Zeit zu sammeln und der Welt öffentlich zugängig zu machen. Dazu Diderot im Artikel Encyclopédie:

Bemerkenswert ist hierbei, dass Diderot es sich nicht nur zum Ziel gemacht hat, das Wissen des gebildeten Bürgertums zu sammeln, sondern das aller Menschen. So soll diese Enzyklopädie nicht nur die Kenntnisse eines kleinen Kreises zusammenfassen und bereitstellen, sondern auch das Wissen der einfachen Leute aufnehmen und darstellen. Und obwohl Diderot und d’Alembert selbst dem Bürgertum angehörten und wohl auch der deutliche Großteil der Leserschaft aus dem Bürgertum stammte, haben die Herausgeber sich darum bemüht, ihr Sammelwerk durch Artikel von Handwerkern zu bereichern. So soll zum Beispiel der Artikel zum Uhrenhandwerk (franz.: horlogerie) von einem einfachen Uhrmacher beigetragen worden sein.

Die Absichten der Herausgeber zielten jedoch über eine bloße Darstellung des Wissens hinaus. Schon der Titel umschreibt Encyclopédie als dictionnaire raisonné, also ein nach Maßgabe der Vernunft aufgebautes, kritisch durchdachtes Wörterbuch. Diderot beschrieb das Konzept bereits in seinem Prospectus von 1750:

Seiner Freundin Sophie Volland schrieb Diderot 1762: „Dieses Werk wird sicher mit der Zeit eine Umwandlung der Geister mit sich bringen, und ich hoffe, dass die Tyrannen, die Unterdrücker, die Fanatiker und die Intoleranten dabei nicht gewinnen werden. Wir werden der Menschheit gedient haben […]“.

Das Werk ist die letzte bedeutende Enzyklopädie, die auf einem Baum des Wissens nach Art Francis Bacons aufbaut, aber bereits an bedeutsamen Stellen von diesem abweicht; sie leitet damit einen „erkenntnistheoretischen Richtungswechsel [ein], der die Topographie allen menschlichen Wissens verwandelte“ (Robert Darnton).Ausführlicher dargelegt in: Robert Darnton: The Great Cat Massacre and other Episodes in French Cultural History. Basic Books, New York 1984, ISBN 0-465-02700-8, S. 191–213.

Die Herausgeber erhoben den Anspruch, die gesamten menschlichen Aktivitäten am Maßstab der Vernunft zu messen und hinterfragbar zu machen. Sie traten für Gleichberechtigung ein, d. h. niemand sollte über andere Menschen herrschen. Versteckt, aber deutlich war in der Encyclopédie Kritik an Staat und Kirche zu finden, ohne dass sich Diderot dem Vorwurf des „Unglaubens“ aussetzen musste. Die Buchhändler konnten stets auf die Ausgewogenheit des Werkes verweisen, während das gebildete Publikum zwischen den Zeilen zu lesen verstand.

Sowohl die Methoden Thomas von Aquins als auch René Descartes’ werden verworfen und einzig die empiristische Herangehensweise John Lockes („Erkenntnis durch Erfahrung“) und Isaac Newtons als maßgeblich angesehen. Auch der Slogan „Wissen ist Macht“ von Francis Bacon wurde immer mehr zum Leitbegriff. Auch wenn die Encyclopédie als Widerspruch zur katholischen Kirche verstanden wurde, „beruhten viele Artikel auf den Studien jesuitischer Priester wie zum Beispiel Claude Buffier oder waren sogar davon abgekupfert“.

Aufbau mini|Schematische Darstellung der menschlichen Wissensgebiete am Beginn von Band 1. Gleiches Schema in deutscher Übersetzung mini|Zeichnerische Darstellung einer Camera obscura mini|Herstellung eines Kupferstichs Die 17 Textbände der Encyclopédie enthalten auf rund 18.000 Seiten 71.818 Artikel. Der Text umfasst 20.736.912 Wörter, davon 391.893 verschiedene. Diese Menge machte eine gut strukturierte Ordnung bzw. ein System erforderlich. Da die Encyclopédie darauf abzielte, alle Wissenschaftsbereiche zu erklären, wurden in jedem Band ein paar wenige, immer unterschiedliche Bereiche durchgenommen, wobei die Artikel untereinander alphabetisch geordnet waren.

