Der Große Emu (Dromaius novaehollandiae) ist eine flugunfähige Vogelart aus der Gruppe der Laufvögel und die einzige überlebende Art der Familie der Emus (Dromaius). Es ist die größte Vogelart der Fauna Australiens und nach dem Afrikanischen Strauß der zweitgrößte gegenwärtig lebende Vogel. Strauße und Emus sind trotz des relativ ähnlichen Habitus nicht näher miteinander verwandt. Ihre Ähnlichkeit resultiert aus einer konvergenten Evolution.
Emus sind opportunistische Zugvögel, die lange Wanderungen unternehmen, um geeignete Nahrungsgründe zu finden. Gelegentlich kommt es dabei zu Massenwanderungen, bei denen manchmal mehrere tausend Vögel gemeinsam in nahrungsreichere Regionen ziehen. Lange Wegstrecken legen Emus in einem gleichmäßig schnellen und kraftsparenden Trott zurück. Ihre maximale Laufgeschwindigkeit liegt bei 50 Kilometer pro Stunde, die sie über einige Distanz einhalten können.S. J. J. F. Davies: Emus, Australian Natural Historiy, Band 14, 1963, S. 225–229.
Der Name Emus wurden das erste Mal in Arthur Phillips Reisebeschreibung „Voyage to Botany Bay“ beschrieben, die 1789 erschien.J. Gould: Handbook to the birds of Australia, Band 2, 1865, Nachdruck der Landsdowne Presse 1972. Phillip bezeichnete sie noch als Neu-Holland-Kasuare. Ihre wissenschaftliche Bezeichnung erhielt diese Vogelart von dem Ornithologen John Latham, der eine Reihe australischer Vogelarten das erste Mal beschrieb und unter anderem auch an Phillips Buch mitarbeitete. Übersetzt bedeutet der wissenschaftliche Artname Neu-Holländischer Läufer.
Die Herkunft der in vielen Sprachen gebräuchlichen Bezeichnung „Emu“ ist dagegen unbekannt. Vermutet wird, dass der Name „Emu“ sich von einem arabischen Begriff für große Vögel ableitet. Portugiesische Entdecker haben so ursprünglich in Neuguinea die mit dem Emu verwandten Kasuare genannt. Später wurde der Name auf diese Art übertragen. mini|Kopf eines Emus mini|Zehenstellung mini|Spurenbild von Emus auf einem Salzsee
Merkmale Emus erreichen eine Körperhöhe zwischen 150 und 190 Zentimeter bei einer Schulterhöhe von 100 bis 130 Zentimetern. Männchen und Weibchen sehen einander sehr ähnlich; im Schnitt sind Weibchen etwas größer, schwerer und dunkler als Männchen. Mit einem Gewicht zwischen 30 und 45 Kilogramm sind Emus trotz der größeren Körperhöhe leichter als Helmkasuare. Der weitgehend unbefiederte Hals und die Beine sind lang. Von den Flügeln sind nur noch rudimentäre Stummel vorhanden. Die Flügelsehne ist etwa 20 cm lang und jeder Flügel hat eine kleine Kralle an der Spitze.S. J. J. F. Davies: Emus, in Hutchins, Michael (Hrsg.): Grzimek's Animal Life Encyclopedia. 8 Birds I Tinamous and Ratites to Hoatzins (2. Auflage 2003). Farmington Hills, Michigan: Gale Group. S. 83–87. ISBN 978-0-7876-5784-0.
Die kräftigen Beine des Emus enden in drei Zehen, die nach vorne gerichtet sind. Diese Zehenstellung findet sich auch bei anderen, sich überwiegend auf dem Boden fortbewegenden Vogelarten wie etwa Wachteln. Der Afrikanische Strauß weist dagegen nur zwei Zehen auf. Eine stark entwickelte Beckenmuskulatur ermöglicht die hohe Laufgeschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde, die Emus erreichen können. Der Anteil der Beckenmuskulatur am Gesamtgewicht eines Emus entspricht dabei dem Verhältnis der Flugmuskulatur zum Körpergewicht bei einem flugfähigen Vogel.Patak, 1998, S. 23–37 Der Emu ist die einzige Vogelart, die auf der Rückseite der Unterschenkel den Musculus gastrocnemius, den Zweiköpfigen Wadenmuskel aufweist.
