Deinotherium, auch Dinotherium oder „Hauerelefant“ genannt, ist eine ausgestorbene Gattung der Rüsseltiere (Proboscidea), zu denen auch die heute lebenden Elefanten zählen. Es lebte vom Beginn des Miozän bis zum frühen Pleistozän vor 22 bis 1 Million Jahren in einem Großteil der Alten Welt und war ein sehr erfolgreicher früher Vertreter der Rüsseltiere. Vor allem spätere Formen gehörten zu den größten landlebenden Säugetieren ihrer Zeit. Charakteristisch für Deinotherium waren die nach unten gerichteten Stoßzähne des Unterkiefers und ein Aufbau des hinteren Gebisses, der es markant von späteren Rüsseltierformen abtrennt und die Gattung zu den urtümlichen Rüsseltierformen verweist. Aufgrund des Aufbaus der Backenzähne wird eine vorwiegende Ernährung von weichen Pflanzen angenommen. Anatomischen Befunden zufolge besaß auch Deinotherium einen Rüssel, dessen Länge und Aussehen bis heute Gegenstand der Diskussion sind. Ebenfalls ungeklärt ist die systematische Zuordnung von kleinen Vertretern, die teilweise als Prodeinotherium bezeichnet werden.
Merkmale mini|hochkant|Schädel von Deinotherium mini|links|Deinotherium (künstlerische Darstellung) Deinotherium stellte ein mittelgroßes bis sehr großes Rüsseltier dar. Während frühe Formen, die teilweise der nicht allgemein anerkannten Gattung Prodeinotherium zugewiesen werden, noch einen relativ kleinen Wuchs aufwiesen und Schulterhöhen zwischen 2 und 2,5 m erreichten, gehörten späte Vertreter der Gattung Deinotherium mit 3,6 bis teilweise über 4 m Schulterhöhe zu den größten Landsäugetieren ihrer Zeit. Dies zeigt sich auch beim Gewicht, das bei den größten Vertretern gut 14 t betrug. Insgesamt zeichnete sich dieses Rüsseltier durch einen elefantenähnlichen Skelettbau mit säulenförmigen, aber recht schlanken Gliedmaßen aus, wobei die Vorderbeine länger als die Hinterbeine waren. Sowohl die Hand- als auch die Fußknochen zeigten eine elefantenähnlich kurze und breite Form. Weiterhin war die Länge der Halswirbel noch nicht so stark reduziert, so dass Deinotherium einen im Gegensatz zu heutigen Elefanten längeren Hals aufwiesen.
Der Schädel war sehr langgestreckt und erreichte bei kleineren Arten eine Länge von 80 bis 90 cm und 120 bis 130 cm bei den großen Vertretern. Sehr ursprünglich war dabei die flache Stirn, die noch stark an die älteren Rüsseltierformen erinnerte und bei späteren Proboscidiern deutlich höher war. Dafür wiesen die Schädelknochen die für Rüsseltiere typischen luftgefüllten Räume zur Reduzierung des Gewichtes des Kopfes auf, was einen der frühesten Belege innerhalb dieser Ordnung darstellt. Bemerkenswert ist auch das weit hervorstehende Zwischenkieferbein. Der Unterkiefer war sehr massiv und langgestreckt. Er wies eine typisch nach unten gezogene Symphyse auf, an der sich auch die Alveolen für die Stoßzähne befanden.
Charakteristisch war weiterhin der Gebissaufbau, der sich allgemein durch eine Reduktion der Zahnanzahl, vor allem der Schneidezähne, dem Eckzahn und der Prämolaren je Kieferast, auszeichnete. Die Zahnformel für das Dauergebiss lautet demzufolge: . Die einzelnen Backenzähne waren deutlich niederkronig (brachyodont) und bestanden aus mehreren scharfkantigen Leisten oder Jochen (lophodont). Diese spitzen Joche griffen beim Kauen in das „Quertal“ des gegenüberliegenden Zahnes und zerquetschten so die Nahrung. Dabei wies der erste Molar drei Leisten (trilophodont) auf, während die restlichen Zähne nur zwei besaßen (bilophodont). Der Zahnschmelz war mit teils über 5 mm besonders dick ausgebildet. Alle Zähne des Dauergebisses befanden sich zur gleichen Zeit in Funktion, das heißt Deinotherium wies noch den für die übrigen Säugetiere typischen vertikalen Zahnwechsel auf. Das unterscheidet es deutlich von den späteren Rüsseltieren und den heutigen Elefanten, die einen horizontalen Zahnwechsel besitzen, bei dem sich ein neuer Zahn erst aus der hinteren Kieferpartie herausschiebt, wenn der vordere weitgehend abgenutzt ist.