Ein weiterer Schwerpunkt der Encyclopédie waren Abbildungen, die sehr exakt und detailgetreu gezeichnet wurden. Das waren zum Beispiel anatomische Schnitte durch Lebewesen, Monumente, damals bekannte Ruinen, Kunstwerke, Architektur oder Alltagsgegenstände.

Die elf zusätzlichen Bildtafel-Bände enthalten auf rund 7.000 Seiten 2.885 Kupferstiche und 2.575 Erläuterungen.

Publikationsgeschichte

Anfänge Bereits 1695 bis 1697Erweitert 1702, zehn Auflagen bis 1760. erschien Pierre Bayles historisch-kritisches Lexikon Dictionnaire historique et critique, aus dem Denis Diderot den Artikel Skeptizismus in die Encyclopédie aufnahm. 1728 hatte Ephraim Chambers in England mit beachtlichem Erfolg die zweibändige Enzyklopädie Cyclopaedia herausgegeben.

Ab 1743 verfolgten der Engländer John Mills und der Deutsche Gottfried Sellius ein Projekt, das die Übersetzung der Cyclopaedia ins Französische und die Erweiterung auf ein fünfbändiges Werk zum Ziel hatte. Dafür arrangierten sie sich mit dem französischen Verleger André-François Le Breton, der das zwingend erforderliche königliche Privileg zum Druck eines derartigen Werkes zu besorgen hatte. Er erhielt dieses 1745 als sein persönliches (vererbbares) Eigentum, hinterging dabei also seine Partner.historicum.net: Robert Darnton: The Business of Enlightenment. A Publishing History of the Encyclopédie. 1775–1800. Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge MA u. a. 1987, ISBN 0-674-08786-0.

Als die fünf Foliobände im Manuskript annähernd vorlagen, überwarf sich Mills mit seinem Verleger Breton. Um das Werk zu retten, gewann dieser den als Übersetzer und Mathematiker bekannten Abbé Jean Paul de Gua de Malves. Der schlug eine gründliche Neubearbeitung vor, scheint dann jedoch keine weitere Leistung erbracht zu haben. Daraufhin wandte sich Le Breton an Denis Diderot, der die Arbeit in Angriff nahm.

Le Bretons wirtschaftliche Kapazität wurde dem neuen Riesen-Projekt nicht gerecht und Diderots Kenntnisse genügten nicht, um die Bereiche Physik und Mathematik adäquat abzudecken. Der Verleger brauchte also Geldgeber, Diderot einen kompetenten Partner, den er in d’Alembert fand. Ab 1750 arbeitete unter Diderot eine Gruppe von Enzyklopädisten (139 weitere sind namentlich bekannt, darunter Louis de Jaucourt, Melchior Grimm, Jean-François Marmontel, Montesquieu, d’Holbach, Quesnay, Jean-Jacques Rousseau, Turgot und Voltaire). Die Unternehmung wurde nochmals verzögert, weil Diderot 1749 wegen seiner Publikation Lettre sur les aveugles eine mehrmonatige Haftstrafe abzusitzen hatte und erst auf Bitten der Verleger freikam.

Probleme Die Autoren der Encyclopédie nahmen allesamt in unterschiedlicher Weise eine kritische Haltung gegenüber der in Frankreich vorherrschenden Katholischen Kirche ein. Es gab unter ihnen undogmatische Christen, Deisten, Pantheisten, Agnostiker oder Autoren, die dem Atheismus zuneigten. D’Alembert z. B. vertrat eine naturalistische Position, wonach man Gott in der Natur finde. Deshalb kam die Encyclopédie 1759, wie viele andere Werke der Aufklärung, auf den Index Librorum Prohibitorum und auch staatlicherseits gab es Maßnahmen gegen einzelne Autoren und die Verbreitung des Werkes. Allerdings bekam die Encyclopédie auch Unterstützung aus Regierungskreisen, etwa durch Ludwigs Geliebte Madame de Pompadour, die als Protektorin auftrat, so dass die Veröffentlichung zunächst gestattet wurde.