Das grau-braune, zottelig wirkende Gefieder der Emus ist nach der Mauser dunkel. Die Gefiederpigmentierung hellt sich aber mit der Zeit durch die Sonneneinstrahlung ins Braune auf.Christopher M. Perrins (Hrsg.): Die BLV-Enzyklopädie Vögel der Welt. Aus dem Englischen von Einhard Bezzel. BLV, München/Wien/Zürich 2004, ISBN 978-3-405-16682-3, S. 41 (Titel der englischen Originalausgabe: The New Encyclopedia Of Birds. Oxford University Press, Oxford 2003). Neben der Primärfeder entwickeln Emus eine Sekundär- oder Afterfeder, die an der Basis der Hauptfeder ansetzt und ebenso lang wie diese ist. Die Sonneneinstrahlung wird von den äußeren Federn des Gefieders absorbiert, während der lockere Aufbau des Gefieders die Haut isoliert. Diese Anpassung erlaubt es den Vögeln, auch während der heißen Tageszeit aktiv zu sein.Maloney und Dawson, 1995, S. 381–387 Das Gefieder der Brust ist in der Regel deutlich heller gefärbt als das übrige Körpergefieder. Hals und Kopf sind gewöhnlich sehr dunkel und häufig sogar schwarz gefärbt. Auf beiden Halsseiten befinden sich oft zwei ca. 15 bis 20 cm lange und 3 bis 4 cm breite weiße Streifen. Der Schnabel ist sehr dunkel und zur Spitze hin leicht gekrümmt.
Die Jungtiere sind zur Tarnung längsseitig schwarzweiß gestreift, der Kopf schwarzweiß gesprenkelt.
Stimme Erwachsene Emus entwickeln im Hals eine Öffnung zwischen der Luftröhre und den Halsluftsäcken. Durch diese Öffnung können Emus die Luftsäcke als Resonanzraum nutzen und so tiefe, durchdringende und dröhnende Rufe von sich geben, die bis in eine Entfernung von zwei Kilometern zu hören sind. In: Australian Museum, 2001. Die Vögel geben außerdem Grunz- und Zischlaute von sich. Emus sind am häufigsten während der Fortpflanzungszeit zu hören, in der übrigen Zeit sind sie meist still.
Verbreitung, Unterarten und Lebensraum mini|240px|Verbreitung auf dem australischen Kontinent (rosa markiert)
Emus sind in nahezu ganz Australien verbreitet. Im dicht bewaldeten tropischen Norden findet man sie allerdings recht selten. An der dichter besiedelten Ostküste Australiens gingen die Bestandszahlen zurück. Auf Tasmanien wurde die dortige Unterart des Großen Emus im 19. Jahrhundert ausgerottet. Der Große Emu wurde durch den Menschen auch auf der Känguru-Insel, wo ursprünglich die heute ausgestorbene Art Känguru-Insel-Emu heimisch war, sowie auf Maria Island in der Nähe der tasmanischen Küste eingeführt.
In dem großen Verbreitungsgebiet werden drei Unterarten unterschieden: Im Südosten Australiens kommt Dromaius novaehollandiae novaehollandiae vor. Sie ist die Nominatform dieser Vogelart und unterscheidet sich von den anderen Unterarten durch eine weiße Halskrause, die während der Fortpflanzungsperiode gezeigt wird. Im Norden kommt die Unterart D. n. woodward vor, die etwas zierlicher als die Nominatform ist und ein helleres Gefieder aufweist. D. n. rothschildi hat von allen Unterarten das dunkelste Gefieder und kommt im Südwesten Australiens vor.
Den Lebensraum der Emus bilden Eukalyptuswälder, offene Pflanzungen, Heideland, seltener trockene Ebenen oder gar Wüsten, die sie nur nach heftigen Regenfällen und dem dadurch bedingten großen Nahrungsangebot an Früchten und Beeren aufsuchen. Emus fehlen im tropischen Regenwald, in dem der Helmkasuar heimisch ist.
Bestand Vor der Besiedlung Australiens durch Europäer kamen insgesamt drei Emu-Arten in Australien vor. D. n. baudinianus und D. n. ater starben kurz nach Ankunft der ersten Europäer aus. Heute werden sie als Unterarten des Großen Emus angesehen. Auf Tasmanien wurde die dort vorkommende Unterart etwa um 1865 ausgerottet. John Gould bedauert in seinem bereits 1865 erschienenen Buch The Birds of Australia nicht nur das Verschwinden der tasmanischen Unterart, sondern auch den Rückgang des Großen Emus rund um Sydney. Er schlug damals schon die Unterschutzstellung dieser Vogelart vor.Davies, S. 225–229 Bejagt wurde der Große Emu allerdings bis in die 1960er Jahre. Heute ist er durch den „Environment Protection and Biodiversity Conservation Act 1999“ unter Schutz gestellt.
