mini|Die Regenbogenflagge als internationales Symbol der queeren Bewegung Queer [] ist heute eine Sammelbezeichnung für sexuelle Orientierungen, die nicht heterosexuell sind, für Geschlechtsidentitäten, die nichtbinär oder nicht-cisgeschlechtlich sind, sowie Lebens- und Liebesformen, die nicht heteronormativ sind. Der Begriff wird als positive Eigenbezeichnung queerer Personen verwendet und ist seit den 1990er Jahren in Deutschland etabliert. Oftmals sind mit queer ähnliche Personengruppen gemeint wie mit den Abkürzungen LGBT, LSBT u. a.
Im Gegensatz zu anderen Begriffen aus der Familie der sexuellen Orientierungen (wie schwul, lesbisch, bi- oder asexuell) und geschlechtlichen Identitäten (wie trans oder intergeschlechtlich) gibt es für den Ausdruck queer keine einheitliche Definition; er unterliegt in seiner Verwendung Aneignungs- und Interpretationspraktiken, so dass eine genaue Definition der Bezeichnung auch Gegenstand von Diskussionen ist. Die theoretische Auseinandersetzung mit Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen leistet die Queer-Theorie.
Geschichte Das englische Wort queer stammt laut dem Oxford English Dictionary vom deutschen Wort quer ab, das letztlich auf die urindogermanische Verbwurzel *terkʷ- „drehen“ zurückgeht. Damit verwandt ist auch das lateinische Verb torquere „drehen, verdrehen“.Perko 2005, S. 15–16.
Die Bezeichnung queer wurde im englischen Sprachraum – wie das Wort „schwul“ im Deutschen – ursprünglich als Schimpfwort gebraucht, mit dem vornehmlich Homosexuelle bedacht wurden, aber auch andere Personen, die in geschlechtlicher oder sexueller Hinsicht von den heteronormativen Regeln abweichen. Hier war queer in der Bedeutung „gefälscht, sonderbar, eigenartig, fragwürdig, suspekt, verrückt“ Teil der Homophobie.Czollek u. a. 2009, S. 33. Im Deutschen lässt sich queer in seiner Funktion als Schimpfwort mit „pervers“ oder „schwul“ wiedergeben.
In den frühen 1950er Jahren verfasste William S. Burroughs einen autobiografisch orientierten Roman mit dem Titel Queer, der aber erst 1985 veröffentlicht wurde.Daniel Stein: Burroughs, William S. - Das Romanwerk. In: Kindlers Literatur Lexikon. 3., völlig neu bearbeitete Auflage 2009, S. ?? (anmeldepflichtig).Deutsch: William S. Burroughs: Homo. Zweitausendeins, Frankfurt/M. 1994 (übersetzt von Carl Weissner).
Entgegen der schimpfwörtlichen Verwendung in der Alltagssprache wurde der Ausdruck queer in den USA zunächst vereinzelt als positive Eigenbezeichnung verwendet. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre gelang es den damit Bezeichneten innerhalb ihrer Community, das Wort im öffentlichen Diskurs einer Neubewertung zu unterziehen (englisch reclaiming) und zu einem positiv besetzten Trotzwort (Geusenwort) umzuformen. Als Urheber des bekräftigenden reclaiming gelten schwarze Menschen und People of Colour an den sozialen Rändern US-amerikanischer Großstädte, die allerdings namentlich nicht bekannt sind.
Auf dieser Grundlage entwickelte sich queer zu einer Sammelbezeichnung mit politischer und wissenschaftlicher Bedeutung, die sich auf politischen Aktivismus und verschiedene Denkrichtungen und Theorien bezieht. Die Bezeichnung für die wissenschaftliche Disziplin der Queer-Theorie (queer theory) stammt von Teresa de Lauretis und wurde 1991 als eine Möglichkeit eingeführt, „identitätspolitische Einschränkungen zu überwinden, wie sie auch mit den Termini lesbisch und schwul einhergehen“. Im deutschsprachigen Raum wurden Queer-Theorien vor allem über Judith Butler rezipiert, die davor warnte, queer als eine fest konturierte Identitätskategorie zu verstehen. Den Ausdruck queer versteht die Philosophin Gudrun Perko 2005 als eine politische und gesellschaftliche Bewegung „im Sinne eines offenen Projekts, das die angeblich natürliche Ordnung der Dinge in Frage stellt“Perko 2005, S. 27. – sowohl in den Bereichen der Sexualität als auch in Debatten wie Multikulturalismus, Interkulturalität, postkolonialer Kritik, Menschenrechte und Demokratie, Queers-of-Color und weiteren.