Die Kräfte des ancien regime versuchten, das Unternehmen zu Fall zu bringen. Etwa 1752 verbündeten sich Jesuiten und Jansenisten, um über die Sorbonne und das Parlement de Paris, den obersten Gerichtshof, gegen die „Ungläubigen“ vorzugehen. Die Abwehr dieses Angriffs war ein Meisterstück, das unter Beteiligung der Pompadour, Voltaires und zweier Minister gelang, wohl auch, weil zwischenzeitlich Friedrich der Große d’Alembert nach Berlin eingeladen hatte, um die Encyclopédie dort erscheinen zu lassen. Nun warnten die Buchhändler vor den drohenden Verlusten und betonten die Vorteile, wenn das Werk in Frankreich erscheine. Minister Malesherbes, liberaler Vorsitzender der obersten Zensurbehörde und mit vielen Literaten persönlich befreundet, legte Gutachten vor, nach denen die Buchhändler nichts mehr zu befürchten hatten. Auch weitere Attacken gegen die Encyclopédie wurden mit Rückendeckung aus französischen Regierungskreisen abgewendet, obwohl das königliche Privileg zurückgezogen worden war, nachdem d’Alemberts Artikel Genève (Genf) im siebenten Band (1757) den dortigen kalvinistischen Klerus verärgert hatte. mini|Chrétien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes (1721–1794), chef de la censure royale (Oberzensor). Ohne seine Schirmherrschaft wäre die Encyclopédie politisch nicht durchsetzbar gewesen. Anschließend mussten die Textbände 8 bis 17 heimlich in Frankreich publiziert werden. Um dies zu verschleiern, wurde Neuchâtel in der Schweiz als Erscheinungsort angegeben. Um der Zensur zuvorzukommen, veränderte Le Breton ab dem 8. Band Texte – hinter dem Rücken Diderots, der das erst hinterher bemerkte und tobte: „Sie haben die Arbeit von zwanzig anständigen Menschen […] gemordet oder morden lassen“.

Die Encyclopédie befürwortete im Artikel Sodomie drakonische Strafmaßnahmen gegenüber Homosexuellen mit dem Zusatz, dass ebendies auch für Frauen und Minderjährige zu gelten habe.

Zensur 1752 Der erste Band der Encyclopédie erschien im Januar 1752, das gedruckte Datum vom Juni des Jahres 1751 im Titelblatt ist inkorrekt.Frankwald Möhren: Die materielle Bibliographie der Encyclopédie: Originale und Raubdrucke. In: Dietrich Harth, Martin Raether (Hrsg.): Denis Diderot oder die Ambivalenz der Aufklärung. Königshausen & Neumann, Würzburg 1987, ISBN 3-88479-277-6, S. 63–89. Die erste durch staatliche Institutionen durchgeführte Repression erfuhr die Enzyklopädie im Jahre 1752. Anlass gab die theologische Dissertation von Jean-Martin de Prades, durchgesehen vom irischen Professor Reverend Luke Joseph Hooke, der am Ende Amt und Würden verlor. Am 18. November 1751 verteidigte er seine Arbeit an der Sorbonne. Doch bald darauf wurde seine Dissertation für den doctor theologiae einer zweifelhaften Dogmentreue – d. h. der Nähe zur Encyclopédie – verdächtigt, so dass die akademischen Verantwortlichen seine Arbeit einer genauen Prüfung unterwarfen.

In seiner Dissertation hatte de Prades eine Reihe von Thesen aufgestellt, die zu einer scharfen Auseinandersetzung mit Vertretern der theologischen Fakultät der Pariser Universität führten. Unter anderem hatte de Prades Zweifel an der zeitlichen Abfolge der Ereignisse im Pentateuch geäußert und die Heilwunder Jesu mit denen des griechischen Gottes der Heilkunst Asklepios verglichen. Ohne seine Vorbilder zu nennen, bediente sich de Prades über weite Strecken der von d’Alembert verfassten Vorrede zur Encyclopédie, des Discours préliminaire, sowie der Pensées philosophiques von Diderot. Mit Diderot stand de Prades auch in persönlichem Kontakt und hatte sich mehrmals mit ihm zu Gesprächen getroffen. Am 15. Dezember stellte die mit dem Fall befasste Kommission der Pariser theologischen Fakultät fest, dass die in der Dissertation geäußerten Thesen zu verwerfen seien und die Schrift selbst unter die Zensurbestimmungen falle.