Trotz der früher üblichen Bejagung hat der Große Emu von der Zunahme landwirtschaftlicher Flächen in den letzten zwei Jahrhunderten profitiert: Das ursprünglich für Schafe geschaffene vergrößerte Wasserangebot hat zu einer deutlichen Ausweitung der Brutgebiete geführt. Vermutet wird, dass die heutige Population größer ist als die vor der europäischen Besiedlung. Die Bestandszahlen variieren jedoch und sind abhängig von den Niederschlagsmengen. Geschätzt wird, dass zwischen 625.000 und 725.000 Vögel in Australien leben, davon etwa 100.000 bis 200.000 in West-Australien. Bei einzelnen kleinen Populationen in Regionen, in denen nur noch wenige Emus leben und die so isoliert sind, dass aus anderen Gebieten keine Vögel zuwandern, tragen fortschreitende Veränderungen ihres Lebensraums und Straßenunfälle zur Gefährdung des Fortbestands bei. Die Landesregierung von New South Wales hat deshalb die isolierten Populationen der North-Coast-Bioregion und von Port Stephens als gefährdet eingestuft.
Lebensweise Aktivität Den größten Teil des Tages verbringen Emus mit Fressen. Sie sind tagaktive Vögel, deren größte Aktivität auf die Morgen- und Abenddämmerung fällt. An heißen Sommertagen ruhen sie während der Mittagshitze im Schatten. Dann heben sie ihre Stummelflügel an und verschaffen sich so etwas Kühle. An sehr heißen Tagen halten Emus ihre Körpertemperatur, indem sie hecheln. Anders als bei vielen anderen Tierarten scheint das dadurch bedingte niedrige Niveau an Kohlendioxid im Blut bei ihnen keine Alkalose zu verursachen.Maloney, 1994, S. 464–472. Bei der normalen Atmung wird die eingeatmete Luft durch die Nasenpassage geführt. Die Luft wird dadurch angewärmt, bevor sie die Lungen erreicht. Bei der Ausatmung wird hier der Atemluft die Feuchtigkeit entzogen und absorbiert.Maloney, 1998, S. 712–719.
In der Regel sind Emus Einzelgänger oder treten in Paaren auf. Nur auf Wanderungen oder an Tränken kommen sie zu kleinen Gruppen zusammen, die sich schnell wieder auflösen. Kommen zwei Emus einander zu nah, zeigt der dominante Vogel dies durch Vorstrecken des Halses und einen Knurrlaut an; meistens nimmt einer der Vögel dann wieder Abstand, gelegentlich kommt es aber auch zu Aggressionen in Form von Schnabelpicken oder Treten.
mini|Großer Emu
Ernährung Emus zählen zu den größten Pflanzenfressern Australiens und fressen Nahrung mit vergleichsweise hohem Nährwert. Genutzt werden dabei sowohl ursprünglich in Australien einheimische Pflanzen als auch durch Europäer eingeführte.
Jüngere Tiere ernähren sich stärker carnivor und nehmen neben pflanzlicher Nahrung verstärkt Raupen, Heuschrecken und andere Wirbellose zu sich, während ältere vorwiegend Früchte, Beeren, Samen, Blüten, junge Pflanzenschösslinge, frisches Gras und Kräuter fressen. Die Nahrungszusammensetzung schwankt dabei in Abhängigkeit von der Jahreszeit. Bei Emus in Westaustralien konnte nachgewiesen werden, dass sie bis zum Regen bevorzugt Samen von Acacia aneura fressen. Nach dem Niederschlag bevorzugen sie Grasschösslinge und Raupen. Im australischen Winter besteht ihre Nahrung überwiegend aus den Blättern und Samen von Cassia. Im Frühling sind Heuschrecken und Quandong-Früchte Hauptbestandteile ihrer Nahrung. Es wird angenommen, dass Emus einen erheblichen Beitrag bei der Verbreitung pflanzlicher Diasporen leisten und damit einen Einfluss auf die Erhaltung der australischen Biodiversität haben.McGrath, S. 248–252.
Zur besseren Zerkleinerung der Nahrung im Muskelmagen nehmen sie oft kleinere Steinchen (Gastrolithen), manchmal auch Holzkohle auf. Als Vorsorge gegen schlechtere Zeiten können die Vögel große Fettreserven anlegen;Christopher M. Perrins (Hrsg.): Die BLV-Enzyklopädie Vögel der Welt. Aus dem Englischen von Einhard Bezzel. BLV, München/Wien/Zürich 2004, ISBN 978-3-405-16682-3, S. 42 (Titel der englischen Originalausgabe: The New Encyclopedia Of Birds. Oxford University Press, Oxford 2003). in Notzeiten können sie mehr als die Hälfte ihres Gewichtes verlieren. Emus haben einen hohen Wasserbedarf und müssen nahezu täglich trinken. Sowohl der Ausfall ihrer Nahrungsquellen als auch Wasserknappheit können somit zu den von den westaustralischen Farmern gefürchteten Massenwanderungen führen.
Massenwanderungen