Im Deutschen stellt queer nicht im gleichen Maße eine Verbindung zu Sexualität her wie in den USA. Queer kann als positiver Begriff nicht einfach ins Deutsche übersetzt werden. Gudrun Perko schlug 2005 vor, am ehesten die Übersetzung „seltsam“ zu verwenden, um „ein Gegen-die-Norm-Sein“ zum Ausdruck zu bringen. 2017 wurde der Begriff Queer in den Duden aufgenommen.
Begriff Heute kann queer gemäß dem Verständnis von Perko als ein Oberbegriff verstanden werden, der sich je nach Selbstverständnis auf Unterschiedliches beziehen kann: in sexueller Hinsicht auf Schwule, Lesben, Bisexuelle, Pansexuelle, Asexuelle oder in geschlechtlicher Hinsicht auf genderqueere, nichtbinäre, binäre oder nichtbinäre transgeschlechtliche oder auf intergeschlechtliche Personen. Auch weitere Identitäten können unter queer subsumiert werden. Die Zugehörigkeit von Polyamorie, Beziehungsanarchie und BDSM ist umstritten. Der Begriff umfasst damit das gesamte Spektrum derer, die nicht heteronormativen Vorstellungen von Sexualität oder von binärem Geschlecht (männlich/weiblich) entsprechen. Es handelt sich um einen offen gefassten Begriff, welcher vielfältige Identifikationsmöglichkeiten bietet.Wörterbucheintrag: Queer. In: Diversity-Arts-Culture.Berlin. Abgerufen am 8. Februar 2021. Verbindend wirkt dabei die Vorstellung, dass die gesellschaftlich vorherrschende Heteronormativität hinterfragt und aufgelöst und es Menschen ermöglicht werden solle, ihr Leben mit vielfältigen Formen von sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten frei von Normen zu leben.queer@school: In: Queer-at-School.de. Abgerufen am 8. Februar 2021.
Für den deutschsprachigen Raum unterscheidet Perko (2005) drei gängige Definitionen des Begriffs queer, die sich dahingehend unterscheiden, welche Lebensweisen und Personengruppen darunter jeweils subsumiert werden.Perko 2005, S. 17–21. Die drei Varianten überschneiden sich zwar in ihrer Kritik an Heteronormativität, Heterosexismus und anderem, doch bezüglich der Definition eines gruppenbezogenen „Wir-Gefühls“ wählen sie unterschiedliche Ansätze.
Die erste, (feministisch-)lesbisch-schwul-queere Variante versteht queer als Synonym zu (feministisch-)lesbisch und schwul. Diese Definition findet sich laut Perko (2005) in Zeitschriften, Magazinen, bei Veranstaltungen wie Kursen, Workshops und Gottesdiensten, in politischen Initiativen und in theoretischen Ansätzen. Corinna Genschel versucht die Gleichsetzung von queer und lesbisch und schwul damit zu erklären, dass queer in der BRD zu einer Zeit aufkam, als sich die schwul-lesbische Identitätspolitik erst entwickelte. Dieses Verständnis von queer wird assoziiert mit dem Feminismus sowie mit Lesbian und Gay Studies. Perko betonte 2005 die Gefahr einer Ausgrenzung und eines Ausschlusses bei dieser Auffassung von queer: In der Theorie dieses Konzepts werden Pluralitätskonzepte und die Auflösung von Identitätspolitiken nicht vollständig zu Ende gedacht. In der Praxis wird die Gefahr einer Einschränkung erfahrbar, wenn beispielsweise Transfrauen zu feministisch-lesbischen Räumen keinen Zutritt erhalten, und diejenigen, die den Zugang verweigern, bestimmen, wer eine richtige Frau sei. Bei der zweiten, lesbisch-schwul-bi-transgender-queeren Variante umfasst der Begriff queer in einer erweiterten Form Homosexualität, Bisexualität und Transgeschlechtlichkeit. In diesem Ansatz haben ehemals ausschließlich schwule oder lesbische Initiativen eine Erweiterung ihres Selbstverständnisses vorgenommen, so dass „Denk- und Lebensräume für Menschen [entstehen], denen der Zutritt in lesbischen und schwulen Communities lange verwehrt blieb und heute zuweilen noch verwehrt ist“. Als Beispiel nennt Perko (2005) Bisexuelle, die lange nicht in Lesbenräume durften, weil sie angeblich