Eines der markantesten Merkmale dieses Rüsseltiervertreters waren die sich im Unterkiefer befindenden Stoßzähne, die eine abwärts gebogene Form aufwiesen, wobei die Spitzen dieser Zähne teilweise fast vertikal verliefen. Bei den größeren Arten von Deinotherium war die Krümmung aber auch deutlicher ausgeprägt und die Spitzen zeigten nach hinten. Von dieser Form der Stoßzähne leitet sich deshalb der deutsche Begriff „Hauerelefant“ ab. Die Stoßzähne wurden dabei aus dem jeweils ersten Schneidezahn gebildet. Sie erreichten eine Länge von 140 cm, wovon ein Teil aber noch in den Alveolen steckte, und waren seitlich leicht gestaucht, so dass sie einen ovalen Querschnitt hatten. Die Größe des Querschnitts variierte dadurch und lag bei großen Tieren bei 13 beziehungsweise 17 cm. Das Gewicht der einzelnen Stoßzähne betrug schätzungsweise 22 bis 24 kg. Die oberen Stoßzähne, die sowohl bei den heutigen Elefanten als auch bei zahlreichen fossilen Rüsseltierformen (Mammutiden, Gomphotherien) besonders ausgeprägt waren und sind, fehlten.
Fossilüberlieferung mini|links|Deinotherium giganteum im Naturhistorischen Museum Antipa Bukarest (Rumänien) mini|hochkant|Skelettrekonstruktion von Deinotherium im Naturhistorischen Museum Wien Fossilfunde von Deinotherium sind aus weiten Teilen der Alten Welt verstreut überliefert. Sehr häufig sind sie dabei im südöstlichen Europa zu verzeichnen, wo wenigstens 80 Fundstellen mit Resten von Deinotherium bekannt sind, davon rund 40 allein in Bulgarien. Drei Viertel aller dieser Fossillagerstätten enthielten dabei Reste von großen Vertretern. Von herausragender Bedeutung ist ein nahezu vollständiges Skelett eines sehr großen Deinotherium, welches in Eserowo nahe Plovdiv gefunden wurde und heute im Naturwissenschaftlichen Museum in Sofia ausgestellt ist. Ein relativ später Fund stammt hier aus Aksakovo nahe Varna. Ein weiteres, weitgehend vollständig erhaltenes Skelett von Deinotherium wurde in Rumänien im Jahr 1894 vom Paläontologen Grigoriu Ștefănescu in der Nähe des Ortes Mânzați im Landkreis Vaslui entdeckt und von ihm als Deinotherium gigantissimum beschrieben, ein heute ungültiger Artname. Diese Skelett befindet sich heute mit einer rekonstruierten Größe von 4,5 m im naturhistorischen Museum Grigore Antipa in Bukarest. In Griechenland sind diese Rüsseltiere noch an fast einem Dutzend Fundstellen dokumentiert, wobei auch hier solche mit Deinotherium überwiegen. Ein bei Siteia auf Kreta ausgegrabenes, nahezu vollständiges Skelett war mit einer Schulterhöhe von 4,3 m einer der größten Vertreter der Gattung Deinotherium und ist heute Teil der Ausstellung im Naturhistorischen Museum Kreta in Iraklion. In der nördlichen Schwarzmeerregion ist ein weitgehend vollständiges Skelett eines ebenfalls sehr großen Deinotherium Anfang der 1980er Jahre in Obuhovka nahe Rostov am Don (Russland) entdeckt worden. Weitere bedeutende Funde stammen aus Ungarn, Portugal, Spanien, Frankreich und Georgien.
