mini|Kerstin Specht (2026)
Kerstin Specht (* 5. Juni 1956 in Kronach, Oberfranken) ist eine deutsche Schriftstellerin, die vor allem für ihre Dramatik bekannt ist. 2026 debütierte sie auch als Romanautorin.
Leben und Werk Kindheit und Ausbildung Kerstin Specht wuchs im oberfränkischen Dorf Stockheim auf. Den Herkunftsort im Zonenrandgebiet beschrieb sie später als „absolutes Anti-Idyll“ mit auch deutlich religiöser Grenze; als evangelisches Kind durfte sie auf Geheiß von Nonnen nicht in den katholischen Kindergarten.Britta Kallin: Junges deutsches Theater in den USA: Interview mit Kerstin Specht über ihre Theaterstücke, 14. Mai 2004, Atlanta, GA. In: The German Quarterly, 77, H. 4, 2004, S. 482–490, hier: S. 488. Nach den Schuljahren nahm sie ein Studium der Germanistik und Evangelischen Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München auf, das sie 1983 mit einer Arbeit über Oskar Kokoschka abschloss. Anschließend arbeitete sie als Regieassistentin beim Bayerischen Rundfunk und nahm Schauspielunterricht. 1985 begann sie ein weiteres Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München. In dieser Zeit entstand eine Reihe von Kurzfilmen.
Dramen ab 1988 Zwischen 1988 und 1990 erschienen ihre ersten Dramen, mit denen „sie sich in der Theaterwelt einen Namen“ machte. Die düster-realistischen Stücke Das glühend Männla, Lila und Amiwiesen, als „oberfränkische Trilogie“ rezipiert, verwenden einen fränkischen Kunstdialekt und stehen in der Tradition des kritischen Volksstückes von Marieluise Fleißer und Ödön von Horváth. Weitere Inspirationsquellen sind die Filme Rainer Werner Fassbinders („diese spannende Mischung aus Realismus und Hyperrealismus, schrillen Figuren und Laiendarstellern“)Britta Kallin: Junges deutsches Theater in den USA: Interview mit Kerstin Specht über ihre Theaterstücke, 14. Mai 2004, Atlanta, GA. In: The German Quarterly, 77, H. 4, 2004, S. 482–490, hier: S. 486. sowie die Theaterstücke von Franz Xaver Kroetz, Thomas Strittmatter und Bernard-Marie Koltès. Schon ihre ersten Texte lösten große Aufmerksamkeit aus und wurden zum Beispiel in einer szenischen Lesung von Ulrich Tukur, Anneliese Römer und Angelica Domröse präsentiert. Die englische Version von Das glühend Männla lief 1990 beim Covent Garden Festival und wurde von Prinzessin Diana eröffnet. Im Dezember 1993 produzierte die Royal Shakespeare Company das Drama.The Glowing Manikin, Theatricalia (abgerufen am 11. August 2026).
In den ersten Stücken ersetzen Gewalthandlungen mangelnde Kommunikation: „Kerstin Spechts Personen töten nie aus Aggressivität, sondern immer aus Hilflosigkeit und aus der Sehnsucht heraus, sich befreien zu müssen von einem unerträglichen Zustand.“Ingeborg Gleichauf: „Ich hab‘ keine menschlichen Utopien“. Kerstin Specht (geb. 1956). – In: Dies.: Was für ein Schauspiel! Deutschsprachige Dramatikerinnen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, Berlin 2003, S. 137–153, hier: S. 141.
Nach ihrer oberfränkischen Trilogie wandte sich Kerstin Specht vom dialektalen Schreiben ab. Die Gewalt der Sprache spielte aber nach wie vor eine große Rolle. In Carceri, 1996 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, steht ein französischer Linksintellektueller im Mittelpunkt, dem deutlich Louis Althusser Züge verliehen hat. Nach der Ermordung seiner Frau befindet sich der Philosoph in der Psychiatrie, wo er auf einen ebenso gewaltbereiten rumänischen Analphabeten trifft, der aus seiner antikommunistischen Haltung keinen Hehl macht.Ingeborg Gleichauf: „Ich hab‘ keine menschlichen Utopien“. Kerstin Specht (geb. 1956). – In: Dies.: Was für ein Schauspiel! Deutschsprachige Dramatikerinnen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, Berlin 2003, S. 137–153, hier: S. 142 f. Im November 2001 wurde aus Anlass des 100. Geburtstages von Marieluise Fleißer, als deren „Enkelin“ Kerstin Specht häufig bezeichnet wird, ihr Auftragswerk Marieluise in Ingolstadt inszeniert. 2024, nunmehr zum 50. Todestag von Marieluise Fleißer, las Hanna Schygulla eine Monodrama-Version des Stücks am Münchner Residenztheater.