Männlichkeit repräsentieren. Die plural-queere Variante, die Perko 2005 in Queer-Theorien vertritt, ist eine politisch-strategische Variante der Queer-Theorie, die radikal offen alle Menschen inkludiert, „die der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen oder nicht entsprechen wollen“. Die deutschsprachige Form des plural-queeren Ansatzes greift auf die US-amerikanische Variante zurück, die vehemente Kritik an Heteronormativität, geschlechtlicher Binarität, Identitätsmodellen und Ausschlüssen bestimmter Menschen üben. Darunter fallen Schwule, Lesben, Bisexuelle, Intersexuelle, Asexuelle, Transgender ebenso wie Cross-Identitäten, Nicht-Identitäten, Trans-Identitäten, aber auch Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Hautfarbe etc. und Cyborgs, Drags, Cross-Dresser etc. (vgl. dazu die Auflistung bei Perko 2005: 22–25) Im Zentrum der plural-queeren Variante steht das Bemühen um die „möglichste Vielfalt menschlicher Seins- und Daseinsformen in ihrer Unabgeschlossenheit“. Die Queer-Theorie in ihrer plural-queeren Ausrichtung wendet sich gegen eindeutige Kategorisierungen und Identitätspolitiken und wählt stattdessen ein Modell der Pluralität. Dadurch sollen sich alle Menschen demnach so „definieren können, wie sie und so sie es wollen“. Gruppen-Identitäten werden in Frage gestellt, stattdessen lässt das plurale Modell „fließende Übergänge und Uneindeutigkeiten“ bestehen. Perko (2005) gibt zu, dass die plural-queere Ausrichtung in der Praxis am schwierigsten umzusetzen ist.
Die Bezeichnung queer enthält ein politisches Potential, da queer die eigene Offenheit betont und Identitäten nicht scharf voneinander abgrenzt, sondern sie auflöst.Queer-Lexikon: Was bedeutet „queer“? In: Der Tagesspiegel. 28. Juli 2017, abgerufen am 8. Februar 2021. Allerdings bleibt die Bezeichnung queer bis heute kontrovers. Nicht alle Lesben und Schwule wollen sich selbst als queer bezeichnen. Jan Feddersen befindet, das Wort queer stehe für ein „Mittelschichtskonzept zur Abschaffung der Wahrnehmung von Sexuellem zugunsten fadenscheiniger Identitätskonzepte“. In: Jens Spahn hat recht: Schwul zu sein – ist nicht queer. Abgerufen am 24. Juli 2026. Auch Intersexuelle äußern teilweise Vorbehalte gegenüber einer Einordnung in den Oberbegriff queer, da sie ungeachtet einer solchen Zuordnung eine Anerkennung ihrer Existenz einfordern. Die Abgrenzungsfrage, wer sich durch die Bezeichnung queer angesprochen fühlen darf, wird weiterhin intensiv diskutiert.Czollek u. a. 2009, S. 35. Manche Personen bevorzugen die als eindeutiger empfundenen Selbstbezeichnungen wie schwul, lesbisch, bisexuell oder transgeschlechtlich, da sie befürchten, dass ihre Gruppe durch die Extension von queer an Sichtbarkeit verliert. Andere stimmen mit der politischen Konnotation der Bezeichnung queer nicht überein. Andere wiederum erhoffen sich durch die Verwendung des Terminus queer erhöhte Chancen auf Subventionierung, da er den Institutionen bislang noch weniger bekannt ist und daher als weniger anstößig als die Begriffe schwul oder lesbisch wahrgenommen wird. Weitere erhoffen sich von queer ein Aufbrechen der herkömmlichen Eingrenzungen der möglichen Lebensweisen, wie sie von den Begriffen schwul oder lesbisch gezogen werden, so dass das, was schwul oder lesbisch sein kann, als vielfältiger gedacht werden kann.
Politik und Theorie
Theoretisch ist die Queerbewegung eng mit den geisteswissenschaftlichen Denkrichtungen des Poststrukturalismus und des Postmodernismus, der Diskursanalyse und der Gender-Theorie verbunden. Eine besondere Rolle spielen für die queere Bewegung die Werke des französischen Philosophen Michel Foucault und der US-amerikanischen Gender-Theoretikerin Judith Butler. Weitere Vordenker sind Eve Kosofsky Sedgwick und Michael Warner.