Auch in Mitteleuropa gibt es zahlreiche Funde von Deinotherium. In Deutschland sind Reste überwiegend aus den südlichen Landesteilen bekannt und stammen entweder aus den Dinotheriensanden des Mainzer Beckens in Rheinhessen oder aus der Oberen Süßwassermolasse des Alpenvorlandes. Bisher wurden sie an mehr als 30 Fundstellen dokumentiert. Vor allem das Mainzer Becken barg eine große Anzahl an Funden. So wurden hier allein mehr als 750 Zahnfunde geborgen, was etwa 16 % des bisher weltweit bekannten Fundmaterials umfasst. Die Funde streuen aber über einen Zeitraum zwischen 17 und 6 Millionen Jahren, was den Großteil des Miozäns einnimmt. Eine der bedeutendsten Fundstellen hier ist die Sandgrube von Eppelsheim (Rheinland-Pfalz), wo sowohl große wie auch kleinere Vertreter nachgewiesen sind. Der hier 1835 entdeckte vollständige Deinotherium-Schädel hatte maßgeblichen Einfluss auf das Verständnis über diese Rüsseltiere. Ein weiterer bedeutender Platz ist Sprendlingen, ebenfalls Rheinland-Pfalz, von wo allein 109 nahezu unverwitterte Zähne stammen. Aus dem Molassebecken wiederum sind vereinzelt auch zusammengehörige Skelettelemente und Skelette entdeckt worden. Ein sehr umfassendes Skelett, das der kleinen Form Deinotherium bavaricum angehört, stammt aus Langenau bei Ulm (Baden-Württemberg) und ist heute im Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart ausgestellt. Die gleiche Art repräsentiert das Skelett von Unterzolling (Bayern). Auch in Österreich ist Deinotherium recht häufig belegt. Ein Teilskelett einer mittelgroßen Form, wohl Deinotheriumm levius, ist aus Gratkorn (Steiermark) bekannt. Das nicht ganz ausgewachsene, aber wohl geschlechtsreife Tier wog zu Lebzeiten etwa 6 t. Skelettreste mit einem gut erhaltenen Unterkiefer stammen weiterhin aus Kettlasbrunn bei Wilfersdorf (Niederösterreich). Aus der Umgebung des tschechischen Františkovy Lázně ist darüber hinaus ein gut erhaltenes Skelett des kleineren Deinotherium bavaricum überliefert.
Darüber hinaus ist Deinotherium auch aus der Türkei, der Arabischen Halbinsel und dem Indischen Subkontinent bekannt. Für letztere Region sind die Bugti-Berge im südwestlichen Pakistan von Bedeutung, die die kleinere Form Deinotherium pentapotamae aus dem Unteren Miozän erbrachte. Diese ist dann bis zu 400 km weiter östlich bis nach Dharmsala am Fuß des Himalaya im nördlichen Indien belegt, von wo aber lediglich isolierte Zähne berichtet wurden. Deinotherium indicum als ein großer Angehöriger ist von mehreren obermiozänen Fundstellen des nördlichen Indiens bekannt. Hierzu zählen das Gebiet um den Golf von Khambhat und die Siwaliks bei Haritalyangar im Bundesstaat Himachal Pradesh ebenso wie Tapar im Bundesstaat Gujarat. Die bisher östlichsten Fundpunkte liegen in Ostasien. Ein Unterkiefer aus der obermiozänen Liushu-Formation des Linxia-Beckens in der nordchinesischen Provinz Gansu wurde der mittelgroßen Form Deinotherium sinense zugewiesen. In Afrika konzentrieren sich die Funde weitgehend in den östlichen (Kenia, Tansania, Uganda, Äthiopien) und nördlichen (Tunesien, Libyen) Kontinentalbereichen. Die Funde umfassen in der Regel aber weitgehend Zähne, Schädel sind selten und stammen unter anderem aus Djebel Zelten in Libyen für die kleinere Form Deinotherium hobleyi und aus Koobi Fora für das größere Deinotherium bozasi. Afrika erbrachte die bisher ältesten Hinweise auf die Gattung, welche mit einigen Zähnen aus den Eragaleit beds bei Losodok in Kenia sowie von verschiedenen Fundstellen in Eritrea dokumentiert sind und deren Alter jeweils bei 28 bis 24 Millionen Jahren liegt, was dem Oberen Oligozän entspricht. In ihrem Aufbau weisen die Zähne Übereinstimmungen mit dem kleineren Deinotherium hobleyi auf. Ebenso wurden die bisher jüngsten Funde von Deinotherium auf dem Kontinent entdeckt. Sie kamen im östlichen Teil zum Vorschein und datieren in das Altpleistozän, zu nennen wären etwa die unteren Ablagerungseinheiten der Olduvai-Schlucht in Tansania, Uraha in Malawi und Kanjera in Kenia.
Paläobiologie