Weitere Entwicklung ab 2002 Mit dem Stück Das goldene Kind kehrte Kerstin Specht 2002 (Uraufführung an den Münchner Kammerspielen) in die Enge kleinbürgerlichen Daseins zurück. Die Behandlung dieses Milieus auf der Bühne hielt Specht für besonders dringlich.Ingeborg Gleichauf: „Ich hab‘ keine menschlichen Utopien“. Kerstin Specht (geb. 1956). – In: Dies.: Was für ein Schauspiel! Deutschsprachige Dramatikerinnen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, Berlin 2003, S. 137–153, hier: S. 149. Bislang (Stand: 2026) schrieb sie 22 Theaterstücke, von denen viele auch in andere Sprachen übersetzt wurden. Die Dramatikerin erhielt für ihre Stücke zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Sie wurde 2002 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste aufgenommen und ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.
2026 debütierte Kerstin Specht mit dem Buch Mittelberge als Romanautorin. Sie folgt darin „in einer parataktischen, lakonisch-poetischen Prosa, unterbrochen von Gedichten, die die Motive weiter zuspitzen“, den ersten fünfundzwanzig Jahren im Leben der Sophie, die um 1930 in einem Dorf in der oberfränkischen Provinz geboren wird.
Werke (Auswahl) Theaterstücke (Auswahl) Das glühend Männla (1990) Lila (1990) Amiwiesen (1990) Der Flieger (1993) Mond auf dem Rücken (1994) Carceri (1996) Die Froschkönigin (1998) Schneeköniginnen (1998) Die Herzkönigin (1998) Das kalte Herz (2000) Marieluise (2001) Marieluise. Ein Bericht (2001) Das goldene Kind (2002) Solitude (2002) Die Zeit der Schildkröten (2005) Der Zoo (2009) Odysseus! (2013)
Hörspiele 2000: Der Flieger – Regie: FM Einheit/Kerstin Specht (Hörspiel – BR) 2001: Die Froschköigin – Regie: Barbara Plensat (Hörspiel – Deutschlandradio)
Romane Mittelberge. Stroux Edition, München 2026. ISBN 978-3948065508.
Filmografie 1986: Die stille Frau (Kurzfilm) 1987: Ein Fall für zwei: … zum Tode verurteilt 1988: Afrika (Kurzfilm) 1989: Wilgefort (Kurzfilm)
Auszeichnungen (Auswahl) Preise 1989: Hungertuch-Preis des Hessischen Literaturbüros, Frankfurt am Main 1990: Bayerischer Kunstförderpreis 1990: Literaturpreis des Kulturkreises des BDI 1991: Friedrich-Baur-Preis für Literatur 1993: Landespreis für Volkstheaterstücke 1993: Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis 1996: Kulturpreis der oberfränkischen Wirtschaft 2002: Landespreis für Volkstheaterstücke 2002: Deutscher Kindertheaterpreis 2005: Marieluise-Fleißer-Preis 2011: Ernst-Hoferichter-Preis 2013: Pro meritis scientiae et litterarum
Stipendien 1990/91: Akademie Schloss Solitude 1991: Stipendium des Deutschen Literaturfonds 1996: Villa Aurora, Los Angeles 2014: Villa-Concordia-Stipendium in Bamberg
Literatur Kerstin Specht und Hannes S. Macher: Tradition des Volkstheaters. In: Literatur in Bayern, Heft 22, 1990, S. 33–35. Sue-Ellen Case: The Divided Home/land. Contemporary German Woman‘s plays. Univ. of Michigan Press, Ann Arbor 1992. ISBN 0-472-09406-8. Godehard Schramm: Trotzige Poesie – zu Kerstin Spechts Theaterstücken. In: Literatur in Bayern, Heft 49, 1997, S. 43–46. Ingeborg Gleichauf: „Ich hab‘ keine menschlichen Utopien“. Kerstin Specht (geb. 1956). – In: Dies.: Was für ein Schauspiel! Deutschsprachige Dramatikerinnen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Aviva Verlag, Berlin 2003, S. 137–153. ISBN 3-932338-17-0. Catherine Grünbeck-Mazellier, Hilda Inderwildi: Les impertinences de Kerstin Specht. In: Kerstin Specht: Königinnendramen / Trois Reines. Coédition PUM / Théâtre de La Digue. NOUV 1, Toulouse 2003, S. 9–19. Birgit Haas: Modern German political drama 1980–2000. Camden House, Rochester, NY 2003, S. 23–26 und 152–154. ISBN 1-571-13285-6. Britta Kallin: Junges deutsches Theater in den USA: Interview mit Kerstin Specht über ihre Theaterstücke, 14. Mai 2004, Atlanta, GA. In: The German Quarterly, 77, H. 4, 2004, S. 482–490. Brigitta Rambeck: Kerstin Specht – Heimat und die Folgen. In: Literatur in Bayern, Heft 131, 2018, S. 34–35.
Weblinks
Peter Czoik: Autorinnen & Autoren – Kerstin Specht auf literaturportal-bayern.de
Einzelnachweise
Kategorie:Autor Kategorie:Filmregisseur Kategorie:Drehbuchautor Kategorie:Dramaturg Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Drama Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland Kategorie:Träger des Ernst-Hoferichter-Preises Kategorie:Person (Kronach) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1956 Kategorie:Frau